Offenbarung 1,4–8
“Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asia: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Fürst der Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde. Ja, Amen. Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.”
Was Jesus aus den an ihn Glaubenden macht!
Vers 6: “Er hat uns zu Könige und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater.”
Johannes beschreibt hier nicht nur, was Christus für die Glaubenden getan hat, sondern was er aus ihnen gemacht hat. Die Erlösung bleibt nicht äußerlich, sie verwandelt den Menschen in seinem Wesen und in seiner Stellung vor Gott. Der Auferstandene teilt seine eigene Würde mit denen, die zu ihm gehören. Was er ist, strahlt in ihr neues Sein hinein. Darum kann Johannes sagen: „Er hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater.“ Dieser Satz ist nicht poetische Überhöhung, sondern geistliche Realität.
Die Königswürde der Glaubenden bedeutet nicht politische Macht oder irdische Herrschaft, sondern Teilhabe an der königlichen Freiheit und Autorität Christi. Wer zu Christus gehört, steht nicht mehr unter der Tyrannei der Sünde, nicht mehr unter der Knechtschaft der Angst, nicht mehr unter der Herrschaft der Mächte, die diese Welt bestimmen. Paulus erfasst diese Freiheit so: „Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.“ (Römer 6,14). Und Petrus nennt die Gemeinde „ein königliches Priestertum“ (1. Petrus 2,9): “Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht…”. Die Königswürde ist also eine geistliche Stellung: Die Glaubenden sind Erben des Reiches Gottes, Mitregenten des Messias, Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes über das Böse zu siegen lernen. Sie leben nicht mehr als Unterworfene, sondern als Freigelassene, die in Christus eine neue Identität empfangen haben.
Gleichzeitig macht Christus die Seinen zu Priestern. Das bedeutet Zugang zu Gott, Dienst vor Gott und Fürbitte für die Welt. Im Alten Bund war der Priester derjenige, der zwischen Gott und Menschen stand, der Opfer darbrachte, der segnete, der die Gegenwart Gottes repräsentierte. In Christus ist dieses Priestertum nicht abgeschafft, sondern zur Vollendung geführt und auf die ganze Gemeinde ausgeweitet. Der Hebräerbrief sagt: „So lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in der Fülle des Glaubens, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser“ (Hebräer 10,22).
Die Glaubenden brauchen keinen irdischen Mittler mehr, denn Christus hat sie selbst zu Menschen gemacht, die vor Gott stehen dürfen.
Ihr Leben wird zum Opfer des Dankes, ihr Gebet zum Wohlgeruch, ihr Dienst zum Ausdruck der Nähe Gottes in der Welt.
Diese doppelte Würde – königlich und priesterlich – ist nicht menschliche Leistung, sondern Geschenk. Johannes betont: „Er hat uns gemacht.“ Es ist Christus, der handelt. Er nimmt Menschen aus der Finsternis und stellt sie in das Licht. Er nimmt Schuldige und macht sie zu Dienern Gottes. Er nimmt Gebrochene und macht sie zu Trägern seiner Herrlichkeit. Die Gemeinde lebt aus dieser Identität, nicht aus eigener Kraft. Sie ist königlich, weil Christus König ist. Sie ist priesterlich, weil Christus der Hohepriester ist. Und sie steht vor Gott, weil Christus sie dorthin gestellt hat.
Für die bedrängten Gemeinden Kleinasiens war diese Wahrheit Trost und Auftrag zugleich. Trost, weil ihre äußere Schwachheit nicht ihre wahre Stellung bestimmte. Auftrag, weil königliche Menschen königlich leben und priesterliche Menschen priesterlich dienen sollen. Auch heute bleibt diese Würde der Glaubenden ein Ruf zur Heiligkeit, zur Freiheit und zur Fürbitte. Christus hat uns nicht nur erlöst, sondern erhöht. Nicht nur befreit, sondern berufen. Nicht nur geliebt, sondern in sein eigenes Amt hineingenommen, indem wir seine Zeugen sein dürfen und er uns sein Wort in den Mund legt. Allen Glaubenden gilt Jesu Auftrag und Bevollmächtigung: “Ihr sollt meine Zeugen sein” (Apostelgeschichte 1,8).
Die Anbetung: Vers 6: “dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.”
Mit dem Ausruf „dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ erreicht die Doxologie des Johannes ihren Höhepunkt. Nachdem er beschrieben hat, was Christus getan hat und was er aus den Glaubenden gemacht hat, richtet er nun den Blick auf das, was Christus gebührt. Die Gemeinde antwortet auf das Heilshandeln Jesu nicht mit Selbstbewunderung, sondern mit Anbetung. Die Ehre gehört ihm, weil er der Liebende, der Erlösende, der Erhöhende ist. Die Gewalt gehört ihm, weil er der Erstgeborene von den Toten und der Fürst der Könige der Erde ist. Johannes verbindet hier die innere Schönheit Christi mit seiner äußeren Herrschaft: Der, der uns liebt, ist derselbe, der regiert.
„Ehre“ meint die Anerkennung seiner göttlichen Würde, die öffentliche, freudige, dankbare Proklamation dessen, wer er ist. Die Gemeinde bekennt: Nicht die Mächtigen dieser Welt, nicht die religiösen Systeme, nicht Ideologien, nicht die geistlichen Kräfte der Finsternis verdienen Ehre, sondern Christus allein. „Gewalt“ meint seine Herrschaft, seine Autorität, seine souveräne Macht über Geschichte, Völker und Zeiten. Johannes sieht die Welt nicht als ein Chaos, das sich selbst überlassen ist, sondern als eine Bühne, auf der Christus bereits König ist, auch wenn seine Herrschaft noch verborgen erscheint. Die Doxologie ist daher nicht nur Lobpreis, sondern auch Bekenntnis: Christus ist der Herr, und niemand sonst.
Dass diese Ehre und Gewalt „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ bestehen, zeigt die Unerschütterlichkeit seines Reiches. Seine Liebe vergeht nicht, seine Erlösung verliert nicht an Kraft, seine Herrschaft wird nicht abgelöst. Was er begonnen hat, wird er vollenden. Die Zeit kann seine Würde nicht mindern, die Geschichte kann seine Herrschaft nicht bedrohen. Die Gemeinde lebt aus dieser Gewissheit: Ihr Herr ist nicht ein vorübergehender Retter, sondern der Ewige, der Anfang und das Ziel aller Dinge.
Das abschließende „Amen“ ist nicht bloß liturgische Formel, sondern Zustimmung, Bekräftigung, Hingabe. Es bedeutet: So ist es. So soll es sein. So glauben wir. So leben wir. Die Gemeinde antwortet auf die Offenbarung Christi mit einem Wort, das zugleich Bekenntnis und Unterwerfung, Freude und Ernst, Trost und Auftrag ist. In diesem Amen schwingt die ganze Haltung der Offenbarung mit: Anbetung inmitten der Bedrängnis, Gewissheit inmitten der Unsicherheit, Hoffnung inmitten der Geschichte. So schließt Johannes diesen Vers mit einem Lobpreis, der die Gemeinde aufrichtet und ausrichtet. Wer weiß, wem Ehre und Gewalt gehören, der verliert nicht den Mut. Wer Christus so sieht, wie Johannes ihn hier zeichnet, der kann die kommenden Visionen der Offenbarung nicht mit Furcht, sondern mit Vertrauen lesen. Denn über allem steht der, dem Ehre und Gewalt gehören – jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Jesus tritt aus der Verhüllung hervor: Vers 7: “Siehe, er kommt mit den Wolken!”
Johannes richtet den Blick der Gemeinde nun auf das große Offenbarwerden Jesu Christi. Mit den Worten „Siehe, er kommt mit den Wolken“ greift er ein Bild auf, das tief im Alten Testament verwurzelt ist und in Daniel 7,13 seinen machtvollen Ursprung hat. Dort sieht der Prophet: “Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.” Dieses Bild ist kein poetisches Ornament, sondern eine theologische Verdichtung: Der, der kommt, ist der von Gott eingesetzte Weltherrscher, der Messias, der Richter und Retter zugleich.
Wenn Johannes dieses Danielwort auf Jesus anwendet, dann sagt er damit: Der Menschensohn aus der Vision Daniels ist identisch mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus. Der, der einst in Niedrigkeit kam, verborgen in der Gestalt eines Knechtes, wird nun in Herrlichkeit erscheinen. Die Wolken sind in der Schrift immer Zeichen der göttlichen Gegenwart. Sie begleiteten Israel in der Wüste, erfüllten die Stiftshütte und den Tempel, verhüllten und offenbarten zugleich die Nähe Gottes. Wenn Jesus „mit den Wolken“ kommt, dann tritt er aus der Verhüllung hervor, nicht mehr verborgen, nicht mehr missverstanden, nicht mehr verachtet, sondern sichtbar als der Herr der Welt.
Dieses Kommen ist nicht innerlich, nicht symbolisch, nicht metaphorisch. Johannes betont die Sichtbarkeit: „und es werden ihn sehen alle Augen“. Die Wiederkunft Christi ist ein öffentliches, weltweites, unwiderrufliches Ereignis. Niemand wird sich entziehen können, niemand wird es übersehen, niemand wird es relativieren. Der, der jetzt verborgen regiert, wird dann sichtbar herrschen. Der, der jetzt im Glauben erkannt wird, wird dann im Schauen offenbar.
Für die bedrängten Gemeinden ist diese Verheißung Trost und Erschütterung zugleich. Trost, weil ihr Herr nicht fern bleibt, sondern kommt, um alles zurechtzubringen. Erschütterung, weil dieses Kommen Gericht bedeutet für alle, die ihn verworfen haben. Johannes sagt: „und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde“. Das Wehklagen ist das Erkennen der Wahrheit, die man verdrängt hat, das Aufbrechen der Schuld, die man nicht bekennen wollte, das Erschrecken vor dem, den man durchbohrt hat. Doch für die Glaubenden ist dieses Kommen die Erfüllung ihrer Hoffnung, die Vollendung ihres Glaubens, die Offenbarung dessen, was sie im Herzen schon wissen: Der Herr kommt, und er kommt in Herrlichkeit.
So führt Johannes die Gemeinde aus der Gegenwart in die Zukunft, aus der Bedrängnis in die Erwartung, aus der Unsichtbarkeit Christi in seine sichtbare Erscheinung. Die Offenbarung ist von Anfang an ein Buch der Hoffnung, weil sie den Blick auf den richtet, der kommt. Und dieses Kommen ist gewiss, weil es im Alten Testament verheißen, im Evangelium bekräftigt und durch die Auferstehung Jesu garantiert ist. Darum beginnt Johannes diesen Vers mit einem einzigen Wort, das wie ein Weckruf klingt: „Siehe“ – öffnet die Augen, richtet den Blick, erwartet den Herrn.
Jetzt ist die Zeit des Hörens, dann die Zeit des Sehens: Vers 7: “Es werden ihn sehen alle Augen!”
Jetzt, in der gegenwärtigen Heilszeit, ist der Mensch noch nicht zum Schauen berufen, sondern zum Hören. Johannes stellt die zukünftige Sichtbarkeit Christi – „es werden ihn sehen alle Augen“ – der gegenwärtigen Unsichtbarkeit gegenüber. Die Offenbarung beginnt nicht mit dem Schauen, sondern mit dem Wort. Gott begegnet uns jetzt nicht in überwältigender Sichtbarkeit, sondern in der Stimme, die ruft, warnt, tröstet und zum Glauben einlädt. Darum ist die Gegenwart die Zeit des Hörens.
Die Schrift betont diese Wahrheit mit großer Eindringlichkeit. Psalm 95 ruft: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht“ (Psalm 95,7–8). Der Hebräerbrief nimmt diesen Ruf mehrfach auf und macht daraus eine Mahnung an die Gemeinde aller Zeiten: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ (Hebräer 3,7–8; vgl. auch Hebräer 3,15 und Hebräer 4,7). Dieses „Heute“ ist nicht ein einzelner Tag, sondern die ganze Zeitspanne zwischen Christi erstem und seinem zweiten Kommen. Es ist die Zeit, in der Gott spricht und der Mensch antworten soll. Es ist die Zeit, in der das Evangelium verkündigt wird und der Glaube geboren wird. Es ist die Zeit, in der die Gnade angeboten wird und die Herzen sich öffnen oder verhärten.
Jesus selbst hat dieses „Heute“ in Nazareth ausgelegt, als er sagte: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren“ (Lukas 4,21). Nicht vor ihren Augen, sondern vor ihren Ohren. Das Heil beginnt im Hören. Paulus fasst es prägnant zusammen: „Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi“ (Römer 10,17).
Darum trägt jeder wahre Christ und jede Kirche eine heilige Verantwortung: das Evangelium zu verkündigen, damit Menschen hören können.
Die Kirche lebt nicht aus Sichtbarkeit, Macht oder äußeren Zeichen, sondern aus dem Wort, das sie weitergibt. Ihre Aufgabe ist nicht, die Welt zu beeindrucken, sondern sie zu erreichen. Nicht, sich selbst zu zeigen, sondern Christus hörbar zu machen.
Dieses Hören eröffnet den Menschen die große Chance der Umkehr, der Erneuerung, der Rettung. Wer hört, kann glauben. Wer glaubt, wird leben. Wer das Wort annimmt, wird verwandelt. Noch ist die Tür offen, noch ruft die Stimme des guten Hirten, noch ist die Gnade wirksam. Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Doch die Zeit des Hörens ist begrenzt. Sie wird enden, wenn die Zeit des Sehens beginnt. Dann wird der Glaube in Schauen verwandelt, die Predigt verstummen, die Entscheidung offenbar werden. Dann wird Christus nicht mehr verborgen, sondern sichtbar erscheinen, und alle Augen werden ihn sehen.
Wer jetzt ihn hören, ihn gehören und ihm gehorchen will, für den ist einst die große Stunde des Sehens und Sehens-Müssens nicht Schrecken, sondern Segen und Freude. Jetzt ist der Mensch nicht gezwungen auf Jesus und sein Wort zu hören und in der entsprechenden Weise zu antworten, eben weil unser Herr in der Gestalt des Wortes kommt und man einem Wort gegenüber “ja” aber auch “nein” sagen kann. Dann aber müssen alle ihn sehen. Darum ist das „Heute“ so kostbar. Es ist die Zeit, in der Gott spricht und der Mensch antworten darf. Es ist die Zeit, in der die Kirche ruft, bittet, warnt und tröstet. Es ist die Zeit, in der das Evangelium seine Kraft entfaltet. Wer jetzt hört, wird dann mit Freude sehen. Wer jetzt das Wort annimmt, wird dann den Herrn erkennen. Wer jetzt im Glauben lebt, wird dann in der Herrlichkeit stehen.
Auch seine Feinde werden ihn sehen: Vers 7: “Alle, die ihn durchbohrt haben!”
Johannes vertieft die Aussage „alle Augen werden ihn sehen“ nun durch eine präzise und erschütternde Zuspitzung: „auch die, die ihn durchbohrt haben“. Damit greift er eine der zentralen alttestamentlichen Verheißungen auf, die in Sacharja 12,10 steht: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben.“ Diese Worte sind prophetisch, messianisch und zugleich tief persönlich. Sie zeigen, dass die Wiederkunft Christi nicht nur Offenbarung seiner Herrlichkeit ist, sondern auch Offenbarung der Wahrheit über den Menschen.
Zunächst meint „die ihn durchbohrt haben“ ganz konkret jene, die an seiner Kreuzigung beteiligt waren – die römischen Soldaten, die jüdischen Führer, die Menge, die „Kreuzige ihn“ rief und auch Kaiphas und Pilatus. Doch Johannes denkt weiter. Das Durchbohren ist nicht nur eine historische Tat, sondern eine geistliche.
Jeder Mensch, der sich gegen Christus stellt, der ihn verwirft, ignoriert oder bekämpft, ist Teil dieser durchbohrenden Menschheit.
Darum sagt Petrus zu Pfingsten zu den Juden in Jerusalem: „Diesen Jesus … habt ihr ans Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apostelgeschichte 2,23). Und doch gilt das Gleiche für die ganze Welt, denn unsere Sünden haben ihn ans Kreuz gebracht. Jesaja sagt: „Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden.“ (Jesaja 53,5).
Wenn Christus wiederkommt, wird diese Wahrheit sichtbar. Die Feinde Christi werden ihn sehen – nicht als ohnmächtigen Gekreuzigten, sondern als den erhöhten Herrn. Das Sehen wird für sie kein Trost, sondern ein Erschrecken sein. Johannes schreibt: „und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde“. Dieses Wehklagen ist das Erkennen der eigenen Schuld, das Aufbrechen der Wahrheit, die man verdrängt hat, das Erschüttertwerden durch die Gegenwart dessen, den man verworfen hat. Jesus selbst hat dieses Wehklagen angekündigt: „Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Stämme der Erde und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ (Matthäus 24,30).
Doch dieses Wehklagen ist nicht nur Ausdruck des Gerichts, sondern zugleich ein letztes Echo der Gnade. Sacharja 12,10 verbindet das Sehen des Durchbohrten mit einem „Geist der Gnade und des Gebets“: “Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um das einzige Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen.” Selbst im Gericht bleibt Christus der, der zur Umkehr ruft. Selbst im Offenbarwerden seiner Herrlichkeit bleibt er der Gekreuzigte, der die Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit führen will. Für die Glaubenden ist dieses Sehen die Erfüllung ihrer Hoffnung; für die Feinde Christi ist es die Offenbarung der Wahrheit, die sie bekämpft haben.
So zeigt Johannes: Die Wiederkunft Christi ist universell, unwiderruflich und gerecht. Niemand wird sich ihr entziehen. Niemand wird sie relativieren. Niemand wird sie übersehen. Der, den die Welt durchbohrt hat, wird als Herr erscheinen. Und alle werden ihn sehen – die, die ihn lieben, und die, die ihn verworfen haben. Für die einen ist es der Beginn der ewigen Freude, für die anderen der Moment der erschütternden Wahrheit. Doch über allem steht die Gewissheit:
Der Gekreuzigte ist der Kommende. Der Verworfene ist der Herr. Der Durchbohrte ist der Richter und Retter der Welt.
Sie Ewigkeit Gottes: Vers 8:
“Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.”
Mit Vers 8 tritt nun Gott selbst in den Raum der Offenbarung und bestätigt mit eigener Stimme alles, was zuvor über Christus gesagt wurde. Die Worte „Ich bin das A und das O“ sind nicht bloß poetische Bilder, sondern eine Selbstoffenbarung des ewigen Gottes. Alpha und Omega sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Gott bezeichnet sich damit als Ursprung und Ziel, Anfang und Vollendung, derjenige, von dem alles ausgeht und auf den alles zuläuft. Nichts existiert außerhalb seines Rahmens, nichts entgleitet seiner Hand, nichts widersetzt sich seinem letzten Willen. Diese Selbstbezeichnung findet sich mehrfach in der Offenbarung und bildet eine Art göttliche Signatur über dem ganzen Buch (Offenbarung 21,6; 22,13).
Wenn Gott weiter sagt: „der da ist und der da war und der da kommt“, dann greift er die Formulierung aus Vers 4 auf und bestätigt sie nun selbst. Diese dreifache Zeitform ist mehr als eine Beschreibung; sie ist eine Offenbarung seines Wesens. Gott ist nicht ein Teil der Geschichte, sondern der Herr der Geschichte. Er ist der Gegenwärtige, der in jedem Augenblick wirksam ist. Er ist der Vergangene, dessen Taten die Welt tragen. Er ist der Kommende, der die Zukunft bestimmt und vollendet. Diese Formulierung erinnert an den Gottesnamen aus 2. Mose 3,14: „Ich bin, der ich bin“ – der Seiende, der Unveränderliche, der Treue. In der Offenbarung wird dieser Name ausgeweitet auf Vergangenheit und Zukunft, um zu zeigen: Gott umfasst die Zeit, aber die Zeit umfasst ihn nicht.
Dass Gott sich hier als „der Allmächtige“ bezeichnet, ist von zentraler Bedeutung. Das griechische Wort pantokratōr meint nicht nur Macht im Sinne von Stärke, sondern die umfassende, souveräne Herrschaft über alles Sein. Es ist der Titel, der im Alten Testament immer wieder dem Gott Israels zukommt, besonders in den Propheten (z. B. Jesaja 1,24; Amos 4,13). Johannes zeigt damit:
Der Gott, der zu Abraham sprach, der Israel führte, der durch die Propheten rief, ist derselbe, der jetzt in Christus handelt und am Ende der Zeiten erscheinen wird.
Die Offenbarung ist kein neues Gottesbild, sondern die Vollendung der alttestamentlichen Gottesoffenbarung.
In diesem Vers wird deutlich, warum die Offenbarung ein Buch des Trostes ist. Die Gemeinden, die unter Druck stehen, die Verfolgung erleben, die sich schwach fühlen, hören hier die Stimme des Ewigen, der ihnen zuspricht: Ich bin der Anfang und das Ende. Ich bin gegenwärtig, ich war treu, ich werde kommen. Ich bin der Allmächtige. Nichts, was euch begegnet, entzieht sich meiner Herrschaft. Kein Kaiser, keine Macht, keine Finsternis hat das letzte Wort. Das letzte Wort gehört mir.
So bildet Vers 8 den majestätischen Abschluss des Prologs. Er verankert alles, was folgt, im Wesen Gottes selbst. Die Visionen, die Gerichte, die Verheißungen, die Kämpfe und die Siege stehen unter diesem einen Licht: Gott ist der Erste und der Letzte. Christus ist der Herr der Geschichte. Der Heilige Geist wirkt in der Gemeinde. Und die Zukunft gehört nicht der Finsternis, sondern dem, der da ist und der da war und der da kommt, dem Allmächtigen.
