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"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

Feindesliebe: Zwischen Floskel und göttlichem Auftrag!

Beckblogger (11)

Wenn Chris­ten sagen „Ich liebe dich trotz­dem!”, klingt das für viele Außen­ste­hende wie eine leere Floskel, eine religiöse Worthülse ohne echte Sub­stanz. Beson­ders wenn diese Worte nach einem moralis­chen Kon­flikt fall­en oder wenn deut­liche Mei­n­ungsver­schieden­heit­en im Raum ste­hen, wirkt diese Aus­sage für manche befremdlich oder sog­ar heuch­lerisch. In ein­er Gesellschaft, die zunehmend polar­isiert ist und in der Men­schen schnell in Lager eingeteilt wer­den, klingt die christliche Behaup­tung, selb­st Feinde zu lieben, entwed­er naiv oder unaufrichtig. Doch hin­ter diesem „trotz­dem” ver­birgt sich ein­er der radikalsten und anspruchsvoll­sten Aufträge, den Jesus seinen Nach­fol­gern je gegeben hat: die Fein­desliebe. Es lohnt sich, dieser The­matik aus­führlich nachzuge­hen, um zu ver­ste­hen, was diese Liebe wirk­lich bedeutet, wie sie sich von men­schlich­er Sym­pa­thie unter­schei­det und ob ein Men­sch über­haupt fähig ist, so zu lieben wie Jesus Chris­tus, der wahrer Gott und wahrer Men­sch zugle­ich ist.

Was ist Fein­desliebe wirk­lich? Eine bib­lis­che Def­i­n­i­tion

Fein­desliebe ist weit mehr als ein fre­undlich­es Lächeln oder eine ober­fläch­liche Tol­er­anz. Sie ist keine bloße Dul­dung des Anderen oder ein nach­sichtiges Schul­terzuck­en angesichts von Ablehnung oder Feind­schaft. Jesus selb­st definiert sie in der Berg­predigt unmissver­ständlich und radikal: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Näch­sten lieben und deinen Feind has­sen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch ver­fol­gen, damit ihr Kinder eures Vaters im Him­mel seid” (Matthäus 5,43–45). Mit diesen Worten stellt Jesus die damals gängige religiöse und kul­turelle Prax­is auf den Kopf. Während das alttes­ta­mentliche Gebot „Liebe deinen Näch­sten wie dich selb­st” (3. Mose 19,18) bere­its rev­o­lu­tionär war, ging die rab­binis­che Ausle­gung zur Zeit Jesu oft davon aus, dass der „Näch­ste” primär der Volksgenosse, der Glaubens­brud­er war. Die Vorstel­lung, auch den Feind zu has­sen, war nicht unbe­d­ingt ein bib­lis­ches Gebot, son­dern vielmehr eine men­schliche Schlussfol­gerung: Wenn ich meinen Näch­sten lieben soll, dann darf ich logis­cher­weise meinen Feind has­sen.

Jesus durch­bricht diese Logik radikal. Er fordert nicht weniger als eine Liebe, die alle natür­lichen, kul­turellen und religiösen Gren­zen sprengt. Diese Liebe ist keine emo­tionale Zunei­gung, die wir auf Knopf­druck erzeu­gen kön­nen, son­dern eine bewusste Entschei­dung des Wil­lens. Sie bedeutet, dem anderen trotz sein­er Ablehnung, sein­er Sünde oder sein­er Feind­schaft mit Wohlwollen, Respekt und dem aufrichti­gen Wun­sch nach seinem Besten zu begeg­nen.

Es geht nicht darum, dass wir ein warmes Gefühl für jeman­den entwick­eln müssen, der uns schadet oder ver­achtet, son­dern darum, dass wir ihm aktiv Gutes tun und für sein Wohl beten, selb­st wenn unser Herz zunächst dage­gen rebel­liert.

Die Fein­desliebe unter­schei­det sich grundle­gend von men­schlich­er Sym­pa­thie oder natür­lich­er Zunei­gung. Während wir natür­licher­weise jene lieben, die uns nah­este­hen oder uns Gutes tun, fordert Jesus eine Liebe, die über diese natür­lichen Gren­zen hin­aus­ge­ht. „Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöll­ner das­selbe? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Beson­deres? Tun nicht auch die Hei­den das­selbe?” (Matthäus 5,46–47). Mit anderen Worten: Die Liebe zu jenen, die uns lieben, ist selb­stver­ständlich und erfordert keine beson­dere geistliche Reife. Sog­ar Men­schen, die Gott nicht ken­nen, sind zu dieser Art von Liebe fähig. Fein­desliebe hinge­gen ist das Erken­nungsze­ichen ein­er über­natür­lichen, von Gott geschenk­ten Liebe. Sie zeigt, dass der Han­del­nde nicht aus men­schlich­er Berech­nung oder emo­tionaler Sym­pa­thie agiert, son­dern aus ein­er göt­tlichen Quelle schöpft.

Die Sünde ablehnen und den Sün­der den­noch lieben: Ein schein­bar­er Wider­spruch?

Hier liegt eine der größten Her­aus­forderun­gen christlich­er Ethik und zugle­ich eine der am häu­fig­sten missver­stande­nen Dimen­sio­nen christlichen Glaubens: Wie kann ich die Sünde radikal ablehnen und gle­ichzeit­ig den Men­schen bedin­gungs­los lieben? Ist das nicht ein fun­da­men­taler Wider­spruch? Wie kann ich jeman­dem sagen, dass sein Ver­hal­ten falsch ist, und ihm gle­ichzeit­ig ver­sich­ern, dass ich ihn liebe? Wirkt das nicht heuch­lerisch, bevor­mundend oder selb­st­gerecht?

Ober­fläch­lich betra­chtet mag es tat­säch­lich so scheinen, als ob diese bei­den Hal­tun­gen unvere­in­bar wären. Doch bib­lisch gese­hen ist genau diese Unter­schei­dung das Herzstück christlich­er Liebe und der Schlüs­sel zu einem Leben in der Nach­folge Jesu. Gott selb­st ist das vol­lkommene Beispiel dafür. Der vielle­icht bekan­nteste Vers der Bibel drückt dies aus: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einge­bore­nen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht ver­loren wer­den, son­dern das ewige Leben haben” (Johannes 3,16). Dieser Vers offen­bart die unfass­bare Liebe Gottes zur gefal­l­enen Men­schheit. Und doch ist diese Liebe nicht blind gegenüber der Real­ität der Sünde. Im Gegen­teil: Ger­ade weil Gott die Sünde in ihrer ganzen Zer­störungskraft erken­nt, weil er sieht, wie sie den Men­schen von ihm tren­nt und ins Verder­ben führt, gibt er seinen Sohn, um die Men­schheit zu ret­ten.

Gott liebt den Men­schen lei­den­schaftlich, während er gle­ichzeit­ig die Sünde has­st, die den Men­schen von ihm tren­nt und zer­stört. Diese Unter­schei­dung ist nicht nur the­o­retisch, son­dern zutief­st prak­tisch. Sie bedeutet, dass Gott niemals die Per­son mit ihrer Tat ver­wech­selt. Der Men­sch ist nach bib­lis­ch­er Lehre als Eben­bild Gottes geschaf­fen (1. Mose 1,27), mit unendlichem Wert und unveräußer­lich­er Würde aus­ges­tat­tet. Keine Sünde, so schw­er sie auch sein mag, kann diese grundle­gende Würde aus­löschen. Gle­ichzeit­ig ist die Sünde eine Rebel­lion gegen Gott, eine Ver­fehlung sein­er guten Ord­nung, die Tod und Zer­störung mit sich bringt. Römer 6,23 macht dies deut­lich: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Chris­tus Jesus, unserm Her­rn.”

Die Sünde abzulehnen bedeutet also nicht, den Men­schen zu verurteilen oder ihm die Liebe zu entziehen. Vielmehr bedeutet es, das Ver­hal­ten klar zu benen­nen, das gegen Gottes gute Ord­nung ver­stößt, ohne dabei die Würde und den Wert des Men­schen aus den Augen zu ver­lieren. Es bedeutet, die Wahrheit in Liebe zu sagen (Eph­eser 4,15). Jesus demon­stri­erte dies ein­drück­lich in sein­er Begeg­nung mit der Ehe­brecherin. Als die Phar­isäer und Schrift­gelehrten eine Frau zu ihm bracht­en, die beim Ehe­bruch ertappt wor­den war, und ihn fragten, ob sie gesteinigt wer­den sollte, antwortete Jesus mit der berühmten Auf­forderung: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie” (Johannes 8,7). Ein­er nach dem anderen ver­ließen die Ankläger die Szene, bis Jesus allein mit der Frau war. Und dann sagt er zu ihr: „Hat dich nie­mand ver­dammt? Sie aber sprach: Nie­mand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: So ver­damme ich dich auch nicht; geh hin und sündi­ge hin­fort nicht mehr” (Johannes 8,10–11).

Diese Begeg­nung ist beispiel­haft für die christliche Hal­tung gegenüber Sünde und Sün­der. Jesus verurteilt die Frau nicht. Er vertei­digt sie gegen die selb­st­gerecht­en Ankläger. Er zeigt ihr Barmherzigkeit und Gnade. Aber er beschönigt auch nicht ihre Sünde. Er sagt nicht: „Was du getan hast, ist völ­lig in Ord­nung, mach ruhig weit­er so.” Stattdessen ruft er sie zur Umkehr: „Geh hin und sündi­ge hin­fort nicht mehr.” Er liebt die Frau so sehr, dass er sie zur Verän­derung auf­fordert, weil er ihr Bestes will. Er weiß, dass die Sünde sie zer­stören wird, wenn sie darin ver­har­rt. Seine Liebe zeigt sich ger­ade darin, dass er ihr die Wahrheit sagt und sie zu einem neuen Leben ein­lädt.

Die Span­nung zwis­chen Wahrheit und Liebe

In unser­er heuti­gen Gesellschaft wird oft ein falsch­er Gegen­satz aufge­baut. Entwed­er man liebt bedin­gungs­los und akzep­tiert alles, oder man hält an moralis­chen Stan­dards fest und wird als lieb­los, intol­er­ant oder big­ott abgestem­pelt. Doch diese Alter­na­tive ist eine Falle. Wahre Liebe und Wahrheit sind keine Gegen­sätze, son­dern zwei Seit­en der­sel­ben Medaille. Liebe ohne Wahrheit wird zur sen­ti­men­tal­en Beliebigkeit, die dem anderen let­ztlich schadet, weil sie ihn in seinem zer­störerischen Ver­hal­ten bestätigt. Wahrheit ohne Liebe wird zur harten, kalten Rechthaberei, die Men­schen ver­let­zt und abstößt, statt sie zu Gott zu führen.

Paulus schreibt in Eph­eser 4,15: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wach­sen in allen Stück­en zu dem hin, der das Haupt ist, Chris­tus.” Das griechis­che Wort, das hier mit „wahrhaftig sein” über­set­zt wird, bedeutet wörtlich „die Wahrheit sagen” oder „in der Wahrheit leben”. Die Liebe, zu der Chris­ten berufen sind, ist also eine Liebe, die in der Wahrheit ver­wurzelt ist. Sie ver­schweigt nicht die Real­ität der Sünde, aber sie begeg­net dem Sün­der mit der Barmherzigkeit und Gnade, die Gott uns selb­st ent­ge­genge­bracht hat.

Diese Bal­ance zu find­en, ist eine der größten Her­aus­forderun­gen im christlichen Leben. Wie kann ich meinem homo­sex­uell leben­den Fre­und sagen, dass ich nach bib­lis­chem Ver­ständ­nis seine Lebensweise für sünd­haft halte, ohne dass er sich von mir verurteilt oder abgelehnt fühlt? Wie kann ich mein­er Kol­le­gin, die eine Abtrei­bung erwägt, die Heiligkeit des unge­bore­nen Lebens vor Augen führen, ohne sie in ihrer schwieri­gen Sit­u­a­tion allein zu lassen? Wie kann ich meinem Fam­i­lien­mit­glied, das in Lüge und Betrug ver­strickt ist, die Wahrheit sagen, ohne die Beziehung zu zer­stören?

Es gibt keine ein­fachen Formeln für diese Sit­u­a­tio­nen. Aber die bib­lis­che Anweisung ist klar: Wir sind berufen, die Wahrheit in Liebe zu sagen. Das bedeutet, dass wir nicht mit erhoben­em Zeigefin­ger und selb­st­gerechter Hal­tung auftreten, son­dern in Demut, im Bewusst­sein unser­er eige­nen Sünd­haftigkeit und mit echtem Mit­ge­fühl für den anderen. Es bedeutet auch, dass wir bere­it sind, die Kon­se­quen­zen zu tra­gen, wenn unsere Liebe abgelehnt wird.

Denn wahre Liebe ist nicht manip­u­la­tiv. Sie zwingt den anderen nicht zur Verän­derung, son­dern lädt ihn ein und bleibt an sein­er Seite, selb­st wenn er die Ein­ladung auss­chlägt.

Kann der Men­sch so lieben wie Jesus? Die Gren­zen men­schlich­er Liebe

Nun kom­men wir zur entschei­den­den und vielle­icht ernüchternd­sten Frage: Kann ein Men­sch wirk­lich so lieben wie Jesus, der wahrer Gott und wahrer Men­sch ist? Kann ein gefal­l­en­er, sündi­ger Men­sch, dessen Herz oft von Ego­is­mus, Stolz und Ver­let­zun­gen geprägt ist, eine Liebe leben, die Feinde seg­net, Ver­fol­ger mit Wohlwollen begeg­net und die Sünde has­st, während sie den Sün­der liebt?

Die ehrliche, bib­lis­che Antwort lautet: Aus eigen­er Kraft nicht. Unsere men­schliche Liebe ist begren­zt, ver­let­zlich und oft an Bedin­gun­gen geknüpft. Wir lieben leichter jene, die uns sym­pa­thisch sind, die unsere Werte teilen, die uns Gutes tun. Und wir kämpfen damit, ja, wir sind oft schlicht unfähig dazu, jenen Gutes zu wün­schen, die uns ver­let­zt, ver­rat­en, ver­leumdet oder ange­grif­f­en haben. Das ist die bru­tale Real­ität unser­er gefal­l­enen Natur. Jesus selb­st sagte zu seinen Jüngern: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach” (Matthäus 26,41). Wir mögen den Willen haben, unsere Feinde zu lieben, aber unsere men­schliche Natur rebel­liert dage­gen.

Der Prophet Jere­mia beschreibt die Ver­dor­ben­heit des men­schlichen Herzens drastisch: „Abgründig ist das men­schliche Herz, beispiel­los und unverbesser­lich. Wer kann es durch­schauen?” (Jere­mia 17,9). Auch Paulus ringt in seinem Brief an die Römer mit dieser inneren Zer­ris­senheit: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in mein­er Natur, nichts Gutes wohnt. Es fehlt mir nicht am Wollen, aber ich bringe es nicht fer­tig, das Gute zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, son­dern das Böse, das ich nicht will.” (Römer 7,18–19). Diese Worte beschreiben die exis­ten­zielle Krise jedes Men­schen, der ern­sthaft ver­sucht, nach göt­tlichen Maßstäben zu leben. Wir erken­nen, was richtig ist, wir wollen es tun, aber wir scheit­ern immer wieder.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass unsere Liebe oft sehr begren­zt ist. Wir vergeben vielle­icht ober­fläch­lich, aber im Herzen hegen wir Groll. Wir sagen „Ich liebe dich trotz­dem”, aber in Wahrheit ziehen wir uns emo­tion­al zurück oder erin­nern den anderen bei jed­er Gele­gen­heit an sein Fehlver­hal­ten. Wir beten vielle­icht für unsere Feinde, aber im sel­ben Atemzug hof­fen wir ins­ge­heim, dass Gott sie zurechtweist oder bestraft. Unsere Liebe ist durch­set­zt von Stolz, von dem Wun­sch nach Selb­strecht­fer­ti­gung, von der Unfähigkeit, wirk­lich loszu­lassen und dem anderen das Beste zu wün­schen.

Die über­natür­liche Quelle christlich­er Liebe

Doch die bib­lis­che Botschaft endet nicht bei unser­er Unfähigkeit. Im Gegen­teil, sie begin­nt dort erst richtig. Denn das Evan­geli­um ist ja ger­ade die fro­he Botschaft, dass Gott uns nicht in unser­er Schwäche und Sünde belässt, son­dern uns durch seinen Heili­gen Geist ver­wan­delt und befähigt zu einem Leben, das aus eigen­er Kraft unmöglich wäre. Paulus schreibt: „Die Liebe Gottes ist aus­gegossen in unsere Herzen durch den Heili­gen Geist, der uns gegeben ist” (Römer 5,5). Die Fein­desliebe, zu der Chris­ten berufen sind, ist keine men­schliche Leis­tung, die wir durch Wil­len­skraft oder moralis­che Anstren­gung her­vor­brin­gen, son­dern eine göt­tliche Gabe, die Gott selb­st in uns wirkt.

Der Heilige Geist, der in jedem wiederge­bore­nen Chris­ten wohnt und wohnen sollte, ist die Quelle dieser über­natür­lichen Liebe. Er ist es, der uns befähigt, über unsere natür­lichen Gren­zen hin­auszuge­hen. Er ist es, der unser stein­ernes Herz in ein Herz aus Fleisch ver­wan­delt (Hes­ekiel 36,26). Er ist es, der die Früchte des Geistes in unserem Leben her­vor­bringt, und an erster Stelle ste­ht: Liebe (Galater 5,22). Diese Liebe ist nicht unsere eigene Leis­tung, son­dern Gottes Werk in uns.

Jesus selb­st sagt: „Getren­nt von mir kön­nt ihr nichts tun” (Johannes 15,5). Die Verbindung zu Chris­tus, das Bleiben in ihm, ist also die unverzicht­bare Voraus­set­zung für ein Leben in echter, göt­tlich­er Liebe. Wenn wir ver­suchen, aus eigen­er Kraft unsere Feinde zu lieben, wer­den wir scheit­ern und frus­tri­ert aufgeben. Aber wenn wir in enger Gemein­schaft mit Jesus leben, wenn wir täglich seine Gnade emp­fan­gen, wenn wir uns von seinem Geist leit­en lassen, dann geschieht etwas Über­natür­lich­es: Seine Liebe fließt durch uns hin­durch zu anderen Men­schen, auch zu unseren Fein­den.

Das bedeutet konkret: Wir müssen anerken­nen, dass wir ohne Gottes Hil­fe unfähig sind zur Fein­desliebe. Diese Demut ist der erste Schritt. Dann müssen wir uns bewusst und kon­tinuier­lich mit Chris­tus verbinden durch Gebet, durch das Studi­um seines Wortes, durch den Gottes­di­enst, durch die Gemein­schaft mit anderen Gläu­bi­gen.

Und wir müssen uns täglich dafür entschei­den, dem Heili­gen Geist Raum zu geben in unserem Leben, unseren Stolz, unsere Ver­let­zun­gen, unseren Groll ihm hinzule­gen und ihn zu bit­ten, seine Liebe in uns zu ent­fachen.

Das Vor­bild Jesu: Fein­desliebe bis ans Kreuz

Jesus ist nicht nur der­jenige, der uns zur Fein­desliebe auf­fordert, er ist auch der­jenige, der sie in vol­lkommen­er Weise vorgelebt hat. Sein gesamtes Leben war ein Zeug­nis dieser radikalen Liebe, aber nir­gend­wo wird sie deut­lich­er als in seinem Tod am Kreuz. Paulus schreibt: „Denn der Mes­sias ist schon damals, als wir noch ohn­mächtig der Sünde aus­geliefert waren, für uns got­t­lose Men­schen gestor­ben. Nun wird sich kaum jemand find­en, der für einen Gerecht­en stirbt; eher noch würde sich jemand für eine gute Sache opfern. Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Chris­tus für uns starb, als wir noch Sün­der waren” (Römer 5,6–8).

Beacht­en wir die Zei­tangabe: „als wir noch Sün­der waren”, „als wir noch schwach waren”, „für uns Got­t­lose”. Jesus starb nicht für Men­schen, die ihn liebten, die seine Anhänger waren, die sein Opfer zu schätzen wussten. Er starb für Men­schen, die in Rebel­lion gegen Gott lebten, die ihn ablehn­ten, die nichts von ihm wis­sen woll­ten. Mehr noch: Er starb für die Men­schen, die ihn aktiv ver­fol­gten, ver­höh­n­ten und kreuzigten. Am Kreuz hän­gend, unter unsäglichen Schmerzen, betete Jesus für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen; denn sie wis­sen nicht, was sie tun” (Lukas 23,34).

Das ist keine Floskel. Das ist keine religiöse Phrase, die man auf­sagt, weil es sich so gehört. Das ist die radikalste Form von Fein­desliebe, die je gelebt wurde. Jesus lehnte die Sünde der Men­schen nicht nur ab, er trug ihre Kon­se­quen­zen am eige­nen Leib. „Er hat unsere Sün­den mit seinem eige­nen Leib auf das Holz des Kreuzes getra­gen, damit wir tot sind für die Sün­den und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wun­den seid ihr geheilt” (1. Petrus 2,24). Jesus liebte die Sün­der so sehr, dass er frei­willig die Strafe auf sich nahm, die eigentlich ihnen gebührte. Er nahm ihren Platz ein. Er starb ihren Tod. Und all das, während sie noch in Sünde lebten, während sie ihn ablehn­ten, während sie seine Feinde waren.

Diese Liebe Jesu ist der Maßstab und zugle­ich die Quelle unser­er eige­nen Liebe. Wir kön­nen nur deshalb unsere Feinde lieben, weil Chris­tus uns zuerst geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren. Johannes schreibt: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt” (1. Johannes 4,19). Unsere Fein­desliebe ist also immer eine Antwort auf die Liebe, die Gott uns in Chris­tus erwiesen hat. Sie ist ein Echo, ein Wider­hall der göt­tlichen Liebe, die wir emp­fan­gen haben.

Prak­tis­che Umset­zung: Fein­desliebe im All­t­ag

Wie kann diese hochthe­ol­o­gis­che Wahrheit nun im konkreten All­t­ag eines Chris­ten Gestalt annehmen? Wie sieht Fein­desliebe prak­tisch aus, wenn wir mor­gens auf­ste­hen, zur Arbeit gehen, in unseren Fam­i­lien leben, in der Gemeinde dienen und in ein­er oft feind­seli­gen Welt unter­wegs sind?

Zunächst begin­nt Fein­desliebe mit der ehrlichen Anerken­nung unser­er eige­nen Unfähigkeit und der bewussten Abhängigkeit von Gottes Gnade. Wir müssen aufhören, so zu tun, als kön­nten wir aus eigen­er Kraft lieben wie Jesus. Wir müssen jeden Mor­gen neu zu Gott kom­men und sagen:

„Herr, ich kann das nicht. Aber du kannst. Bitte schenke mir heute deine Liebe für die Men­schen, denen ich begeg­nen werde, auch für jene, die mich ablehnen oder mir feindlich gesin­nt sind.”

Dann geht es um konkrete Schritte. Fein­desliebe zeigt sich im täglichen Gebet für jene, die uns feindlich gesin­nt sind. Jesus sagt aus­drück­lich: „Betet für die, die euch ver­fol­gen” (Matthäus 5,44). Das Gebet für unsere Feinde verän­dert zunächst ein­mal unser eigenes Herz. Es ist schw­er, jeman­den weit­er­hin zu has­sen, für den wir regelmäßig beten. Wenn wir Gott bit­ten, unserem Feind zu seg­nen, ihm Gutes zu tun, ihn zur Erken­nt­nis der Wahrheit zu führen, dann geschieht etwas in unserem Inneren. Unser Groll wird aufgewe­icht, unsere Ver­bit­terung weicht, unser Herz wird weich­er.

Fein­desliebe zeigt sich auch in der Entschei­dung, Bös­es nicht mit Bösem zu vergel­ten. Paulus schreibt: „Vergel­tet nie­man­dem Bös­es mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jed­er­mann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Men­schen Frieden. Rächt euch nicht selb­st, meine Lieben, son­dern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es ste­ht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergel­ten, spricht der Herr” (Römer 12,17–19).

Wenn uns jemand belei­digt, ver­let­zt oder ungerecht behan­delt, ist unsere natür­liche Reak­tion, zurück­zuschla­gen, uns zu vertei­di­gen, es dem anderen heimzuzahlen. Fein­desliebe bedeutet, diesen Impuls zu über­winden und bewusst anders zu reagieren.

Das heißt nicht, dass wir Unrecht stillschweigend hin­nehmen oder uns zur Fuß­mat­te machen lassen. Es gibt Sit­u­a­tio­nen, in denen es richtig und notwendig ist, klare Gren­zen zu set­zen, sich zu schützen oder auch rechtliche Schritte einzuleit­en. Aber die Moti­va­tion dahin­ter sollte nicht Rache sein, son­dern Gerechtigkeit und Schutz, sowohl für uns selb­st als auch für andere, die möglicher­weise eben­falls betrof­fen sind. Und selb­st in solchen Sit­u­a­tio­nen kön­nen wir dem anderen mit ein­er Hal­tung begeg­nen, die sein Bestes im Blick hat, die hofft auf seine Umkehr und Verän­derung.

Fein­desliebe zeigt sich in der Bere­itschaft, den ersten Schritt zur Ver­söh­nung zu gehen, selb­st wenn wir im Recht sind. Jesus sagt: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Brud­er etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und ver­söhne dich mit deinem Brud­er, und dann komm und opfere deine Gabe” (Matthäus 5,23–24). Bemerkenswert ist hier, dass Jesus nicht sagt: wenn du etwas gegen deinen Brud­er hast, son­dern wenn dein Brud­er etwas gegen dich hat. Selb­st wenn der andere uns zu Unrecht beschuldigt oder ver­let­zt hat, sind wir aufgerufen, den ersten Schritt zu gehen, das Gespräch zu suchen, Ver­söh­nung anzu­bi­eten.

Fein­desliebe zeigt sich auch in der Hingabe, dem anderen trotz seines Ver­hal­tens mit Respekt und Würde zu begeg­nen. Petrus schreibt: „Begeg­net allen mit Achtung, liebt die Gemein­schaft mit Glaubens­geschwis­tern, habt Ehrfurcht vor Gott und ehrt auch den König!” (1. Petrus 2,17). Jed­er Men­sch, selb­st unser größter Feind, trägt das Eben­bild Gottes in sich und ver­di­ent deshalb einen grundle­gen­den Respekt. Das bedeutet, dass wir nicht über ihn lästern, ihn nicht her­ab­würdi­gen, ihn nicht unmen­schlich behan­deln, selb­st wenn er uns unmen­schlich behan­delt hat.

Fein­desliebe in der frühen Kirche und heute

Die frühen Chris­ten lebten diese radikale Fein­desliebe in ein­er Weise, die ihre hei­d­nis­che Umge­bung tief beein­druck­te und ver­wirrte. Sie wur­den ver­fol­gt, gefoltert, getötet, und doch ver­gaben sie ihren Ver­fol­gern. Stephanus, der erste christliche Mär­tyr­er, betete ster­bend für jene, die ihn steinigten: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an” (Apos­telgeschichte 7,60). Die frühen Chris­ten weigerten sich, ihre Feinde zu has­sen oder Rache zu üben. Stattdessen beteten sie für die römis­chen Kaiser, die sie ver­fol­gten, sie dien­ten den Kranken in den Epi­demien, auch jenen, die sie ver­achtet hat­ten, und sie zeigten eine Liebe, die die dama­lige Welt nicht kan­nte.

Ter­tul­lian, ein früher Kirchen­vater, schrieb im 2. Jahrhun­dert: „Seht, wie sie einan­der lieben”, das war der Aus­ruf der Hei­den, wenn sie die christliche Gemein­schaft beobachteten. Und diese Liebe beschränk­te sich nicht auf die christliche Gemein­schaft, son­dern erstreck­te sich auf alle Men­schen, auch auf die Feinde.

Heute sind Chris­ten in vie­len Teilen der Welt aufgerufen, diese Liebe in ähn­lich radikaler Weise zu leben. In Län­dern, in denen Chris­ten ver­fol­gt wer­den, gibt es unzäh­lige Beispiele von Gläu­bi­gen, die ihren Ver­fol­gern vergeben, für sie beten, ihnen sog­ar dienen. Aber auch in unser­er west­lichen Gesellschaft, in der Chris­ten zunehmend als intol­er­ant, rück­ständig oder gefährlich dargestellt wer­den, sind wir aufgerufen, mit Liebe zu antworten, nicht mit Hass oder Bit­terkeit.

Floskel oder echte Liebe: Der Unter­schied liegt in der Tat und im Herzen

Abschließend kom­men wir zurück zur ursprünglichen Frage: Ist „Ich liebe dich trotz­dem” eine leere Floskel oder Aus­druck echter Fein­desliebe? Die Antwort ist: Es kommt darauf an. Es kommt auf das Herz des Sprech­ers an und auf die Tat­en, die den Worten fol­gen. Johannes schreibt unmissver­ständlich: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, son­dern mit der Tat und mit der Wahrheit” (1. Johannes 3,18). Worte allein sind bil­lig. Jed­er kann behaupten, jeman­den zu lieben. Aber wahre Liebe zeigt sich in konkreten Hand­lun­gen, in Opfer­bere­itschaft, in Geduld, in Verge­bung, in Treue.

Wenn ein Christ sagt „Ich liebe dich trotz­dem”, dann sollte das bedeuten: „Obwohl ich deine Sünde ablehne, obwohl ich sehe, dass dein Ver­hal­ten gegen Gottes gute Ord­nung ver­stößt, obwohl ich vielle­icht von dir ver­let­zt wurde, habe ich mich entsch­ieden, dir mit der Liebe Christi zu begeg­nen. Ich bete für dich. Ich wün­sche dir das Beste. Ich bin bere­it, dir zu vergeben. Ich bin an dein­er Seite, nicht um dich in dein­er Sünde zu bestäti­gen, son­dern um dich zur Umkehr einzu­laden und dich auf dem Weg zu Gott zu begleit­en. Meine Liebe zu dir ist nicht abhängig davon, ob du dich änder­st oder mich akzep­tierst. Sie ist gegrün­det in der Liebe, die Gott mir in Chris­tus erwiesen hat.”

Wenn diese Worte von solch ein­er Hal­tung und von entsprechen­den Tat­en begleit­et wer­den, dann sind sie keine Floskel, son­dern ein mächtiges Zeug­nis der göt­tlichen Liebe. Wenn sie jedoch nur eine religiöse Phrase sind, hin­ter der sich Gle­ichgültigkeit, Selb­st­gerechtigkeit oder ver­steck­ter Hass ver­ber­gen, dann sind sie tat­säch­lich eine heuch­lerische Floskel, die mehr Schaden anrichtet als Gutes tut.

Fein­desliebe ist kein bil­liger Spruch, son­dern ein kost­spieliger Lebensstil. Sie kostet uns unseren Stolz, unseren Wun­sch nach Vergel­tung, unsere Selb­st­gerechtigkeit. Sie bedeutet, die Sünde beim Namen zu nen­nen und den­noch den Sün­der zu lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren. Kann der Men­sch so lieben wie Jesus? Aus eigen­er Kraft nein, niemals. Aber durch die Kraft des Heili­gen Geistes, der in uns wohnt, durch die Gnade Gottes, die uns täglich erneuert, durch die enge Verbindung mit Chris­tus, der die Quelle aller wahren Liebe ist, wird das Unmögliche möglich.

Wenn Chris­ten sagen „Ich liebe dich trotz­dem”, dann ist das im besten Fall nicht die Aus­sage eigen­er moralis­ch­er Über­legen­heit, nicht ein selb­st­gerecht­es „Ich bin bess­er als du”, son­dern das demütige Beken­nt­nis: „Gottes Liebe in mir ist größer als meine natür­liche Ablehnung. Ich habe selb­st Gnade emp­fan­gen, als ich sie nicht ver­di­ente, und diese Gnade will ich an dich weit­ergeben.” Sie ist das Echo der göt­tlichen Liebe, die in Chris­tus Fleisch wurde, die am Kreuz für Sün­der starb, die aufer­standen ist und die uns durch seinen Geist befähigt, Salz und Licht in ein­er Welt zu sein, die nach echter, über­natür­lich­er Liebe dürstet.

Paulus fasst dies in seinem Hohe­lied der Liebe zusam­men: „Die Liebe ist lang­mütig und fre­undlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie ver­hält sich nicht unge­hörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbit­tern, sie rech­net das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nim­mer auf” (1. Korinther 13,4–8).

Diese Liebe, die niemals aufhört, die alles erträgt und hofft, die sich an der Wahrheit freut und das Böse nicht zurech­net, ist die Liebe, zu der wir berufen sind. Sie ist über­men­schlich, über­natür­lich, göt­tlich. Und doch ist sie uns zugänglich durch Chris­tus, der in uns lebt. Möge Gott uns die Gnade schenken, diese Liebe nicht nur zu verkün­den, son­dern zu leben, damit die Welt an unser­er Liebe erken­nt, dass wir Jünger Jesu sind (Johannes 13,35).

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