Matthäus 4,12–23
Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa
“Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht Jes 8,23: »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!”
Die Berufung der ersten Jünger
“Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer. Und er sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Boot mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach.”
Der Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu in Galiläa markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Heilsgeschichte. Matthäus berichtet in Kapitel 4, Verse 12 bis 25 von einem Moment, der die Welt für immer verändern sollte. Es ist die Geschichte vom Beginn einer Bewegung, die nicht mit Macht und Gewalt, sondern mit einer einfachen Botschaft und dem Ruf zur Nachfolge begann. Dieser Bibelabschnitt zeigt uns nicht nur, wie Jesus seinen Dienst startete, sondern auch, was echte Nachfolge bedeutet und wie radikal die Entscheidung ist, ihm zu folgen. Für jeden, der sich Christ nennt, sind die Wahrheiten dieses Abschnitts von größter Bedeutung, denn sie stellen die grundlegenden Fragen: Was bedeutet es, Jesus nachzufolgen? Was verlangt er von uns? Und wie sollten wir auf seinen Ruf reagieren?
Die Geschichte beginnt mit einer dunklen Nachricht. Matthäus schreibt: “Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.” Johannes der Täufer, der mutige Prediger der Buße, der furchtlose Verkünder der Wahrheit, war ins Gefängnis geworfen worden. Seine Stimme, die in der Wüste gerufen hatte, war zum Schweigen gebracht worden, zumindest äußerlich. Herodes Antipas hatte ihn verhaften lassen, weil Johannes es gewagt hatte, seine sündige Beziehung mit Herodias, der Frau seines Bruders, öffentlich zu verurteilen. Diese Gefangennahme war ein Zeichen dessen, was kommen würde. Wenn der Wegbereiter des Messias ins Gefängnis geworfen wurde, was würde dann mit dem Messias selbst geschehen? Doch Jesus ließ sich nicht einschüchtern. Er zog sich nach Galiläa zurück, nicht aus Angst, sondern weil Gottes Zeit gekommen war, seinen Dienst an einem anderen Ort zu beginnen. Dies lehrt uns eine wichtige Wahrheit über Gottes Souveränität. Selbst wenn die Umstände dunkel erscheinen, selbst wenn Gottes Diener leiden und verfolgt werden, arbeitet Gott seinen perfekten Plan aus. Die Gefangennahme des Johannes war nicht das Ende der Bewegung, sondern der Beginn einer neuen Phase.
Jesus verließ Nazareth, die Stadt, in der er aufgewachsen war, und ließ sich in Kapernaum nieder, einer Stadt am Nordufer des Sees Genezareth. Dies war keine zufällige Entscheidung, sondern die Erfüllung biblischer Prophetie. Matthäus, der immer darauf bedacht ist zu zeigen, dass Jesus der verheißene Messias ist, zitiert aus Jesaja 8, Vers 23 und Kapitel 9, Vers 1: “Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.” Diese Prophezeiung, die Jesaja etwa siebenhundert Jahre zuvor ausgesprochen hatte, sprach von einem Licht, das in einer Region der Dunkelheit aufleuchten würde. Galiläa galt in der jüdischen Welt als zweitklassig, als geistlich verdächtig, als zu sehr von heidnischen Einflüssen durchdrungen. Es war ein Ort, auf den die religiösen Führer in Jerusalem herabsahen. Doch genau dort begann Jesus seinen Dienst. Gott wählt oft die verachteten Orte und die übersehenen Menschen, um sein Licht leuchten zu lassen. Dies sollte uns Hoffnung geben, egal wo wir sind, egal wie unbedeutend wir uns fühlen, egal wie dunkel unsere Umgebung erscheint. Gottes Licht kann überall durchbrechen, und er kann jeden gebrauchen, der bereit ist, ihm zu dienen.
Die Beschreibung des Volkes, das in Finsternis saß, ist von tiefer geistlicher Bedeutung. Finsternis in der Bibel steht für Sünde, Unwissenheit, Hoffnungslosigkeit und Trennung von Gott. Der Schatten des Todes spricht von der Herrschaft des Todes und der Machtlosigkeit des Menschen, sich selbst zu retten. Dies ist die Beschreibung der menschlichen Situation ohne Gott. Wir alle waren einst in dieser Finsternis, gefangen in Sünde, ohne Hoffnung, auf dem Weg zum ewigen Tod. Doch dann kam das Licht. Jesus selbst sagte später in Johannes 8, Vers 12: “Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.” Das Aufgehen dieses Lichtes war nicht ein allmählicher Prozess, sondern ein plötzliches, helles Aufleuchten. Wenn Jesus in ein Leben kommt, bringt er nicht einen kleinen Funken Hoffnung, sondern ein großes, strahlendes Licht, das die Dunkelheit vertreibt.
Dies ist das Evangelium: Christus kam, um uns aus der Finsternis ins Licht zu bringen, vom Tod zum Leben, von der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung.
Von diesem Zeitpunkt an begann Jesus zu predigen, und seine Botschaft war klar und direkt: “Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!” Diese Botschaft war nicht neu. Johannes der Täufer hatte genau dieselbe Botschaft verkündet (Matthäus 3,2). Doch nun übernahm Jesus selbst diese Verkündigung. Die Aufforderung zur Buße steht am Anfang der christlichen Botschaft. Buße bedeutet nicht nur, dass es uns leidtut, was wir getan haben, sondern eine radikale Umkehr, eine vollständige Änderung der Denkweise und der Lebensrichtung. Es ist ein Abwenden von der Sünde und ein Hinwenden zu Gott. In der griechischen Sprache, in der das Neue Testament geschrieben wurde, ist das Wort für Buße “metanoia”, was wörtlich eine Veränderung des Denkens bedeutet. Es geht um eine fundamentale Neuausrichtung unseres ganzen Wesens. Wahre Buße ist nicht oberflächlich, nicht emotional vorübergehend, sondern tief und lebensverändernd. Sie führt zu neuen Werten, neuen Prioritäten, neuen Entscheidungen. Ohne Buße gibt es keine Rettung, ohne Umkehr gibt es keinen Eingang ins Himmelreich. Dies ist eine unbequeme Wahrheit in einer Zeit, in der viele eine Version des Christentums bevorzugen, die keine Forderungen stellt und keine Veränderung verlangt. Doch Jesus begann seinen Dienst mit diesem Ruf zur Buße, und diese Botschaft hat sich nicht geändert.
Der Grund für die Dringlichkeit der Buße war die Nähe des Himmelreichs. “Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen”, verkündete Jesus. Mit seinem Kommen war das Reich Gottes nicht mehr eine ferne Hoffnung, sondern eine gegenwärtige Realität. Das Reich war “nahe” in dem Sinne, dass es in der Person Jesu bereits anwesend war. Wo Jesus ist, da ist das Reich Gottes. Das bedeutet nicht, dass das Reich in seiner Fülle bereits da war, denn Jesus lehrte uns zu beten: “Dein Reich komme” (Matthäus 6,10). Das Reich ist sowohl schon da als auch noch nicht vollständig verwirklicht. Es ist eine gegenwärtige Realität für die, die Jesus als König anerkennen, und es wird eine zukünftige Vollendung geben, wenn er wiederkommt. Doch die Tatsache, dass das Reich nahe ist, verleiht dem Ruf zur Buße Dringlichkeit. Wir haben keine endlose Zeit, uns zu entscheiden. Die Gelegenheit, ins Reich einzutreten, ist jetzt. Morgen ist nicht garantiert. Der Hebräerbrief sagt in Kapitel 3, Vers 15: “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.” Die Zeit ist immer jetzt, die Stunde ist immer gegenwärtig. Aufschub ist gefährlich und töricht.
Nachdem Matthäus den Beginn von Jesu Predigt beschrieben hat, berichtet er von der Berufung der ersten Jünger, und diese Geschichte ist von bemerkenswerter Kraft und Klarheit. Jesus ging am Ufer des Galiläischen Meeres entlang und sah zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas. Sie waren Fischer, die ihre Netze ins Meer warfen, beschäftigt mit ihrer täglichen Arbeit, mit ihrem Lebensunterhalt. Jesus sprach zu ihnen: “Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!” Dieser Ruf war einfach, direkt und fordernd. Es gab keine lange Einführung, keine theologische Erklärung, keine Überzeugungsarbeit. Nur ein Ruf: Folgt mir nach. Die Antwort der beiden Brüder war ebenso bemerkenswert: “Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.” Keine Zögerung, keine Bedingungen, keine Verhandlungen. Keine Diskussionen. Sie hörten den Ruf, und sie folgten. Dann, etwas weiter, sah Jesus zwei andere Brüder, Jakobus und Johannes, die mit ihrem Vater Zebedäus im Boot saßen und ihre Netze flickten. Jesus rief sie, und auch sie folgten sofort, verließen das Boot und sogar ihren Vater, um Jesus nachzufolgen.
Doch wie anders ist es heute, wenn Christus ruft. “Folge mir nach”, sagt Jesus, und die meisten Christen würden diesem Ruf nur bedingt nachgehen. Sie möchten erst Fragen stellen, Sicherheiten einfordern, theologisch diskutieren, ob es sich überhaupt lohnt. Sie wägen ab, prüfen, zögern und suchen nach Gründen, den Ruf zu entschärfen. Merkwürdig ist, dass gerade dort, wo der Herr selbst spricht, so viele Einschränkungen gemacht werden. Wenn aber selbsternannte Prediger auftreten, mit geschliffenen Worten, kräftiger Stimme und anziehendem Auftreten, dann laufen ihnen die Menschen nach, ohne zu fragen, ob ihre Botschaft dem Evangelium entspricht.
So zeigt sich, wie leicht das Herz sich blenden lässt und wie schwer es fällt, dem einfachen Ruf Jesu zu vertrauen, der allein zum Leben führt.
Diese Berichte sind kurz, aber sie enthalten tiefgreifende Wahrheiten über die Natur der Nachfolge. Erstens ist Nachfolge eine persönliche Einladung. Jesus rief diese Männer individuell. Er spricht zu jedem von uns persönlich, er kennt uns beim Namen, er sieht uns in unseren alltäglichen Beschäftigungen. Der Ruf zur Nachfolge ist nicht eine allgemeine Einladung an die Massen, sondern eine spezifische Berufung an jede einzelne Seele. Zweitens ist Nachfolge kostspielig. Diese Männer verließen ihre Netze, ihr Boot, ihren Vater, ihren Beruf, ihr vertrautes Leben. Sie gaben etwas auf, um Jesus nachzufolgen. Jesus sagte später in Lukas 14, Vers 33: “So auch jeder unter euch: Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.” Wahre Nachfolge erfordert, dass wir Jesus über alles andere stellen, über Familie, über Karriere, über Komfort, über unsere eigenen Pläne. Bist du dafür bereit? Dietrich Bonhoeffer, der deutsche Theologe, der sein Leben für seinen Glauben gab, schrieb in seinem Buch “Nachfolge”: “Wenn Christus einen Menschen ruft, dann ruft er ihn, ihm nachzukommen und zu sterben.” Dies sind harte Worte, aber sie sind wahr. Nachfolge bedeutet, unser Leben aufzugeben, um sein Leben zu gewinnen.
Sind wir dazu bereit? Viele würden sagen, Jesus ja, aber für ihn sterben, das geht zu weit. Sie reden gern von Nachfolge, solange sie bequem bleibt, solange sie nicht an das eigene Leben rührt. Sie predigen von Jesus, sie singen von seiner Liebe, sie sprechen von Hingabe, doch wenn es um das Kreuz geht, weichen sie zurück. Der Gedanke, für Christus zu sterben, erscheint ihnen fremd, übertrieben, ja fast fanatisch. Aber das Evangelium kennt keinen weichgespülten Weg.
Wo Christus ruft, da ruft er in den Tod des alten Menschen, und wer davor zurückschreckt, hat den Ernst seines Rufes noch nicht verstanden. Denn nur wer bereit ist zu sterben, wird das Leben finden, das allein aus seiner Hand kommt.
Drittens ist Nachfolge eine Antwort, die im Augenblick des Rufes geschieht. Die Jünger folgten “sogleich”, ohne Verzögerung. Sie sagten nicht: Lass mich erst dies oder jenes erledigen. Sie hörten den Ruf, und sie reagierten. Dies erinnert an eine andere Geschichte, die Lukas in Kapitel 9, Verse 59 bis 62 erzählt. Ein Mann sagte zu Jesus: “Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich hingehe und meinen Vater begrabe.” Jesus antwortete: “Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!” Ein anderer sagte: “Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.” Jesus sprach zu ihm: “Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.” Diese Worte scheinen hart, sogar gefühllos zu sein. Doch sie zeigen die absolute Priorität der Nachfolge. Nichts, wie wichtig es auch erscheinen mag, sollte uns davon abhalten, Jesus sofort zu folgen, wenn er ruft. Die Ausreden und Verzögerungen, die wir vorbringen, mögen legitim erscheinen, aber sie offenbaren oft, dass wir noch nicht bereit sind, Jesus den ersten Platz in unserem Leben zu geben.
Viertens bleibt Nachfolge nicht ohne Wirkung, sondern formt den Menschen um. Jesus sagte zu Petrus und Andreas: “Ich will euch zu Menschenfischern machen.” Er rief sie nicht nur, um ihm nachzufolgen, sondern um sie zu verändern, um ihnen eine neue Identität, einen neuen Zweck, eine neue Aufgabe zu geben. Sie waren Fischer von Beruf, und Jesus versprach, sie zu etwas Neuem zu machen. Er würde ihre Fähigkeiten nehmen, ihre Erfahrungen, ihre Leidenschaften und sie für sein Reich einsetzen. Gott ruft uns nicht, um uns zu vernichten, sondern um uns zu verwandeln, um uns zu dem zu machen, wozu er uns geschaffen hat. Paulus schreibt in 2. Korinther 5, Vers 17: “Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.” Nachfolge führt immer zu Veränderung. Wenn wir Jesus nachfolgen und unverändert bleiben, dann folgen wir ihm nicht wirklich nach.
Fünftens ist Nachfolge gemeinschaftlich. Jesus rief nicht einen einzelnen Jünger, sondern eine Gruppe. Petrus und Andreas folgten zusammen, Jakobus und Johannes ebenso. Von Anfang an war die christliche Gemeinschaft zentral. Wir sind nicht dazu berufen, allein zu gehen, sondern gemeinsam mit anderen Nachfolgern. Die Gemeinde ist nicht eine optionale Ergänzung zum christlichen Leben, sondern ein wesentlicher Bestandteil. Wir brauchen einander für Ermutigung, Korrektur, Unterstützung und Rechenschaft. Der Schriftsteller C.S. Lewis sagte einmal: “Ich glaube an das Christentum, wie ich an die Sonne glaube, die aufgegangen ist, nicht nur weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehe.” Die Gemeinschaft der Gläubigen ist das Umfeld, in dem unser Glaube wächst und gedeiht.
Doch genau hier liegt eines der größten Probleme vieler Christen unserer Zeit. Immer mehr Gläubige leben ihren Glauben als Einzelgänger. Die modernen Medien machen es möglich, sich Predigten anzuhören, Gottesdienste zu streamen und geistliche Inhalte zu konsumieren, ohne jemals Teil einer realen Gemeinschaft zu werden. Viele Kirchen fördern diese Entwicklung sogar, indem sie sagen, die Zeit habe sich geändert und man brauche keine Gemeinde mehr, weil alles auch im virtuellen Raum stattfinden könne. Doch diese Haltung widerspricht dem Wesen der christlichen Gemeinschaft. Es ist kein Wunder, dass Gemeinden aussterben und Menschen vereinsamen, wenn der persönliche Kontakt, das gemeinsame Gebet, das gegenseitige Tragen und Ermahnen verloren gehen. Virtuelle Christen können viel reden, aber sie besuchen keine Kranken, sie begleiten keine Trauernden, sie trösten keine Einsamen.
Geistliche Gemeinschaft lässt sich nicht digital ersetzen. Sie braucht Nähe, Hingabe, Zeit und Liebe. Wer sich aus der Gemeinschaft zurückzieht, beraubt sich selbst der Mittel, durch die Gott uns wachsen lässt.
Es ist auch bemerkenswert, wen Jesus berief. Diese Männer waren keine religiösen Gelehrten, keine Priester, keine Schriftkundigen. Sie waren einfache Fischer, Arbeiter, gewöhnliche Menschen. Dies entsprach nicht den Erwartungen der damaligen Gesellschaft. Man hätte erwartet, dass ein Rabbi seine Schüler aus den besten und klügsten auswählen würde, aus denen, die in den Schulen ausgebildet worden waren. Doch Jesus wählte anders. Er sah nicht auf die äußeren Qualifikationen, sondern auf das Herz. Gott hat immer einen Blick für die Geringen, die Übersehenen, die Unwahrscheinlichen. Paulus schreibt in 1. Korinther 1, Verse 26 bis 29: “Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.” Wenn du denkst, dass du nicht qualifiziert bist, um Jesus nachzufolgen, dann bist du in guter Gesellschaft. Die ersten Jünger waren es auch nicht. Aber Jesus qualifiziert die Berufenen.
Jesus braucht keine Theologen, keine Titelträger, keine Professoren, die mit akademischem Wissen glänzen. Er sucht Menschen, die bereit sind, sich rufen zu lassen, die hören, gehorchen und gehen. Er beruft Männer und Frauen, die sich ihm zur Verfügung stellen, die bereit sind, anzupacken, zu dienen und Schritte des Glaubens zu wagen. Gott wirkt nicht durch menschliche Qualifikation, sondern durch Hingabe. Er gebraucht diejenigen, die sagen: Herr, hier bin ich, sende mich. Die Geschichte der Kirche zeigt, dass Gott immer wieder einfache Menschen gebraucht hat, um Großes zu tun. Nicht weil sie stark waren, sondern weil sie ihm vertrauten.
Wer sich von Jesus rufen lässt, wird von ihm befähigt, und wer ihm folgt, wird von ihm geformt.
Die Geschichte endet nicht mit der Berufung der vier Fischer. Matthäus berichtet weiter in den Versen 23 bis 25: “Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien. Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund. Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.” Jesus lehrte, predigte und heilte. Sein Dienst war ganzheitlich, er sprach den ganzen Menschen an, Geist, Seele und Körper. Die Lehre gab den Menschen Wahrheit, die Predigt rief sie zur Umkehr und zum Glauben, die Heilungen demonstrierten die Macht und Barmherzigkeit des Reiches Gottes. Die Wunder Jesu waren nicht nur Akte der Barmherzigkeit, sondern auch Zeichen seiner messianischen Identität. Der Prophet Jesaja hatte vorausgesagt, dass der Messias die Blinden sehend machen würde, die Lahmen gehen lassen würde, den Aussätzigen Heilung bringen würde (Jesaja 35,5 bis 6). Jesus erfüllte diese Prophezeiungen und zeigte damit, dass er tatsächlich der verheißene Erlöser war.
Die Reaktion der Menschen war überwältigend. Aus allen Richtungen kamen sie zu Jesus, nicht nur aus Galiläa, sondern aus Syrien, aus den Zehn Städten (der Dekapolis), aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans. Große Menschenmengen folgten ihm. Dies zeigt uns etwas über die universale Anziehungskraft Jesu. Er war nicht nur für eine bestimmte Gruppe gekommen, nicht nur für die Juden, nicht nur für die Frommen, sondern für alle, die in Not waren, für alle, die Heilung brauchten, für alle, die nach Wahrheit suchten. Doch hier müssen wir vorsichtig sein. Nicht alle, die Jesus folgten, waren wahre Jünger. Viele kamen wegen der Wunder, wegen der Heilungen, wegen der Brote und Fische, wie Jesus später in Johannes 6, Vers 26 sagte: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.”
Es ist möglich, Jesus aus falschen Motiven zu folgen, ihn zu suchen für das, was er uns geben kann, anstatt für das, wer er ist. Wahre Nachfolge bedeutet, Jesus um seiner selbst willen zu lieben, nicht wegen der Vorteile, die er bringt.
Der Bibeltext wirft wichtige Fragen an uns auf. Haben wir den Ruf Jesu gehört? Wenn ja, wie haben wir darauf reagiert? Folgen wir ihm wirklich nach, oder spielen wir nur Religion? Haben wir etwas für ihn aufgegeben, oder versuchen wir, sowohl der Welt als auch Christus zu dienen? Diese Fragen sind unbequem, aber notwendig. Jesus selbst stellte in Lukas 6, Vers 46 die Frage: “Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?” Es ist möglich, die richtigen Worte zu sagen, die richtigen Lieder zu singen, die richtigen Veranstaltungen zu besuchen und dennoch nicht wirklich nachzufolgen. Wahre Nachfolge zeigt sich im Gehorsam, in der Bereitschaft, unsere Netze zu verlassen, in der Entscheidung, Jesus über alles andere zu stellen.
Die Geschichte der Berufung der ersten Jünger ist auch eine Ermutigung für uns. Wenn Jesus diese gewöhnlichen Männer rufen und gebrauchen konnte, dann kann er auch uns rufen und gebrauchen. Petrus, der impulsive Fischer, wurde zum Fels, auf dem Jesus seine Gemeinde baute (Matthäus 16,18). Johannes, der Donnersohn, wurde zum Apostel der Liebe. Andreas brachte Menschen zu Jesus, einschließlich seines Bruders Petrus. Jakobus wurde der erste Märtyrer unter den Aposteln. Diese Männer waren nicht perfekt, sie machten Fehler, sie versagten manchmal, aber Jesus gab sie nicht auf. Er formte sie, lehrte sie, hatte Geduld mit ihnen, und letztendlich gebrauchte er sie, um die Welt zu verändern. Er kann dasselbe mit uns tun, wenn wir bereit sind, seinem Ruf zu folgen.
Der Ruf Jesu “Folgt mir nach” hallt durch die Jahrhunderte bis zu uns heute. Er ruft uns aus unserer Finsternis ins Licht, von unserem alten Leben in ein neues Leben, von unserem eigenen Weg auf seinen Weg. Die Frage ist nicht, ob er ruft, sondern ob wir bereit sind zu hören und zu folgen. Die Kosten sind hoch, aber die Belohnung ist unvergleichlich. Jesus sagte in Markus 10, Verse 29 und 30: “Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfängt: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen und in der kommenden Welt das ewige Leben.”
Der Weg der Nachfolge ist nicht leicht, aber er ist der einzige Weg zum Leben. Lasst uns die Netze unseres alten Lebens ablegen und Jesus nachfolgen, wohin auch immer er uns führt. Lasst uns seine Stimme über alle anderen Stimmen stellen und sein Reich über alle anderen Reiche. Lasst uns nicht zögern, nicht verhandeln, nicht zurückblicken, sondern sofort und vollständig antworten auf seinen Ruf. Denn in seiner Nachfolge finden wir nicht Verlust, sondern Gewinn, nicht Tod, sondern Leben, nicht Dunkelheit, sondern Licht.
