Die Frage nach dem Absolutheitsanspruch Jesu Christi berührt das Herzstück des christlichen Glaubens und stellt zugleich eine der größten Herausforderungen für die moderne Theologie dar, die zunehmend von einem pluralistischen Weltbild geprägt ist, in dem absolute Wahrheitsansprüche als problematisch oder gar anmaßend empfunden werden.
Wenn wir die neutestamentlichen Schriften unbefangen und mit exegetischer Sorgfalt betrachten, wird jedoch unübersehbar deutlich, dass Jesus von Nazareth einen Anspruch vertrat, der sich fundamental von allen menschlichen Autoritätsansprüchen unterscheidet und der nicht relativiert oder in ein religiöses Gleichheitsprinzip eingeordnet werden kann, ohne dabei die Substanz seiner Botschaft zu verfälschen. Im Johannesevangelium begegnet uns eine Fülle von Selbstoffenbarungen Jesu, die in ihrer Radikalität erschüttern und provozieren, besonders wenn Jesus erklärt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich” (Johannes 14,6). Diese Aussage ist keineswegs eine von vielen religiösen Weisheiten, sondern ein exklusiver Anspruch, der jede andere religiöse Vermittlung zwischen Gott und Mensch kategorisch ausschließt und gleichzeitig die einzigartige Stellung Christi als Mittler proklamiert. Die wiederholte Verwendung der „Ich bin”-Worte, wie etwa „Ich bin das Brot des Lebens” (Johannes 6,35), „Ich bin das Licht der Welt” (Johannes 8,12) oder „Ich bin die Auferstehung und das Leben” (Johannes 11,25), erinnert unmittelbar an die Selbstoffenbarung Gottes gegenüber Mose im brennenden Dornbusch: „Ich werde sein, der ich sein werde” (2.Mose 3,14).
Jesus bedient sich damit bewusst der göttlichen Selbstbezeichnung und beansprucht implizit wie explizit göttliche Autorität für sich selbst, was von seinen jüdischen Zeitgenossen auch sofort als Gotteslästerung verstanden wurde, wie die zahlreichen Steinigungsversuche belegen.
In der Bergpredigt manifestiert sich dieser Absolutheitsanspruch auf eine Weise, die die gesamte bisherige religiöse Ordnung revolutioniert, indem Jesus wiederholt formuliert: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist… Ich aber sage euch” (Matthäus 5,21–22 und folgende).
Diese Gegenüberstellungen stellen keine bloße Interpretation oder Aktualisierung des mosaischen Gesetzes dar, sondern offenbaren eine Autorität, die sich über die gesamte bisherige Offenbarungsgeschichte erhebt und diese in sich selbst zur Vollendung bringt, wobei Jesus nicht als ein Prophet unter anderen auftritt, sondern als derjenige, der in eigener Vollmacht das Gesetz erfüllt und neu auslegt.
Die Zuhörer erkannten diese außergewöhnliche Dimension seiner Verkündigung, denn es heißt: „Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten” (Matthäus 7,28–29). Diese Vollmacht entspringt nicht menschlicher Weisheit oder theologischer Bildung, sondern seiner göttlichen Identität als Sohn Gottes, was er selbst im Gebet zum Vater bestätigt: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will” (Matthäus 11,27). Die exklusive Beziehung zwischen Vater und Sohn und die ausschließliche Vermittlerrolle des Sohnes werden hier in einer Klarheit formuliert, die keinen Raum für eine pluralistische Deutung lässt, in der Jesus lediglich einer unter vielen Religionsstiftern wäre.
Der entscheidende Unterschied zwischen dem Absolutheitsanspruch Jesu und allen menschlichen Machtansprüchen liegt in seiner Natur und seinem Ursprung begründet, denn während menschliche Autorität stets mit der Gefahr des Missbrauchs verbunden ist und Geschichte wie Gegenwart zahllose Beispiele dafür liefern, wie Menschen ihre Macht zu eigennützigen Zwecken, zur Unterdrückung und Ausbeutung einsetzen, wurzelt die Autorität Jesu ausschließlich in der göttlichen Liebe und Heiligkeit.
Gott selbst kann seine Macht nicht missbrauchen, weil sein Wesen Liebe ist, wie Johannes festhält: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm” (1. Johannes 4,16). Die Ausübung göttlicher Autorität geschieht nicht zur Selbstverherrlichung oder Unterdrückung, sondern zur Erlösung und Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft der Sünde, weshalb Jesus selbst erklärt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele” (Markus 10,45). Diese dienende Haltung, die in der Fußwaschung der Jünger ihren symbolischen Höhepunkt findet und am Kreuz ihre vollkommene Verwirklichung erfährt, unterscheidet den göttlichen Absolutheitsanspruch kategorial von allen menschlichen Herrschaftsstrukturen, die auf Dominanz und Eigennutz aufbauen.
Wenn moderne Theologie und Teile der institutionalisierten Kirche diesen Absolutheitsanspruch Jesu relativieren oder in einen interreligiösen Dialog einebnen wollen, geschieht dies häufig aus einem gut gemeinten, aber theologisch problematischen Motiv heraus, nämlich dem Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz und religiöser Toleranz, die jedoch nur dann authentisch sein kann, wenn sie die Wahrheitsansprüche der jeweiligen Religionen ernst nimmt und nicht nivelliert.
Paulus warnt eindringlich vor einer Verkündigung, die dem Zeitgeist gefallen will: „Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren” (2. Timotheus 4,2–4).
Die Versuchung, das Evangelium so zu formulieren, dass es den kulturellen Erwartungen entspricht und niemanden vor den Kopf stößt, ist alt und führt zwangsläufig zu einer Verwässerung der biblischen Botschaft, die ihren prophetischen Charakter verliert und zu einer unverbindlichen Morallehre verkommt. Der Apostel Petrus hingegen bekennt vor dem Hohen Rat mutig und kompromisslos: „Es ist in keinem andern Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden” (Apostelgeschichte 4,12).
Diese Exklusivität des Heils in Christus allein bildet das Fundament der apostolischen Verkündigung und kann nicht aufgegeben werden, ohne das Evangelium selbst zu verraten.
Die Herrlichkeit und Einzigartigkeit Jesu Christi offenbaren sich besonders in seiner Auferstehung von den Toten, die nicht nur ein historisches Ereignis darstellt, sondern die definitive Bestätigung seines göttlichen Anspruchs ist, denn durch die Auferstehung hat Gott der Vater das Zeugnis seines Sohnes besiegelt und allen Menschen vor Augen geführt, dass Jesus tatsächlich ist, wer er zu sein behauptete. Paulus schreibt: „Er ist eingesetzt als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten” (Römer 1,4), und an anderer Stelle betont er die zentrale Bedeutung dieses Ereignisses für den gesamten christlichen Glauben: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich” (1. Korinther 15,14).
Die Auferstehung unterscheidet Jesus von allen anderen religiösen Lehrern und Propheten der Weltgeschichte, denn während diese im Tod blieben und ihre Gräber bis heute existieren, ist das Grab Jesu leer, und er selbst erschien nach seiner Auferstehung zahlreichen Zeugen, wie Paulus detailliert auflistet: „Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen” (1. Korinther 15,6). Diese empirische Bezeugung durch eine Vielzahl glaubwürdiger Zeugen bildet die historische Grundlage des christlichen Glaubens und unterstreicht die Einzigartigkeit Christi.
Der Absolutheitsanspruch Jesu ist somit nicht Ausdruck menschlicher Hybris oder religiöser Intoleranz, sondern die logische Konsequenz seiner göttlichen Identität und seiner heilsgeschichtlichen Mission, die darin besteht, die durch die Sünde zerbrochene Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch wiederherzustellen, was allein durch sein stellvertretendes Sühneopfer am Kreuz möglich wurde.
Das Kreuz selbst wird zum Paradox göttlicher Macht, denn hier offenbart sich die Stärke Gottes gerade in der scheinbaren Schwäche und Niederlage: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft” (1. Korinther 1,18). Die Weisheit dieser Welt kann die Logik des Kreuzes nicht erfassen, weil sie nach menschlichen Maßstäben urteilt, doch Gottes Gedanken sind höher als unsere Gedanken, und seine Wege sind höher als unsere Wege (Jesaja 55,9). In dieser göttlichen Perspektive wird deutlich, dass der Anspruch Jesu nicht auf Machtdemonstration und Unterwerfung abzielt, sondern auf Versöhnung und Erlösung, auf die Wiederherstellung der ursprünglichen Bestimmung des Menschen zur Gemeinschaft mit seinem Schöpfer.
Wer diesen Absolutheitsanspruch Jesu ablehnt oder relativiert, steht vor der unvermeidlichen Frage, ob Jesus dann ein Betrüger, ein Wahnsinniger oder tatsächlich der Sohn Gottes war, denn seine Aussagen lassen keine neutrale Mittelposition zu, wie C.S. Lewis treffend argumentiert hat. Jesus selbst stellt seine Zeitgenossen vor diese radikale Entscheidung, wenn er fragt: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?” (Matthäus 16,15), woraufhin Petrus das christologische Bekenntnis formuliert: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!” (Matthäus 16,16). Diese Antwort ist nicht das Ergebnis menschlicher Einsicht, sondern göttlicher Offenbarung, wie Jesus selbst bestätigt: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel” (Matthäus 16,17). Der Glaube an die göttliche Identität Jesu und die Annahme seines Absolutheitsanspruchs sind somit nicht Produkte menschlicher Überlegung oder religiöser Konstruktion, sondern Geschenke der göttlichen Gnade, die dem Menschen die Augen öffnet für die Wahrheit, die in Christus erschienen ist.
In einer Zeit, die von Relativismus und der Ablehnung objektiver Wahrheitsansprüche geprägt ist, mag die Verkündigung des exklusiven Heilswegs in Christus als anstößig oder gar fundamentalistisch erscheinen, doch die Treue zur biblischen Botschaft erfordert den Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen und gegen den Strom kultureller Meinungen zu schwimmen. Jesus selbst warnt: „Wehe euch, wenn euch jedermann wohlredet! Ebenso haben ihre Väter den falschen Propheten getan” (Lukas 6,26), und er kündigt seinen Nachfolgern an, dass sie um seinetwillen Verfolgung und Ablehnung erfahren werden: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen” (Johannes 15,20).
Die Kirche ist nicht dazu berufen, der Welt nach dem Mund zu reden, sondern prophetisches Zeugnis abzulegen von der Wahrheit, die befreit und erlöst, auch wenn dies mit gesellschaftlicher Marginalisierung und Widerstand einhergeht.
Paulus ermutigt: „Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefallen würde und ob es zum Ziel führt!” (Römer 12,2)
Die Unterscheidung zwischen göttlicher und menschlicher Autorität wird nirgendwo deutlicher als in der Person Jesu Christi selbst, der in vollkommener Einheit mit dem Willen des Vaters lebte und dessen gesamtes Wirken von bedingungsloser Liebe zu den Menschen geprägt war, selbst zu jenen, die ihn ablehnten und ans Kreuz brachten, für die er betete: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!” (Lukas 23,34).
Diese radikale Feindesliebe und Selbsthingabe unterscheidet die Herrschaft Christi fundamental von allen irdischen Machtstrukturen und zeigt, dass sein Königreich nicht von dieser Welt ist (Johannes 18,36), sondern einer völlig anderen Ordnung angehört, in der nicht Macht und Gewalt regieren, sondern Gnade und Wahrheit.
Der Absolutheitsanspruch Jesu ist deshalb kein Instrument der Unterdrückung, sondern die Einladung in die vollkommene Freiheit der Kinder Gottes, denn „wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei” (Johannes 8,36).
Diese Freiheit bedeutet Befreiung von der Tyrannei der Sünde, von der Angst vor dem Tod und von der Bindung an vergängliche Werte, und sie führt hinein in die unendliche Weite der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott, der jeden Menschen zu einer persönlichen Beziehung mit sich einlädt durch seinen Sohn Jesus Christus, den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Timotheus 2,5).
