In unserer heutigen Zeit hören wir überall von der Liebe Gottes. Sie wird gepredigt, besungen und in unzähligen Gesprächen erwähnt. Menschen sprechen davon, wie groß und bedingungslos diese Liebe sei, wie sie alles umfasst und jeden Menschen erreichen möchte. Doch wenn wir genauer hinsehen, stellt sich eine ernüchternde Frage: Wie viele von denen, die mit so großen Worten von der Liebe Gottes reden, tragen diese Liebe wirklich im Herzen und leben sie im Alltag aus? Es scheint, als ob zwischen dem, was mit dem Mund bekannt wird, und dem, was im Leben sichtbar wird, oft eine tiefe Kluft besteht.
Die Heilige Schrift macht deutlich, dass die Liebe Gottes nicht nur ein theologisches Konzept oder eine schöne Idee ist, sondern eine lebendige Kraft, die das Herz des Menschen verwandelt. In 1. Johannes 4,8 lesen wir, dass Gott Liebe ist: “Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.” Diese einfache und doch so gewaltige Aussage zeigt uns, dass Liebe nicht nur eine Eigenschaft Gottes ist, sondern sein Wesen selbst. Wer Gott wirklich begegnet ist, wer seine Liebe erfahren hat, kann nicht unverändert bleiben. Die Liebe Gottes dringt in die tiefsten Schichten unseres Seins ein und beginnt dort ein Werk der Erneuerung, das unser ganzes Leben erfasst.
Wenn jemand behauptet, die Liebe Gottes zu kennen, sie aber nicht in sich trägt, offenbart sich darin ein grundlegendes Problem. Das zeigt sich in vielen alltäglichen Haltungen: wenn Menschen Feindesliebe predigen, aber selbst Groll hegen; wenn sie von Vergebung sprechen, aber alte Verletzungen festhalten; wenn sie die Liebe Gottes verkünden, aber über andere reden, sie verurteilen oder schlechtmachen. Wo Bitterkeit statt Barmherzigkeit herrscht, wo Stolz statt Demut regiert, wo Misstrauen statt Vertrauen wächst, wird sichtbar, dass die Liebe Gottes nicht wirklich Raum im Herzen gefunden hat.
Wahre Gottesliebe verändert unser Wesen – sie macht uns sanft, geduldig, wahrhaftig und bereit, den anderen höher zu achten als uns selbst.
Es ist möglich, religiöse Sprache zu beherrschen, biblische Wahrheiten zu zitieren und sich in frommen Kreisen zu bewegen, ohne dass das Herz wirklich von Gottes Liebe durchdrungen ist. Jesus selbst sprach die Pharisäer seiner Zeit auf genau diesen Widerspruch an. Sie kannten die Schriften, sie lehrten das Gesetz, sie hielten äußerlich viele Vorschriften ein, doch ihre Herzen waren kalt und hart. In Matthäus 23,23 tadelt Jesus sie, weil sie das Wichtigste im Gesetz vernachlässigt haben, nämlich Recht, Barmherzigkeit und Treue: “Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue! Das eine hättet ihr tun und das andere nicht lassen sollen!”
Äußere Religiosität ohne innere Verwandlung ist wie ein prachtvoller Baum ohne Frucht, wie ein klingendes Erz oder eine lärmende Zimbel, wie Paulus es in 1. Korinther 13 beschreibt: “Wenn ich die Sprachen von Menschen und Engeln sprechen könnte, aber keine Liebe hätte, wäre ich ein schepperndes Blech, eine lärmende Klingel.”
Die wahre Liebe Gottes zeigt sich nicht in vielen Worten, sondern in konkreten Taten. Johannes schreibt in seinem ersten Brief im dritten Kapitel, Vers 18: “Meine Kinder, unsere Liebe darf nicht nur in schönen Worten bestehen; unser Tun muss ein echter Beweis dafür sein.” Diese Aufforderung ist eindeutig und lässt keinen Raum für Ausflüchte. Wer die Liebe Gottes in sich trägt, wird sie unweigerlich durch sein Handeln zum Ausdruck bringen. Er wird barmherzig sein mit denen, die gefallen sind, geduldig mit denen, die langsam vorankommen, und großzügig mit denen, die in Not sind. Die Liebe Gottes macht uns nicht zu perfekten Menschen, aber sie macht uns zu Menschen, die sich nach Gerechtigkeit, Güte und Demut ausstrecken.
Das Problem besteht darin, dass viele Menschen eine intellektuelle Zustimmung zur Liebe Gottes mit einer echten Herzenserfahrung verwechseln. Sie haben von der Liebe Gottes gehört, sie haben sie theologisch verstanden, vielleicht haben sie auch emotional berührende Momente in Gottesdiensten erlebt. Doch all dies ersetzt nicht die tiefe, persönliche Begegnung mit Gott, in der sein Geist unser Herz berührt und verwandelt. Paulus betet in Epheser 3,17–19: “Ich bitte ihn, dass Christus durch den Glauben in euch lebt und ihr fest in seiner Liebe wurzelt und auf sie gegründet seid. Ich bitte ihn, dass ihr zusammen mit der ganzen Gemeinschaft der Glaubenden begreifen lernt, wie unermesslich reich euch Gott beschenkt. Ihr sollt die Liebe erkennen, die Christus zu uns hat und die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr immer umfassender Anteil bekommen an der ganzen Fülle des Lebens mit Gott.”
Dieses Begreifen ist nicht nur ein gedankliches Verstehen, sondern ein existenzielles Erfassen, das unser ganzes Sein erfasst.
Wenn die Liebe Gottes wirklich in einem Menschen wohnt, wird dies sichtbar in der Art, wie er mit anderen umgeht. Er wird nicht schnell richten und verurteilen, sondern versuchen zu verstehen und zu vergeben. Er wird nicht nur an sein eigenes Wohl denken, sondern auch die Nöte und Bedürfnisse anderer wahrnehmen. Er wird nicht nachtragend sein, sondern bereit zur Versöhnung. All diese Eigenschaften sind keine natürlichen menschlichen Tugenden, die wir aus eigener Kraft hervorbringen können. Sie sind vielmehr Früchte des Heiligen Geistes, der in uns wirkt und uns nach dem Bild Christi formt. In Galater 5,22 werden diese Früchte aufgezählt: “Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.” Wo diese Dinge fehlen, muss die Frage erlaubt sein, ob die Liebe Gottes wirklich im Herzen regiert.
Es gibt viele Gründe, warum Menschen über die Liebe Gottes sprechen, ohne sie in sich zu tragen. Manchmal liegt es daran, dass sie nie eine echte Bekehrung erlebt haben, sondern nur eine religiöse Tradition übernommen haben. Manchmal haben sie sich von der lebendigen Beziehung zu Gott entfernt und leben aus der Erinnerung vergangener Erfahrungen. Manchmal sind sie verletzt worden und haben ihr Herz verschlossen, sodass die Liebe Gottes keinen Raum mehr findet. Und manchmal haben sie einfach die Prioritäten falsch gesetzt und ihr Leben so sehr mit anderen Dingen gefüllt, dass für die Liebe Gottes kein Platz mehr bleibt. In jedem Fall ist die Lösung dieselbe: eine Rückkehr zu Gott, eine Erneuerung der Beziehung, ein Öffnen des Herzens für sein Wirken.
Jesus selbst ist das vollkommene Vorbild dafür, wie die Liebe Gottes gelebt werden soll. Er sprach nicht nur von Liebe, er verkörperte sie in jeder Begegnung, in jedem Wort, in jeder Handlung. Er heilte die Kranken, speiste die Hungrigen, tröstete die Traurigen und suchte die Verlorenen. Er ging auf die zu, die von der Gesellschaft ausgestoßen waren, und schenkte ihnen Würde und Hoffnung. Seine Liebe war nicht wählerisch oder berechnend, sondern bedingungslos und opferbereit. Am Kreuz von Golgatha zeigte sich die Liebe Gottes in ihrer reinsten und vollkommensten Form. Römer 5,8 sagt uns: “Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.” Diese Liebe fordert uns nicht auf, erst würdig zu werden, sondern nimmt uns an, wie wir sind, und verwandelt uns dann von innen heraus.
Wer die Liebe Gottes in sich tragen möchte, muss bereit sein, sich von Gott verändern zu lassen. Das bedeutet, dass wir unser Herz vor ihm öffnen und ihm erlauben, die Bereiche zu berühren, die wir bisher verschlossen gehalten haben. Es bedeutet, dass wir ehrlich zu uns selbst und zu Gott sind über unsere Schwächen, unsere Ängste und unsere Sünden. Es bedeutet auch, dass wir uns Zeit nehmen, in seiner Gegenwart zu sein, sein Wort zu lesen, zu beten und auf seine Stimme zu hören. Die Liebe Gottes wächst in uns nicht automatisch, sondern durch die beständige Pflege unserer Beziehung zu ihm.
Das bedeutet auch, von sich selbst wegzusehen und nicht ständig um das eigene Ich zu kreisen, sondern den Blick bewusst auf Christus zu richten. Solange wir nur unsere Gefühle, unsere Sorgen, unsere Verletzungen oder unsere Wünsche betrachten, bleibt unser Herz eng und unfrei. Doch wenn wir auf Christus schauen – auf seine Liebe, seine Treue, seine Gegenwart –, beginnt unser Inneres sich zu weiten.
Die Liebe Gottes wächst dort, wo wir uns selbst weniger wichtig nehmen und Christus den ersten Platz geben.
Wer auf ihn schaut, wird verändert: weg vom Ego, hin zur Hingabe; weg von der Selbstbezogenheit, hin zur Liebe, die von Gott kommt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass wir lernen müssen, die Liebe Gottes anzunehmen, bevor wir sie weitergeben können. Viele Christen kämpfen damit, sich selbst als geliebt zu erfahren. Sie glauben zwar theoretisch an die Liebe Gottes, aber in ihrem Herzen fühlen sie sich unwürdig, abgelehnt oder nicht gut genug. Solange diese innere Blockade besteht, wird es schwierig sein, die Liebe Gottes an andere weiterzugeben. Wir können nur das geben, was wir selbst empfangen haben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder neu der Liebe Gottes aussetzen, dass wir sie in unser Herz aufnehmen und uns von ihr erfüllen lassen.
Doch um geliebt zu werden, suchen viele Christen ihren Platz in seelsorgerlichen Diensten – nicht, um die Liebe Gottes weiterzugeben, sondern um Bestätigung zu erhalten. Sie hoffen, durch ihr Engagement Anerkennung zu finden, gesehen zu werden, gebraucht zu sein. Doch wer dient, um geliebt zu werden, trägt eine Last, die Gott nie auf unsere Schultern gelegt hat. Solcher Dienst erschöpft, macht abhängig von Menschen und führt oft zu Enttäuschung.
Wahre Seelsorge fließt nicht aus einem Mangel, sondern aus der Fülle der Liebe Gottes.
Erst wenn wir uns von ihm geliebt wissen, können wir anderen dienen, ohne etwas zurückzuerwarten – frei, ehrlich und getragen von seiner Gnade.
Die Welt braucht dringend Menschen, die nicht nur von der Liebe Gottes reden, sondern sie auch ausstrahlen. In einer Zeit, die von Egoismus, Hass, Spaltung und Gleichgültigkeit geprägt ist, ist die Liebe Gottes wie ein Licht in der Dunkelheit. Sie hat die Kraft, Mauern einzureißen, Wunden zu heilen und Leben zu verändern. Doch diese Kraft kann sich nur dann entfalten, wenn sie durch Menschen fließt, die sich von Gott haben erneuern lassen. Jesus sagte in Johannes 13,35: “Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.”
Die Liebe ist also das Erkennungszeichen echter Nachfolge, das Siegel, das bestätigt, dass wir wirklich zu Christus gehören.
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir alle immer wieder in die Falle tappen, mehr zu reden als zu leben, mehr zu wissen als zu tun. Doch Gott ist geduldig mit uns und gibt uns immer wieder neue Chancen, zu wachsen und uns zu verändern. Wichtig ist, dass wir nicht bei der bloßen Erkenntnis stehen bleiben, sondern konkrete Schritte unternehmen, um die Liebe Gottes in unserem Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Das kann bedeuten, dass wir jemandem vergeben müssen, mit dem wir zerstritten sind. Das kann bedeuten, dass wir uns Zeit nehmen für einen einsamen Menschen. Das kann bedeuten, dass wir großzügig sind mit unserem Besitz oder unseren Fähigkeiten. Jede Tat der Liebe, mag sie noch so klein erscheinen, ist ein Zeugnis dafür, dass die Liebe Gottes in uns lebendig ist.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Liebe Gottes keine optionale Zugabe zum christlichen Glauben ist, sondern sein Kern und seine Essenz. Ohne diese Liebe ist alles andere hohl und leer. Mit dieser Liebe aber wird unser Leben zu einem Zeugnis der Herrlichkeit Gottes und zu einem Segen für die Menschen um uns herum. Möge Gott uns helfen, nicht nur Hörer und Redner zu sein, sondern Täter der Liebe, die er uns vorgelebt und geschenkt hat.
