Bibelblogger

"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

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Das Vaterunser: Warnung, Bitte, Lobpreis!

Beckblogger (3)

Ausle­gung des Vaterun­sers: Matthäus 6, 5–13:

Matthäus 6,5 LUT 1984: “Und wenn wir betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuch­ler, die gern in den Syn­a­gogen und an den Straße­neck­en ste­hen und beten, damit sie von den Leuten gese­hen wer­den. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.”

Jesus warnt seine Jünger ein­dringlich vor der Heuchelei im Gebet. Diese War­nung ist zeit­los und gilt auch uns heute uneingeschränkt. Denn die Ver­suchung, Fröm­migkeit zur Schau zu stellen, ist nicht ver­schwun­den – sie hat nur neue For­men angenom­men. Damals waren es die Syn­a­gogen und Straße­neck­en, heute sind es die Büh­nen der dig­i­tal­en Welt: Kam­eras, Livestreams, soziale Net­zw­erke.

Es gibt Chris­ten, ja auch christliche Influ­encer, die sich gerne öffentlich posi­tion­ieren, um beim Beten gese­hen und bewun­dert zu wer­den. Doch Jesus macht klar: Wer betet, um Ein­druck zu schin­den, wer Gebet instru­men­tal­isiert, um Likes, Applaus oder Fol­low­er zu gewin­nen, der hat seinen Lohn bere­its emp­fan­gen – und zwar den vergänglichen Ruhm der Men­schen.

Das wahre Gebet aber sucht nicht die Bühne, son­dern die Gegen­wart Gottes. Es lebt von der Ver­bor­gen­heit, von der inneren Hingabe, von der Ehrlichkeit des Herzens. Jesus ruft uns dazu auf, uns nicht von Ruhm­sucht treiben zu lassen, son­dern in Demut und Aufrichtigkeit zu beten. Denn nur so wird das Gebet zur Begeg­nung mit dem Vater im Him­mel – und nicht zur Insze­nierung vor den Augen der Welt.


Matthäus 6,6 LUT 1984: “Wenn du aber betest, so geh in dein Käm­mer­lein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Ver­bor­ge­nen ist; und dein Vater, der in das Ver­bor­gene sieht, wird dir´s vergel­ten.”

Statt der Ver­suchung des Selb­struhms weist Jesus uns einen anderen Weg: das stille, ver­bor­gene Gebet. „Wenn du aber betest, so geh in dein Käm­mer­lein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Ver­bor­ge­nen ist.“ Damit macht Jesus deut­lich: Beten ist kein Schaus­piel, son­dern eine intime Begeg­nung mit Gott. Wir dür­fen und sollen beten – ohne Unter­lass –, doch die rechte Hal­tung ver­langt Rück­zug, Stille und Ein­samkeit. Dort, wo kein Applaus und keine Zuschauer sind, öffnet sich der Raum für das ehrliche Gespräch mit dem Vater.

Aber auch hier gilt die War­nung: Nicht jedes Nach­denken, nicht jede selb­st­gemachte Erken­nt­nis, nicht jede Tat, die wir als „christlich“ etiket­tieren, ist schon Gebet. Wer das Gebet mit from­mer Fan­tasie über­frachtet, wer sich selb­st in den Mit­telpunkt stellt, läuft Gefahr, eine Fröm­migkeit zu kul­tivieren, die bald heiliger erscheinen will als Gott selb­st. Jesus ruft uns zu ein­er nüchter­nen, ehrlichen Gebet­shal­tung. Das wahre Gebet lebt von der Ein­fach­heit des Herzens, von der Demut, von der Stille. Es ist kein Ort für Selb­stin­sze­nierung, son­dern für Hingabe.

Als Nach­fol­ger Jesu beten wir gemein­sam – in den Gottes­di­en­sten, in der Gemein­schaft der Glauben­den – und wir beten ein­sam, im Käm­mer­lein, in der Ver­bor­gen­heit. Bei­des gehört zusam­men: das gemein­same Gebet, das uns als Leib Christi verbindet, und das per­sön­liche Gebet, das uns in der Tiefe mit dem Vater vere­int.


Matthäus 6,7–8 LUTH 1984: “Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plap­pern wie Hei­den; denn sie meinen, sie wer­den erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gle­ichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bit­tet.”

Jesus warnt uns davor, das Gebet mit vie­len Worten, Wieder­hol­un­gen und leeren Phrasen zu über­laden. Schon damals mein­ten die Hei­den, sie wür­den durch end­los­es Reden erhört. Doch Gott lässt sich nicht durch Wort­fülle beein­druck­en. Auch heute wer­den seit­en­weise Gebets­bit­ten vor­ge­tra­gen, lange Sätze for­muliert, immer wieder diesel­ben Floskeln wieder­holt – und doch bleibt das Herz oft unberührt.

Unser Vater im Him­mel sucht nicht das Plap­pern, son­dern das Gebet, das aus der Tiefe des Herzens kommt. Er weiß, was wir benöti­gen, noch ehe wir ihn darum bit­ten. Deshalb ist das Gebet kein Infor­ma­tion­saus­tausch, son­dern ein Aus­druck unser­er Abhängigkeit und Bedürftigkeit. Wir beten nicht, um Gott etwas mitzuteilen, was er nicht weiß, son­dern um uns selb­st in seine Gegen­wart zu stellen, unsere Not und unser Ver­trauen zu beken­nen.

Die berechtigte Frage lautet: Warum sollen wir über­haupt beten, wenn Gott doch schon alles weiß? Die Antwort ist: Weil das Gebet die Grund­lage unseres Gesprächs mit ihm ist. Es ist die direk­te Kon­tak­tauf­nahme mit dem lebendi­gen Gott. Im Gebet beken­nen wir, dass wir nicht aus eigen­er Kraft leben kön­nen, son­dern von sein­er Gnade abhängig sind.

Und noch mehr: Gott tut gewisse Dinge als Antwort auf das Gebet, die er anderen­falls nicht getan hätte. Das Gebet ist also nicht nur Aus­druck unser­er Bedürftigkeit, son­dern auch ein Werkzeug, durch das Gott han­delt. Darum ruft Jesus uns zu einem schlicht­en, ehrlichen Gebet – nicht aus Fan­tasie, nicht aus Selb­st­darstel­lung, son­dern aus der Stille und aus dem tief­sten Herzen.


Matthäus 6,9–13 LUTH 1984: Darum sollt ihr so beten: “Unser Vater im Him­mel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Him­mel so auf Erden. Unser täglich­es Brot gib uns heute. Und vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Ver­suchung, son­dern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Her­rlichkeit in Ewigkeit. Amen.”

Vers 9: “Unser Vater im Him­mel! Dein Name werde geheiligt.” Mit diesen Worten lehrt uns Jesus, das Gebet an Gott den Vater zu richt­en. Es begin­nt mit der Anerken­nung sein­er sou­verä­nen Herrschaft über Him­mel und Erde. Das Gebet ist nicht zuerst Bitte, son­dern Anbe­tung: die Heili­gung seines Namens, die Ehrfurcht vor sein­er Majestät.

Doch zugle­ich dür­fen wir wis­sen: Jesus Chris­tus ist eins mit dem Vater. Er selb­st sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10,30). Darum ist es nicht falsch, wenn wir unsere Gebete auch an ihn richt­en. Denn wer den Sohn anruft, ruft zugle­ich den Vater an, und wer den Vater ehrt, ehrt auch den Sohn. Das Vaterunser zeigt uns die rechte Ord­nung: Wir wen­den uns an den Vater, aber wir tun es durch den Sohn, im Heili­gen Geist. So bleibt das Gebet trini­tarisch ver­ankert – es ist keine men­schliche Kon­struk­tion, son­dern Teil­habe an der göt­tlichen Gemein­schaft.

War­nung: Gebet darf nicht zur bloßen Formel wer­den. „Dein Name werde geheiligt“ ist kein Lip­pen­beken­nt­nis, son­dern eine Leben­shal­tung. Wer Gottes Namen im Gebet heiligt, muss ihn auch im All­t­ag ehren – durch Worte, Werke und Herzen­se­in­stel­lung.

Ermu­ti­gung: Wir dür­fen mit kindlichem Ver­trauen beten. Gott ist unser Vater, nicht ein fern­er Herrsch­er. Er ken­nt uns, liebt uns und hört uns.

Das Gebet richtet sich an den Vater, anerken­nt seine Herrschaft und heiligt seinen Namen. Doch weil Jesus eins mit dem Vater ist, dür­fen wir auch ihn direkt anrufen. Entschei­dend ist nicht die Wort­fülle, son­dern die Herzen­shal­tung: Ehrfurcht, Demut und Ver­trauen.

Vers 10: “Dein Reich komme.” Mit diesem Ruf lehrt uns Jesus, die Anliegen Gottes an die erste Stelle zu set­zen. Nach­dem wir den Vater ange­betet und seinen Namen geheiligt haben, richtet sich unser Blick auf sein Reich. Das Gebet ist nicht zuerst auf unsere Wün­sche und Bedürfnisse konzen­tri­ert, son­dern auf den Fort­gang der Sache Gottes.

Wir sollen beten für den Tag, an dem unser Ret­ter­gott, der Herr Jesus Chris­tus, sein Reich auf Erden aufricht­en und in Gerechtigkeit regieren wird. Dieses Gebet ist Aus­druck der Sehn­sucht nach der Vol­len­dung, nach dem Kom­men des Königs, der alle Trä­nen abwis­chen und alle Ungerechtigkeit beseit­i­gen wird.

Doch zugle­ich gilt: Das Reich Gottes ist nicht nur Zukun­ft, son­dern schon Gegen­wart. Jesus selb­st hat gesagt: „Das Reich Gottes ist mit­ten unter euch.“ (Lukas 17,21). Wer betet „Dein Reich komme“, bit­tet darum, dass Gottes Herrschaft schon jet­zt sicht­bar werde – in unserem Leben, in unseren Gemein­den, in unser­er Welt.

War­nung: Wir dür­fen das Reich Gottes nicht mit unseren eige­nen Pro­jek­ten ver­wech­seln. Es ist nicht men­schliche Macht oder religiöse Selb­st­darstel­lung, son­dern Gottes sou­veränes Han­deln.

Ermu­ti­gung: Wer „Dein Reich komme“ betet, stellt sich bewusst unter die Herrschaft Christi. Dieses Gebet ist ein Beken­nt­nis der Hoff­nung und zugle­ich eine Ein­ladung, schon heute als Bürg­er seines Reich­es zu leben – in Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit.

Vers 10a: “Dein Wille geschehe wie im Him­mel so auf Erden.” Mit dieser Bitte beken­nen wir, dass Gott allein weiß, was gut und heil­sam ist. Wir unter­stellen unseren Willen dem seinen und leg­en unser Leben in seine Hände. Das Gebet ist damit ein Akt der Hingabe: Wir verzicht­en auf Selb­stver­wirk­lichung und beu­gen uns unter die Herrschaft des Vaters.

Diese Bitte drückt zugle­ich unsere Sehn­sucht aus, dass Gottes Wille nicht nur in unserem per­sön­lichen Leben, son­dern in der ganzen Welt anerkan­nt wird. So wie die Engel im Him­mel Gott dienen, so soll auch die Erde von sein­er Herrschaft geprägt sein.

War­nung: Chris­ten müssen ler­nen, dass nicht ihre Wün­sche und Pläne im Zen­trum ste­hen. Wer das Gebet zur Bühne eigen­er Sehn­sucht macht, ver­fehlt den Kern. Selb­stver­wirk­lichung ist nicht das Ziel des Glaubens.

Ermu­ti­gung: Wer sich völ­lig in die Hände Gottes beg­ibt, erfährt Frei­heit. Denn Gottes Wille ist nicht Last, son­dern Leben. Er führt uns in eine größere Wahrheit, als wir sie selb­st entwer­fen kön­nten.

Das Gebet „Dein Wille geschehe“ ist ein täglich­es Übungs­feld für Nach­fol­ger Jesu. Es lehrt uns, unsere eige­nen Vorstel­lun­gen loszu­lassen und uns in Demut und Ver­trauen dem Vater zu übergeben. So wird unser Leben zum Zeug­nis sein­er Herrschaft – auf Erden wie im Him­mel.

Vers 11: “Unser täglich­es Brot gib uns heute.” Nach­dem wir Gottes Anliegen an die erste Stelle geset­zt haben, dür­fen wir nun auch unsere eige­nen Nöte vor ihn brin­gen. Diese Bitte ist schlicht und ele­men­tar: Sie anerken­nt unsere Abhängigkeit von Gott, der uns das gibt, was wir zum Leben brauchen – geistlich wie materiell.

Jesus lehrt uns, nicht nach Luxus, Wohl­stand oder vergänglichem Glück zu ver­lan­gen. Viel Geld, ein erfol­gre­ich­er Han­del, ein reich­lich gefüll­ter Onli­neshop – all das gehört nicht zu den wichtig­sten und dringlich­sten Angele­gen­heit­en des Lebens. Das Gebet richtet sich nicht auf Über­fluss, son­dern auf das Notwendi­ge.

Wir bit­ten um Kraft für den Tag, um den Heili­gen Geist, um Weisheit und Ein­sicht. Wir danken für ein ein­fach­es, trock­enes Brot – und erken­nen darin Gottes Für­sorge. So wird das Gebet zur Schule der Genügsamkeit: Wir ler­nen, uns mit dem Nöti­gen zufrieden zu geben und darin Gottes Güte zu sehen.

War­nung: Wer das Gebet mit materiellen Wün­schen über­frachtet, ver­fehlt den Kern. Gott ist kein Garant für Wohl­stand, son­dern der Vater, der uns das Leben­snotwendi­ge schenkt.

Ermu­ti­gung: Wer um das tägliche Brot bit­tet, erfährt die Treue Gottes. Er gibt uns, was wir brauchen – nicht immer, was wir wollen, aber immer, was uns trägt.

Das tägliche Brot ist mehr als Nahrung: Es ist Sinnbild für Gottes Ver­sorgung in allen Din­gen. Diese Bitte lehrt uns Demut, Dankbarkeit und Ver­trauen. Sie richtet unseren Blick weg von der Selb­stver­wirk­lichung hin zur Abhängigkeit von Gott, der uns Tag für Tag erhält.

Vers 12: “Und vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Diese Worte wer­den regelmäßig gesprochen, doch erschreck­end sel­ten wirk­lich umge­set­zt. Es stellt sich die Frage, ob uns in der Tiefe bewusst ist, was dieser Satz eigentlich bedeutet. Diese Bitte verknüpft unmit­tel­bar die Verge­bung, die wir von Gott erbit­ten, mit unser­er Bere­itschaft, anderen zu vergeben. Wer als Jünger Jesu nicht bere­it ist zu vergeben, der kann gle­ichzeit­ig nicht von Gott die Verge­bung sein­er eige­nen Schuld erwarten. Diese Forderung ist klar und ein­deutig. Sie bietet keinen Spiel­raum für Aus­nah­men oder Kom­pro­misse. Wer an sein­er Sünde fes­thält, bleibt in ihr gefan­gen. Gott befre­it ihn nicht, solange er sie nicht loslässt. Diese Erken­nt­nis ist scharf und kann uns in unser­er mod­er­nen religiösen Prax­is dur­chaus unan­genehm erscheinen. Sie gilt jedoch uneingeschränkt. Als Chris­ten ste­hen wir damit vor ein­er exis­ten­ziellen Her­aus­forderung, die wir nicht umge­hen oder beschöni­gen dür­fen. Das Gebet des Vaterun­sers bringt in aller Nüchtern­heit die zwin­gende Kon­se­quenz des Lebens mit Gott zum Aus­druck und macht deut­lich, dass wahre Ver­söh­nung nur möglich ist, wenn wir selb­st vergeben.

Jesus’ Lehre zeigt hier ihre unver­min­derte Härte und glasklare Wahrheit. Während wir ständig von Liebe sprechen und die Bibel zitieren, fehlt es häu­fig an der Bere­itschaft, wirk­lich zu vergeben. Das ist eine unbe­queme Real­ität, der wir uns ehrlich stellen müssen. Dabei liegt das Prinzip des Vergebens keineswegs nur im Neuen Tes­ta­ment. Schon im Buch Sir­ach, einem der Weisheits­büch­er der Bibel, find­en wir eine klare Auf­forderung: „Vergibt deinen Näch­sten, was er dir zulei­de getan hat.“ (Sir­ach 28,2) Diese Auf­forderung knüpft an eine lange Tra­di­tion an, die das Vergeben als eine unab­d­ing­bare Grund­lage des christlichen Lebens ver­ste­ht. Das Vaterunser macht unmissver­ständlich deut­lich, dass die Bere­itschaft zur Verge­bung die Grund­lage für die geistliche und neue Exis­tenz eines Chris­ten ist. Ohne Verge­bung der Sünde ist es unmöglich, ein wahrer Jünger Jesu zu sein. Wer sich weigert, anderen zu vergeben, der ver­schließt sich selb­st vor dem Leben des Glaubens. Es gibt keine Umge­hung davon und keine Verk­lärung, die diese Wahrheit mildern kön­nte. Jesus beschreibt diesen Weg als die enge Pforte, die viele scheuen, doch genau diese führt zum Leben.

Vers 13: “Und vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Ver­suchung, son­dern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Her­rlichkeit in Ewigkeit.” Damit wird deut­lich: Gott selb­st führt nicht in Ver­suchung, doch er erlaubt Prü­fun­gen, in denen unser Glaube bewährt wird.

Diese Bitte ist der Höhep­unkt des Vaterun­sers und fasst die ganze Not und Sehn­sucht des Men­schen zusam­men. Sie verbindet die Verge­bung mit der Bewahrung und mün­det in der Anbe­tung Gottes.

Auf den ersten Blick scheint diese Bitte Jakobus 1,13 zu wider­sprechen, wo es heißt, dass Gott nie­man­den ver­sucht: “Nie­mand sage, wenn er ver­sucht wird, dass er von Gott ver­sucht werde. Denn Gott kann nicht ver­sucht wer­den zum Bösen, und er selb­st ver­sucht nie­mand.” Doch die Span­nung löst sich, wenn wir ver­ste­hen: Gott selb­st ver­führt nicht zum Bösen, aber er erlaubt Prü­fun­gen, in denen unser Glaube gestärkt und bewährt wird. Die Bitte „führe uns nicht in Ver­suchung“ ist Aus­druck eines gesun­den Mis­strauens gegenüber der eige­nen Kraft. Sie beken­nt: Wir sind nicht stark genug, Ver­suchun­gen aus eigen­er Macht zu wider­ste­hen. Wir brauchen die Bewahrung des Her­rn.

Erlöse uns von dem Bösen“: Diese Bitte ist der Schrei des Herzens nach täglich­er Heili­gung. Sie richtet sich gegen die Macht der Sünde und gegen den Satan, der uns zu Fall brin­gen will. Wer so betet, beken­nt seine völ­lige Abhängigkeit von der Kraft Gottes. Es ist das Gebet aller, die sich danach sehnen, durch den Heili­gen Geist bewahrt und gestärkt zu wer­den.

Das Böse begeg­net uns in vielfältiger Gestalt: in Ver­suchun­gen, die uns lock­en, in Struk­turen der Ungerechtigkeit, die uns umgeben, und nicht zulet­zt in den dun­klen Nei­gun­gen unseres eige­nen Herzens. Darum ist diese Bitte zugle­ich ein Ruf nach Reini­gung, nach inner­er Erneuerung, nach einem reinen Herzen, das Gott allein gehört. Sie richtet den Blick nicht nur auf die Gegen­wart, son­dern auch auf die Zukun­ft, auf die endgültige Erlö­sung, wenn Chris­tus wiederkommt und das Böse endgültig besiegt wird. „Erlöse uns von dem Bösen“ ist damit ein Gebet der Demut, weil wir unsere Abhängigkeit beken­nen, und ein Gebet der Hoff­nung, weil wir auf Gottes Macht ver­trauen. Es ist die tägliche Schule des Glaubens, in der wir ler­nen, uns nicht auf unsere eigene Stärke zu ver­lassen, son­dern uns ganz in die Hände des Vaters zu geben, der uns durch seinen Geist bewahrt und uns Schritt für Schritt heiligt. So wird diese Bitte zum Aus­druck ein­er tiefen Sehn­sucht: frei zu wer­den von der Macht der Sünde und zugle­ich festzuhal­ten an der Hoff­nung, dass Gottes Reich, seine Kraft und seine Her­rlichkeit in Ewigkeit beste­hen.

Das Vaterunser schließt mit einem machtvollen Lobpreis, der den ganzen Weg des Gebets zusam­men­fasst und vol­len­det. Nach­dem wir unsere Schuld bekan­nt, um Bewahrung gebeten und die Erlö­sung von dem Bösen erfle­ht haben, richtet sich unser Blick auf Gott selb­st. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Her­rlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ – diese Worte sind wie ein Siegel über alle Bit­ten.

Sie erin­nern uns daran, dass Gott allein die Herrschaft hat, dass seine Kraft größer ist als jede Ver­suchung und dass seine Her­rlichkeit unvergänglich bleibt. Das Gebet endet nicht in der Schwach­heit des Men­schen, son­dern in der Stärke Gottes. Es ist ein Beken­nt­nis, dass alles, was wir erbit­ten, let­ztlich in sein­er Macht ste­ht und von sein­er Her­rlichkeit über­strahlt wird.

So wird das Vaterunser zu einem Gebet, das uns von der Gefahr der Heuchelei über die Schule der Genügsamkeit bis hin zur Hoff­nung auf endgültige Erlö­sung führt. Es mün­det in den Lobpreis, der uns lehrt: Gott ist König, Gott ist stark, Gott ist her­rlich – und das für alle Zeit. Mit dem „Amen“ bekräfti­gen wir unser Ver­trauen, dass er unsere Bit­ten hört und erfüllt, nicht nach unserem Maß, son­dern nach sein­er ewigen Weisheit und Liebe.

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