Bbblogger (9)

Matthäus 4,24–24

Kran­ken­hei­lun­gen in Gali­läa

“Und Jesus zog umher in ganz Gali­läa, lehr­te in ihren Syn­ago­gen und pre­dig­te das Evan­ge­li­um von dem Reich und heil­te alle Krank­hei­ten und alle Gebre­chen im Volk. Und die Kun­de von ihm erscholl durch ganz Syri­en. Und sie brach­ten zu ihm alle Kran­ken, mit man­cher­lei Lei­den und Pla­gen behaf­tet, Beses­se­ne, Mond­süch­ti­ge und Gelähm­te; und er mach­te sie gesund. Und es folg­te ihm eine gro­ße Men­ge aus Gali­läa, aus den Zehn Städ­ten, aus Jeru­sa­lem, aus Judäa und von jen­seits des Jor­dans.”

Der Bericht über Jesu Wir­ken in Gali­läa, wie ihn Mat­thä­us in Kapi­tel 4, Ver­se 23 bis 25 schil­dert, offen­bart uns eine umfas­sen­de Dar­stel­lung des­sen, wer Jesus ist und war­um er kam. Die­se weni­gen Ver­se fas­sen den Dienst unse­res Herrn in sei­ner gan­zen Brei­te zusam­men: Er lehr­te, er pre­dig­te und er heil­te. Jeder die­ser Aspek­te ist von tief­grei­fen­der Bedeu­tung, und zusam­men zeich­nen sie das Bild eines Mes­si­as, der nicht nur gekom­men war, um Wor­te zu spre­chen, son­dern um Men­schen in ihrer gan­zen Not zu begeg­nen, sie zu ver­än­dern und wie­der­her­zu­stel­len. Für uns heu­te, die wir in einer Welt leben, die von Leid, Krank­heit und geist­li­cher Ver­wir­rung geprägt ist, ist die­se Pas­sa­ge nicht nur his­to­ri­scher Bericht, son­dern eine Offen­ba­rung des­sen, was Jesus auch heu­te noch für Men­schen tun kann und will. Sie for­dert uns her­aus, unse­re Vor­stel­lun­gen von Jesu Dienst zu über­den­ken und uns zu fra­gen, wie wir sei­nen Auf­trag in unse­rer eige­nen Zeit und an unse­rem eige­nen Ort fort­set­zen kön­nen.

Mat­thä­us beginnt mit einer umfas­sen­den Beschrei­bung von Jesu Tätig­keit: “Und Jesus zog umher in ganz Gali­läa, lehr­te in ihren Syn­ago­gen und pre­dig­te das Evan­ge­li­um von dem Reich und heil­te alle Krank­hei­ten und alle Gebre­chen im Volk.” Die­se Zusam­men­fas­sung zeigt uns, dass Jesus nicht an einem Ort blieb, son­dern umher­zog, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, über­all dort, wo Men­schen waren, die sei­ne Bot­schaft hören und sei­ne Berüh­rung erfah­ren muss­ten. Sein Dienst war nicht auf eine Eli­te beschränkt, nicht auf die reli­gi­ös Gebil­de­ten oder die sozi­al Ange­se­he­nen, son­dern er ging zu allen Men­schen, zu den Armen, den Ver­ach­te­ten, den Kran­ken, den Aus­ge­grenz­ten. Dies war revo­lu­tio­när in einer Gesell­schaft, in der reli­giö­se Leh­rer nor­ma­ler­wei­se dar­auf war­te­ten, dass die Men­schen zu ihnen kamen, um in ihren Schu­len zu ler­nen. Jesus kehr­te die­ses Mus­ter um. Er ging zu den Men­schen, dort­hin, wo sie waren, und brach­te ihnen die Bot­schaft des Rei­ches Got­tes. Dies ist ein Modell für die Gemein­de aller Zei­ten. Wir sind nicht dazu beru­fen, in unse­ren Gebäu­den zu war­ten, bis die Welt zu uns kommt, son­dern wir sol­len hin­aus­ge­hen in die Welt, zu den Men­schen in ihrer Not, und ihnen die gute Nach­richt von Jesus Chris­tus brin­gen.

Jesus lehr­te in den Syn­ago­gen, den reli­giö­sen Ver­samm­lungs­or­ten der Juden. Dies zeigt, dass er nicht außer­halb des reli­giö­sen Estab­lish­ments arbei­te­te, son­dern zunächst inner­halb des­sen. Er respek­tier­te die bestehen­den Struk­tu­ren und nutz­te sie als Platt­form für sei­ne Bot­schaft. Die Syn­ago­gen waren Orte, an denen die Schrif­ten gele­sen und erklärt wur­den, an denen Men­schen sich ver­sam­mel­ten, um Gott anzu­be­ten und über sein Wort nach­zu­den­ken. Jesus nahm die­se Gele­gen­hei­ten wahr, um die Schrif­ten auf eine Wei­se zu leh­ren, die die Men­schen noch nie gehört hat­ten. Spä­ter in Mat­thä­us 7, Vers 28 und 29 heißt es: “Und es begab sich, als Jesus die­se Rede voll­endet hat­te, dass sich das Volk ent­setz­te über sei­ne Leh­re; denn er lehr­te sie mit Voll­macht und nicht wie ihre Schrift­ge­lehr­ten.” Sei­ne Leh­re war anders. Sie hat­te Auto­ri­tät, sie hat­te Kraft, sie drang ins Herz. Sie war nicht nur eine Wie­der­ho­lung von Tra­di­tio­nen oder eine aka­de­mi­sche Dis­kus­si­on über theo­lo­gi­sche Fein­hei­ten, son­dern eine leben­di­ge, kraft­vol­le Ver­kün­di­gung der Wahr­heit Got­tes. Die Men­schen erkann­ten instink­tiv, dass hier jemand sprach, der nicht nur über Gott rede­te, son­dern der Gott kann­te, der von Gott gesandt war, der Got­tes Stim­me war.

Neben der Leh­re pre­dig­te Jesus das Evan­ge­li­um von dem Reich. Das Wort Evan­ge­li­um bedeu­tet gute Nach­richt, und die gute Nach­richt, die Jesus ver­kün­de­te, war, dass das Reich Got­tes nahe her­bei­ge­kom­men war. Die­se Bot­schaft war das Herz­stück von Jesu Ver­kün­di­gung. Das Reich Got­tes ist die Herr­schaft Got­tes, die Ver­wirk­li­chung sei­nes Wil­lens, die Wie­der­her­stel­lung aller Din­ge unter sei­ner sou­ve­rä­nen Auto­ri­tät. In einer Welt, die unter der Herr­schaft der Sün­de, des Todes und des Teu­fels litt, war dies tat­säch­lich eine gute Nach­richt. Jesus ver­kün­de­te, dass Gott nicht fern und gleich­gül­tig war, son­dern dass er ein­griff, dass er han­del­te, dass er sein Reich auf­rich­te­te. Die­ses Reich war nicht pri­mär ein poli­ti­sches Reich, obwohl es poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen hat­te. Es war nicht ein geo­gra­fi­sches Reich, obwohl es räum­li­che Dimen­sio­nen haben wür­de. Es war viel­mehr eine geist­li­che Rea­li­tät, die Herr­schaft Got­tes über die Her­zen und Leben derer, die ihn als König aner­ken­nen. Jesus lehr­te spä­ter sei­ne Jün­ger zu beten: “Dein Reich kom­me, dein Wil­le gesche­he, wie im Him­mel, so auf Erden” (Mat­thä­us 6,10). Das Reich Got­tes ist dort, wo Got­tes Wil­le getan wird, wo sei­ne Auto­ri­tät aner­kannt wird, wo sei­ne Wer­te gelebt wer­den.

Der drit­te Aspekt von Jesu Dienst, den Mat­thä­us her­vor­hebt, ist die Hei­lung: “und heil­te alle Krank­hei­ten und alle Gebre­chen im Volk.” Die­ser Teil ist von enor­mer Bedeu­tung. Jesus heil­te nicht nur eini­ge Men­schen oder nur bestimm­te Arten von Krank­hei­ten, son­dern er heil­te alle Krank­hei­ten und alle Gebre­chen. Das grie­chi­sche Wort, das hier mit “alle” über­setzt wird, bedeu­tet wirk­lich jede, ohne Aus­nah­me. Kei­ne Krank­heit war zu schwer für ihn, kein Lei­den zu groß, kei­ne Situa­ti­on zu hoff­nungs­los. Dies demons­trier­te sei­ne gött­li­che Macht und erfüll­te die mes­sia­ni­schen Pro­phe­zei­un­gen des Alten Tes­ta­ments. Jesa­ja hat­te vor­aus­ge­sagt, dass der Mes­si­as kom­men wür­de, um die Blin­den sehend zu machen, die Tau­ben hörend, die Lah­men gehend (Jesa­ja 35,5 bis 6). Die­se Zei­chen waren Bewei­se dafür, dass Jesus tat­säch­lich der ver­hei­ße­ne Erlö­ser war. Als Johan­nes der Täu­fer spä­ter aus dem Gefäng­nis Boten zu Jesus sand­te, um zu fra­gen, ob er wirk­lich der Mes­si­as sei, ant­wor­te­te Jesus in Mat­thä­us 11, Ver­se 4 und 5: “Geht hin und sagt Johan­nes wie­der, was ihr hört und seht: Blin­de sehen und Lah­me gehen, Aus­sät­zi­ge wer­den rein und Tau­be hören, Tote ste­hen auf, und Armen wird das Evan­ge­li­um gepre­digt.” Die Hei­lun­gen waren nicht nur Akte der Barm­her­zig­keit, son­dern auch Zeug­nis­se sei­ner Iden­ti­tät.

Die Hei­lun­gen Jesu offen­ba­ren uns auch etwas über das Herz Got­tes. Gott ist nicht gleich­gül­tig gegen­über mensch­li­chem Leid. Er ist nicht distan­ziert oder unbe­tei­ligt, wenn Men­schen unter Krank­heit und Schmerz lei­den. Im Gegen­teil, sein Herz ist vol­ler Mit­leid und Erbar­men. Immer wie­der lesen wir in den Evan­ge­li­en, dass Jesus von Mit­leid bewegt wur­de, wenn er die lei­den­den Men­schen­men­gen sah. In Mat­thä­us 9, Vers 36 heißt es: “Und als er das Volk sah, jam­mer­te es ihn; denn sie waren ver­schmach­tet und zer­streut wie die Scha­fe, die kei­nen Hir­ten haben.” Das Wort, das hier mit “jam­mer­te” über­setzt wird, spricht von einem tie­fen, inne­ren Ergrif­fen­sein, von einem Mit­leid, das aus den inners­ten Ein­ge­wei­den kommt. Jesus sah die Men­schen nicht als Sta­tis­ti­ken oder als Mas­sen, son­dern als Indi­vi­du­en, jeder mit sei­nem eige­nen Schmerz, sei­ner eige­nen Geschich­te, sei­nem eige­nen Bedürf­nis. Und sein Herz wur­de bewegt, zu han­deln, zu hei­len, zu hel­fen. Dies soll­te auch das Herz der Gemein­de sein. Wir sind beru­fen, das Mit­leid Chris­ti in einer lei­den­den Welt zu ver­kör­pern, nicht nur durch Wor­te, son­dern durch kon­kre­te Taten der Lie­be und Barm­her­zig­keit.

Mat­thä­us berich­tet wei­ter: “Und die Kun­de von ihm erscholl durch ganz Syri­en.” Die Nach­rich­ten über Jesu Wir­ken ver­brei­te­ten sich schnell und weit. Syri­en war die römi­sche Pro­vinz, zu der Gali­läa gehör­te, aber die Nach­richt ging über Gali­läa hin­aus in die gesam­te Regi­on. In einer Zeit ohne moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ver­brei­te­ten sich Nach­rich­ten durch Mund­pro­pa­gan­da, durch Rei­sen­de, durch Kauf­leu­te, durch Men­schen, die selbst Zeu­gen oder Emp­fän­ger von Jesu Wir­ken gewor­den waren. Sie konn­ten nicht schwei­gen über das, was sie gese­hen und erlebt hat­ten. Dies ist die natür­li­che Reak­ti­on auf eine Begeg­nung mit Jesus. Wenn wir wirk­lich von ihm berührt wor­den sind, wenn wir sei­ne Kraft erfah­ren haben, wenn wir sei­ne Lie­be gekannt haben, dann kön­nen wir nicht anders, als davon zu spre­chen. Die Apos­tel­ge­schich­te berich­tet in Kapi­tel 4, Vers 20, wie Petrus und Johan­nes vor dem Hohen Rat stan­den und sag­ten: “Wir können’s ja nicht las­sen, von dem zu reden, was wir gese­hen und gehört haben.”

Die Reak­ti­on der Men­schen auf die Kun­de von Jesus war bemer­kens­wert: “Und sie brach­ten zu ihm alle Kran­ken, mit man­cher­lei Lei­den und Pla­gen behaf­tet, Beses­se­ne, Mond­süch­ti­ge und Gelähm­te; und er mach­te sie gesund.” Die Men­schen kamen in Scha­ren zu Jesus, und sie brach­ten ihre Kran­ken mit. Hier sehen wir ver­schie­de­ne Kate­go­rien von Lei­den auf­ge­lis­tet. Es gab die mit “man­cher­lei Lei­den und Pla­gen behaf­tet”, ein all­ge­mei­ner Aus­druck für ver­schie­de­ne Arten von Krank­hei­ten und chro­ni­schen Lei­den. Es gab die Beses­se­nen, Men­schen, die von bösen Geis­tern gequält wur­den. Es gab die Mond­süch­ti­gen, ein Begriff, der ver­mut­lich auf Men­schen mit Epi­lep­sie oder ähn­li­chen Anfalls­lei­den hin­weist. Und es gab die Gelähm­ten, Men­schen, die ihre Glied­ma­ßen nicht bewe­gen konn­ten, die ans Bett oder an einen Roll­stuhl gebun­den waren. Die Viel­falt der Lei­den zeigt, dass Jesus nicht nur für eine bestimm­te Art von Pro­blem zustän­dig war, son­dern dass er Macht hat­te über alle For­men mensch­li­chen Lei­dens, ob phy­sisch, psy­chisch oder spi­ri­tu­ell.

Beson­ders bemer­kens­wert ist die Erwäh­nung der Beses­se­nen. Jesus begeg­ne­te wäh­rend sei­nes Diens­tes immer wie­der Men­schen, die von dämo­ni­schen Mäch­ten kon­trol­liert wur­den. Dies zeigt uns, dass hin­ter vie­len mensch­li­chen Pro­ble­men eine geist­li­che Dimen­si­on steht. Pau­lus schreibt in Ephe­ser 6, Vers 12: “Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämp­fen, son­dern mit Mäch­ti­gen und Gewal­ti­gen, mit den Her­ren der Welt, die über die­se Fins­ter­nis herr­schen, mit den bösen Geis­tern unter dem Him­mel.” Es gibt rea­le geist­li­che Mäch­te der Fins­ter­nis, die Men­schen bin­den, quä­len und zer­stö­ren wol­len. Doch Jesus zeig­te, dass er abso­lu­te Auto­ri­tät über die­se Mäch­te hat. Mit einem Wort konn­te er Dämo­nen aus­trei­ben, mit einem Befehl konn­te er die gebun­de­nen Men­schen befrei­en. Dies ist eine gute Nach­richt für alle, die unter geist­li­cher Unter­drü­ckung lei­den. Jesus hat Macht, zu befrei­en, zu erlö­sen, wie­der­her­zu­stel­len. Kei­ne dämo­ni­sche Macht ist stär­ker als er, kei­ne Fins­ter­nis kann sei­nem Licht wider­ste­hen.

Die ein­fa­che Aus­sa­ge “und er mach­te sie gesund” ist von unglaub­li­cher Kraft. Jesus heil­te nicht nur eini­ge, nicht nur die leich­ten Fäl­le, son­dern er mach­te sie alle gesund. Nie­mand, der zu ihm kam, wur­de ent­täuscht. Nie­mand, der sei­ne Hil­fe such­te, wur­de abge­wie­sen. Dies zeigt uns die Fül­le sei­ner Macht und die Tie­fe sei­ner Barm­her­zig­keit.

Doch hier müs­sen wir eine wich­ti­ge theo­lo­gi­sche Fra­ge stel­len: War­um heilt Jesus heu­te nicht jeden, der zu ihm kommt? War­um gibt es immer noch Gläu­bi­ge, die unter Krank­hei­ten lei­den, obwohl sie ernst­haft zu Gott gebe­tet haben?

Dies ist eine schwie­ri­ge Fra­ge, und ein­fa­che Ant­wor­ten wer­den der Kom­ple­xi­tät des Pro­blems nicht gerecht. Wir müs­sen ver­ste­hen, dass Jesu Hei­lungs­dienst wäh­rend sei­nes irdi­schen Wir­kens ein Zei­chen des kom­men­den Rei­ches war, eine Demons­tra­ti­on des­sen, was in der zukünf­ti­gen Welt sein wird, wenn Gott alle Din­ge neu macht. Die Offen­ba­rung sagt in Kapi­tel 21, Vers 4: “Und Gott wird abwi­schen alle Trä­nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Ers­te ist ver­gan­gen.” Die­se voll­stän­di­ge Hei­lung wird in der Ewig­keit Rea­li­tät sein. In die­ser gegen­wär­ti­gen Welt, die immer noch unter den Aus­wir­kun­gen der Sün­de lei­det, heilt Gott manch­mal, aber nicht immer nach unse­rem Zeit­plan oder unse­ren Vor­stel­lun­gen.

Das bedeu­tet nicht, dass wir nicht für Hei­lung beten soll­ten. Jako­bus for­dert uns in Kapi­tel 5, Ver­se 14 und 15 auf: “Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältes­ten der Gemein­de, dass sie über ihm beten und ihn sal­ben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glau­bens wird dem Kran­ken hel­fen, und der Herr wird ihn auf­rich­ten; und wenn er Sün­den getan hat, wird ihm ver­ge­ben wer­den.” Wir sol­len für Hei­lung beten, wir sol­len Gott um sei­ne hei­len­de Berüh­rung bit­ten, wir sol­len glau­ben, dass er hei­len kann.

Aber wir müs­sen auch ler­nen, uns sei­nem sou­ve­rä­nen Wil­len zu unter­wer­fen. Pau­lus selbst, der Apos­tel, der so vie­le Wun­der voll­brach­te, bete­te drei­mal zu Gott, dass er sei­nen “Pfahl im Fleisch” weg­neh­men möge, doch Gott ant­wor­te­te: “Lass dir an mei­ner Gna­de genü­gen; denn mei­ne Kraft ist in den Schwa­chen mäch­tig” (2. Korin­ther 12,9). Manch­mal erlaubt Gott Lei­den in unse­rem Leben, nicht weil er grau­sam ist, son­dern weil er dadurch sei­nen Zweck erfüllt, uns formt, sei­ne Kraft in unse­rer Schwach­heit zeigt. Der Theo­lo­ge A.W. Tozer sag­te ein­mal: “Es ist zwei­fel­haft, ob Gott irgend­et­was mit einem Men­schen tun kann, bis er zuerst bereit ist, Gott die Erlaub­nis zu geben, ihm weh­zu­tun.”

Der Bericht endet mit einer erstaun­li­chen Beschrei­bung der Volks­men­gen, die Jesus folg­ten: “Und es folg­te ihm eine gro­ße Men­ge aus Gali­läa, aus den Zehn Städ­ten, aus Jeru­sa­lem, aus Judäa und von jen­seits des Jor­dans.” Men­schen kamen von über­all her. Aus Gali­läa, der nörd­li­chen Regi­on, wo Jesus den Groß­teil sei­nes Diens­tes aus­üb­te. Aus den Zehn Städ­ten, der Deka­po­lis, einer Grup­pe von zehn vor­wie­gend grie­chi­schen Städ­ten öst­lich des Jor­dan. Aus Jeru­sa­lem, dem reli­giö­sen Zen­trum der jüdi­schen Welt. Aus Judäa, der süd­li­chen Regi­on. Und von jen­seits des Jor­dans, dem Gebiet öst­lich des Flus­ses. Die­se geo­gra­fi­sche Auf­zäh­lung zeigt die wei­te Anzie­hungs­kraft von Jesu Dienst. Er war nicht nur ein loka­ler Rab­bi oder ein regio­na­ler Hei­ler, son­dern sei­ne Bot­schaft und sein Wir­ken zogen Men­schen aus allen Rich­tun­gen an. Dies war eine Vor­aus­schau auf die uni­ver­sa­le Mis­si­on der Gemein­de. Das Evan­ge­li­um ist nicht für eine bestimm­te eth­ni­sche Grup­pe, eine bestimm­te geo­gra­fi­sche Regi­on oder eine bestimm­te sozia­le Klas­se bestimmt, son­dern für alle Men­schen über­all.

Doch wir müs­sen hier eine wich­ti­ge Unter­schei­dung tref­fen. Mat­thä­us sagt, dass gro­ße Men­gen Jesus folg­ten, aber das bedeu­tet nicht, dass alle die­se Men­schen wah­re Jün­ger waren. Vie­le folg­ten aus Neu­gier, man­che wegen der Wun­der, eini­ge wegen der Bro­te, die er ver­meh­ren konn­te. Jesus selbst mach­te spä­ter deut­lich, dass wah­re Nach­fol­ge mehr bedeu­tet als nur in der Men­ge zu sein. In Johan­nes 6, als vie­le sei­ner Jün­ger sich zurück­zo­gen, weil sei­ne Leh­re zu hart war, frag­te Jesus die Zwölf: “Wollt ihr auch weg­ge­hen?” (Johan­nes 6,67). Wah­re Jün­ger­schaft wird nicht dar­an gemes­sen, ob wir in schwie­ri­gen Zei­ten in der Men­ge ste­hen, son­dern ob wir bei Jesus blei­ben, wenn die Kos­ten hoch wer­den, wenn die Leh­re her­aus­for­dernd wird, wenn die Wun­der auf­hö­ren und nur noch der schma­le Weg des Gehor­sams bleibt. Petrus ant­wor­te­te damals: “Herr, wohin sol­len wir gehen? Du hast Wor­te des ewi­gen Lebens” (Johan­nes 6,68). Dies ist die Hal­tung des wah­ren Jün­gers, der erkennt, dass es außer­halb von Jesus kei­ne ande­re Quel­le des Lebens gibt, kei­ne alter­na­ti­ve Hoff­nung, kei­nen ande­ren Weg zur Erlö­sung.

Auch heu­te gibt es vie­le, die sich zu Jesus hal­ten, solan­ge es span­nend, inspi­rie­rend oder ange­nehm ist. Sie sind begeis­tert, solan­ge die Atmo­sphä­re stimmt, die Musik berührt, die Pre­digt moti­viert oder die Gemein­schaft etwas bie­tet. Doch wenn es dar­auf ankommt — wenn Nach­fol­ge Opfer kos­tet, wenn Gehor­sam unbe­quem wird, wenn Jesus’ Wor­te gegen den Zeit­geist ste­hen — dann ver­schwin­den vie­le so schnell, wie sie gekom­men sind. Sie waren Zuschau­er, kei­ne Jün­ger; Bewun­de­rer, aber kei­ne Nach­fol­ger. Die Men­ge jubelt gern, aber sie bleibt nicht, wenn der Weg eng wird. Und genau das zeigt, wie drin­gend wir heu­te ech­te, ent­schie­de­ne Jün­ger­schaft brau­chen:

Die drei Aspek­te von Jesu Dienst, das Leh­ren, das Pre­di­gen und das Hei­len, sind auch heu­te noch rele­vant für die Gemein­de. Wir sind beru­fen, zu leh­ren, die Wahr­heit des Wor­tes Got­tes zu ver­kün­den, Men­schen in der Erkennt­nis Got­tes zu unter­wei­sen, fal­sche Leh­ren zu kor­ri­gie­ren, gesun­de Leh­re wei­ter­zu­ge­ben. Pau­lus ermahnt Timo­theus in 2. Timo­theus 4, Ver­se 2 bis 4: “Pre­di­ge das Wort, ste­he dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; wei­se zurecht, dro­he, ermah­ne mit aller Geduld und Leh­re. Denn es wird eine Zeit kom­men, da sie die heil­sa­me Leh­re nicht ertra­gen wer­den; son­dern nach ihren eige­nen Gelüs­ten wer­den sie sich selbst Leh­rer auf­la­den, nach denen ihnen die Ohren jucken, und wer­den die Ohren von der Wahr­heit abwen­den und sich den Fabeln zukeh­ren.” In einer Zeit, in der vie­le Men­schen ihre eige­nen Wahr­hei­ten defi­nie­ren, in der objek­ti­ve Wahr­heit in Fra­ge gestellt wird, in der Emo­tio­nen über Fak­ten gestellt wer­den, ist soli­de bibli­sche Leh­re drin­gend not­wen­dig.

Wir sind auch beru­fen, das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen, die gute Nach­richt von der Erlö­sung durch Jesus Chris­tus zu ver­kün­di­gen, Men­schen zur Umkehr und zum Glau­ben zu rufen, das Reich Got­tes zu pro­kla­mie­ren. Pau­lus sagt in Römer 1, Ver­se 16 und 17: “Denn ich schä­me mich des Evan­ge­li­ums nicht; denn es ist eine Kraft Got­tes, die selig macht alle, die glau­ben, die Juden zuerst und eben­so die Grie­chen. Denn dar­in wird offen­bart die Gerech­tig­keit, die vor Gott gilt, wel­che kommt aus Glau­ben in Glau­ben; wie geschrie­ben steht: Der Gerech­te wird aus Glau­ben leben.” Das Evan­ge­li­um ist nicht nur eine net­te Bot­schaft oder ein phi­lo­so­phi­sches Sys­tem, son­dern die Kraft Got­tes zur Ret­tung. Es ver­än­dert Leben, es ver­wan­delt Her­zen, es bringt Men­schen von der Fins­ter­nis ins Licht, vom Tod zum Leben. Wenn die Gemein­de auf­hört, das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen, hat sie ihre grund­le­gen­de Auf­ga­be ver­lo­ren.

Und wir sind beru­fen, zu hei­len, nicht not­wen­di­ger­wei­se im Sin­ne von Wun­der­hei­lun­gen, obwohl Gott sol­che manch­mal wirkt, son­dern im Sin­ne von ganz­heit­li­cher Für­sor­ge für Men­schen in ihrer Not. Jako­bus defi­niert in Kapi­tel 1, Vers 27 rei­ne und unbe­fleck­te Fröm­mig­keit so: “Die Wai­sen und Wit­wen in ihrer Trüb­sal besu­chen und sich selbst von der Welt unbe­fleckt hal­ten.” Die Gemein­de soll ein Ort der Hei­lung sein, wo zer­bro­che­ne Men­schen Wie­der­her­stel­lung fin­den, wo Ein­sa­me Gemein­schaft erfah­ren, wo Trau­ern­de Trost emp­fan­gen, wo Ver­irr­te Rich­tung bekom­men. Jesus kam, um die zu hei­len, die zer­bro­che­nen Her­zens sind, um Gefan­ge­nen Frei­heit zu ver­kün­den, um Blin­den das Augen­licht zu geben, um Zer­schla­ge­ne in Frei­heit zu set­zen (Lukas 4,18). Dies ist auch unse­re Beru­fung.

Doch die­ser Beru­fung wer­den wir heu­te oft nicht gerecht. Statt Men­schen in ihrer Not auf­zu­su­chen, ver­lie­ren sich vie­le Chris­ten in end­lo­sen Dis­kus­sio­nen in den sozia­len Netz­wer­ken. Man debat­tiert, ver­ur­teilt, stellt ande­re Mit­chris­ten bloß, kämpft um Mei­nun­gen und Posi­tio­nen — aber kaum jemand kämpft um Men­schen. Wäh­rend online hit­zi­ge Streit­ge­sprä­che geführt wer­den, blei­ben die Ein­sa­men unbe­sucht, die Trau­ern­den unge­trös­tet, die Zer­bro­che­nen unbe­glei­tet. Die digi­ta­le Welt hat uns gelehrt, schnell zu urtei­len, aber sie hat uns ver­lernt, nahe zu sein. Doch Hei­lung geschieht nicht durch Kom­men­ta­re, son­dern durch Gegen­wart; nicht durch Debat­ten, son­dern durch Lie­be; nicht durch vir­tu­el­le Empö­rung, son­dern durch ech­te Hin­ga­be.

Die Geschich­te von Jesu Wir­ken in Gali­läa ist somit nicht nur ein his­to­ri­scher Bericht über ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se, son­dern ein Modell für den Dienst der Gemein­de in jeder Zeit. Sie zeigt uns, wer Jesus ist, ein Leh­rer mit Auto­ri­tät, ein Pre­di­ger mit einer lebens­ver­än­dern­den Bot­schaft, ein Hei­ler mit gött­li­cher Macht. Sie offen­bart sein Herz, vol­ler Mit­leid für lei­den­de Men­schen, bereit, zu den Men­schen zu gehen, wo sie sind, nicht zu selek­tiv in sei­nem Dienst, son­dern offen für alle, die zu ihm kom­men. Und sie stellt uns die Fra­ge: Fol­gen wir die­sem Jesus wirk­lich nach? Haben wir sein Herz für die Ver­lo­re­nen, die Kran­ken, die Lei­den­den ange­nom­men? Sind wir bereit, sein Werk in unse­rer Welt fort­zu­set­zen, nicht in unse­rer eige­nen Kraft, son­dern in sei­ner Kraft, nicht für unse­ren eige­nen Ruhm, son­dern zu sei­ner Ehre? Dies ist der Ruf an jeden Gläu­bi­gen, nicht nur Zeu­ge von Jesu Werk zu sein, son­dern Teil­neh­mer dar­an, sei­ne Hän­de und Füße in einer Welt, die drin­gend sei­ne hei­len­de Berüh­rung braucht.

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