Bibelblogger

"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

Wenn Gott nicht heilt!

Beckblogger (8)

Wenn Gott nicht heilt: Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Schweigen des Himmels

Liebe Leserin­nen und Leser, es gibt Fra­gen im Leben eines Chris­ten, die so schmerzhaft sind, dass wir sie oft lieber ver­mei­den, als ihnen wirk­lich ins Gesicht zu sehen. Eine dieser Fra­gen lautet: Was tun wir, wenn Gott nicht heilt? Was sagen wir zu der Mut­ter, die seit Jahren für die Heilung ihres kranken Kindes betet, deren Gebete aber uner­hört zu bleiben scheinen? Wie trösten wir den treuen Gläu­bi­gen, der im Glauben um Heilung gefle­ht hat, dessen Krankheit aber fortschre­it­et? Wie gehen wir damit um, wenn unsere the­ol­o­gis­chen Überzeu­gun­gen auf die harte Real­ität des Lei­dens tre­f­fen und wir fest­stellen müssen, dass Gott nicht immer so han­delt, wie wir es erwarten oder erhof­fen?

Diese Fra­gen sind nicht neu. Sie haben Gläu­bige durch alle Jahrhun­derte hin­durch begleit­et und wer­den es auch weit­er­hin tun. Doch in unser­er heuti­gen Zeit, in der ein Wohl­stand­se­van­geli­um und eine “Name it and claim it” The­olo­gie weit ver­bre­it­et sind, erscheint die Auseinan­der­set­zung mit diesem The­ma umso dringlich­er.

„Name it and claim it“ klingt nach mutigem Glauben, ist aber in Wahrheit eine sub­tile Ver­schiebung des Evan­geli­ums: Der Men­sch rückt ins Zen­trum, nicht mehr Gott. Worte wer­den zu Werkzeu­gen, mit denen man sich Gesund­heit, Erfolg oder Wohl­stand „her­beireden“ soll – als ließe sich der Him­mel durch die richtige Formel öff­nen. Doch bib­lis­ch­er Glaube funk­tion­iert anders. Er beugt sich nicht über ein geistlich­es Gesetz, son­dern unter den lebendi­gen Gott. Er ver­traut, auch wenn er nicht ver­ste­ht. Er bit­tet, ohne zu befehlen. Er hofft, ohne zu manip­ulieren. Die Bibel ken­nt die Kraft des Gebets, aber sie ken­nt keinen Glauben, der Gott verpflichtet. Wahre Nach­folge sagt nicht: „Ich spreche – und es geschieht“, son­dern: „Herr, dein Wille geschehe.“ Genau dort begin­nt die Frei­heit, die nicht von unseren Worten abhängt, son­dern von sein­er Gnade.

Zu viele Chris­ten wer­den mit ein­fachen Antworten abge­speist, die ihrem Leid nicht gerecht wer­den. Zu viele wer­den mit Schuldge­fühlen beladen, weil man ihnen sug­geriert, ihre man­gel­nde Heilung sei ein Zeichen fehlen­den Glaubens. Es ist Zeit für eine ehrliche, bib­lisch fundierte Betra­ch­tung dieser schwieri­gen Frage.

Begin­nen wir mit ein­er grundle­gen­den Wahrheit: Gott kann heilen, und er tut es auch. Die Bibel ist voll von Bericht­en über göt­tliche Heilun­gen. Im Alten Tes­ta­ment lesen wir in 2.Mose 15,26: “Ich bin der HERR, dein Arzt.” Der Psalmist bezeugt in Psalm 103,2–3: “Lobe den HERRN, meine Seele, und ver­giss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen.” Das Neue Tes­ta­ment berichtet uns von zahllosen Heilun­gen durch Jesus. Er heilte Blinde, Lahme, Aussätzige und Besessene. Er erweck­te sog­ar Tote zum Leben. Die Apos­tel set­zten diesen Dienst fort, und auch heute erleben wir Berichte von Heilun­gen, die medi­zinisch nicht erk­lär­bar sind. Gott ist allmächtig, und es liegt in sein­er Macht, jede Krankheit zu heilen. Daran beste­ht kein Zweifel.

Doch die eben­so unbe­stre­it­bare Wahrheit ist, dass Gott nicht immer heilt. Diese Aus­sage mag für manche schock­ierend klin­gen, beson­ders für diejeni­gen, die in Gemein­den groß gewor­den sind, in denen gelehrt wird, dass Heilung immer Gottes Wille ist und dass man­gel­nde Heilung immer auf man­gel­nden Glauben zurück­zuführen sei. Doch wenn wir ehrlich sind und sowohl die Schrift als auch unsere Erfahrung betra­cht­en, müssen wir anerken­nen, dass viele treue, glaubensstarke Chris­ten mit Krankheit und kör­per­lichen Ein­schränkun­gen leben und schließlich daran ster­ben. Der Apos­tel Paulus selb­st, ein­er der größten Glauben­shelden der Kirchengeschichte, litt an einem kör­per­lichen Lei­den, das er seinen “Pfahl im Fleisch” nan­nte. Dreimal bat er den Her­rn inständig, dieses Lei­den von ihm zu nehmen, doch Gottes Antwort war nicht Heilung, son­dern: “Lass dir an mein­er Gnade genü­gen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9).

Diese Pas­sage ist von unschätzbarem Wert für unser Ver­ständ­nis von Krankheit und Heilung. Sie zeigt uns, dass selb­st ein Mann von Paulus’ geistlich­er Reife und Glaubensstärke nicht immer die gewün­schte Heilung erhielt. Sie lehrt uns auch, dass Gott manch­mal ein höheres Ziel ver­fol­gt als unsere unmit­tel­bare kör­per­liche Gesund­heit. Paulus lernte durch sein Lei­den eine tief­ere Abhängigkeit von Gottes Gnade und erfuhr Gottes Kraft ger­ade in sein­er Schwach­heit. Dies wider­spricht fun­da­men­tal der Vorstel­lung, dass Gott immer heilen will und dass aus­bleibende Heilung ein Zeichen von Sünde oder man­gel­n­dem Glauben ist.

Wir sehen auch im Leben ander­er bib­lis­ch­er Per­so­n­en, dass Krankheit und Lei­den zum Leben eines Gläu­bi­gen gehören kön­nen. Tim­o­theus, der treue Mitar­beit­er des Paulus, hat­te offen­bar anhal­tende Magen­prob­leme, weshalb Paulus ihm riet, ein wenig Wein zu trinken (1. Tim­o­theus 5,23). Trophimus, ein weit­er­er Mitar­beit­er, musste Paulus in Milet zurück­lassen, weil er krank war (2. Tim­o­theus 4,20). Epa­phrodi­tus war so schw­er krank, dass er dem Tod nahe war, und obwohl er schließlich wieder zu Kräften kam, geschah dies offen­bar nicht durch eine sofor­tige, wun­der­same Heilung, son­dern durch Gottes Erbar­men über einen län­geren Prozess (Philip­per 2,25–27). Diese Beispiele zeigen uns, dass selb­st in der apos­tolis­chen Zeit, ein­er Zeit beson­der­er göt­tlich­er Zeichen und Wun­der, Krankheit eine Real­ität im Leben treuer Chris­ten war.

Die Frage, die sich uns stellt, ist also nicht, ob Gott heilen kann, son­dern warum er manch­mal nicht heilt, selb­st wenn wir im Glauben darum bit­ten. Diese Frage führt uns in eines der tief­sten Geheimnisse des christlichen Glaubens: die Sou­veränität Gottes. Gott ist der allmächtige Schöpfer des Uni­ver­sums, und er ste­ht nicht unter der Verpflich­tung, unsere Gebete so zu beant­worten, wie wir es uns wün­schen. Jesa­ja 55,8–9 erin­nert uns daran: “Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, son­dern so viel der Him­mel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.” Gott sieht das große Bild, das wir nicht sehen kön­nen. Er wirkt in Dimen­sio­nen der Ewigkeit, während wir auf die Gegen­wart fix­iert sind.

Diese Wahrheit ist gle­ichzeit­ig tröstlich und her­aus­fordernd. Tröstlich, weil sie uns ver­sichert, dass selb­st wenn wir Gottes Han­deln nicht ver­ste­hen, er einen Plan hat, der gut ist. Her­aus­fordernd, weil sie von uns ver­langt, Gott zu ver­trauen, auch wenn wir seine Wege nicht nachvol­lziehen kön­nen. Hiob, der möglicher­weise mehr als jed­er andere bib­lis­che Charak­ter unter unerk­lär­lichem Leid gelit­ten hat, kam schließlich zu dieser Erken­nt­nis. Nach­dem er all seine Kinder, seinen Besitz und seine Gesund­heit ver­loren hat­te und verzweifelt nach Antworten suchte, begeg­nete ihm Gott nicht mit Erk­lärun­gen, son­dern mit ein­er Demon­stra­tion sein­er Majestät und Weisheit. Hiobs Antwort zeigt wahre geistliche Reife: “Ich erkenne, dass du alles ver­magst, und nichts, das du dir vorgenom­men, ist dir zu schw­er. Darum habe ich ohne Ein­sicht gere­det, was mir zu hoch ist und ich nicht ver­ste­he” (Hiob 42,2–3).

Ein weit­er­er wichtiger Aspekt, den wir berück­sichti­gen müssen, ist die Tat­sache, dass wir in ein­er gefal­l­enen Welt leben. Seit dem Sün­den­fall in Eden ist die gesamte Schöp­fung dem Ver­fall und dem Lei­den unter­wor­fen. Paulus beschreibt dies in Römer 8,20–22: “Denn alles Geschaf­fene ist der Vergänglichkeit aus­geliefert – unfrei­willig. Gott hat es so ver­fügt. Es gibt allerd­ings Hoff­nung: Auch die Schöp­fung wird ein­mal von dieser Ver­sklavung an die Vergänglichkeit zur Her­rlichkeit der Kinder Gottes befre­it wer­den. Denn wir wis­sen, dass die gesamte Schöp­fung bis heute unter ihrem Zus­tand seufzt, als würde sie in Geburtswe­hen liegen.”

Krankheit, Schmerz und Tod sind Teil dieser gefal­l­enen Welt. Sie sind nicht Gottes ursprünglich­es Design, son­dern Kon­se­quen­zen der Sünde, die in die Welt gekom­men ist.

Das bedeutet, dass wir bis zur endgülti­gen Erlö­sung, wenn Chris­tus wiederkommt und alle Dinge neu macht, mit den Auswirkun­gen des Sün­den­falls leben müssen. In Offen­barung 21,4 wird uns die her­rliche Zukun­ft ver­heißen: “Und Gott wird abwis­chen alle Trä­nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist ver­gan­gen.” Doch diese Ver­heißung liegt noch in der Zukun­ft. Bis dahin leben wir in der Span­nung zwis­chen dem “Schon” und dem “Noch nicht” des Reich­es Gottes. Chris­tus hat durch seinen Tod und seine Aufer­ste­hung die Sünde und den Tod grund­sät­zlich besiegt, aber die voll­ständi­ge Man­i­fes­ta­tion dieses Sieges ste­ht noch aus.

Dies hil­ft uns zu ver­ste­hen, warum Heilung in diesem Leben nicht garantiert ist, während ewige Erlö­sung es ist.

Durch den Glauben an Jesus Chris­tus haben wir die Gewis­sheit des ewigen Lebens, aber die völ­lige Befreiung von allen kör­per­lichen Lei­den kommt erst mit der Aufer­ste­hung unser­er Leiber.

In diesem Licht betra­chtet ist selb­st die wun­der­barste kör­per­liche Heilung in diesem Leben nur vorüberge­hend, denn jed­er geheilte Leib wird let­z­tendlich ster­ben. Die ulti­ma­tive Heilung, auf die wir hof­fen, ist die Aufer­ste­hung zu ewigem Leben in einem ver­her­rlicht­en Kör­p­er, der nicht mehr der Krankheit und dem Tod unter­wor­fen ist.

Nun müssen wir uns auch mit der schwieri­gen Frage auseinan­der­set­zen, die viele Lei­dende quält: Liegt es an meinem Glauben? Habe ich nicht genug geglaubt, nicht richtig gebetet, nicht genug Sün­den bekan­nt? Diese Fra­gen kön­nen zu ein­er enor­men zusät­zlichen Last wer­den, die zum ohne­hin schon vorhan­de­nen kör­per­lichen Lei­den hinzukommt. Es ist wahr, dass Jesus manch­mal den Glauben als Bedin­gung oder Kon­text für Heilung erwäh­nte. Zu dem Mann mit dem aussätzi­gen Sohn sagte er: “Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt” (Markus 9,23). Zur blut­flüs­si­gen Frau sagte er: “Meine Tochter“, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du bist gesund!” (Markus 5,34). Doch es wäre ein fataler Fehler, daraus eine math­e­ma­tis­che Formel zu machen: Genug Glaube plus richtiges Gebet gle­ich garantierte Heilung.

Erstens ignori­ert diese Formel die bib­lis­chen Beispiele von glaubensstarken Men­schen, die nicht geheilt wur­den, wie wir bere­its gese­hen haben. Zweit­ens macht sie Gott zu ein­er Art Automat, der auf unseren Glauben mech­a­nisch reagieren muss, anstatt ihn als den sou­verä­nen Her­rn anzuerken­nen, der er ist. Drit­tens führt sie zu einem quälen­den Kreis­lauf von Selb­stzweifeln und Schuldge­fühlen bei den­jeni­gen, die nicht geheilt wer­den. Sie müssen sich dann nicht nur mit ihrer Krankheit auseinan­der­set­zen, son­dern auch mit dem Gefühl, spir­ituell ver­sagt zu haben. Dies ist eine grausame und unbib­lis­che Last, die Men­schen aufer­legt wird.

Jesus selb­st gibt uns ein anderes Ver­ständ­nis von Glauben. Im Garten Geth­se­mane, kurz vor sein­er Kreuzi­gung, betete er: “Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, son­dern wie du willst” (Matthäus 26,39). Jesus, der Sohn Gottes, der abso­lut sünd­los und im per­fek­ten Glauben lebte, betete um eine Alter­na­tive zum bevorste­hen­den Lei­den, unter­warf sich aber let­ztlich dem Willen des Vaters. Sein Gebet wurde nicht in der Weise erhört, wie er es sich zunächst wün­schte. Er musste den Weg des Lei­dens gehen. Doch durch dieses schein­bar uner­hörte Gebet wurde die Erlö­sung der ganzen Men­schheit bewirkt.

Dies zeigt uns, dass wahrer Glaube nicht darin beste­ht, von Gott zu fordern, was wir wollen, son­dern darin, uns seinem Willen zu unter­w­er­fen, auch wenn dieser Wille Lei­den ein­schließt.

Es ist auch wichtig zu erken­nen, dass Gott manch­mal Lei­den zulässt oder sog­ar her­beiführt, um uns zu for­men und zu läutern. Dieser Gedanken scheint für viele Chris­ten fremd zu sein. In Hebräer 12,5–11 wird uns gesagt, dass Gott diejeni­gen züchtigt, die er liebt, und dass diese Züch­ti­gung, so schmerzhaft sie auch sein mag, zu unserem Besten dient. “Jede Züch­ti­gung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, son­dern Schmerz zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit” (Hebräer 12,11). Gott ist mehr an unserem Charak­ter inter­essiert als an unserem Kom­fort, mehr an unser­er Heiligkeit als an unser­er Gesund­heit. Manch­mal benutzt er Lei­den als Werkzeug, um uns Jesus ähn­lich­er zu machen, um unsere Abhängigkeit von ihm zu ver­tiefen oder um uns für einen beson­deren Dienst vorzu­bere­it­en.

Der große The­ologe C.S. Lewis schrieb ein­mal, dass Schmerz Gottes Mega­fon sei, um eine taube Welt aufzuweck­en. In unserem Lei­den wer­den wir aus unser­er Selb­st­ge­fäl­ligkeit geris­sen und gezwun­gen, uns den großen Fra­gen des Lebens zu stellen. Lei­den kann uns demüti­gen, uns lehren zu beten, unseren Glauben ver­tiefen und uns mit anderen Lei­den­den verbinden, denen wir dann trös­tend zur Seite ste­hen kön­nen. Paulus spricht davon in 2. Korinther 1,3–4: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Her­rn Jesus Chris­tus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unser­er Trüb­sal, damit wir auch trösten kön­nen, die in aller­lei Trüb­sal sind, mit dem Trost, mit dem wir sel­ber getröstet wer­den von Gott.”

Wenn wir über das The­ma sprechen, dass Gott nicht immer heilt, müssen wir auch die Frage nach dem Gebet stellen. Soll­ten wir über­haupt noch um Heilung beten, wenn Gott sie möglicher­weise nicht gewähren wird? Die Antwort ist ein klares Ja. Jakobus 5,13–16 ermutigt uns aus­drück­lich, im Krankheits­fall zu beten und die Ältesten der Gemeinde zu rufen, damit sie für den Kranken beten und ihn mit Öl sal­ben. “Das ver­trauensvolle Gebet wird den Kranken ret­ten. Der Herr wird ihn aufricht­en und ihm vergeben, wenn er Sün­den began­gen hat” (Jakobus 5,15). Wir sind aufgerufen zu beten, zu glauben und auf Gott zu hof­fen. Gle­ichzeit­ig müssen wir unsere Gebete mit der demüti­gen Anerken­nung verbinden, dass Gottes Wille höher ist als unser­er.

Das Gebet um Heilung ist ein Akt des Glaubens und der Abhängigkeit von Gott. Es drückt aus, dass wir an seine Macht glauben und dass wir ihn als unsere einzige wahre Hoff­nung betra­cht­en. Es bedeutet auch, dass wir die Sit­u­a­tion nicht ein­fach fatal­is­tisch akzep­tieren, son­dern sie im Ver­trauen vor Gott brin­gen. Doch unser Gebet sollte immer den Zusatz enthal­ten, den Jesus selb­st betete: “Doch nicht mein, son­dern dein Wille geschehe.” Diese Hal­tung bewahrt uns vor Ent­täuschung und Ver­bit­terung, wenn die Heilung aus­bleibt, denn wir haben bere­its im Voraus akzep­tiert, dass Gottes Wille über unserem ste­ht.

Ein weit­er­er wichtiger Punkt ist die Rolle der Gemein­schaft in Zeit­en, in denen Heilung aus­bleibt. Zu oft isolieren sich Men­schen in ihrem Lei­den, entwed­er weil sie sich schä­men, dass ihre Gebete nicht erhört wur­den, oder weil sie von ihrer Gemeinde mit gut gemein­ten, aber ver­let­zen­den Ratschlä­gen bom­bardiert wer­den. Die Gemeinde Jesu Christi sollte ein Ort sein, an dem Men­schen mit chro­nis­chen Krankheit­en und unerk­lär­lichem Lei­den willkom­men sind, ohne dass man ihnen die Schuld dafür gibt. Paulus lehrt in Römer 12,15: “Freut euch mit den Fröh­lichen und weint mit den Weinen­den.” Manch­mal beste­ht der größte Dienst, den wir einan­der erweisen kön­nen, nicht darin, Antworten zu geben oder Lösun­gen anzu­bi­eten, son­dern ein­fach da zu sein, zuzuhören und mitzu­tra­gen.

Die Geschichte von Hiobs Fre­un­den ist hier lehrre­ich, sowohl in ihrem pos­i­tiv­en als auch in ihrem neg­a­tiv­en Beispiel. Als Hiobs Fre­unde von seinem Unglück hörten, kamen sie zu ihm und “saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und rede­ten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war” (Hiob 2,13). Diese stille Gegen­wart war tröstlich und angemessen. Doch dann began­nen sie zu reden und Hiob die Schuld für sein Lei­den zu geben, was sein Leid nur noch ver­größerte. Am Ende musste Gott selb­st ein­greifen und Hiobs Fre­unde zurechtweisen. Die Lek­tion für uns ist klar:

In der Gegen­wart von Leid ist mit­füh­len­des Schweigen oft bess­er als the­ol­o­gis­che Erk­lärun­gen, die das Leid des anderen let­ztlich abw­erten oder ihm die Schuld dafür geben.

Wir müssen auch über die Hoff­nung sprechen, die wir haben, selb­st wenn irdis­che Heilung aus­bleibt. Das Chris­ten­tum ist eine Reli­gion der Hoff­nung, aber diese Hoff­nung ist nicht primär auf dieses Leben gerichtet, son­dern auf das kom­mende. Paulus schreibt in Römer 8,18: “Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Lei­den nicht ins Gewicht fall­en gegenüber der Her­rlichkeit, die an uns offen­bart wer­den soll.” Und in 2. Korinther 4,16–18 sagt er: “Deshalb ver­lieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äußer­lich aufgerieben wer­den, so wer­den wir doch inner­lich jeden Tag erneuert. Denn die kleine Last unser­er gegen­wär­ti­gen Not schafft uns ein uner­messlich­es ewiges Gewicht an Her­rlichkeit – uns, die nicht auf das Sicht­bare star­ren, son­dern nach dem Unsicht­baren Auss­chau hal­ten. Denn alles Sicht­bare verge­ht nach kurz­er Zeit, das Unsicht­bare aber ist ewig.”

Diese ewige Per­spek­tive verän­dert alles. Sie bedeutet nicht, dass unser gegen­wär­tiges Lei­den unwichtig oder nicht real ist. Sie bedeutet aber, dass es nicht das let­zte Wort ist. Die endgültige Heilung wird kom­men, wenn Chris­tus wiederkommt und die neue Schöp­fung anbricht. Dann wird es keinen Tod mehr geben, kein Leid, kein Geschrei und keinen Schmerz. Bis dahin leben wir in der Gewis­sheit, dass nichts uns von der Liebe Gottes tren­nen kann, wie Paulus tri­um­phierend in Römer 8,38–39 verkün­det: “Denn ich bin gewiss, dass wed­er Tod noch Leben, wed­er Engel noch Mächte noch Gewal­ten, wed­er Gegen­wär­tiges noch Zukün­ftiges, wed­er Hohes noch Tiefes noch irgen­deine andere Krea­tur uns schei­den kann von der Liebe Gottes, die in Chris­tus Jesus ist, unserm Her­rn.”

Abschließend möchte ich beto­nen, dass das The­ma “Wenn Gott nicht heilt” kein the­o­retis­ches Prob­lem ist, son­dern eine zutief­st per­sön­liche und oft schmerzhafte Real­ität für viele Men­schen. Es gibt keine ein­fachen Antworten, keine Formeln, die das Geheim­nis lösen wür­den. Was wir haben, ist die Zusicherung von Gottes Liebe, die Gewis­sheit sein­er Sou­veränität, die Hoff­nung auf ewige Erlö­sung und die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, die einan­der tra­gen. Wir dür­fen ehrlich sein mit unseren Fra­gen, Zweifeln und Kämpfen. Gott ist groß genug, um damit umzuge­hen. Gle­ichzeit­ig sind wir aufgerufen, im Glauben zu leben, auch wenn wir nicht ver­ste­hen, zu ver­trauen, auch wenn wir nicht sehen, und zu hof­fen, auch wenn die Umstände hoff­nungs­los erscheinen.

Wenn Gott nicht heilt, heißt das nicht, dass er nicht gut ist, nicht mächtig ist oder uns nicht liebt.

Es bedeutet, dass er einen Plan ver­fol­gt, der größer ist als unser gegen­wär­tiges Ver­ständ­nis, und dass seine Wege höher sind als unsere Wege.

Unsere Auf­gabe ist es nicht, alles zu ver­ste­hen, son­dern dem zu ver­trauen, der alles in seinen Hän­den hält. Und in diesem Ver­trauen find­en wir Frieden, nicht weil alle unsere Fra­gen beant­wortet sind, son­dern weil wir wis­sen, in wessen Hän­den wir sind.

Möge Gott uns allen die Gnade geben, in unserem Lei­den treu zu bleiben, in unser­er Hoff­nung stand­haft und in unser­er Liebe beständig, bis wir den Tag sehen, an dem er alle Trä­nen abwis­chen wird und alle Dinge neu macht.

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