Bbblogger (4)

Die digi­ta­le Revo­lu­ti­on hat eine neue Kate­go­rie geist­li­cher Lei­ter­schaft her­vor­ge­bracht, die vor weni­gen Jahr­zehn­ten noch undenk­bar gewe­sen wäre. Pas­to­ren wie Olaf Lat­zel aus Bre­men, Tobi­as Rie­men­schnei­der und zahl­rei­che ande­re errei­chen über das Inter­net Zehn­tau­sen­de oder gar Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen, die ihre Pre­dig­ten hören, ihre Leh­re stu­die­ren und ihre Ansich­ten über­neh­men, ohne jemals per­sön­lich mit die­sen Män­nern in Kon­takt zu tre­ten oder Teil ihrer loka­len Gemein­de zu sein. Die­se soge­nann­ten Inter­net Pas­to­ren haben eine Reich­wei­te erlangt, die selbst die bekann­tes­ten Pre­di­ger ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te nicht errei­chen konn­ten, und sie üben einen Ein­fluss aus, der das geist­li­che Leben unzäh­li­ger Chris­ten prägt.

Die­se Ent­wick­lung birgt durch­aus legi­ti­me Mög­lich­kei­ten für die Ver­brei­tung bibli­scher Wahr­heit in einer Zeit, in der vie­le Gemein­den von der gesun­den Leh­re abge­wi­chen sind, doch sie bringt gleich­zei­tig Gefah­ren mit sich, die so schwer­wie­gend sind, dass wir als ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Chris­ten eine ernst­haf­te Prü­fung und kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung nicht län­ger auf­schie­ben dür­fen. Die Fra­ge ist nicht, ob die­se Män­ner auf­rich­tig sind oder biblisch leh­ren, son­dern ob die Struk­tur die­ser digi­ta­len Nach­fol­ge selbst bibli­schen Maß­stä­ben ent­spricht und ob sie nicht unwei­ger­lich zu Ver­zer­run­gen führt, die das geist­li­che Leben der Gläu­bi­gen gefähr­den.

Die Fas­zi­na­ti­on, die von die­sen Inter­net Pas­to­ren aus­geht, ist leicht zu ver­ste­hen. In einer Zeit, in der vie­le evan­ge­li­ka­le und frei­kirch­li­che Gemein­den zuneh­mend ver­welt­li­chen, ihre Bot­schaft ver­wäs­sern und vor unbe­que­men bibli­schen Wahr­hei­ten zurück­schre­cken, bie­ten Män­ner wie Lat­zel und Rie­men­schnei­der eine kla­re, kom­pro­miss­lo­se Ver­kün­di­gung, die sich deut­lich von der Zeit­geist­theo­lo­gie abgrenzt. Sie pre­di­gen über Sün­de und Buße, war­nen vor fal­schen Leh­ren, ver­tei­di­gen bibli­sche Posi­tio­nen zu Ehe und Sexua­li­tät und scheu­en sich nicht, auch inner­halb der Chris­ten­heit Miss­stän­de beim Namen zu nen­nen.

Für vie­le Chris­ten, die in ihren eige­nen Gemein­den eine sol­che kla­re Ver­kün­di­gung ver­mis­sen, wer­den die­se Inter­net Pas­to­ren zu einer geist­li­chen Hei­mat, zu Leh­rern, denen sie mehr ver­trau­en als ihren eige­nen Pas­to­ren vor Ort. Sie hören täg­lich oder wöchent­lich die Pre­dig­ten die­ser Män­ner, dis­ku­tie­ren in Online Grup­pen über deren Leh­re und ent­wi­ckeln eine per­sön­li­che Bin­dung, die in vie­len Fäl­len stär­ker ist als ihre Ver­bin­dung zur loka­len Gemein­de. Die­se Dyna­mik ist nicht grund­sätz­lich ver­werf­lich, denn Gott hat durch die Jahr­hun­der­te hin­durch immer wie­der ein­zel­ne Män­ner gebraucht, um sei­ne Wahr­heit weit­hin zu ver­brei­ten, doch sie wird gefähr­lich, wenn sie die von Gott ein­ge­setz­te Ord­nung der loka­len Gemein­de unter­gräbt oder ersetzt.

Die ers­te und fun­da­men­tals­te Gefahr liegt in der Tat­sa­che, dass eine digi­ta­le Bezie­hung nie­mals die per­sön­li­che Gemein­schaft und gegen­sei­ti­ge Ver­ant­wor­tung erset­zen kann, die Gott für sei­ne Gemein­de vor­ge­se­hen hat. Wenn Pau­lus in Hebrä­er 10,24 schreibt: “Und lasst uns auf­ein­an­der acht­ha­ben und uns anrei­zen zur Lie­be und zu guten Wer­ken”, dann beschreibt er eine Gemein­schaft, in der Men­schen sich ken­nen, beob­ach­ten, ermu­ti­gen und auch zurecht­wei­sen. Die­se Art von Gemein­schaft ist nur mög­lich, wenn wir ein­an­der per­sön­lich begeg­nen, unser täg­li­ches Leben mit­ein­an­der tei­len und die Kämp­fe und Sie­ge des Glau­bens gemein­sam durch­le­ben.

Ein Inter­net Pas­tor kann Leh­re ver­mit­teln und durch Pre­dig­ten ermu­ti­gen, aber er kann nicht das Leben sei­ner Zuhö­rer beob­ach­ten, er kann nicht sehen, ob sie das Gelehr­te auch leben, er kann sie nicht per­sön­lich ermah­nen, wenn sie vom Weg abkom­men, und er kann nicht für sie da sein, wenn sie in kon­kre­ten Nöten Hil­fe benö­ti­gen. Die Gefahr besteht dar­in, dass Chris­ten sich mit dem Kon­sum guter Leh­re zufrie­den­ge­ben und mei­nen, sie wür­den dadurch geist­lich wach­sen, wäh­rend ihr tat­säch­li­ches Leben zeigt, dass die Leh­re nicht in Taten umge­setzt wird.

Die Bewun­de­rung, die vie­le Anhän­ger die­sen Inter­net Pas­to­ren ent­ge­gen­brin­gen, offen­bart ein wei­te­res ernst­haf­tes Pro­blem. Men­schen spre­chen von ihren bevor­zug­ten Pre­di­gern mit einer Ehr­furcht und einem Enthu­si­as­mus, die bedenk­lich sind. Sie ver­tei­di­gen die­se Män­ner lei­den­schaft­lich gegen jede Kri­tik, tei­len deren Inhal­te mit mis­sio­na­ri­schem Eifer und defi­nie­ren ihre eige­ne geist­li­che Iden­ti­tät zuneh­mend über die Zuge­hö­rig­keit zu die­ser oder jener Lehr­tra­di­ti­on. Wenn jemand sagt, er sei ein Anhän­ger von Pas­tor X oder er ori­en­tie­re sich an der Leh­re von Pas­tor Y, dann ist das ein Warn­si­gnal, denn es erin­nert an die Situa­ti­on in Korinth, die Pau­lus in sei­nem ers­ten Brief anspre­chen muss­te.

In 1. Korin­ther 1,12 schreibt er: “Ich mei­ne aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehö­re zu Pau­lus, der ande­re: Ich zu Apol­los, der Drit­te: Ich zu Kephas, der Vier­te: Ich zu Chris­tus.” Die Reak­ti­on des Pau­lus auf die­se Grup­pen­bil­dung ist ein­deu­tig: Er ver­ur­teilt sie als fleisch­lich und als Zei­chen geist­li­cher Unrei­fe. Wenn selbst Pau­lus, ein Apos­tel, der direkt von Chris­tus beru­fen wur­de und inspi­rier­te Schrif­ten ver­fass­te, nicht woll­te, dass Men­schen sich nach ihm benen­nen, wie viel weni­ger soll­ten heu­ti­ge Pre­di­ger, so begabt sie auch sein mögen, eine sol­che Anhän­ger­schaft akzep­tie­ren oder för­dern?

Die Gefahr des Stol­zes und des geist­li­chen Hoch­muts ist für Inter­net Pas­to­ren selbst außer­or­dent­lich real und groß. Wenn ein Mann erlebt, dass Tau­sen­de oder Zehn­tau­sen­de sei­ne Wor­te hören, sei­ne Mei­nung schät­zen und ihn als geist­li­che Auto­ri­tät aner­ken­nen, erfor­dert es eine außer­ge­wöhn­li­che Demut und Selbst­ver­leug­nung, nicht hoch­mü­tig zu wer­den. Die mensch­li­che Natur neigt dazu, sich durch Aner­ken­nung und Ein­fluss auf­zu­blä­hen, und die Geschich­te der Kir­che ist voll von Bei­spie­len von Män­nern, die demü­tig began­nen, aber durch wach­sen­de Popu­la­ri­tät und feh­len­de Rechen­schafts­pflicht stolz und unkor­ri­gier­bar wur­den.

Jako­bus warnt in sei­nem Brief: “Lie­be Brü­der, nicht vie­le von euch sol­len Leh­rer wer­den, denn ihr wisst, dass wir ein des­to stren­ge­res Urteil emp­fan­gen wer­den”, wie wir in Jako­bus 3,1 lesen. Ein Leh­rer, der über das Inter­net Tau­sen­de belehrt, trägt eine noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung und wird ein­mal vor Gott Rechen­schaft able­gen müs­sen für jeden fal­schen Gedan­ken, den er ver­brei­tet hat, für jede Über­trei­bung, die er geäu­ßert hat, und für jeden Scha­den, den er durch man­geln­de Weis­heit oder unkon­trol­lier­te Wor­te ange­rich­tet hat. Die Fra­ge ist: Wer kor­ri­giert die­se Män­ner, wenn sie Feh­ler machen? Wer warnt sie, wenn ihr Ton zu hart wird oder ihre Urtei­le zu vor­schnell? Wer hilft ihnen, wenn sie selbst in Ver­su­chung gera­ten?

Die Struk­tur der loka­len Gemein­de, wie sie im Neu­en Tes­ta­ment beschrie­ben wird, beinhal­tet immer eine Mehr­heit von Ältes­ten, die gemein­sam lei­ten, leh­ren und Ent­schei­dun­gen tref­fen. Pau­lus ord­ne­te in jeder Gemein­de meh­re­re Ältes­te an, wie wir in Apos­tel­ge­schich­te 14,23 lesen: “Und sie setz­ten in jeder Gemein­de Ältes­te ein, bete­ten und fas­te­ten und befah­len sie dem Herrn, an den sie gläu­big gewor­den waren.” Die­se Struk­tur der gemein­sa­men Lei­tung schützt sowohl die Gemein­de als auch die Lei­ter selbst vor den Gefah­ren der Allein­gän­ge und der unkon­trol­lier­ten Macht­aus­übung.

Doch selbst in unse­ren Gemein­den – sogar unter den Ältes­ten – beob­ach­ten wir zuneh­mend eine gefähr­li­che Ent­wick­lung: Statt einer ech­ten gemein­sa­men Lei­tung ent­steht eine Art „Gleich­schal­tung“ hin zum Pas­tor. Kaum jemand wagt es, zu wider­spre­chen oder kri­ti­sche Fra­gen zu stel­len. Aus Furcht vor Auto­ri­tät, aus Sor­ge, als illoy­al zu gel­ten, oder aus dem Wunsch nach Har­mo­nie schwei­gen vie­le, obwohl sie Ver­ant­wor­tung tra­gen. Doch genau das wider­spricht dem bibli­schen Bild von Ältes­ten, die gemein­sam wachen, prü­fen, kor­ri­gie­ren und ein­an­der ergän­zen. Wo alle nur nicken, ver­liert die Gemein­de ihren Schutz, und der Pas­tor selbst wird der Ver­su­chung aus­ge­setzt, unkon­trol­lier­te Macht aus­zu­üben.

Ein Inter­net Pas­tor ope­riert jedoch weit­ge­hend unab­hän­gig von sol­chen Struk­tu­ren. Selbst wenn er selbst in sei­ner eige­nen loka­len Gemein­de rechen­schafts­pflich­tig ist, gibt es nie­man­den, der sei­ne digi­ta­le Reich­wei­te und sei­nen Ein­fluss auf Tau­sen­de von Men­schen über­wacht, die nicht zu sei­ner Gemein­de gehö­ren. Er wird zum selbst­er­nann­ten Leh­rer für eine vir­tu­el­le Her­de, die nie­mand wei­det, nie­mand kennt und nie­mand beschützt.

Eine wei­te­re erns­te Gefahr liegt in der selek­ti­ven Wahr­neh­mung und ein­sei­ti­gen Aus­rich­tung, die oft mit der Anhän­ger­schaft von Inter­net Pas­to­ren ein­her­geht. Men­schen, die einen bestimm­ten Pre­di­ger beson­ders schät­zen, nei­gen dazu, des­sen Schwer­punk­te zu über­neh­men, sei­ne Kampf­the­men zu ihren eige­nen zu machen und sei­ne Beto­nun­gen als den Maß­stab bibli­scher Wahr­heit zu betrach­ten. Wenn ein Pas­tor beson­ders gegen bestimm­te Irr­leh­ren oder gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen pre­digt, dann wer­den sei­ne Anhän­ger oft von den­sel­ben The­men beherrscht, wäh­rend ande­re, eben­so wich­ti­ge bibli­sche Wahr­hei­ten ver­nach­läs­sigt wer­den.

Das Ergeb­nis ist ein ver­zerr­tes, unaus­ge­wo­ge­nes Chris­ten­tum, das zwar in bestimm­ten Berei­chen sehr wach­sam und stand­haft ist, in ande­ren aber blind oder gleich­gül­tig bleibt. Die voll­stän­di­ge Leh­re der Schrift umfasst weit mehr als die Ver­tei­di­gung gegen bestimm­te Irr­leh­ren oder die Abgren­zung von der Welt. Sie beinhal­tet auch die posi­ti­ve Ent­fal­tung des christ­li­chen Lebens in allen sei­nen Dimen­sio­nen: Anbe­tung, Dienst, Nächs­ten­lie­be, Evan­ge­li­sa­ti­on, geist­li­ches Wachs­tum, Lei­dens­be­reit­schaft und die Hoff­nung auf Chris­ti Wie­der­kunft.

Die Gefahr der Täu­schung besteht nicht nur dar­in, dass Inter­net Pas­to­ren ande­re täu­schen könn­ten, son­dern auch dar­in, dass sie sich selbst täu­schen. Ein Mann, der vor einer Kame­ra pre­digt oder in ein Mikro­fon spricht, erhält nicht die unmit­tel­ba­re Rück­mel­dung, die ein Pas­tor in einer loka­len Gemein­de bekommt. Er sieht nicht die Gesich­ter der Men­schen, die sei­nen Wor­ten lau­schen, er nimmt nicht wahr, wenn jemand ver­wirrt, ver­letzt oder ent­mu­tigt ist, und er erfährt oft nicht, wel­che Aus­wir­kun­gen sei­ne Wor­te im Leben kon­kre­ter Men­schen haben. Die­se Distanz kann dazu füh­ren, dass ein Pre­di­ger zuneh­mend in sei­ner eige­nen Gedan­ken­welt lebt, sei­ne The­men immer wei­ter zuspitzt und die Boden­haf­tung ver­liert.

Spur­ge­on, einer der größ­ten Pre­di­ger des 19. Jahr­hun­derts, sag­te ein­mal: “Ein Pre­di­ger, der nicht mit den Nöten sei­ner Gemein­de­glie­der ver­traut ist, wird bald zu einem theo­re­ti­schen Theo­lo­gen, der an der Rea­li­tät des christ­li­chen Lebens vor­bei­denkt.” Die­se Gefahr ist für Inter­net Pas­to­ren noch grö­ßer, weil sie kei­ne kon­kre­te Gemein­de haben, deren Nöte sie ken­nen und in deren Leben sie invol­viert sind.

Die Ver­füh­rung zur Selbst­ge­rech­tig­keit ist ein wei­te­res sub­ti­les, aber ver­hee­ren­des Pro­blem, das mit der Anhän­ger­schaft von Inter­net Pas­to­ren ein­her­ge­hen kann. Wenn Chris­ten sich haupt­säch­lich mit Pre­dig­ten beschäf­ti­gen, die Irr­leh­ren anpran­gern, vor fal­schen Leh­rern war­nen und die Abwei­chun­gen ande­rer Chris­ten oder Gemein­den kri­ti­sie­ren, dann ent­wi­ckeln sie leicht eine pha­ri­säi­sche Hal­tung. Sie begin­nen, sich selbst als die Treu­en, die Recht­gläu­bi­gen und die Stand­haf­ten zu sehen, wäh­rend sie auf ande­re her­ab­bli­cken, die nicht die­sel­be Erkennt­nis oder den­sel­ben Eifer haben.

Jesus erzähl­te das Gleich­nis vom Pha­ri­sä­er und Zöll­ner, um genau vor die­ser Hal­tung zu war­nen. Der Pha­ri­sä­er bete­te: “Ich dan­ke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leu­te, Räu­ber, Betrü­ger, Ehe­bre­cher, oder auch wie die­ser Zöll­ner”, wie wir in Lukas 18,11 lesen. Jesus kom­men­tiert, dass die­ser Mann nicht gerecht­fer­tigt nach Hau­se ging, im Gegen­satz zum Zöll­ner, der nur beten konn­te: “Gott, sei mir Sün­der gnä­dig.”

Die Fra­ge der Täu­schung wird noch kom­ple­xer, wenn wir beden­ken, dass auch auf­rich­ti­ge, bibel­treue Män­ner Feh­ler machen und in bestimm­ten Berei­chen falsch lie­gen kön­nen. Nie­mand außer Chris­tus selbst besitzt die voll­stän­di­ge Wahr­heit oder ist frei von blin­den Fle­cken. Pau­lus selbst, obwohl von Gott beru­fen und inspi­riert, muss­te von Petrus zurecht­ge­wie­sen wer­den, als die­ser aus Men­schen­furcht heu­chel­te, wie wir in Gala­ter 2,11 lesen: “Als aber Petrus nach Antio­chia kam, wider­stand ich ihm ins Ange­sicht, denn es war Grund zur Kla­ge gegen ihn.”

Wenn selbst ein Apos­tel kor­ri­giert wer­den muss­te, wie viel mehr kön­nen heu­ti­ge Pre­di­ger, so begabt und gelehrt sie auch sein mögen, in Irr­tum fal­len? Das Pro­blem ent­steht, wenn ihre Anhän­ger sie so sehr idea­li­sie­ren, dass sie jede Kri­tik als Angriff auf die Wahr­heit selbst betrach­ten und nicht bereit sind, auch nur die Mög­lich­keit in Betracht zu zie­hen, dass ihr bevor­zug­ter Leh­rer in bestimm­ten Punk­ten falsch lie­gen könn­te.

Die bibli­sche Auf­for­de­rung zur Prü­fung gilt aus­nahms­los für alle mensch­li­chen Leh­rer, unab­hän­gig davon, wie bekannt, gelehrt oder ortho­do­xie­treu sie sind. Pau­lus lob­te die Ber­ö­er, weil sie das Wort täg­lich forsch­ten, ob sich’s so ver­hiel­te, wie er sie lehr­te, wie in Apos­tel­ge­schich­te 17,11 berich­tet wird. Johan­nes ermahnt die Gemein­de: “Ihr Lie­ben, glaubt nicht einem jeden Geist, son­dern prüft die Geis­ter, ob sie von Gott sind, denn es sind vie­le fal­sche Pro­phe­ten aus­ge­gan­gen in die Welt”, wie wir in 1. Johan­nes 4,1 lesen.

Die­se Prü­fung ist nicht ein Zei­chen von Miss­trau­en oder Rebel­li­on, son­dern von geist­li­cher Rei­fe und Ver­ant­wor­tung. Wenn wir einem Leh­rer blind fol­gen, ohne sei­ne Aus­sa­gen anhand der Schrift zu prü­fen, dann haben wir unse­re geist­li­che Ver­ant­wor­tung auf­ge­ge­ben und uns unter mensch­li­che Auto­ri­tät gestellt, wo nur Chris­tus und sein Wort Auto­ri­tät haben soll­ten.

Die Gefahr des geist­li­chen Kon­sums ohne per­sön­li­che Jün­ger­schaft ist ein wei­te­res kri­ti­sches Pro­blem. Vie­le Chris­ten hören täg­lich Pre­dig­ten von Inter­net Pas­to­ren, lesen deren Bücher und Arti­kel und füh­len sich dadurch geist­lich genährt, ohne jedoch selbst in eine ver­bind­li­che Jün­ger­schafts­be­zie­hung ein­ge­bun­den zu sein. Sie kon­su­mie­ren geist­li­che Inhal­te wie Unter­hal­tung, ohne dass jemand nach­fragt, ob sie das Gehör­te auch umset­zen, ob ihr Leben mit ihrer Erkennt­nis über­ein­stimmt und ob sie in der Lie­be und im Glau­ben wach­sen.

Jesus rief nicht dazu auf, nur sei­ne Wor­te zu hören, son­dern sie zu tun. In Mat­thä­us 7,24 sagt er: “Dar­um, wer die­se mei­ne Rede hört und tut sie, der gleicht einem klu­gen Mann, der sein Haus auf Fels bau­te.”

Eine loka­le Gemein­de, in der Men­schen ein­an­der ken­nen und in das Leben des ande­ren invol­viert sind, bie­tet die Mög­lich­keit, das Gehör­te in die Pra­xis umzu­set­zen und dabei beglei­tet, ermu­tigt und kor­ri­giert zu wer­den. Die­se Dimen­si­on fehlt bei der rein digi­ta­len Nach­fol­ge.

Die Ver­ant­wor­tung liegt jedoch nicht nur bei den Kon­su­men­ten, son­dern auch bei den Inter­net Pas­to­ren selbst. Ein ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter Leh­rer wird sei­ne Zuhö­rer immer wie­der dar­an erin­nern, dass er ihre loka­len Pas­to­ren nicht erset­zen kann und will, dass sie Teil einer leben­di­gen Orts­ge­mein­de sein müs­sen und dass die per­sön­li­che Gemein­schaft mit ande­ren Gläu­bi­gen uner­setz­lich ist. Er wird sei­ne eige­nen Gren­zen aner­ken­nen, bereit sein, Feh­ler zuzu­ge­ben, und sich bewusst sein, dass sei­ne Wor­te eine Macht haben, die auch miss­braucht oder falsch ver­stan­den wer­den kann.

Ein ver­ant­wor­tungs­lo­ser Leh­rer hin­ge­gen wird die Abhän­gig­keit sei­ner Anhän­ger för­dern, Kri­tik an sei­ner Per­son als Angriff auf die Wahr­heit dar­stel­len und sich selbst als unver­zicht­ba­re geist­li­che Instanz posi­tio­nie­ren. Die Unter­schei­dung zwi­schen die­sen bei­den Hal­tun­gen ist ent­schei­dend, aber für Außen­ste­hen­de oft schwer zu erken­nen, weil bei­de auf den ers­ten Blick ähn­lich klin­gen kön­nen.

Die Gefahr der Spal­tung ist ein wei­te­res ernst­haf­tes Pro­blem, das mit der Anhän­ger­schaft von Inter­net Pas­to­ren ein­her­geht. Wenn Gemein­de­glie­der begin­nen, die Leh­re ihres Inter­net Pas­tors als Maß­stab zu neh­men und ihre eige­ne Gemein­de und deren Lei­tung dar­an zu mes­sen, ent­ste­hen Kon­flik­te und Span­nun­gen. Sie kri­ti­sie­ren die Pre­dig­ten ihres ört­li­chen Pas­tors, weil sie nicht so klar, so tief­ge­hend oder so kom­pro­miss­los sind wie die Pre­dig­ten ihres bevor­zug­ten Inter­net Pre­di­gers. Sie zie­hen sich zurück, ver­lie­ren das Ver­trau­en in ihre Gemein­de­lei­tung und bil­den even­tu­ell Grup­pen mit Gleich­ge­sinn­ten, die eben­falls die­sen oder jenen Inter­net Pas­tor hören.

Das Ergeb­nis ist eine frag­men­tier­te, geschwäch­te Gemein­de, in der nicht mehr Chris­tus und sein Wort das eini­gen­de Zen­trum bil­den, son­dern ver­schie­de­ne mensch­li­che Leh­rer und deren Lehr­sys­te­me. Pau­lus warnt ein­dring­lich vor sol­chen Spal­tun­gen und bezeich­net sie als Zei­chen fleisch­li­cher Gesin­nung in 1. Korin­ther 3,3: “Denn wenn Eifer­sucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleisch­lich und lebt nach Men­schen­wei­se?”

Dabei ist es wich­tig zu beto­nen, dass nicht jede Kri­tik an der eige­nen Gemein­de oder deren Lei­tung ver­werf­lich ist. Es gibt Situa­tio­nen, in denen Gemein­den tat­säch­lich von der bibli­schen Wahr­heit abge­wi­chen sind und in denen Gläu­bi­ge die Pflicht haben, dies anzu­spre­chen oder im äußers­ten Fall sogar die Gemein­de zu ver­las­sen. Die Refor­ma­to­ren haben dies getan, als sie erkann­ten, dass die Kir­che ihrer Zeit fun­da­men­ta­le bibli­sche Wahr­hei­ten ver­las­sen hat­te. Doch die­se Schrit­te müs­sen mit gro­ßer Ernst­haf­tig­keit, nach inten­si­vem Gebet und mit dem ehr­li­chen Ver­such der Kor­rek­tur und des Gesprächs erfol­gen, nicht vor­schnell und nicht aus einer Hal­tung der Über­heb­lich­keit her­aus. Die Anhö­rung von Inter­net Pas­to­ren kann durch­aus dazu füh­ren, dass Chris­ten erken­nen, wo ihre eige­ne Gemein­de Defi­zi­te hat, doch die­se Erkennt­nis soll­te nicht zu Hoch­mut oder zur Spal­tung füh­ren, son­dern zu demü­ti­ger Für­bit­te, zu gedul­di­gem Dia­log und zum Ein­satz für posi­ti­ve Ver­än­de­rung.

Die Fra­ge der Rechen­schaft ist zen­tral für die gesam­te Dis­kus­si­on. Im Neu­en Tes­ta­ment wird durch­ge­hend betont, dass geist­li­che Lei­ter nicht unab­hän­gig ope­rie­ren, son­dern ein­ge­bun­den sind in die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen und rechen­schafts­pflich­tig sowohl gegen­über ande­ren Lei­tern als auch gegen­über der Gemein­de. Petrus ermahnt die Ältes­ten: “Wei­det die Her­de Got­tes, die euch anbe­foh­len ist, nicht gezwun­gen, son­dern frei­wil­lig, wie es Gott gefällt, nicht um schänd­li­chen Gewinns wil­len, son­dern von Her­zens­grund, nicht als Her­ren über die Gemein­de, son­dern als Vor­bil­der der Her­de”, wie wir in 1. Petrus 5,2 lesen.

Ein Inter­net Pas­tor hat jedoch kei­ne kon­kre­te Her­de, die ihm anbe­foh­len ist, und er wird von nie­man­dem dar­an gehin­dert, sich als Herr über sei­ne vir­tu­el­len Anhän­ger auf­zu­spie­len. Die feh­len­de Rechen­schafts­struk­tur macht die­se Form des Diens­tes beson­ders anfäl­lig für Miss­bräu­che und Fehl­ent­wick­lun­gen.

Ein wei­te­res Pro­blem ist die Ten­denz zur Radi­ka­li­sie­rung, die in Online Umge­bun­gen beson­ders stark ist. Men­schen, die haupt­säch­lich Inhal­te kon­su­mie­ren, die eine bestimm­te Sicht­wei­se ver­tre­ten und ver­stär­ken, bewe­gen sich in eine immer extre­me­re Rich­tung. Was zunächst als gesun­de Abgren­zung von fal­scher Leh­re beginnt, ent­wi­ckelt sich all­mäh­lich zu einer Hal­tung der Feind­se­lig­keit und des Miss­trau­ens gegen­über allen, die nicht exakt die­sel­be Posi­ti­on ver­tre­ten. Die Fähig­keit zur Unter­schei­dung geht ver­lo­ren; alles wird schwarz oder weiß, und jede abwei­chen­de Mei­nung wird als Ver­rat an der Wahr­heit gewer­tet. Die­se Dyna­mik ist beson­ders gefähr­lich, weil sie sich selbst als beson­de­re Treue und Stand­haf­tig­keit ver­steht, wäh­rend sie in Wirk­lich­keit eine Kari­ka­tur bibli­schen Chris­ten­tums dar­stellt.

Die Leh­re ist zwei­fel­los wich­tig, und wir müs­sen für die gesun­de Leh­re kämp­fen, wie Judas in sei­nem Brief ermahnt: “Ihr Lie­ben, da es mich drängt, euch zu schrei­ben von unser aller Heil, hal­te ich’s für nötig, euch in mei­nem Brief zu ermah­nen, dass ihr für den Glau­ben kämpft, der ein für alle Mal den Hei­li­gen über­lie­fert ist”, wie wir in Judas 3 lesen. Doch die­ser Kampf muss in der rich­ti­gen Gesin­nung geführt wer­den, näm­lich in Lie­be, Demut und mit dem Ziel der Wie­der­her­stel­lung, nicht der Zer­stö­rung. Pau­lus schreibt in 2. Timo­theus 2,24: “Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streit­süch­tig sein, son­dern freund­lich gegen jeder­mann, im Leh­ren geschickt, der Böses ertra­gen kann und mit Sanft­mut die Wider­spens­ti­gen zurecht­weist.” Die­se Hal­tung fehlt lei­der oft in der Online Welt, wo ein schar­fer Ton und kom­pro­miss­lo­se Urtei­le mehr Auf­merk­sam­keit und Zustim­mung erhal­ten als sanf­te, gedul­di­ge Beleh­rung.

Die Lösung liegt nicht dar­in, das Inter­net und die digi­ta­len Mög­lich­kei­ten zu ver­teu­feln oder Inter­net Pas­to­ren pau­schal zu ver­ur­tei­len. Es gibt durch­aus Män­ner, die ihre Platt­form ver­ant­wor­tungs­voll nut­zen, die ihre Gren­zen ken­nen, die ihre Zuhö­rer zur Ver­bind­lich­keit in der Orts­ge­mein­de ermu­ti­gen und die selbst demü­tig und rechen­schafts­pflich­tig blei­ben. Die­se Män­ner leis­ten einen wert­vol­len Dienst, indem sie bibli­sche Wahr­heit weit­hin ver­brei­ten und Men­schen ermu­ti­gen, die in schwie­ri­gen Gemein­de­si­tua­tio­nen sind oder in Gegen­den leben, wo gesun­de Leh­re rar ist.

Die Lösung liegt viel­mehr dar­in, dass sowohl die Leh­rer als auch die Zuhö­rer die Gefah­ren erken­nen, wach­sam blei­ben und stän­dig prü­fen, ob sie auf dem rech­ten Weg sind. Inter­net Pas­to­ren müs­sen sich bewusst sein, dass ihre Reich­wei­te nicht mit Voll­macht gleich­zu­set­zen ist und dass sie eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung tra­gen für die Art und Wei­se, wie sie ihre Platt­form nut­zen. Sie müs­sen sich selbst Gren­zen set­zen, regel­mä­ßig ihre Moti­ve prü­fen und bereit sein, Kor­rek­tur anzu­neh­men.

Die Zuhö­rer wie­der­um müs­sen ler­nen, zwi­schen legi­ti­mer Wert­schät­zung für einen begab­ten Leh­rer und unge­sun­der Abhän­gig­keit zu unter­schei­den. Sie müs­sen aktiv in einer Orts­ge­mein­de die­nen, auch wenn die­se Gemein­de nicht per­fekt ist, denn kei­ne Gemein­de ist per­fekt, solang Men­schen Teil von ihr sind.

Sie müs­sen das Gehör­te anhand der Schrift prü­fen, ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven ein­ho­len und bereit sein, auch ihre bevor­zug­ten Leh­rer kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Und sie müs­sen sich bewusst sein, dass geist­li­ches Wachs­tum nicht durch das Anhö­ren von Pre­dig­ten allein geschieht, son­dern durch die Umset­zung der Wahr­heit im kon­kre­ten Leben, durch den Dienst an ande­ren, durch per­sön­li­che Stil­le mit Gott und durch die manch­mal müh­sa­me, aber unver­zicht­ba­re Gemein­schaft mit ande­ren feh­ler­haf­ten Chris­ten in der Orts­ge­mein­de.

Am Ende wird vor dem Rich­ter­stuhl Chris­ti nicht ent­schei­dend sein, wel­chen Pre­di­gern wir gefolgt sind, wel­che theo­lo­gi­schen Sys­te­me wir ver­tre­ten haben oder wie viel Wis­sen wir ange­häuft haben. Ent­schei­dend wird sein, ob wir Jesus Chris­tus selbst gefolgt sind, ob wir sein Wort nicht nur gehört, son­dern getan haben, ob wir in der Lie­be gewach­sen sind und ob wir treu waren in den klei­nen, unsicht­ba­ren Din­gen des All­tags, die nie­mand sieht außer Gott.

Die Wor­te Jesu aus Mat­thä­us 7,21 soll­ten uns alle zum Nach­den­ken brin­gen: “Es wer­den nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Him­mel­reich kom­men, son­dern die den Wil­len tun mei­nes Vaters im Him­mel.” Möge Gott uns hel­fen, wei­se zu unter­schei­den, demü­tig zu blei­ben und in allem Chris­tus zu suchen, nicht Men­schen.

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