Die digitale Revolution hat eine neue Kategorie geistlicher Leiterschaft hervorgebracht, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Pastoren wie Olaf Latzel aus Bremen, Tobias Riemenschneider und zahlreiche andere erreichen über das Internet Zehntausende oder gar Hunderttausende von Menschen, die ihre Predigten hören, ihre Lehre studieren und ihre Ansichten übernehmen, ohne jemals persönlich mit diesen Männern in Kontakt zu treten oder Teil ihrer lokalen Gemeinde zu sein. Diese sogenannten Internet Pastoren haben eine Reichweite erlangt, die selbst die bekanntesten Prediger vergangener Jahrhunderte nicht erreichen konnten, und sie üben einen Einfluss aus, der das geistliche Leben unzähliger Christen prägt.
Diese Entwicklung birgt durchaus legitime Möglichkeiten für die Verbreitung biblischer Wahrheit in einer Zeit, in der viele Gemeinden von der gesunden Lehre abgewichen sind, doch sie bringt gleichzeitig Gefahren mit sich, die so schwerwiegend sind, dass wir als verantwortungsbewusste Christen eine ernsthafte Prüfung und kritische Auseinandersetzung nicht länger aufschieben dürfen. Die Frage ist nicht, ob diese Männer aufrichtig sind oder biblisch lehren, sondern ob die Struktur dieser digitalen Nachfolge selbst biblischen Maßstäben entspricht und ob sie nicht unweigerlich zu Verzerrungen führt, die das geistliche Leben der Gläubigen gefährden.
Die Faszination, die von diesen Internet Pastoren ausgeht, ist leicht zu verstehen. In einer Zeit, in der viele evangelikale und freikirchliche Gemeinden zunehmend verweltlichen, ihre Botschaft verwässern und vor unbequemen biblischen Wahrheiten zurückschrecken, bieten Männer wie Latzel und Riemenschneider eine klare, kompromisslose Verkündigung, die sich deutlich von der Zeitgeisttheologie abgrenzt. Sie predigen über Sünde und Buße, warnen vor falschen Lehren, verteidigen biblische Positionen zu Ehe und Sexualität und scheuen sich nicht, auch innerhalb der Christenheit Missstände beim Namen zu nennen.
Für viele Christen, die in ihren eigenen Gemeinden eine solche klare Verkündigung vermissen, werden diese Internet Pastoren zu einer geistlichen Heimat, zu Lehrern, denen sie mehr vertrauen als ihren eigenen Pastoren vor Ort. Sie hören täglich oder wöchentlich die Predigten dieser Männer, diskutieren in Online Gruppen über deren Lehre und entwickeln eine persönliche Bindung, die in vielen Fällen stärker ist als ihre Verbindung zur lokalen Gemeinde. Diese Dynamik ist nicht grundsätzlich verwerflich, denn Gott hat durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder einzelne Männer gebraucht, um seine Wahrheit weithin zu verbreiten, doch sie wird gefährlich, wenn sie die von Gott eingesetzte Ordnung der lokalen Gemeinde untergräbt oder ersetzt.
Die erste und fundamentalste Gefahr liegt in der Tatsache, dass eine digitale Beziehung niemals die persönliche Gemeinschaft und gegenseitige Verantwortung ersetzen kann, die Gott für seine Gemeinde vorgesehen hat. Wenn Paulus in Hebräer 10,24 schreibt: “Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken”, dann beschreibt er eine Gemeinschaft, in der Menschen sich kennen, beobachten, ermutigen und auch zurechtweisen. Diese Art von Gemeinschaft ist nur möglich, wenn wir einander persönlich begegnen, unser tägliches Leben miteinander teilen und die Kämpfe und Siege des Glaubens gemeinsam durchleben.
Ein Internet Pastor kann Lehre vermitteln und durch Predigten ermutigen, aber er kann nicht das Leben seiner Zuhörer beobachten, er kann nicht sehen, ob sie das Gelehrte auch leben, er kann sie nicht persönlich ermahnen, wenn sie vom Weg abkommen, und er kann nicht für sie da sein, wenn sie in konkreten Nöten Hilfe benötigen. Die Gefahr besteht darin, dass Christen sich mit dem Konsum guter Lehre zufriedengeben und meinen, sie würden dadurch geistlich wachsen, während ihr tatsächliches Leben zeigt, dass die Lehre nicht in Taten umgesetzt wird.
Die Bewunderung, die viele Anhänger diesen Internet Pastoren entgegenbringen, offenbart ein weiteres ernsthaftes Problem. Menschen sprechen von ihren bevorzugten Predigern mit einer Ehrfurcht und einem Enthusiasmus, die bedenklich sind. Sie verteidigen diese Männer leidenschaftlich gegen jede Kritik, teilen deren Inhalte mit missionarischem Eifer und definieren ihre eigene geistliche Identität zunehmend über die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Lehrtradition. Wenn jemand sagt, er sei ein Anhänger von Pastor X oder er orientiere sich an der Lehre von Pastor Y, dann ist das ein Warnsignal, denn es erinnert an die Situation in Korinth, die Paulus in seinem ersten Brief ansprechen musste.
In 1. Korinther 1,12 schreibt er: “Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der Dritte: Ich zu Kephas, der Vierte: Ich zu Christus.” Die Reaktion des Paulus auf diese Gruppenbildung ist eindeutig: Er verurteilt sie als fleischlich und als Zeichen geistlicher Unreife. Wenn selbst Paulus, ein Apostel, der direkt von Christus berufen wurde und inspirierte Schriften verfasste, nicht wollte, dass Menschen sich nach ihm benennen, wie viel weniger sollten heutige Prediger, so begabt sie auch sein mögen, eine solche Anhängerschaft akzeptieren oder fördern?
Die Gefahr des Stolzes und des geistlichen Hochmuts ist für Internet Pastoren selbst außerordentlich real und groß. Wenn ein Mann erlebt, dass Tausende oder Zehntausende seine Worte hören, seine Meinung schätzen und ihn als geistliche Autorität anerkennen, erfordert es eine außergewöhnliche Demut und Selbstverleugnung, nicht hochmütig zu werden. Die menschliche Natur neigt dazu, sich durch Anerkennung und Einfluss aufzublähen, und die Geschichte der Kirche ist voll von Beispielen von Männern, die demütig begannen, aber durch wachsende Popularität und fehlende Rechenschaftspflicht stolz und unkorrigierbar wurden.
Jakobus warnt in seinem Brief: “Liebe Brüder, nicht viele von euch sollen Lehrer werden, denn ihr wisst, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden”, wie wir in Jakobus 3,1 lesen. Ein Lehrer, der über das Internet Tausende belehrt, trägt eine noch größere Verantwortung und wird einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen für jeden falschen Gedanken, den er verbreitet hat, für jede Übertreibung, die er geäußert hat, und für jeden Schaden, den er durch mangelnde Weisheit oder unkontrollierte Worte angerichtet hat. Die Frage ist: Wer korrigiert diese Männer, wenn sie Fehler machen? Wer warnt sie, wenn ihr Ton zu hart wird oder ihre Urteile zu vorschnell? Wer hilft ihnen, wenn sie selbst in Versuchung geraten?
Die Struktur der lokalen Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird, beinhaltet immer eine Mehrheit von Ältesten, die gemeinsam leiten, lehren und Entscheidungen treffen. Paulus ordnete in jeder Gemeinde mehrere Älteste an, wie wir in Apostelgeschichte 14,23 lesen: “Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.” Diese Struktur der gemeinsamen Leitung schützt sowohl die Gemeinde als auch die Leiter selbst vor den Gefahren der Alleingänge und der unkontrollierten Machtausübung.
Doch selbst in unseren Gemeinden – sogar unter den Ältesten – beobachten wir zunehmend eine gefährliche Entwicklung: Statt einer echten gemeinsamen Leitung entsteht eine Art „Gleichschaltung“ hin zum Pastor. Kaum jemand wagt es, zu widersprechen oder kritische Fragen zu stellen. Aus Furcht vor Autorität, aus Sorge, als illoyal zu gelten, oder aus dem Wunsch nach Harmonie schweigen viele, obwohl sie Verantwortung tragen. Doch genau das widerspricht dem biblischen Bild von Ältesten, die gemeinsam wachen, prüfen, korrigieren und einander ergänzen. Wo alle nur nicken, verliert die Gemeinde ihren Schutz, und der Pastor selbst wird der Versuchung ausgesetzt, unkontrollierte Macht auszuüben.
Geistliche Leitung braucht Mut, Demut und gegenseitige Rechenschaft – nicht blinde Gefolgschaft.
Ein Internet Pastor operiert jedoch weitgehend unabhängig von solchen Strukturen. Selbst wenn er selbst in seiner eigenen lokalen Gemeinde rechenschaftspflichtig ist, gibt es niemanden, der seine digitale Reichweite und seinen Einfluss auf Tausende von Menschen überwacht, die nicht zu seiner Gemeinde gehören. Er wird zum selbsternannten Lehrer für eine virtuelle Herde, die niemand weidet, niemand kennt und niemand beschützt.
Eine weitere ernste Gefahr liegt in der selektiven Wahrnehmung und einseitigen Ausrichtung, die oft mit der Anhängerschaft von Internet Pastoren einhergeht. Menschen, die einen bestimmten Prediger besonders schätzen, neigen dazu, dessen Schwerpunkte zu übernehmen, seine Kampfthemen zu ihren eigenen zu machen und seine Betonungen als den Maßstab biblischer Wahrheit zu betrachten. Wenn ein Pastor besonders gegen bestimmte Irrlehren oder gesellschaftliche Entwicklungen predigt, dann werden seine Anhänger oft von denselben Themen beherrscht, während andere, ebenso wichtige biblische Wahrheiten vernachlässigt werden.
Das Ergebnis ist ein verzerrtes, unausgewogenes Christentum, das zwar in bestimmten Bereichen sehr wachsam und standhaft ist, in anderen aber blind oder gleichgültig bleibt. Die vollständige Lehre der Schrift umfasst weit mehr als die Verteidigung gegen bestimmte Irrlehren oder die Abgrenzung von der Welt. Sie beinhaltet auch die positive Entfaltung des christlichen Lebens in allen seinen Dimensionen: Anbetung, Dienst, Nächstenliebe, Evangelisation, geistliches Wachstum, Leidensbereitschaft und die Hoffnung auf Christi Wiederkunft.
Die Gefahr der Täuschung besteht nicht nur darin, dass Internet Pastoren andere täuschen könnten, sondern auch darin, dass sie sich selbst täuschen. Ein Mann, der vor einer Kamera predigt oder in ein Mikrofon spricht, erhält nicht die unmittelbare Rückmeldung, die ein Pastor in einer lokalen Gemeinde bekommt. Er sieht nicht die Gesichter der Menschen, die seinen Worten lauschen, er nimmt nicht wahr, wenn jemand verwirrt, verletzt oder entmutigt ist, und er erfährt oft nicht, welche Auswirkungen seine Worte im Leben konkreter Menschen haben. Diese Distanz kann dazu führen, dass ein Prediger zunehmend in seiner eigenen Gedankenwelt lebt, seine Themen immer weiter zuspitzt und die Bodenhaftung verliert.
Spurgeon, einer der größten Prediger des 19. Jahrhunderts, sagte einmal: “Ein Prediger, der nicht mit den Nöten seiner Gemeindeglieder vertraut ist, wird bald zu einem theoretischen Theologen, der an der Realität des christlichen Lebens vorbeidenkt.” Diese Gefahr ist für Internet Pastoren noch größer, weil sie keine konkrete Gemeinde haben, deren Nöte sie kennen und in deren Leben sie involviert sind.
Die Verführung zur Selbstgerechtigkeit ist ein weiteres subtiles, aber verheerendes Problem, das mit der Anhängerschaft von Internet Pastoren einhergehen kann. Wenn Christen sich hauptsächlich mit Predigten beschäftigen, die Irrlehren anprangern, vor falschen Lehrern warnen und die Abweichungen anderer Christen oder Gemeinden kritisieren, dann entwickeln sie leicht eine pharisäische Haltung. Sie beginnen, sich selbst als die Treuen, die Rechtgläubigen und die Standhaften zu sehen, während sie auf andere herabblicken, die nicht dieselbe Erkenntnis oder denselben Eifer haben.
Jesus erzählte das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, um genau vor dieser Haltung zu warnen. Der Pharisäer betete: “Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner”, wie wir in Lukas 18,11 lesen. Jesus kommentiert, dass dieser Mann nicht gerechtfertigt nach Hause ging, im Gegensatz zum Zöllner, der nur beten konnte: “Gott, sei mir Sünder gnädig.”
Eine Frömmigkeit, die sich durch Abgrenzung und Kritik definiert und nicht durch Demut und Gnade, ist keine biblische Frömmigkeit, sondern Pharisäertum.
Die Frage der Täuschung wird noch komplexer, wenn wir bedenken, dass auch aufrichtige, bibeltreue Männer Fehler machen und in bestimmten Bereichen falsch liegen können. Niemand außer Christus selbst besitzt die vollständige Wahrheit oder ist frei von blinden Flecken. Paulus selbst, obwohl von Gott berufen und inspiriert, musste von Petrus zurechtgewiesen werden, als dieser aus Menschenfurcht heuchelte, wie wir in Galater 2,11 lesen: “Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn.”
Wenn selbst ein Apostel korrigiert werden musste, wie viel mehr können heutige Prediger, so begabt und gelehrt sie auch sein mögen, in Irrtum fallen? Das Problem entsteht, wenn ihre Anhänger sie so sehr idealisieren, dass sie jede Kritik als Angriff auf die Wahrheit selbst betrachten und nicht bereit sind, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ihr bevorzugter Lehrer in bestimmten Punkten falsch liegen könnte.
Die biblische Aufforderung zur Prüfung gilt ausnahmslos für alle menschlichen Lehrer, unabhängig davon, wie bekannt, gelehrt oder orthodoxietreu sie sind. Paulus lobte die Beröer, weil sie das Wort täglich forschten, ob sich’s so verhielte, wie er sie lehrte, wie in Apostelgeschichte 17,11 berichtet wird. Johannes ermahnt die Gemeinde: “Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind, denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt”, wie wir in 1. Johannes 4,1 lesen.
Diese Prüfung ist nicht ein Zeichen von Misstrauen oder Rebellion, sondern von geistlicher Reife und Verantwortung. Wenn wir einem Lehrer blind folgen, ohne seine Aussagen anhand der Schrift zu prüfen, dann haben wir unsere geistliche Verantwortung aufgegeben und uns unter menschliche Autorität gestellt, wo nur Christus und sein Wort Autorität haben sollten.
Die Gefahr des geistlichen Konsums ohne persönliche Jüngerschaft ist ein weiteres kritisches Problem. Viele Christen hören täglich Predigten von Internet Pastoren, lesen deren Bücher und Artikel und fühlen sich dadurch geistlich genährt, ohne jedoch selbst in eine verbindliche Jüngerschaftsbeziehung eingebunden zu sein. Sie konsumieren geistliche Inhalte wie Unterhaltung, ohne dass jemand nachfragt, ob sie das Gehörte auch umsetzen, ob ihr Leben mit ihrer Erkenntnis übereinstimmt und ob sie in der Liebe und im Glauben wachsen.
Jesus rief nicht dazu auf, nur seine Worte zu hören, sondern sie zu tun. In Matthäus 7,24 sagt er: “Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.”
Das Hören allein, ohne das Tun, führt zu Selbsttäuschung und zum geistlichen Ruin.
Eine lokale Gemeinde, in der Menschen einander kennen und in das Leben des anderen involviert sind, bietet die Möglichkeit, das Gehörte in die Praxis umzusetzen und dabei begleitet, ermutigt und korrigiert zu werden. Diese Dimension fehlt bei der rein digitalen Nachfolge.
Die Verantwortung liegt jedoch nicht nur bei den Konsumenten, sondern auch bei den Internet Pastoren selbst. Ein verantwortungsbewusster Lehrer wird seine Zuhörer immer wieder daran erinnern, dass er ihre lokalen Pastoren nicht ersetzen kann und will, dass sie Teil einer lebendigen Ortsgemeinde sein müssen und dass die persönliche Gemeinschaft mit anderen Gläubigen unersetzlich ist. Er wird seine eigenen Grenzen anerkennen, bereit sein, Fehler zuzugeben, und sich bewusst sein, dass seine Worte eine Macht haben, die auch missbraucht oder falsch verstanden werden kann.
Ein verantwortungsloser Lehrer hingegen wird die Abhängigkeit seiner Anhänger fördern, Kritik an seiner Person als Angriff auf die Wahrheit darstellen und sich selbst als unverzichtbare geistliche Instanz positionieren. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Haltungen ist entscheidend, aber für Außenstehende oft schwer zu erkennen, weil beide auf den ersten Blick ähnlich klingen können.
Die Gefahr der Spaltung ist ein weiteres ernsthaftes Problem, das mit der Anhängerschaft von Internet Pastoren einhergeht. Wenn Gemeindeglieder beginnen, die Lehre ihres Internet Pastors als Maßstab zu nehmen und ihre eigene Gemeinde und deren Leitung daran zu messen, entstehen Konflikte und Spannungen. Sie kritisieren die Predigten ihres örtlichen Pastors, weil sie nicht so klar, so tiefgehend oder so kompromisslos sind wie die Predigten ihres bevorzugten Internet Predigers. Sie ziehen sich zurück, verlieren das Vertrauen in ihre Gemeindeleitung und bilden eventuell Gruppen mit Gleichgesinnten, die ebenfalls diesen oder jenen Internet Pastor hören.
Das Ergebnis ist eine fragmentierte, geschwächte Gemeinde, in der nicht mehr Christus und sein Wort das einigende Zentrum bilden, sondern verschiedene menschliche Lehrer und deren Lehrsysteme. Paulus warnt eindringlich vor solchen Spaltungen und bezeichnet sie als Zeichen fleischlicher Gesinnung in 1. Korinther 3,3: “Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise?”
Dabei ist es wichtig zu betonen, dass nicht jede Kritik an der eigenen Gemeinde oder deren Leitung verwerflich ist. Es gibt Situationen, in denen Gemeinden tatsächlich von der biblischen Wahrheit abgewichen sind und in denen Gläubige die Pflicht haben, dies anzusprechen oder im äußersten Fall sogar die Gemeinde zu verlassen. Die Reformatoren haben dies getan, als sie erkannten, dass die Kirche ihrer Zeit fundamentale biblische Wahrheiten verlassen hatte. Doch diese Schritte müssen mit großer Ernsthaftigkeit, nach intensivem Gebet und mit dem ehrlichen Versuch der Korrektur und des Gesprächs erfolgen, nicht vorschnell und nicht aus einer Haltung der Überheblichkeit heraus. Die Anhörung von Internet Pastoren kann durchaus dazu führen, dass Christen erkennen, wo ihre eigene Gemeinde Defizite hat, doch diese Erkenntnis sollte nicht zu Hochmut oder zur Spaltung führen, sondern zu demütiger Fürbitte, zu geduldigem Dialog und zum Einsatz für positive Veränderung.
Die Frage der Rechenschaft ist zentral für die gesamte Diskussion. Im Neuen Testament wird durchgehend betont, dass geistliche Leiter nicht unabhängig operieren, sondern eingebunden sind in die Gemeinschaft der Gläubigen und rechenschaftspflichtig sowohl gegenüber anderen Leitern als auch gegenüber der Gemeinde. Petrus ermahnt die Ältesten: “Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde”, wie wir in 1. Petrus 5,2 lesen.
Ein Internet Pastor hat jedoch keine konkrete Herde, die ihm anbefohlen ist, und er wird von niemandem daran gehindert, sich als Herr über seine virtuellen Anhänger aufzuspielen. Die fehlende Rechenschaftsstruktur macht diese Form des Dienstes besonders anfällig für Missbräuche und Fehlentwicklungen.
Ein weiteres Problem ist die Tendenz zur Radikalisierung, die in Online Umgebungen besonders stark ist. Menschen, die hauptsächlich Inhalte konsumieren, die eine bestimmte Sichtweise vertreten und verstärken, bewegen sich in eine immer extremere Richtung. Was zunächst als gesunde Abgrenzung von falscher Lehre beginnt, entwickelt sich allmählich zu einer Haltung der Feindseligkeit und des Misstrauens gegenüber allen, die nicht exakt dieselbe Position vertreten. Die Fähigkeit zur Unterscheidung geht verloren; alles wird schwarz oder weiß, und jede abweichende Meinung wird als Verrat an der Wahrheit gewertet. Diese Dynamik ist besonders gefährlich, weil sie sich selbst als besondere Treue und Standhaftigkeit versteht, während sie in Wirklichkeit eine Karikatur biblischen Christentums darstellt.
Zur Erinnerung: Jesus hatte die schärfsten Worte nicht für offensichtliche Sünder, sondern für die religiöse Elite, die zwar äußerlich fromm war, aber innerlich voller Hochmut, Härte und Lieblosigkeit.
Die Lehre ist zweifellos wichtig, und wir müssen für die gesunde Lehre kämpfen, wie Judas in seinem Brief ermahnt: “Ihr Lieben, da es mich drängt, euch zu schreiben von unser aller Heil, halte ich’s für nötig, euch in meinem Brief zu ermahnen, dass ihr für den Glauben kämpft, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist”, wie wir in Judas 3 lesen. Doch dieser Kampf muss in der richtigen Gesinnung geführt werden, nämlich in Liebe, Demut und mit dem Ziel der Wiederherstellung, nicht der Zerstörung. Paulus schreibt in 2. Timotheus 2,24: “Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist.” Diese Haltung fehlt leider oft in der Online Welt, wo ein scharfer Ton und kompromisslose Urteile mehr Aufmerksamkeit und Zustimmung erhalten als sanfte, geduldige Belehrung.
Die Lösung liegt nicht darin, das Internet und die digitalen Möglichkeiten zu verteufeln oder Internet Pastoren pauschal zu verurteilen. Es gibt durchaus Männer, die ihre Plattform verantwortungsvoll nutzen, die ihre Grenzen kennen, die ihre Zuhörer zur Verbindlichkeit in der Ortsgemeinde ermutigen und die selbst demütig und rechenschaftspflichtig bleiben. Diese Männer leisten einen wertvollen Dienst, indem sie biblische Wahrheit weithin verbreiten und Menschen ermutigen, die in schwierigen Gemeindesituationen sind oder in Gegenden leben, wo gesunde Lehre rar ist.
Die Lösung liegt vielmehr darin, dass sowohl die Lehrer als auch die Zuhörer die Gefahren erkennen, wachsam bleiben und ständig prüfen, ob sie auf dem rechten Weg sind. Internet Pastoren müssen sich bewusst sein, dass ihre Reichweite nicht mit Vollmacht gleichzusetzen ist und dass sie eine besondere Verantwortung tragen für die Art und Weise, wie sie ihre Plattform nutzen. Sie müssen sich selbst Grenzen setzen, regelmäßig ihre Motive prüfen und bereit sein, Korrektur anzunehmen.
Die Zuhörer wiederum müssen lernen, zwischen legitimer Wertschätzung für einen begabten Lehrer und ungesunder Abhängigkeit zu unterscheiden. Sie müssen aktiv in einer Ortsgemeinde dienen, auch wenn diese Gemeinde nicht perfekt ist, denn keine Gemeinde ist perfekt, solang Menschen Teil von ihr sind.
Sie müssen das Gehörte anhand der Schrift prüfen, verschiedene Perspektiven einholen und bereit sein, auch ihre bevorzugten Lehrer kritisch zu hinterfragen. Und sie müssen sich bewusst sein, dass geistliches Wachstum nicht durch das Anhören von Predigten allein geschieht, sondern durch die Umsetzung der Wahrheit im konkreten Leben, durch den Dienst an anderen, durch persönliche Stille mit Gott und durch die manchmal mühsame, aber unverzichtbare Gemeinschaft mit anderen fehlerhaften Christen in der Ortsgemeinde.
Am Ende wird vor dem Richterstuhl Christi nicht entscheidend sein, welchen Predigern wir gefolgt sind, welche theologischen Systeme wir vertreten haben oder wie viel Wissen wir angehäuft haben. Entscheidend wird sein, ob wir Jesus Christus selbst gefolgt sind, ob wir sein Wort nicht nur gehört, sondern getan haben, ob wir in der Liebe gewachsen sind und ob wir treu waren in den kleinen, unsichtbaren Dingen des Alltags, die niemand sieht außer Gott.
Die Worte Jesu aus Matthäus 7,21 sollten uns alle zum Nachdenken bringen: “Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.” Möge Gott uns helfen, weise zu unterscheiden, demütig zu bleiben und in allem Christus zu suchen, nicht Menschen.
