Matthäus 4,24–24
Krankenheilungen in Galiläa
“Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien. Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund. Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.”
Der Bericht über Jesu Wirken in Galiläa, wie ihn Matthäus in Kapitel 4, Verse 23 bis 25 schildert, offenbart uns eine umfassende Darstellung dessen, wer Jesus ist und warum er kam. Diese wenigen Verse fassen den Dienst unseres Herrn in seiner ganzen Breite zusammen: Er lehrte, er predigte und er heilte. Jeder dieser Aspekte ist von tiefgreifender Bedeutung, und zusammen zeichnen sie das Bild eines Messias, der nicht nur gekommen war, um Worte zu sprechen, sondern um Menschen in ihrer ganzen Not zu begegnen, sie zu verändern und wiederherzustellen. Für uns heute, die wir in einer Welt leben, die von Leid, Krankheit und geistlicher Verwirrung geprägt ist, ist diese Passage nicht nur historischer Bericht, sondern eine Offenbarung dessen, was Jesus auch heute noch für Menschen tun kann und will. Sie fordert uns heraus, unsere Vorstellungen von Jesu Dienst zu überdenken und uns zu fragen, wie wir seinen Auftrag in unserer eigenen Zeit und an unserem eigenen Ort fortsetzen können.
Matthäus beginnt mit einer umfassenden Beschreibung von Jesu Tätigkeit: “Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.” Diese Zusammenfassung zeigt uns, dass Jesus nicht an einem Ort blieb, sondern umherzog, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, überall dort, wo Menschen waren, die seine Botschaft hören und seine Berührung erfahren mussten. Sein Dienst war nicht auf eine Elite beschränkt, nicht auf die religiös Gebildeten oder die sozial Angesehenen, sondern er ging zu allen Menschen, zu den Armen, den Verachteten, den Kranken, den Ausgegrenzten. Dies war revolutionär in einer Gesellschaft, in der religiöse Lehrer normalerweise darauf warteten, dass die Menschen zu ihnen kamen, um in ihren Schulen zu lernen. Jesus kehrte dieses Muster um. Er ging zu den Menschen, dorthin, wo sie waren, und brachte ihnen die Botschaft des Reiches Gottes. Dies ist ein Modell für die Gemeinde aller Zeiten. Wir sind nicht dazu berufen, in unseren Gebäuden zu warten, bis die Welt zu uns kommt, sondern wir sollen hinausgehen in die Welt, zu den Menschen in ihrer Not, und ihnen die gute Nachricht von Jesus Christus bringen.
Jesus lehrte in den Synagogen, den religiösen Versammlungsorten der Juden. Dies zeigt, dass er nicht außerhalb des religiösen Establishments arbeitete, sondern zunächst innerhalb dessen. Er respektierte die bestehenden Strukturen und nutzte sie als Plattform für seine Botschaft. Die Synagogen waren Orte, an denen die Schriften gelesen und erklärt wurden, an denen Menschen sich versammelten, um Gott anzubeten und über sein Wort nachzudenken. Jesus nahm diese Gelegenheiten wahr, um die Schriften auf eine Weise zu lehren, die die Menschen noch nie gehört hatten. Später in Matthäus 7, Vers 28 und 29 heißt es: “Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.” Seine Lehre war anders. Sie hatte Autorität, sie hatte Kraft, sie drang ins Herz. Sie war nicht nur eine Wiederholung von Traditionen oder eine akademische Diskussion über theologische Feinheiten, sondern eine lebendige, kraftvolle Verkündigung der Wahrheit Gottes. Die Menschen erkannten instinktiv, dass hier jemand sprach, der nicht nur über Gott redete, sondern der Gott kannte, der von Gott gesandt war, der Gottes Stimme war.
Neben der Lehre predigte Jesus das Evangelium von dem Reich. Das Wort Evangelium bedeutet gute Nachricht, und die gute Nachricht, die Jesus verkündete, war, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen war. Diese Botschaft war das Herzstück von Jesu Verkündigung. Das Reich Gottes ist die Herrschaft Gottes, die Verwirklichung seines Willens, die Wiederherstellung aller Dinge unter seiner souveränen Autorität. In einer Welt, die unter der Herrschaft der Sünde, des Todes und des Teufels litt, war dies tatsächlich eine gute Nachricht. Jesus verkündete, dass Gott nicht fern und gleichgültig war, sondern dass er eingriff, dass er handelte, dass er sein Reich aufrichtete. Dieses Reich war nicht primär ein politisches Reich, obwohl es politische Auswirkungen hatte. Es war nicht ein geografisches Reich, obwohl es räumliche Dimensionen haben würde. Es war vielmehr eine geistliche Realität, die Herrschaft Gottes über die Herzen und Leben derer, die ihn als König anerkennen. Jesus lehrte später seine Jünger zu beten: “Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden” (Matthäus 6,10). Das Reich Gottes ist dort, wo Gottes Wille getan wird, wo seine Autorität anerkannt wird, wo seine Werte gelebt werden.
Der dritte Aspekt von Jesu Dienst, den Matthäus hervorhebt, ist die Heilung: “und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.” Dieser Teil ist von enormer Bedeutung. Jesus heilte nicht nur einige Menschen oder nur bestimmte Arten von Krankheiten, sondern er heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Das griechische Wort, das hier mit “alle” übersetzt wird, bedeutet wirklich jede, ohne Ausnahme. Keine Krankheit war zu schwer für ihn, kein Leiden zu groß, keine Situation zu hoffnungslos. Dies demonstrierte seine göttliche Macht und erfüllte die messianischen Prophezeiungen des Alten Testaments. Jesaja hatte vorausgesagt, dass der Messias kommen würde, um die Blinden sehend zu machen, die Tauben hörend, die Lahmen gehend (Jesaja 35,5 bis 6). Diese Zeichen waren Beweise dafür, dass Jesus tatsächlich der verheißene Erlöser war. Als Johannes der Täufer später aus dem Gefängnis Boten zu Jesus sandte, um zu fragen, ob er wirklich der Messias sei, antwortete Jesus in Matthäus 11, Verse 4 und 5: “Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.” Die Heilungen waren nicht nur Akte der Barmherzigkeit, sondern auch Zeugnisse seiner Identität.
Die Heilungen Jesu offenbaren uns auch etwas über das Herz Gottes. Gott ist nicht gleichgültig gegenüber menschlichem Leid. Er ist nicht distanziert oder unbeteiligt, wenn Menschen unter Krankheit und Schmerz leiden. Im Gegenteil, sein Herz ist voller Mitleid und Erbarmen. Immer wieder lesen wir in den Evangelien, dass Jesus von Mitleid bewegt wurde, wenn er die leidenden Menschenmengen sah. In Matthäus 9, Vers 36 heißt es: “Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.” Das Wort, das hier mit “jammerte” übersetzt wird, spricht von einem tiefen, inneren Ergriffensein, von einem Mitleid, das aus den innersten Eingeweiden kommt. Jesus sah die Menschen nicht als Statistiken oder als Massen, sondern als Individuen, jeder mit seinem eigenen Schmerz, seiner eigenen Geschichte, seinem eigenen Bedürfnis. Und sein Herz wurde bewegt, zu handeln, zu heilen, zu helfen. Dies sollte auch das Herz der Gemeinde sein. Wir sind berufen, das Mitleid Christi in einer leidenden Welt zu verkörpern, nicht nur durch Worte, sondern durch konkrete Taten der Liebe und Barmherzigkeit.
Matthäus berichtet weiter: “Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien.” Die Nachrichten über Jesu Wirken verbreiteten sich schnell und weit. Syrien war die römische Provinz, zu der Galiläa gehörte, aber die Nachricht ging über Galiläa hinaus in die gesamte Region. In einer Zeit ohne moderne Kommunikationsmittel verbreiteten sich Nachrichten durch Mundpropaganda, durch Reisende, durch Kaufleute, durch Menschen, die selbst Zeugen oder Empfänger von Jesu Wirken geworden waren. Sie konnten nicht schweigen über das, was sie gesehen und erlebt hatten. Dies ist die natürliche Reaktion auf eine Begegnung mit Jesus. Wenn wir wirklich von ihm berührt worden sind, wenn wir seine Kraft erfahren haben, wenn wir seine Liebe gekannt haben, dann können wir nicht anders, als davon zu sprechen. Die Apostelgeschichte berichtet in Kapitel 4, Vers 20, wie Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat standen und sagten: “Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.”
Wahre Begegnung mit Jesus führt zu Zeugnis, zu Verkündigung, zum Weitersagen der guten Nachricht.
Die Reaktion der Menschen auf die Kunde von Jesus war bemerkenswert: “Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund.” Die Menschen kamen in Scharen zu Jesus, und sie brachten ihre Kranken mit. Hier sehen wir verschiedene Kategorien von Leiden aufgelistet. Es gab die mit “mancherlei Leiden und Plagen behaftet”, ein allgemeiner Ausdruck für verschiedene Arten von Krankheiten und chronischen Leiden. Es gab die Besessenen, Menschen, die von bösen Geistern gequält wurden. Es gab die Mondsüchtigen, ein Begriff, der vermutlich auf Menschen mit Epilepsie oder ähnlichen Anfallsleiden hinweist. Und es gab die Gelähmten, Menschen, die ihre Gliedmaßen nicht bewegen konnten, die ans Bett oder an einen Rollstuhl gebunden waren. Die Vielfalt der Leiden zeigt, dass Jesus nicht nur für eine bestimmte Art von Problem zuständig war, sondern dass er Macht hatte über alle Formen menschlichen Leidens, ob physisch, psychisch oder spirituell.
Besonders bemerkenswert ist die Erwähnung der Besessenen. Jesus begegnete während seines Dienstes immer wieder Menschen, die von dämonischen Mächten kontrolliert wurden. Dies zeigt uns, dass hinter vielen menschlichen Problemen eine geistliche Dimension steht. Paulus schreibt in Epheser 6, Vers 12: “Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.” Es gibt reale geistliche Mächte der Finsternis, die Menschen binden, quälen und zerstören wollen. Doch Jesus zeigte, dass er absolute Autorität über diese Mächte hat. Mit einem Wort konnte er Dämonen austreiben, mit einem Befehl konnte er die gebundenen Menschen befreien. Dies ist eine gute Nachricht für alle, die unter geistlicher Unterdrückung leiden. Jesus hat Macht, zu befreien, zu erlösen, wiederherzustellen. Keine dämonische Macht ist stärker als er, keine Finsternis kann seinem Licht widerstehen.
Die einfache Aussage “und er machte sie gesund” ist von unglaublicher Kraft. Jesus heilte nicht nur einige, nicht nur die leichten Fälle, sondern er machte sie alle gesund. Niemand, der zu ihm kam, wurde enttäuscht. Niemand, der seine Hilfe suchte, wurde abgewiesen. Dies zeigt uns die Fülle seiner Macht und die Tiefe seiner Barmherzigkeit.
Doch hier müssen wir eine wichtige theologische Frage stellen: Warum heilt Jesus heute nicht jeden, der zu ihm kommt? Warum gibt es immer noch Gläubige, die unter Krankheiten leiden, obwohl sie ernsthaft zu Gott gebetet haben?
Dies ist eine schwierige Frage, und einfache Antworten werden der Komplexität des Problems nicht gerecht. Wir müssen verstehen, dass Jesu Heilungsdienst während seines irdischen Wirkens ein Zeichen des kommenden Reiches war, eine Demonstration dessen, was in der zukünftigen Welt sein wird, wenn Gott alle Dinge neu macht. Die Offenbarung sagt in Kapitel 21, Vers 4: “Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.” Diese vollständige Heilung wird in der Ewigkeit Realität sein. In dieser gegenwärtigen Welt, die immer noch unter den Auswirkungen der Sünde leidet, heilt Gott manchmal, aber nicht immer nach unserem Zeitplan oder unseren Vorstellungen.
Das bedeutet nicht, dass wir nicht für Heilung beten sollten. Jakobus fordert uns in Kapitel 5, Verse 14 und 15 auf: “Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.” Wir sollen für Heilung beten, wir sollen Gott um seine heilende Berührung bitten, wir sollen glauben, dass er heilen kann.
Aber wir müssen auch lernen, uns seinem souveränen Willen zu unterwerfen. Paulus selbst, der Apostel, der so viele Wunder vollbrachte, betete dreimal zu Gott, dass er seinen “Pfahl im Fleisch” wegnehmen möge, doch Gott antwortete: “Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9). Manchmal erlaubt Gott Leiden in unserem Leben, nicht weil er grausam ist, sondern weil er dadurch seinen Zweck erfüllt, uns formt, seine Kraft in unserer Schwachheit zeigt. Der Theologe A.W. Tozer sagte einmal: “Es ist zweifelhaft, ob Gott irgendetwas mit einem Menschen tun kann, bis er zuerst bereit ist, Gott die Erlaubnis zu geben, ihm wehzutun.”
Leiden kann ein Werkzeug in Gottes Hand sein, um uns näher zu ihm zu bringen, uns zu läutern, unseren Charakter zu formen.
Der Bericht endet mit einer erstaunlichen Beschreibung der Volksmengen, die Jesus folgten: “Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.” Menschen kamen von überall her. Aus Galiläa, der nördlichen Region, wo Jesus den Großteil seines Dienstes ausübte. Aus den Zehn Städten, der Dekapolis, einer Gruppe von zehn vorwiegend griechischen Städten östlich des Jordan. Aus Jerusalem, dem religiösen Zentrum der jüdischen Welt. Aus Judäa, der südlichen Region. Und von jenseits des Jordans, dem Gebiet östlich des Flusses. Diese geografische Aufzählung zeigt die weite Anziehungskraft von Jesu Dienst. Er war nicht nur ein lokaler Rabbi oder ein regionaler Heiler, sondern seine Botschaft und sein Wirken zogen Menschen aus allen Richtungen an. Dies war eine Vorausschau auf die universale Mission der Gemeinde. Das Evangelium ist nicht für eine bestimmte ethnische Gruppe, eine bestimmte geografische Region oder eine bestimmte soziale Klasse bestimmt, sondern für alle Menschen überall.
Doch wir müssen hier eine wichtige Unterscheidung treffen. Matthäus sagt, dass große Mengen Jesus folgten, aber das bedeutet nicht, dass alle diese Menschen wahre Jünger waren. Viele folgten aus Neugier, manche wegen der Wunder, einige wegen der Brote, die er vermehren konnte. Jesus selbst machte später deutlich, dass wahre Nachfolge mehr bedeutet als nur in der Menge zu sein. In Johannes 6, als viele seiner Jünger sich zurückzogen, weil seine Lehre zu hart war, fragte Jesus die Zwölf: “Wollt ihr auch weggehen?” (Johannes 6,67). Wahre Jüngerschaft wird nicht daran gemessen, ob wir in schwierigen Zeiten in der Menge stehen, sondern ob wir bei Jesus bleiben, wenn die Kosten hoch werden, wenn die Lehre herausfordernd wird, wenn die Wunder aufhören und nur noch der schmale Weg des Gehorsams bleibt. Petrus antwortete damals: “Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens” (Johannes 6,68). Dies ist die Haltung des wahren Jüngers, der erkennt, dass es außerhalb von Jesus keine andere Quelle des Lebens gibt, keine alternative Hoffnung, keinen anderen Weg zur Erlösung.
Auch heute gibt es viele, die sich zu Jesus halten, solange es spannend, inspirierend oder angenehm ist. Sie sind begeistert, solange die Atmosphäre stimmt, die Musik berührt, die Predigt motiviert oder die Gemeinschaft etwas bietet. Doch wenn es darauf ankommt — wenn Nachfolge Opfer kostet, wenn Gehorsam unbequem wird, wenn Jesus’ Worte gegen den Zeitgeist stehen — dann verschwinden viele so schnell, wie sie gekommen sind. Sie waren Zuschauer, keine Jünger; Bewunderer, aber keine Nachfolger. Die Menge jubelt gern, aber sie bleibt nicht, wenn der Weg eng wird. Und genau das zeigt, wie dringend wir heute echte, entschiedene Jüngerschaft brauchen:
Menschen, die bleiben, wenn andere gehen; die treu sind, wenn es schwer wird; die Jesus folgen, nicht weil er Wunder tut, sondern weil er der Herr ist.
Die drei Aspekte von Jesu Dienst, das Lehren, das Predigen und das Heilen, sind auch heute noch relevant für die Gemeinde. Wir sind berufen, zu lehren, die Wahrheit des Wortes Gottes zu verkünden, Menschen in der Erkenntnis Gottes zu unterweisen, falsche Lehren zu korrigieren, gesunde Lehre weiterzugeben. Paulus ermahnt Timotheus in 2. Timotheus 4, Verse 2 bis 4: “Predige das Wort, stehe dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.” In einer Zeit, in der viele Menschen ihre eigenen Wahrheiten definieren, in der objektive Wahrheit in Frage gestellt wird, in der Emotionen über Fakten gestellt werden, ist solide biblische Lehre dringend notwendig.
Die Gemeinde muss ein Ort sein, an dem die Wahrheit des Wortes Gottes klar, treu und kompromisslos verkündet wird.
Wir sind auch berufen, das Evangelium zu predigen, die gute Nachricht von der Erlösung durch Jesus Christus zu verkündigen, Menschen zur Umkehr und zum Glauben zu rufen, das Reich Gottes zu proklamieren. Paulus sagt in Römer 1, Verse 16 und 17: “Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.” Das Evangelium ist nicht nur eine nette Botschaft oder ein philosophisches System, sondern die Kraft Gottes zur Rettung. Es verändert Leben, es verwandelt Herzen, es bringt Menschen von der Finsternis ins Licht, vom Tod zum Leben. Wenn die Gemeinde aufhört, das Evangelium zu predigen, hat sie ihre grundlegende Aufgabe verloren.
Und wir sind berufen, zu heilen, nicht notwendigerweise im Sinne von Wunderheilungen, obwohl Gott solche manchmal wirkt, sondern im Sinne von ganzheitlicher Fürsorge für Menschen in ihrer Not. Jakobus definiert in Kapitel 1, Vers 27 reine und unbefleckte Frömmigkeit so: “Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.” Die Gemeinde soll ein Ort der Heilung sein, wo zerbrochene Menschen Wiederherstellung finden, wo Einsame Gemeinschaft erfahren, wo Trauernde Trost empfangen, wo Verirrte Richtung bekommen. Jesus kam, um die zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, um Gefangenen Freiheit zu verkünden, um Blinden das Augenlicht zu geben, um Zerschlagene in Freiheit zu setzen (Lukas 4,18). Dies ist auch unsere Berufung.
Doch dieser Berufung werden wir heute oft nicht gerecht. Statt Menschen in ihrer Not aufzusuchen, verlieren sich viele Christen in endlosen Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Man debattiert, verurteilt, stellt andere Mitchristen bloß, kämpft um Meinungen und Positionen — aber kaum jemand kämpft um Menschen. Während online hitzige Streitgespräche geführt werden, bleiben die Einsamen unbesucht, die Trauernden ungetröstet, die Zerbrochenen unbegleitet. Die digitale Welt hat uns gelehrt, schnell zu urteilen, aber sie hat uns verlernt, nahe zu sein. Doch Heilung geschieht nicht durch Kommentare, sondern durch Gegenwart; nicht durch Debatten, sondern durch Liebe; nicht durch virtuelle Empörung, sondern durch echte Hingabe.
Wer Jesus nachfolgt, wird dorthin gehen, wo die Wunden sind — nicht dorthin, wo die Likes sind.
Die Geschichte von Jesu Wirken in Galiläa ist somit nicht nur ein historischer Bericht über vergangene Ereignisse, sondern ein Modell für den Dienst der Gemeinde in jeder Zeit. Sie zeigt uns, wer Jesus ist, ein Lehrer mit Autorität, ein Prediger mit einer lebensverändernden Botschaft, ein Heiler mit göttlicher Macht. Sie offenbart sein Herz, voller Mitleid für leidende Menschen, bereit, zu den Menschen zu gehen, wo sie sind, nicht zu selektiv in seinem Dienst, sondern offen für alle, die zu ihm kommen. Und sie stellt uns die Frage: Folgen wir diesem Jesus wirklich nach? Haben wir sein Herz für die Verlorenen, die Kranken, die Leidenden angenommen? Sind wir bereit, sein Werk in unserer Welt fortzusetzen, nicht in unserer eigenen Kraft, sondern in seiner Kraft, nicht für unseren eigenen Ruhm, sondern zu seiner Ehre? Dies ist der Ruf an jeden Gläubigen, nicht nur Zeuge von Jesu Werk zu sein, sondern Teilnehmer daran, seine Hände und Füße in einer Welt, die dringend seine heilende Berührung braucht.
