Wenn Christen sagen „Ich liebe dich trotzdem!”, klingt das für viele Außenstehende wie eine leere Floskel, eine religiöse Worthülse ohne echte Substanz. Besonders wenn diese Worte nach einem moralischen Konflikt fallen oder wenn deutliche Meinungsverschiedenheiten im Raum stehen, wirkt diese Aussage für manche befremdlich oder sogar heuchlerisch. In einer Gesellschaft, die zunehmend polarisiert ist und in der Menschen schnell in Lager eingeteilt werden, klingt die christliche Behauptung, selbst Feinde zu lieben, entweder naiv oder unaufrichtig. Doch hinter diesem „trotzdem” verbirgt sich einer der radikalsten und anspruchsvollsten Aufträge, den Jesus seinen Nachfolgern je gegeben hat: die Feindesliebe. Es lohnt sich, dieser Thematik ausführlich nachzugehen, um zu verstehen, was diese Liebe wirklich bedeutet, wie sie sich von menschlicher Sympathie unterscheidet und ob ein Mensch überhaupt fähig ist, so zu lieben wie Jesus Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist.
Was ist Feindesliebe wirklich? Eine biblische Definition
Feindesliebe ist weit mehr als ein freundliches Lächeln oder eine oberflächliche Toleranz. Sie ist keine bloße Duldung des Anderen oder ein nachsichtiges Schulterzucken angesichts von Ablehnung oder Feindschaft. Jesus selbst definiert sie in der Bergpredigt unmissverständlich und radikal: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid” (Matthäus 5,43–45). Mit diesen Worten stellt Jesus die damals gängige religiöse und kulturelle Praxis auf den Kopf. Während das alttestamentliche Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” (3. Mose 19,18) bereits revolutionär war, ging die rabbinische Auslegung zur Zeit Jesu oft davon aus, dass der „Nächste” primär der Volksgenosse, der Glaubensbruder war. Die Vorstellung, auch den Feind zu hassen, war nicht unbedingt ein biblisches Gebot, sondern vielmehr eine menschliche Schlussfolgerung: Wenn ich meinen Nächsten lieben soll, dann darf ich logischerweise meinen Feind hassen.
Jesus durchbricht diese Logik radikal. Er fordert nicht weniger als eine Liebe, die alle natürlichen, kulturellen und religiösen Grenzen sprengt. Diese Liebe ist keine emotionale Zuneigung, die wir auf Knopfdruck erzeugen können, sondern eine bewusste Entscheidung des Willens. Sie bedeutet, dem anderen trotz seiner Ablehnung, seiner Sünde oder seiner Feindschaft mit Wohlwollen, Respekt und dem aufrichtigen Wunsch nach seinem Besten zu begegnen.
Es geht nicht darum, dass wir ein warmes Gefühl für jemanden entwickeln müssen, der uns schadet oder verachtet, sondern darum, dass wir ihm aktiv Gutes tun und für sein Wohl beten, selbst wenn unser Herz zunächst dagegen rebelliert.
Die Feindesliebe unterscheidet sich grundlegend von menschlicher Sympathie oder natürlicher Zuneigung. Während wir natürlicherweise jene lieben, die uns nahestehen oder uns Gutes tun, fordert Jesus eine Liebe, die über diese natürlichen Grenzen hinausgeht. „Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?” (Matthäus 5,46–47). Mit anderen Worten: Die Liebe zu jenen, die uns lieben, ist selbstverständlich und erfordert keine besondere geistliche Reife. Sogar Menschen, die Gott nicht kennen, sind zu dieser Art von Liebe fähig. Feindesliebe hingegen ist das Erkennungszeichen einer übernatürlichen, von Gott geschenkten Liebe. Sie zeigt, dass der Handelnde nicht aus menschlicher Berechnung oder emotionaler Sympathie agiert, sondern aus einer göttlichen Quelle schöpft.
Die Sünde ablehnen und den Sünder dennoch lieben: Ein scheinbarer Widerspruch?
Hier liegt eine der größten Herausforderungen christlicher Ethik und zugleich eine der am häufigsten missverstandenen Dimensionen christlichen Glaubens: Wie kann ich die Sünde radikal ablehnen und gleichzeitig den Menschen bedingungslos lieben? Ist das nicht ein fundamentaler Widerspruch? Wie kann ich jemandem sagen, dass sein Verhalten falsch ist, und ihm gleichzeitig versichern, dass ich ihn liebe? Wirkt das nicht heuchlerisch, bevormundend oder selbstgerecht?
Oberflächlich betrachtet mag es tatsächlich so scheinen, als ob diese beiden Haltungen unvereinbar wären. Doch biblisch gesehen ist genau diese Unterscheidung das Herzstück christlicher Liebe und der Schlüssel zu einem Leben in der Nachfolge Jesu. Gott selbst ist das vollkommene Beispiel dafür. Der vielleicht bekannteste Vers der Bibel drückt dies aus: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben” (Johannes 3,16). Dieser Vers offenbart die unfassbare Liebe Gottes zur gefallenen Menschheit. Und doch ist diese Liebe nicht blind gegenüber der Realität der Sünde. Im Gegenteil: Gerade weil Gott die Sünde in ihrer ganzen Zerstörungskraft erkennt, weil er sieht, wie sie den Menschen von ihm trennt und ins Verderben führt, gibt er seinen Sohn, um die Menschheit zu retten.
Gott liebt den Menschen leidenschaftlich, während er gleichzeitig die Sünde hasst, die den Menschen von ihm trennt und zerstört. Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretisch, sondern zutiefst praktisch. Sie bedeutet, dass Gott niemals die Person mit ihrer Tat verwechselt. Der Mensch ist nach biblischer Lehre als Ebenbild Gottes geschaffen (1. Mose 1,27), mit unendlichem Wert und unveräußerlicher Würde ausgestattet. Keine Sünde, so schwer sie auch sein mag, kann diese grundlegende Würde auslöschen. Gleichzeitig ist die Sünde eine Rebellion gegen Gott, eine Verfehlung seiner guten Ordnung, die Tod und Zerstörung mit sich bringt. Römer 6,23 macht dies deutlich: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.”
Die Sünde abzulehnen bedeutet also nicht, den Menschen zu verurteilen oder ihm die Liebe zu entziehen. Vielmehr bedeutet es, das Verhalten klar zu benennen, das gegen Gottes gute Ordnung verstößt, ohne dabei die Würde und den Wert des Menschen aus den Augen zu verlieren. Es bedeutet, die Wahrheit in Liebe zu sagen (Epheser 4,15). Jesus demonstrierte dies eindrücklich in seiner Begegnung mit der Ehebrecherin. Als die Pharisäer und Schriftgelehrten eine Frau zu ihm brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war, und ihn fragten, ob sie gesteinigt werden sollte, antwortete Jesus mit der berühmten Aufforderung: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie” (Johannes 8,7). Einer nach dem anderen verließen die Ankläger die Szene, bis Jesus allein mit der Frau war. Und dann sagt er zu ihr: „Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr” (Johannes 8,10–11).
Diese Begegnung ist beispielhaft für die christliche Haltung gegenüber Sünde und Sünder. Jesus verurteilt die Frau nicht. Er verteidigt sie gegen die selbstgerechten Ankläger. Er zeigt ihr Barmherzigkeit und Gnade. Aber er beschönigt auch nicht ihre Sünde. Er sagt nicht: „Was du getan hast, ist völlig in Ordnung, mach ruhig weiter so.” Stattdessen ruft er sie zur Umkehr: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.” Er liebt die Frau so sehr, dass er sie zur Veränderung auffordert, weil er ihr Bestes will. Er weiß, dass die Sünde sie zerstören wird, wenn sie darin verharrt. Seine Liebe zeigt sich gerade darin, dass er ihr die Wahrheit sagt und sie zu einem neuen Leben einlädt.
Die Spannung zwischen Wahrheit und Liebe
In unserer heutigen Gesellschaft wird oft ein falscher Gegensatz aufgebaut. Entweder man liebt bedingungslos und akzeptiert alles, oder man hält an moralischen Standards fest und wird als lieblos, intolerant oder bigott abgestempelt. Doch diese Alternative ist eine Falle. Wahre Liebe und Wahrheit sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Liebe ohne Wahrheit wird zur sentimentalen Beliebigkeit, die dem anderen letztlich schadet, weil sie ihn in seinem zerstörerischen Verhalten bestätigt. Wahrheit ohne Liebe wird zur harten, kalten Rechthaberei, die Menschen verletzt und abstößt, statt sie zu Gott zu führen.
Paulus schreibt in Epheser 4,15: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.” Das griechische Wort, das hier mit „wahrhaftig sein” übersetzt wird, bedeutet wörtlich „die Wahrheit sagen” oder „in der Wahrheit leben”. Die Liebe, zu der Christen berufen sind, ist also eine Liebe, die in der Wahrheit verwurzelt ist. Sie verschweigt nicht die Realität der Sünde, aber sie begegnet dem Sünder mit der Barmherzigkeit und Gnade, die Gott uns selbst entgegengebracht hat.
Diese Balance zu finden, ist eine der größten Herausforderungen im christlichen Leben. Wie kann ich meinem homosexuell lebenden Freund sagen, dass ich nach biblischem Verständnis seine Lebensweise für sündhaft halte, ohne dass er sich von mir verurteilt oder abgelehnt fühlt? Wie kann ich meiner Kollegin, die eine Abtreibung erwägt, die Heiligkeit des ungeborenen Lebens vor Augen führen, ohne sie in ihrer schwierigen Situation allein zu lassen? Wie kann ich meinem Familienmitglied, das in Lüge und Betrug verstrickt ist, die Wahrheit sagen, ohne die Beziehung zu zerstören?
Es gibt keine einfachen Formeln für diese Situationen. Aber die biblische Anweisung ist klar: Wir sind berufen, die Wahrheit in Liebe zu sagen. Das bedeutet, dass wir nicht mit erhobenem Zeigefinger und selbstgerechter Haltung auftreten, sondern in Demut, im Bewusstsein unserer eigenen Sündhaftigkeit und mit echtem Mitgefühl für den anderen. Es bedeutet auch, dass wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, wenn unsere Liebe abgelehnt wird.
Denn wahre Liebe ist nicht manipulativ. Sie zwingt den anderen nicht zur Veränderung, sondern lädt ihn ein und bleibt an seiner Seite, selbst wenn er die Einladung ausschlägt.
Kann der Mensch so lieben wie Jesus? Die Grenzen menschlicher Liebe
Nun kommen wir zur entscheidenden und vielleicht ernüchterndsten Frage: Kann ein Mensch wirklich so lieben wie Jesus, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist? Kann ein gefallener, sündiger Mensch, dessen Herz oft von Egoismus, Stolz und Verletzungen geprägt ist, eine Liebe leben, die Feinde segnet, Verfolger mit Wohlwollen begegnet und die Sünde hasst, während sie den Sünder liebt?
Die ehrliche, biblische Antwort lautet: Aus eigener Kraft nicht. Unsere menschliche Liebe ist begrenzt, verletzlich und oft an Bedingungen geknüpft. Wir lieben leichter jene, die uns sympathisch sind, die unsere Werte teilen, die uns Gutes tun. Und wir kämpfen damit, ja, wir sind oft schlicht unfähig dazu, jenen Gutes zu wünschen, die uns verletzt, verraten, verleumdet oder angegriffen haben. Das ist die brutale Realität unserer gefallenen Natur. Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach” (Matthäus 26,41). Wir mögen den Willen haben, unsere Feinde zu lieben, aber unsere menschliche Natur rebelliert dagegen.
Der Prophet Jeremia beschreibt die Verdorbenheit des menschlichen Herzens drastisch: „Abgründig ist das menschliche Herz, beispiellos und unverbesserlich. Wer kann es durchschauen?” (Jeremia 17,9). Auch Paulus ringt in seinem Brief an die Römer mit dieser inneren Zerrissenheit: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meiner Natur, nichts Gutes wohnt. Es fehlt mir nicht am Wollen, aber ich bringe es nicht fertig, das Gute zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht will.” (Römer 7,18–19). Diese Worte beschreiben die existenzielle Krise jedes Menschen, der ernsthaft versucht, nach göttlichen Maßstäben zu leben. Wir erkennen, was richtig ist, wir wollen es tun, aber wir scheitern immer wieder.
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass unsere Liebe oft sehr begrenzt ist. Wir vergeben vielleicht oberflächlich, aber im Herzen hegen wir Groll. Wir sagen „Ich liebe dich trotzdem”, aber in Wahrheit ziehen wir uns emotional zurück oder erinnern den anderen bei jeder Gelegenheit an sein Fehlverhalten. Wir beten vielleicht für unsere Feinde, aber im selben Atemzug hoffen wir insgeheim, dass Gott sie zurechtweist oder bestraft. Unsere Liebe ist durchsetzt von Stolz, von dem Wunsch nach Selbstrechtfertigung, von der Unfähigkeit, wirklich loszulassen und dem anderen das Beste zu wünschen.
Die übernatürliche Quelle christlicher Liebe
Doch die biblische Botschaft endet nicht bei unserer Unfähigkeit. Im Gegenteil, sie beginnt dort erst richtig. Denn das Evangelium ist ja gerade die frohe Botschaft, dass Gott uns nicht in unserer Schwäche und Sünde belässt, sondern uns durch seinen Heiligen Geist verwandelt und befähigt zu einem Leben, das aus eigener Kraft unmöglich wäre. Paulus schreibt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist” (Römer 5,5). Die Feindesliebe, zu der Christen berufen sind, ist keine menschliche Leistung, die wir durch Willenskraft oder moralische Anstrengung hervorbringen, sondern eine göttliche Gabe, die Gott selbst in uns wirkt.
Der Heilige Geist, der in jedem wiedergeborenen Christen wohnt und wohnen sollte, ist die Quelle dieser übernatürlichen Liebe. Er ist es, der uns befähigt, über unsere natürlichen Grenzen hinauszugehen. Er ist es, der unser steinernes Herz in ein Herz aus Fleisch verwandelt (Hesekiel 36,26). Er ist es, der die Früchte des Geistes in unserem Leben hervorbringt, und an erster Stelle steht: Liebe (Galater 5,22). Diese Liebe ist nicht unsere eigene Leistung, sondern Gottes Werk in uns.
Jesus selbst sagt: „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun” (Johannes 15,5). Die Verbindung zu Christus, das Bleiben in ihm, ist also die unverzichtbare Voraussetzung für ein Leben in echter, göttlicher Liebe. Wenn wir versuchen, aus eigener Kraft unsere Feinde zu lieben, werden wir scheitern und frustriert aufgeben. Aber wenn wir in enger Gemeinschaft mit Jesus leben, wenn wir täglich seine Gnade empfangen, wenn wir uns von seinem Geist leiten lassen, dann geschieht etwas Übernatürliches: Seine Liebe fließt durch uns hindurch zu anderen Menschen, auch zu unseren Feinden.
Das bedeutet konkret: Wir müssen anerkennen, dass wir ohne Gottes Hilfe unfähig sind zur Feindesliebe. Diese Demut ist der erste Schritt. Dann müssen wir uns bewusst und kontinuierlich mit Christus verbinden durch Gebet, durch das Studium seines Wortes, durch den Gottesdienst, durch die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.
Und wir müssen uns täglich dafür entscheiden, dem Heiligen Geist Raum zu geben in unserem Leben, unseren Stolz, unsere Verletzungen, unseren Groll ihm hinzulegen und ihn zu bitten, seine Liebe in uns zu entfachen.
Das Vorbild Jesu: Feindesliebe bis ans Kreuz
Jesus ist nicht nur derjenige, der uns zur Feindesliebe auffordert, er ist auch derjenige, der sie in vollkommener Weise vorgelebt hat. Sein gesamtes Leben war ein Zeugnis dieser radikalen Liebe, aber nirgendwo wird sie deutlicher als in seinem Tod am Kreuz. Paulus schreibt: „Denn der Messias ist schon damals, als wir noch ohnmächtig der Sünde ausgeliefert waren, für uns gottlose Menschen gestorben. Nun wird sich kaum jemand finden, der für einen Gerechten stirbt; eher noch würde sich jemand für eine gute Sache opfern. Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren” (Römer 5,6–8).
Beachten wir die Zeitangabe: „als wir noch Sünder waren”, „als wir noch schwach waren”, „für uns Gottlose”. Jesus starb nicht für Menschen, die ihn liebten, die seine Anhänger waren, die sein Opfer zu schätzen wussten. Er starb für Menschen, die in Rebellion gegen Gott lebten, die ihn ablehnten, die nichts von ihm wissen wollten. Mehr noch: Er starb für die Menschen, die ihn aktiv verfolgten, verhöhnten und kreuzigten. Am Kreuz hängend, unter unsäglichen Schmerzen, betete Jesus für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun” (Lukas 23,34).
Das ist keine Floskel. Das ist keine religiöse Phrase, die man aufsagt, weil es sich so gehört. Das ist die radikalste Form von Feindesliebe, die je gelebt wurde. Jesus lehnte die Sünde der Menschen nicht nur ab, er trug ihre Konsequenzen am eigenen Leib. „Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt” (1. Petrus 2,24). Jesus liebte die Sünder so sehr, dass er freiwillig die Strafe auf sich nahm, die eigentlich ihnen gebührte. Er nahm ihren Platz ein. Er starb ihren Tod. Und all das, während sie noch in Sünde lebten, während sie ihn ablehnten, während sie seine Feinde waren.
Diese Liebe Jesu ist der Maßstab und zugleich die Quelle unserer eigenen Liebe. Wir können nur deshalb unsere Feinde lieben, weil Christus uns zuerst geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren. Johannes schreibt: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt” (1. Johannes 4,19). Unsere Feindesliebe ist also immer eine Antwort auf die Liebe, die Gott uns in Christus erwiesen hat. Sie ist ein Echo, ein Widerhall der göttlichen Liebe, die wir empfangen haben.
Praktische Umsetzung: Feindesliebe im Alltag
Wie kann diese hochtheologische Wahrheit nun im konkreten Alltag eines Christen Gestalt annehmen? Wie sieht Feindesliebe praktisch aus, wenn wir morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, in unseren Familien leben, in der Gemeinde dienen und in einer oft feindseligen Welt unterwegs sind?
Zunächst beginnt Feindesliebe mit der ehrlichen Anerkennung unserer eigenen Unfähigkeit und der bewussten Abhängigkeit von Gottes Gnade. Wir müssen aufhören, so zu tun, als könnten wir aus eigener Kraft lieben wie Jesus. Wir müssen jeden Morgen neu zu Gott kommen und sagen:
„Herr, ich kann das nicht. Aber du kannst. Bitte schenke mir heute deine Liebe für die Menschen, denen ich begegnen werde, auch für jene, die mich ablehnen oder mir feindlich gesinnt sind.”
Dann geht es um konkrete Schritte. Feindesliebe zeigt sich im täglichen Gebet für jene, die uns feindlich gesinnt sind. Jesus sagt ausdrücklich: „Betet für die, die euch verfolgen” (Matthäus 5,44). Das Gebet für unsere Feinde verändert zunächst einmal unser eigenes Herz. Es ist schwer, jemanden weiterhin zu hassen, für den wir regelmäßig beten. Wenn wir Gott bitten, unserem Feind zu segnen, ihm Gutes zu tun, ihn zur Erkenntnis der Wahrheit zu führen, dann geschieht etwas in unserem Inneren. Unser Groll wird aufgeweicht, unsere Verbitterung weicht, unser Herz wird weicher.
Feindesliebe zeigt sich auch in der Entscheidung, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Paulus schreibt: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr” (Römer 12,17–19).
Wenn uns jemand beleidigt, verletzt oder ungerecht behandelt, ist unsere natürliche Reaktion, zurückzuschlagen, uns zu verteidigen, es dem anderen heimzuzahlen. Feindesliebe bedeutet, diesen Impuls zu überwinden und bewusst anders zu reagieren.
Das heißt nicht, dass wir Unrecht stillschweigend hinnehmen oder uns zur Fußmatte machen lassen. Es gibt Situationen, in denen es richtig und notwendig ist, klare Grenzen zu setzen, sich zu schützen oder auch rechtliche Schritte einzuleiten. Aber die Motivation dahinter sollte nicht Rache sein, sondern Gerechtigkeit und Schutz, sowohl für uns selbst als auch für andere, die möglicherweise ebenfalls betroffen sind. Und selbst in solchen Situationen können wir dem anderen mit einer Haltung begegnen, die sein Bestes im Blick hat, die hofft auf seine Umkehr und Veränderung.
Feindesliebe zeigt sich in der Bereitschaft, den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen, selbst wenn wir im Recht sind. Jesus sagt: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe” (Matthäus 5,23–24). Bemerkenswert ist hier, dass Jesus nicht sagt: wenn du etwas gegen deinen Bruder hast, sondern wenn dein Bruder etwas gegen dich hat. Selbst wenn der andere uns zu Unrecht beschuldigt oder verletzt hat, sind wir aufgerufen, den ersten Schritt zu gehen, das Gespräch zu suchen, Versöhnung anzubieten.
Feindesliebe zeigt sich auch in der Hingabe, dem anderen trotz seines Verhaltens mit Respekt und Würde zu begegnen. Petrus schreibt: „Begegnet allen mit Achtung, liebt die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern, habt Ehrfurcht vor Gott und ehrt auch den König!” (1. Petrus 2,17). Jeder Mensch, selbst unser größter Feind, trägt das Ebenbild Gottes in sich und verdient deshalb einen grundlegenden Respekt. Das bedeutet, dass wir nicht über ihn lästern, ihn nicht herabwürdigen, ihn nicht unmenschlich behandeln, selbst wenn er uns unmenschlich behandelt hat.
Feindesliebe in der frühen Kirche und heute
Die frühen Christen lebten diese radikale Feindesliebe in einer Weise, die ihre heidnische Umgebung tief beeindruckte und verwirrte. Sie wurden verfolgt, gefoltert, getötet, und doch vergaben sie ihren Verfolgern. Stephanus, der erste christliche Märtyrer, betete sterbend für jene, die ihn steinigten: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an” (Apostelgeschichte 7,60). Die frühen Christen weigerten sich, ihre Feinde zu hassen oder Rache zu üben. Stattdessen beteten sie für die römischen Kaiser, die sie verfolgten, sie dienten den Kranken in den Epidemien, auch jenen, die sie verachtet hatten, und sie zeigten eine Liebe, die die damalige Welt nicht kannte.
Tertullian, ein früher Kirchenvater, schrieb im 2. Jahrhundert: „Seht, wie sie einander lieben”, das war der Ausruf der Heiden, wenn sie die christliche Gemeinschaft beobachteten. Und diese Liebe beschränkte sich nicht auf die christliche Gemeinschaft, sondern erstreckte sich auf alle Menschen, auch auf die Feinde.
Heute sind Christen in vielen Teilen der Welt aufgerufen, diese Liebe in ähnlich radikaler Weise zu leben. In Ländern, in denen Christen verfolgt werden, gibt es unzählige Beispiele von Gläubigen, die ihren Verfolgern vergeben, für sie beten, ihnen sogar dienen. Aber auch in unserer westlichen Gesellschaft, in der Christen zunehmend als intolerant, rückständig oder gefährlich dargestellt werden, sind wir aufgerufen, mit Liebe zu antworten, nicht mit Hass oder Bitterkeit.
Floskel oder echte Liebe: Der Unterschied liegt in der Tat und im Herzen
Abschließend kommen wir zurück zur ursprünglichen Frage: Ist „Ich liebe dich trotzdem” eine leere Floskel oder Ausdruck echter Feindesliebe? Die Antwort ist: Es kommt darauf an. Es kommt auf das Herz des Sprechers an und auf die Taten, die den Worten folgen. Johannes schreibt unmissverständlich: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit” (1. Johannes 3,18). Worte allein sind billig. Jeder kann behaupten, jemanden zu lieben. Aber wahre Liebe zeigt sich in konkreten Handlungen, in Opferbereitschaft, in Geduld, in Vergebung, in Treue.
Wenn ein Christ sagt „Ich liebe dich trotzdem”, dann sollte das bedeuten: „Obwohl ich deine Sünde ablehne, obwohl ich sehe, dass dein Verhalten gegen Gottes gute Ordnung verstößt, obwohl ich vielleicht von dir verletzt wurde, habe ich mich entschieden, dir mit der Liebe Christi zu begegnen. Ich bete für dich. Ich wünsche dir das Beste. Ich bin bereit, dir zu vergeben. Ich bin an deiner Seite, nicht um dich in deiner Sünde zu bestätigen, sondern um dich zur Umkehr einzuladen und dich auf dem Weg zu Gott zu begleiten. Meine Liebe zu dir ist nicht abhängig davon, ob du dich änderst oder mich akzeptierst. Sie ist gegründet in der Liebe, die Gott mir in Christus erwiesen hat.”
Wenn diese Worte von solch einer Haltung und von entsprechenden Taten begleitet werden, dann sind sie keine Floskel, sondern ein mächtiges Zeugnis der göttlichen Liebe. Wenn sie jedoch nur eine religiöse Phrase sind, hinter der sich Gleichgültigkeit, Selbstgerechtigkeit oder versteckter Hass verbergen, dann sind sie tatsächlich eine heuchlerische Floskel, die mehr Schaden anrichtet als Gutes tut.
Feindesliebe ist kein billiger Spruch, sondern ein kostspieliger Lebensstil. Sie kostet uns unseren Stolz, unseren Wunsch nach Vergeltung, unsere Selbstgerechtigkeit. Sie bedeutet, die Sünde beim Namen zu nennen und dennoch den Sünder zu lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren. Kann der Mensch so lieben wie Jesus? Aus eigener Kraft nein, niemals. Aber durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt, durch die Gnade Gottes, die uns täglich erneuert, durch die enge Verbindung mit Christus, der die Quelle aller wahren Liebe ist, wird das Unmögliche möglich.
Wenn Christen sagen „Ich liebe dich trotzdem”, dann ist das im besten Fall nicht die Aussage eigener moralischer Überlegenheit, nicht ein selbstgerechtes „Ich bin besser als du”, sondern das demütige Bekenntnis: „Gottes Liebe in mir ist größer als meine natürliche Ablehnung. Ich habe selbst Gnade empfangen, als ich sie nicht verdiente, und diese Gnade will ich an dich weitergeben.” Sie ist das Echo der göttlichen Liebe, die in Christus Fleisch wurde, die am Kreuz für Sünder starb, die auferstanden ist und die uns durch seinen Geist befähigt, Salz und Licht in einer Welt zu sein, die nach echter, übernatürlicher Liebe dürstet.
Paulus fasst dies in seinem Hohelied der Liebe zusammen: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf” (1. Korinther 13,4–8).
Diese Liebe, die niemals aufhört, die alles erträgt und hofft, die sich an der Wahrheit freut und das Böse nicht zurechnet, ist die Liebe, zu der wir berufen sind. Sie ist übermenschlich, übernatürlich, göttlich. Und doch ist sie uns zugänglich durch Christus, der in uns lebt. Möge Gott uns die Gnade schenken, diese Liebe nicht nur zu verkünden, sondern zu leben, damit die Welt an unserer Liebe erkennt, dass wir Jünger Jesu sind (Johannes 13,35).
