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"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

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Teil 2: Der Herr der Geschichte: Jesu königliche Herrlichkeit!

Beckblogger (4)

Offen­barung 1,4–8

“Johannes an die sieben Gemein­den in der Prov­inz Asia: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geis­tern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Chris­tus, welch­er ist der treue Zeuge, der Erst­ge­borene von den Toten und Fürst der Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sün­den mit seinem Blut und uns zu einem Kön­i­gre­ich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es wer­den ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durch­bohrt haben, und es wer­den wehk­la­gen um seinetwillen alle Stämme der Erde. Ja, Amen. Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.”

Was Jesus aus den an ihn Glaubenden macht!

Vers 6: “Er hat uns zu Könige und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater.”

Johannes beschreibt hier nicht nur, was Chris­tus für die Glauben­den getan hat, son­dern was er aus ihnen gemacht hat. Die Erlö­sung bleibt nicht äußer­lich, sie ver­wan­delt den Men­schen in seinem Wesen und in sein­er Stel­lung vor Gott. Der Aufer­standene teilt seine eigene Würde mit denen, die zu ihm gehören. Was er ist, strahlt in ihr neues Sein hinein. Darum kann Johannes sagen: „Er hat uns zu Köni­gen und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater.“ Dieser Satz ist nicht poet­is­che Über­höhung, son­dern geistliche Real­ität.

Die Königswürde der Glauben­den bedeutet nicht poli­tis­che Macht oder irdis­che Herrschaft, son­dern Teil­habe an der königlichen Frei­heit und Autorität Christi. Wer zu Chris­tus gehört, ste­ht nicht mehr unter der Tyran­nei der Sünde, nicht mehr unter der Knechtschaft der Angst, nicht mehr unter der Herrschaft der Mächte, die diese Welt bes­tim­men. Paulus erfasst diese Frei­heit so: „Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, son­dern unter der Gnade.“ (Römer 6,14). Und Petrus nen­nt die Gemeinde „ein königlich­es Priester­tum“ (1. Petrus 2,9): “Ihr aber seid ein auser­wähltes Geschlecht, ein königlich­es Priester­tum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigen­tum, dass ihr verkündi­gen sollt die Wohltat­en dessen, der euch berufen hat aus der Fin­ster­n­is in sein wun­der­bares Licht…”. Die Königswürde ist also eine geistliche Stel­lung: Die Glauben­den sind Erben des Reich­es Gottes, Mitre­gen­ten des Mes­sias, Men­schen, die in der Kraft des Heili­gen Geistes über das Böse zu siegen ler­nen. Sie leben nicht mehr als Unter­wor­fene, son­dern als Freige­lassene, die in Chris­tus eine neue Iden­tität emp­fan­gen haben.

Gle­ichzeit­ig macht Chris­tus die Seinen zu Priestern. Das bedeutet Zugang zu Gott, Dienst vor Gott und Für­bitte für die Welt. Im Alten Bund war der Priester der­jenige, der zwis­chen Gott und Men­schen stand, der Opfer dar­brachte, der seg­nete, der die Gegen­wart Gottes repräsen­tierte. In Chris­tus ist dieses Priester­tum nicht abgeschafft, son­dern zur Vol­len­dung geführt und auf die ganze Gemeinde aus­geweit­et. Der Hebräer­brief sagt: „So lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in der Fülle des Glaubens, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewis­sen und gewaschen am Leib mit reinem Wass­er“ (Hebräer 10,22).

Die Glauben­den brauchen keinen irdis­chen Mit­tler mehr, denn Chris­tus hat sie selb­st zu Men­schen gemacht, die vor Gott ste­hen dür­fen.

Ihr Leben wird zum Opfer des Dankes, ihr Gebet zum Wohlgeruch, ihr Dienst zum Aus­druck der Nähe Gottes in der Welt.

Diese dop­pelte Würde – königlich und priester­lich – ist nicht men­schliche Leis­tung, son­dern Geschenk. Johannes betont: „Er hat uns gemacht.“ Es ist Chris­tus, der han­delt. Er nimmt Men­schen aus der Fin­ster­n­is und stellt sie in das Licht. Er nimmt Schuldige und macht sie zu Dienern Gottes. Er nimmt Gebroch­ene und macht sie zu Trägern sein­er Her­rlichkeit. Die Gemeinde lebt aus dieser Iden­tität, nicht aus eigen­er Kraft. Sie ist königlich, weil Chris­tus König ist. Sie ist priester­lich, weil Chris­tus der Hohe­p­riester ist. Und sie ste­ht vor Gott, weil Chris­tus sie dor­thin gestellt hat.

Für die bedrängten Gemein­den Kleinasiens war diese Wahrheit Trost und Auf­trag zugle­ich. Trost, weil ihre äußere Schwach­heit nicht ihre wahre Stel­lung bes­timmte. Auf­trag, weil königliche Men­schen königlich leben und priester­liche Men­schen priester­lich dienen sollen. Auch heute bleibt diese Würde der Glauben­den ein Ruf zur Heiligkeit, zur Frei­heit und zur Für­bitte. Chris­tus hat uns nicht nur erlöst, son­dern erhöht. Nicht nur befre­it, son­dern berufen. Nicht nur geliebt, son­dern in sein eigenes Amt hinein­genom­men, indem wir seine Zeu­gen sein dür­fen und er uns sein Wort in den Mund legt. Allen Glauben­den gilt Jesu Auf­trag und Bevollmäch­ti­gung: “Ihr sollt meine Zeu­gen sein” (Apos­telgeschichte 1,8).

Die Anbetung: Vers 6: “dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.”

Mit dem Aus­ruf „dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ erre­icht die Dox­olo­gie des Johannes ihren Höhep­unkt. Nach­dem er beschrieben hat, was Chris­tus getan hat und was er aus den Glauben­den gemacht hat, richtet er nun den Blick auf das, was Chris­tus gebührt. Die Gemeinde antwortet auf das Heil­shan­deln Jesu nicht mit Selb­st­be­wun­derung, son­dern mit Anbe­tung. Die Ehre gehört ihm, weil er der Liebende, der Erlösende, der Erhöhende ist. Die Gewalt gehört ihm, weil er der Erst­ge­borene von den Toten und der Fürst der Könige der Erde ist. Johannes verbindet hier die innere Schön­heit Christi mit sein­er äußeren Herrschaft: Der, der uns liebt, ist der­selbe, der regiert.

„Ehre“ meint die Anerken­nung sein­er göt­tlichen Würde, die öffentliche, freudi­ge, dankbare Prokla­ma­tion dessen, wer er ist. Die Gemeinde beken­nt: Nicht die Mächti­gen dieser Welt, nicht die religiösen Sys­teme, nicht Ide­olo­gien, nicht die geistlichen Kräfte der Fin­ster­n­is ver­di­enen Ehre, son­dern Chris­tus allein. „Gewalt“ meint seine Herrschaft, seine Autorität, seine sou­veräne Macht über Geschichte, Völk­er und Zeit­en. Johannes sieht die Welt nicht als ein Chaos, das sich selb­st über­lassen ist, son­dern als eine Bühne, auf der Chris­tus bere­its König ist, auch wenn seine Herrschaft noch ver­bor­gen erscheint. Die Dox­olo­gie ist daher nicht nur Lobpreis, son­dern auch Beken­nt­nis: Chris­tus ist der Herr, und nie­mand son­st.

Dass diese Ehre und Gewalt „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ beste­hen, zeigt die Uner­schüt­ter­lichkeit seines Reich­es. Seine Liebe verge­ht nicht, seine Erlö­sung ver­liert nicht an Kraft, seine Herrschaft wird nicht abgelöst. Was er begonnen hat, wird er vol­len­den. Die Zeit kann seine Würde nicht min­dern, die Geschichte kann seine Herrschaft nicht bedro­hen. Die Gemeinde lebt aus dieser Gewis­sheit: Ihr Herr ist nicht ein vorüberge­hen­der Ret­ter, son­dern der Ewige, der Anfang und das Ziel aller Dinge.

Das abschließende „Amen“ ist nicht bloß litur­gis­che Formel, son­dern Zus­tim­mung, Bekräf­ti­gung, Hingabe. Es bedeutet: So ist es. So soll es sein. So glauben wir. So leben wir. Die Gemeinde antwortet auf die Offen­barung Christi mit einem Wort, das zugle­ich Beken­nt­nis und Unter­w­er­fung, Freude und Ernst, Trost und Auf­trag ist. In diesem Amen schwingt die ganze Hal­tung der Offen­barung mit: Anbe­tung inmit­ten der Bedräng­nis, Gewis­sheit inmit­ten der Unsicher­heit, Hoff­nung inmit­ten der Geschichte. So schließt Johannes diesen Vers mit einem Lobpreis, der die Gemeinde aufrichtet und aus­richtet. Wer weiß, wem Ehre und Gewalt gehören, der ver­liert nicht den Mut. Wer Chris­tus so sieht, wie Johannes ihn hier zeich­net, der kann die kom­menden Visio­nen der Offen­barung nicht mit Furcht, son­dern mit Ver­trauen lesen. Denn über allem ste­ht der, dem Ehre und Gewalt gehören – jet­zt und in Ewigkeit. Amen.

Jesus tritt aus der Verhüllung hervor: Vers 7: “Siehe, er kommt mit den Wolken!”

Johannes richtet den Blick der Gemeinde nun auf das große Offen­bar­w­er­den Jesu Christi. Mit den Worten „Siehe, er kommt mit den Wolken“ greift er ein Bild auf, das tief im Alten Tes­ta­ment ver­wurzelt ist und in Daniel 7,13 seinen machtvollen Ursprung hat. Dort sieht der Prophet: “Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam ein­er mit den Wolken des Him­mels wie eines Men­schen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.” Dieses Bild ist kein poet­is­ches Orna­ment, son­dern eine the­ol­o­gis­che Verdich­tung: Der, der kommt, ist der von Gott einge­set­zte Weltherrsch­er, der Mes­sias, der Richter und Ret­ter zugle­ich.

Wenn Johannes dieses Daniel­wort auf Jesus anwen­det, dann sagt er damit: Der Men­schen­sohn aus der Vision Daniels ist iden­tisch mit dem gekreuzigten und aufer­stande­nen Jesus. Der, der einst in Niedrigkeit kam, ver­bor­gen in der Gestalt eines Knecht­es, wird nun in Her­rlichkeit erscheinen. Die Wolken sind in der Schrift immer Zeichen der göt­tlichen Gegen­wart. Sie begleit­eten Israel in der Wüste, erfüll­ten die Stift­shütte und den Tem­pel, ver­hüll­ten und offen­barten zugle­ich die Nähe Gottes. Wenn Jesus „mit den Wolken“ kommt, dann tritt er aus der Ver­hül­lung her­vor, nicht mehr ver­bor­gen, nicht mehr missver­standen, nicht mehr ver­achtet, son­dern sicht­bar als der Herr der Welt.

Dieses Kom­men ist nicht inner­lich, nicht sym­bol­isch, nicht metapho­risch. Johannes betont die Sicht­barkeit: „und es wer­den ihn sehen alle Augen“. Die Wiederkun­ft Christi ist ein öffentlich­es, weltweites, unwider­ru­flich­es Ereig­nis. Nie­mand wird sich entziehen kön­nen, nie­mand wird es überse­hen, nie­mand wird es rel­a­tivieren. Der, der jet­zt ver­bor­gen regiert, wird dann sicht­bar herrschen. Der, der jet­zt im Glauben erkan­nt wird, wird dann im Schauen offen­bar.

Für die bedrängten Gemein­den ist diese Ver­heißung Trost und Erschüt­terung zugle­ich. Trost, weil ihr Herr nicht fern bleibt, son­dern kommt, um alles zurechtzubrin­gen. Erschüt­terung, weil dieses Kom­men Gericht bedeutet für alle, die ihn ver­wor­fen haben. Johannes sagt: „und es wer­den wehk­la­gen um seinetwillen alle Stämme der Erde“. Das Wehk­la­gen ist das Erken­nen der Wahrheit, die man ver­drängt hat, das Auf­brechen der Schuld, die man nicht beken­nen wollte, das Erschreck­en vor dem, den man durch­bohrt hat. Doch für die Glauben­den ist dieses Kom­men die Erfül­lung ihrer Hoff­nung, die Vol­len­dung ihres Glaubens, die Offen­barung dessen, was sie im Herzen schon wis­sen: Der Herr kommt, und er kommt in Her­rlichkeit.

So führt Johannes die Gemeinde aus der Gegen­wart in die Zukun­ft, aus der Bedräng­nis in die Erwartung, aus der Unsicht­barkeit Christi in seine sicht­bare Erschei­n­ung. Die Offen­barung ist von Anfang an ein Buch der Hoff­nung, weil sie den Blick auf den richtet, der kommt. Und dieses Kom­men ist gewiss, weil es im Alten Tes­ta­ment ver­heißen, im Evan­geli­um bekräftigt und durch die Aufer­ste­hung Jesu garantiert ist. Darum begin­nt Johannes diesen Vers mit einem einzi­gen Wort, das wie ein Weck­ruf klingt: „Siehe“ – öffnet die Augen, richtet den Blick, erwartet den Her­rn.

Jetzt ist die Zeit des Hörens, dann die Zeit des Sehens: Vers 7: “Es werden ihn sehen alle Augen!”

Jet­zt, in der gegen­wär­ti­gen Heil­szeit, ist der Men­sch noch nicht zum Schauen berufen, son­dern zum Hören. Johannes stellt die zukün­ftige Sicht­barkeit Christi – „es wer­den ihn sehen alle Augen“ – der gegen­wär­ti­gen Unsicht­barkeit gegenüber. Die Offen­barung begin­nt nicht mit dem Schauen, son­dern mit dem Wort. Gott begeg­net uns jet­zt nicht in über­wälti­gen­der Sicht­barkeit, son­dern in der Stimme, die ruft, warnt, tröstet und zum Glauben ein­lädt. Darum ist die Gegen­wart die Zeit des Hörens.

Die Schrift betont diese Wahrheit mit großer Ein­dringlichkeit. Psalm 95 ruft: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, ver­stockt eure Herzen nicht“ (Psalm 95,7–8). Der Hebräer­brief nimmt diesen Ruf mehrfach auf und macht daraus eine Mah­nung an die Gemeinde aller Zeit­en: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, ver­härtet eure Herzen nicht“ (Hebräer 3,7–8; vgl. auch Hebräer 3,15 und Hebräer 4,7). Dieses „Heute“ ist nicht ein einzel­ner Tag, son­dern die ganze Zeitspanne zwis­chen Christi erstem und seinem zweit­en Kom­men. Es ist die Zeit, in der Gott spricht und der Men­sch antworten soll. Es ist die Zeit, in der das Evan­geli­um verkündigt wird und der Glaube geboren wird. Es ist die Zeit, in der die Gnade ange­boten wird und die Herzen sich öff­nen oder ver­härten.

Jesus selb­st hat dieses „Heute“ in Nazareth aus­gelegt, als er sagte: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren“ (Lukas 4,21). Nicht vor ihren Augen, son­dern vor ihren Ohren. Das Heil begin­nt im Hören. Paulus fasst es präg­nant zusam­men: „Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi“ (Römer 10,17).

Darum trägt jed­er wahre Christ und jede Kirche eine heilige Ver­ant­wor­tung: das Evan­geli­um zu verkündi­gen, damit Men­schen hören kön­nen.

Die Kirche lebt nicht aus Sicht­barkeit, Macht oder äußeren Zeichen, son­dern aus dem Wort, das sie weit­ergibt. Ihre Auf­gabe ist nicht, die Welt zu beein­druck­en, son­dern sie zu erre­ichen. Nicht, sich selb­st zu zeigen, son­dern Chris­tus hör­bar zu machen.

Dieses Hören eröffnet den Men­schen die große Chance der Umkehr, der Erneuerung, der Ret­tung. Wer hört, kann glauben. Wer glaubt, wird leben. Wer das Wort annimmt, wird ver­wan­delt. Noch ist die Tür offen, noch ruft die Stimme des guten Hirten, noch ist die Gnade wirk­sam. Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie fol­gen mir“ (Johannes 10,27). Doch die Zeit des Hörens ist begren­zt. Sie wird enden, wenn die Zeit des Sehens begin­nt. Dann wird der Glaube in Schauen ver­wan­delt, die Predigt ver­s­tum­men, die Entschei­dung offen­bar wer­den. Dann wird Chris­tus nicht mehr ver­bor­gen, son­dern sicht­bar erscheinen, und alle Augen wer­den ihn sehen.

Wer jet­zt ihn hören, ihn gehören und ihm gehorchen will, für den ist einst die große Stunde des Sehens und Sehens-Müssens nicht Schreck­en, son­dern Segen und Freude. Jet­zt ist der Men­sch nicht gezwun­gen auf Jesus und sein Wort zu hören und in der entsprechen­den Weise zu antworten, eben weil unser Herr in der Gestalt des Wortes kommt und man einem Wort gegenüber “ja” aber auch “nein” sagen kann. Dann aber müssen alle ihn sehen. Darum ist das „Heute“ so kost­bar. Es ist die Zeit, in der Gott spricht und der Men­sch antworten darf. Es ist die Zeit, in der die Kirche ruft, bit­tet, warnt und tröstet. Es ist die Zeit, in der das Evan­geli­um seine Kraft ent­fal­tet. Wer jet­zt hört, wird dann mit Freude sehen. Wer jet­zt das Wort annimmt, wird dann den Her­rn erken­nen. Wer jet­zt im Glauben lebt, wird dann in der Her­rlichkeit ste­hen.

Auch seine Feinde werden ihn sehen: Vers 7:  “Alle, die ihn durchbohrt haben!”

Johannes ver­tieft die Aus­sage „alle Augen wer­den ihn sehen“ nun durch eine präzise und erschüt­ternde Zus­pitzung: „auch die, die ihn durch­bohrt haben“. Damit greift er eine der zen­tralen alttes­ta­mentlichen Ver­heißun­gen auf, die in Sachar­ja 12,10 ste­ht: „Sie wer­den auf mich blick­en, den sie durch­bohrt haben.“ Diese Worte sind prophetisch, mes­sian­isch und zugle­ich tief per­sön­lich. Sie zeigen, dass die Wiederkun­ft Christi nicht nur Offen­barung sein­er Her­rlichkeit ist, son­dern auch Offen­barung der Wahrheit über den Men­schen.

Zunächst meint „die ihn durch­bohrt haben“ ganz konkret jene, die an sein­er Kreuzi­gung beteiligt waren – die römis­chen Sol­dat­en, die jüdis­chen Führer, die Menge, die „Kreuzige ihn“ rief und auch Kaiphas und Pila­tus. Doch Johannes denkt weit­er. Das Durch­bohren ist nicht nur eine his­torische Tat, son­dern eine geistliche.

Jed­er Men­sch, der sich gegen Chris­tus stellt, der ihn ver­wirft, ignori­ert oder bekämpft, ist Teil dieser durch­bohren­den Men­schheit.

Darum sagt Petrus zu Pfin­g­sten zu den Juden in Jerusalem: „Diesen Jesus … habt ihr ans Kreuz geschla­gen und umge­bracht“ (Apos­telgeschichte 2,23). Und doch gilt das Gle­iche für die ganze Welt, denn unsere Sün­den haben ihn ans Kreuz gebracht. Jesa­ja sagt: „Doch er wurde um unser­er Übertre­tun­gen willen durch­bohrt, wegen unser­er Mis­se­tat­en zer­schla­gen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hät­ten, und durch seine Wun­den sind wir geheilt wor­den.“ (Jesa­ja 53,5).

Wenn Chris­tus wiederkommt, wird diese Wahrheit sicht­bar. Die Feinde Christi wer­den ihn sehen – nicht als ohn­mächti­gen Gekreuzigten, son­dern als den erhöht­en Her­rn. Das Sehen wird für sie kein Trost, son­dern ein Erschreck­en sein. Johannes schreibt: „und es wer­den wehk­la­gen um seinetwillen alle Stämme der Erde“. Dieses Wehk­la­gen ist das Erken­nen der eige­nen Schuld, das Auf­brechen der Wahrheit, die man ver­drängt hat, das Erschüt­ter­twer­den durch die Gegen­wart dessen, den man ver­wor­fen hat. Jesus selb­st hat dieses Wehk­la­gen angekündigt: „Und dann wird erscheinen das Zeichen des Men­schen­sohns am Him­mel. Und dann wer­den wehk­la­gen alle Stämme der Erde und wer­den sehen den Men­schen­sohn kom­men auf den Wolken des Him­mels mit großer Kraft und Her­rlichkeit.“ (Matthäus 24,30).

Doch dieses Wehk­la­gen ist nicht nur Aus­druck des Gerichts, son­dern zugle­ich ein let­ztes Echo der Gnade. Sachar­ja 12,10 verbindet das Sehen des Durch­bohrten mit einem „Geist der Gnade und des Gebets“: “Und sie wer­den mich anse­hen, den sie durch­bohrt haben, und sie wer­den um ihn kla­gen, wie man klagt um das einzige Kind, und wer­den sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erst­ge­bore­nen.” Selb­st im Gericht bleibt Chris­tus der, der zur Umkehr ruft. Selb­st im Offen­bar­w­er­den sein­er Her­rlichkeit bleibt er der Gekreuzigte, der die Men­schen zur Erken­nt­nis der Wahrheit führen will. Für die Glauben­den ist dieses Sehen die Erfül­lung ihrer Hoff­nung; für die Feinde Christi ist es die Offen­barung der Wahrheit, die sie bekämpft haben.

So zeigt Johannes: Die Wiederkun­ft Christi ist uni­versell, unwider­ru­flich und gerecht. Nie­mand wird sich ihr entziehen. Nie­mand wird sie rel­a­tivieren. Nie­mand wird sie überse­hen. Der, den die Welt durch­bohrt hat, wird als Herr erscheinen. Und alle wer­den ihn sehen – die, die ihn lieben, und die, die ihn ver­wor­fen haben. Für die einen ist es der Beginn der ewigen Freude, für die anderen der Moment der erschüt­tern­den Wahrheit. Doch über allem ste­ht die Gewis­sheit:

Der Gekreuzigte ist der Kom­mende. Der Ver­wor­fene ist der Herr. Der Durch­bohrte ist der Richter und Ret­ter der Welt.

Sie Ewigkeit Gottes: Vers 8: 

“Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.”

Mit Vers 8 tritt nun Gott selb­st in den Raum der Offen­barung und bestätigt mit eigen­er Stimme alles, was zuvor über Chris­tus gesagt wurde. Die Worte „Ich bin das A und das O“ sind nicht bloß poet­is­che Bilder, son­dern eine Selb­stof­fen­barung des ewigen Gottes. Alpha und Omega sind der erste und der let­zte Buch­stabe des griechis­chen Alpha­bets. Gott beze­ich­net sich damit als Ursprung und Ziel, Anfang und Vol­len­dung, der­jenige, von dem alles aus­ge­ht und auf den alles zuläuft. Nichts existiert außer­halb seines Rah­mens, nichts ent­gleit­et sein­er Hand, nichts wider­set­zt sich seinem let­zten Willen. Diese Selb­st­beze­ich­nung find­et sich mehrfach in der Offen­barung und bildet eine Art göt­tliche Sig­natur über dem ganzen Buch (Offen­barung 21,6; 22,13).

Wenn Gott weit­er sagt: „der da ist und der da war und der da kommt“, dann greift er die For­mulierung aus Vers 4 auf und bestätigt sie nun selb­st. Diese dreifache Zeit­form ist mehr als eine Beschrei­bung; sie ist eine Offen­barung seines Wesens. Gott ist nicht ein Teil der Geschichte, son­dern der Herr der Geschichte. Er ist der Gegen­wär­tige, der in jedem Augen­blick wirk­sam ist. Er ist der Ver­gan­gene, dessen Tat­en die Welt tra­gen. Er ist der Kom­mende, der die Zukun­ft bes­timmt und vol­len­det. Diese For­mulierung erin­nert an den Gottes­na­men aus 2. Mose 3,14: „Ich bin, der ich bin“der Seiende, der Unverän­der­liche, der Treue. In der Offen­barung wird dieser Name aus­geweit­et auf Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft, um zu zeigen: Gott umfasst die Zeit, aber die Zeit umfasst ihn nicht.

Dass Gott sich hier als „der Allmächtige“ beze­ich­net, ist von zen­traler Bedeu­tung. Das griechis­che Wort pan­tokratōr meint nicht nur Macht im Sinne von Stärke, son­dern die umfassende, sou­veräne Herrschaft über alles Sein. Es ist der Titel, der im Alten Tes­ta­ment immer wieder dem Gott Israels zukommt, beson­ders in den Propheten (z. B. Jesa­ja 1,24; Amos 4,13). Johannes zeigt damit:

Der Gott, der zu Abra­ham sprach, der Israel führte, der durch die Propheten rief, ist der­selbe, der jet­zt in Chris­tus han­delt und am Ende der Zeit­en erscheinen wird.

Die Offen­barung ist kein neues Gottes­bild, son­dern die Vol­len­dung der alttes­ta­mentlichen Gotte­sof­fen­barung.

In diesem Vers wird deut­lich, warum die Offen­barung ein Buch des Trostes ist. Die Gemein­den, die unter Druck ste­hen, die Ver­fol­gung erleben, die sich schwach fühlen, hören hier die Stimme des Ewigen, der ihnen zus­pricht: Ich bin der Anfang und das Ende. Ich bin gegen­wär­tig, ich war treu, ich werde kom­men. Ich bin der Allmächtige. Nichts, was euch begeg­net, entzieht sich mein­er Herrschaft. Kein Kaiser, keine Macht, keine Fin­ster­n­is hat das let­zte Wort. Das let­zte Wort gehört mir.

So bildet Vers 8 den majestätis­chen Abschluss des Pro­logs. Er ver­ankert alles, was fol­gt, im Wesen Gottes selb­st. Die Visio­nen, die Gerichte, die Ver­heißun­gen, die Kämpfe und die Siege ste­hen unter diesem einen Licht: Gott ist der Erste und der Let­zte. Chris­tus ist der Herr der Geschichte. Der Heilige Geist wirkt in der Gemeinde. Und die Zukun­ft gehört nicht der Fin­ster­n­is, son­dern dem, der da ist und der da war und der da kommt, dem Allmächti­gen.

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