Bewahrt Gott alle Menschen? Eine kritische Auseinandersetzung mit Bewahrung, Leid und einem biblisch fundierten Gottesbild: Eine biblische Klarstellung!
Liebe Leserinnen und Leser, es gibt wenige Fragen, die so schmerzhaft und zugleich so zentral für unseren Glauben sind wie die Frage nach Gottes Bewahrung. Wenn wir von Bewahrung sprechen, meinen wir damit Gottes schützende Hand, seine Fürsorge, sein Eingreifen, um uns vor Unheil zu bewahren. In vielen christlichen Kreisen wird die Bewahrung Gottes als selbstverständliche Verheißung verkündet: Wenn du nur genug glaubst, wenn du Gott vertraust, wenn du ihm dienst, dann wird er dich bewahren vor Krankheit, vor Unfall, vor Leid. Doch die Realität, die wir um uns herum und oft genug auch in unserem eigenen Leben beobachten, erzählt eine andere Geschichte. Gläubige Christen erkranken an Krebs. Missionare sterben bei Unfällen. Kinder frommer Eltern werden krank. Ganze Gemeinden erleben Verfolgung und Martyrium. Und wenn wir ehrlich sind, führt dies oft zu einer tiefen Verwirrung, zu Zweifeln und zu der quälenden Frage: Bewahrt Gott wirklich, und wenn ja, wen, wann und warum?
Die kurze und vielleicht unbequeme Antwort auf die Frage, ob Gott alle Menschen bewahrt, lautet: Nein, zumindest nicht in dem Sinne, wie wir uns Bewahrung oft vorstellen. Die Vorstellung, dass Gott alle Menschen vor allem Leid, vor Krankheit und vor dem Tod bewahrt, findet in der Bibel keine Grundlage. Im Gegenteil, die Schrift ist voll von Beispielen treuer Gottesmänner und Gottesfrauen, die gelitten haben, krank wurden und eines oft gewaltsamen Todes starben. Die Propheten wurden verfolgt und getötet. Johannes der Täufer wurde enthauptet. Die Apostel erlitten Verfolgung, Gefangenschaft und Martyrium. Paulus selbst, einer der größten Glaubenszeugen, schrieb von seinen unzähligen Leiden: Schläge, Steinigungen, Schiffbrüche, Gefahren aller Art, und er erwähnt seinen berühmten “Pfahl im Fleisch”, eine nicht näher bezeichnete körperliche Beschwerde, um die er Gott dreimal bat, sie zu entfernen, doch Gott antwortete: “Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9).
Dieses Beispiel von Paulus ist besonders aufschlussreich, weil es uns zeigt, dass Gott manchmal bewusst entscheidet, nicht zu bewahren, nicht zu heilen, nicht einzugreifen, obwohl er es könnte. Paulus war ein treuer Diener, ein Mann von großem Glauben, und dennoch wurde seine Bitte um Heilung nicht erhört. Stattdessen erhielt er eine andere Antwort: Gottes Gnade ist ausreichend, und seine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Dies deutet auf eine völlig andere Perspektive hin als die, die in vielen Wohlstandsevangeliums-Kreisen verkündet wird.
Gottes Ziel ist nicht primär unser körperliches Wohlergehen oder unsere Abwesenheit von Leid, sondern unsere geistliche Reifung, die Verherrlichung seines Namens und letztlich unsere ewige Errettung.
Wenn wir die Frage stellen, ob Gott auch jene bewahrt, die ihn ablehnen, müssen wir zunächst klären, was wir mit Bewahrung meinen. Wenn wir damit meinen, dass Gott ungläubige Menschen vor allem Leid bewahrt, dann sehen wir in der Realität, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist. Ungläubige Menschen erleiden genauso Krankheit, Unfälle und Tod wie Gläubige. In gewisser Weise ist dies sogar biblisch zu erwarten, denn wir leben in einer gefallenen Welt, die unter dem Fluch der Sünde steht. Römer 8,20–22 sagt uns: “Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.” Wir alle, Gläubige und Ungläubige, leben in dieser seufzenden Schöpfung und sind ihren Auswirkungen ausgesetzt.
Allerdings gibt es einen Sinn, in dem Gott tatsächlich alle Menschen bewahrt und erhält, zumindest zeitweise. In seiner allgemeinen Gnade oder Fürsorge erhält Gott die gesamte Schöpfung. Hebräer 1,3 sagt von Christus, dass er “alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Wort”. Kolosser 1,17 fügt hinzu: “und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.” Ohne Gottes beständiges Wirken würde die gesamte Schöpfung augenblicklich aufhören zu existieren. In diesem Sinne bewahrt Gott tatsächlich alle Menschen jeden Moment ihres Lebens, indem er ihnen überhaupt Existenz gewährt. Matthäus 5,45 lehrt uns, dass Gott “seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.” Dies spricht von Gottes allgemeiner Güte gegenüber allen Menschen, unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer moralischen Verfassung.
Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dieser allgemeinen Bewahrung oder Erhaltung und der besonderen Bewahrung, die Gott seinen Kindern verheißt. Die besondere Bewahrung Gottes für die Gläubigen bezieht sich primär nicht auf den Schutz vor physischem Leid oder Tod, sondern auf die Bewahrung ihres Glaubens und ihrer ewigen Errettung. Dies ist eine äußerst wichtige Unterscheidung, die viel Verwirrung beseitigen kann. Jesus betete in Johannes 17,15 für seine Jünger: “Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.” Der Fokus liegt hier auf der Bewahrung vor dem Bösen, vor der Macht der Sünde und des Satans, nicht notwendigerweise vor physischem Leid.
Der Apostel Petrus schreibt in 1. Petrus 1,3–5: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.” Beachten Sie, wofür wir bewahrt werden: zur Seligkeit, zur ewigen Errettung. Und was wird für uns aufbewahrt: ein unvergängliches Erbe im Himmel. Diese Bewahrung ist absolut sicher. Kein wahrer Gläubiger wird jemals verloren gehen. Jesus selbst versichert uns in Johannes 10,28–29: “und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen.”
Dies ist die absolute, unverbrüchliche Bewahrung, die Gott verspricht: die Bewahrung unserer Seele, unseres ewigen Schicksals. Doch dieselbe Bibel, die uns diese wunderbare Verheißung gibt, erzählt uns auch von Stephanus, der gesteinigt wurde, von Jakobus, der vom Schwert hingerichtet wurde, von unzähligen Märtyrern im Laufe der Kirchengeschichte. Hebräer 11, das große Kapitel über den Glauben, listet die Helden des Glaubens auf und sagt über einige von ihnen: “Sie haben Länder erobert, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf, haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.” Doch dann fährt der Text fort: “Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, ermordet worden. Sie sind in Schafpelzen und Ziegenfellen umhergegangen und haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet” (Hebräer 11,33–37).
Diese beiden Gruppen von Glaubenshelden werden nebeneinander gestellt. Die einen wurden auf wunderbare Weise bewahrt und errettet, die anderen nicht. Doch beide werden als Vorbilder des Glaubens präsentiert. Der entscheidende Punkt ist: Bewahrung vor physischem Leid ist keine Verheißung, die allen Gläubigen zu allen Zeiten gegeben ist. Manchmal greift Gott ein und bewahrt auf wunderbare Weise, wie er es bei Daniel in der Löwengrube tat oder bei den drei Männern im Feuerofen. Manchmal tut er es nicht, wie bei Stephanus oder bei den unzähligen Christen, die in römischen Arenen gestorben sind. In beiden Fällen aber bleibt Gottes Bewahrung ihrer Seele, ihres ewigen Lebens, intakt.
Die Frage, ob Gott jene bewahrt, die ihn ablehnen, muss also differenziert beantwortet werden. In Bezug auf die ewige Errettung lautet die klare biblische Antwort:
Nein. Die Bibel lehrt unmissverständlich, dass Errettung allein durch den Glauben an Jesus Christus kommt.
Johannes 3,36 stellt fest: “Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.” Apostelgeschichte 4,12 erklärt: “Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.”
Wer Gott ablehnt, wer Christus ablehnt, steht unter Gottes Gericht und wird nicht bewahrt zur ewigen Errettung. Dies mag hart klingen, aber es ist die konsequente Lehre der Heiligen Schrift.
Doch bedeutet dies, dass Gott den Ungläubigen völlig gleichgültig gegenübersteht? Keineswegs. Gottes Herz ist voller Liebe auch für die Verlorenen. 2. Petrus 3,9 sagt: “Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.” Gott wünscht nicht den Tod des Gottlosen, sondern dass er umkehre und lebe (Hesekiel 33,11). In seiner Langmut gibt er den Menschen Zeit zur Umkehr. Die Tatsache, dass ungläubige Menschen weiterhin leben, atmen und Gottes Segnungen empfangen können, ist ein Ausdruck seiner geduldigen Liebe und seiner Einladung zur Umkehr.
Doch diese göttliche Geduld bedeutet nicht, dass der Mensch automatisch gerettet wäre. Gottes Gnade ist ein Geschenk, aber der Ungläubige muss dieses Geschenk annehmen. Die Liebe Gottes drängt sich niemandem auf; sie lädt ein, sie ruft, sie öffnet den Weg – doch sie respektiert den Willen des Menschen.
Wer die ausgestreckte Hand Gottes ausschlägt, bleibt außerhalb der rettenden Gemeinschaft, die Christus anbietet.
Darum ruft das Evangelium jeden Menschen zur Umkehr, zum Glauben und zur Hingabe an Jesus Christus, damit die angebotene Gnade nicht vergeblich bleibt.
Wenn wir nun die Frage betrachten, ob Gott alle Kranken und Leidenden bewahrt, stoßen wir auf ein ähnliches Problem. Die Antwort ist offensichtlich: Nein, zumindest nicht in dem Sinne, dass er alle heilt oder vor Leid bewahrt. Wir sehen tagtäglich, dass sowohl Gläubige als auch Ungläubige krank werden und leiden. Die Vorstellung, dass wahrer Glaube automatisch zu körperlicher Gesundheit führt, ist ein gefährliches Wohlstandsevangelium, das nicht nur biblisch unhaltbar ist, sondern auch unermesslichen emotionalen und spirituellen Schaden anrichtet. Menschen, die dieser Theologie folgen, fühlen sich schuldig, wenn sie krank werden, denken, dass sie nicht genug Glauben haben, oder werden von anderen verurteilt. Dies ist eine grausame Verdrehung der biblischen Botschaft.
Jesus selbst versprach seinen Nachfolgern nicht ein Leben ohne Leid, sondern genau das Gegenteil. In Johannes 16,33 sagte er: “In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” Er versprach Angst und Bedrängnis in dieser Welt, aber gleichzeitig seinen Frieden und seinen Sieg. In der Bergpredigt pries er die Trauernden, die Verfolgten, die um der Gerechtigkeit willen Leidenden selig. Die Apostel freuten sich, dass sie würdig befunden wurden, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden (Apostelgeschichte 5,41). Paulus schrieb, dass wir durch viele Bedrängnisse ins Reich Gottes eingehen müssen (Apostelgeschichte 14,22).
Die Bibel lehrt also nicht, dass Gott alle Kranken heilt. Sie erzählt uns von Heilungen, ja, aber sie erzählt uns auch von Krankheit und Leid. Paulus ließ Trophimus krank in Milet zurück (2. Timotheus 4,20). Er riet Timotheus, wegen seiner häufigen Krankheiten etwas Wein zu nehmen (1. Timotheus 5,23). Epaphroditus war todkrank, und Gott erbarmte sich seiner, aber die Tatsache, dass er überhaupt krank wurde, zeigt, dass Glaube keine Immunität gegen Krankheit verleiht (Philipper 2,25–27). Hiob, der als gerecht und untadelig beschrieben wird, verlor alles und wurde mit schrecklichen Krankheiten geschlagen. Das gesamte Buch Hiob befasst sich mit der Frage nach dem Leid des Gerechten, und die Antwort ist komplex:
Gottes Wege sind höher als unsere Wege, und er hat Zwecke, die wir oft nicht verstehen.
Hier kommen wir zum Kern der Frage nach dem Gottesbild. Viele Menschen haben ein Gottesbild, das im Wesentlichen besagt: Gott ist wie ein kosmischer Wunscherfüller, der dafür da ist, uns glücklich, gesund und wohlhabend zu machen. Wenn wir nur richtig glauben, richtig beten, richtig leben, wird er uns geben, was wir wollen. Dieses Gottesbild ist zutiefst selbstzentriert und steht im Widerspruch zum biblischen Gottesbild. Der Gott der Bibel ist souverän, heilig, liebevoll, aber auch geheimnisvoll in seinen Wegen. Er ist nicht unser Diener, sondern wir sind seine Geschöpfe. Sein oberstes Ziel ist nicht unser zeitliches Wohlergehen, sondern seine eigene Verherrlichung und letztlich unser ewiges Heil.
Römer 8,28 wird oft zitiert: “Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.” Doch dieser Vers wird häufig missverstanden. Er bedeutet nicht, dass alles, was uns widerfährt, an sich gut ist oder sich gut anfühlt. Er bedeutet, dass Gott in seiner Souveränität alle Dinge, einschließlich Leid und Krankheit, so lenken kann, dass sie letztlich zu unserem Besten dienen. Und was ist unser höchstes Gut? Der nächste Vers gibt die Antwort: “Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes” (Römer 8,29).
Unser höchstes Gut ist nicht Gesundheit oder Wohlstand, sondern Christusähnlichkeit. Und oft werden wir gerade durch Leid Christus ähnlicher.
C.S. Lewis schrieb in seinem Buch “The Problem of Pain”: “Gott flüstert in unseren Freuden, spricht in unserem Gewissen, aber schreit in unseren Schmerzen. Schmerz ist sein Megaphon, um eine taube Welt aufzuwecken.” Leid hat eine Art, uns aus unserer Selbstzufriedenheit zu reißen, uns auf Gott auszurichten, uns von falschen Götzen zu befreien und uns nach der ewigen Welt sehnen zu lassen. Dies bedeutet nicht, dass alles Leid direkt von Gott kommt oder dass er sich am Leid erfreut. Die Bibel lehrt, dass viel Leid eine direkte Folge des Sündenfalls ist, dass Satan real ist und Zerstörung bringt, und dass wir in einer gefallenen Welt leben. Doch die Bibel lehrt auch, dass Gott souverän ist und selbst das, was für Böses gedacht war, zum Guten wenden kann, wie Joseph zu seinen Brüdern sagte: “Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen” (1. Mose 50,20).
Ein falsches Gottesbild entsteht, wenn wir denken, dass Gott uns Gesundheit und Wohlstand schuldet, dass er verpflichtet ist, uns vor allem Leid zu bewahren, wenn wir nur genug Glauben haben. Dieses Gottesbild macht Gott zu unserem Diener und uns zu den Herren, die durch die richtigen Glaubensformeln Gottes Handeln manipulieren können. Es ist eine Form von Magie, nicht von biblischem Glauben. Ein biblisches Gottesbild erkennt an, dass Gott souverän ist, dass seine Wege höher sind als unsere Wege (Jesaja 55,8–9), dass er manchmal auf Weisen wirkt, die wir nicht verstehen, und dass sein oberstes Ziel nicht unser zeitliches Vergnügen, sondern seine Verherrlichung und unsere ewige Erlösung ist.
Ein falsches Bibelverständnis entsteht, wenn wir selektiv nur die Verse lesen, die uns gefallen, die uns Gesundheit und Wohlstand versprechen, während wir die zahlreichen Passagen ignorieren, die von Leiden sprechen, die Verfolgung ankündigen und uns auffordern, unser Kreuz auf uns zu nehmen. Es entsteht, wenn wir Verse aus ihrem Kontext reißen und sie als universelle Verheißungen behandeln, obwohl sie in einem spezifischen historischen und theologischen Kontext stehen. Es entsteht, wenn wir die beschreibenden Passagen der Bibel (die erzählen, was geschah) als präskriptive Passagen behandeln (die uns sagen, was immer geschehen wird oder sollte).
Zum Beispiel wird Jakobus 5,14–15 oft als Verheißung zitiert, dass Gebet immer zur Heilung führt: “Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.” Dies ist eine wichtige Anweisung für die Gemeinde, für Kranke zu beten. Doch wenn wir diesen Vers isoliert betrachten, als absolute Garantie, dass jedes Gebet zur Heilung führt, ignorieren wir die Gesamtheit der biblischen Lehre. Wir ignorieren Paulus’ ungeantwortetes Gebet um Heilung, wir ignorieren die Realität, dass alle Menschen, selbst die größten Glaubenshelden, schließlich sterben. Eine gesunde Hermeneutik liest einzelne Verse im Licht der gesamten Schrift.
Die Wahrheit ist, dass Gottes Bewahrung sich manchmal in Heilung manifestiert, manchmal in Kraft im Leiden, manchmal in Befreiung von Gefahren, manchmal in Bewahrung durch Gefahren hindurch. Gott ist souverän und handelt, wie er es für richtig hält. Unsere Aufgabe ist es nicht, ihm vorzuschreiben, wie er handeln soll, sondern ihm zu vertrauen, dass er gut ist, dass er weise ist, und dass er letztlich für uns sorgt, auch wenn seine Fürsorge nicht immer die Form annimmt, die wir uns wünschen.
Eine reife christliche Perspektive auf Bewahrung anerkennt mehrere Wahrheiten gleichzeitig. Erstens: Gott ist allmächtig und kann in jeder Situation eingreifen, heilen, bewahren. Wir glauben an Wunder, und es ist richtig, Gott um Heilung und Bewahrung zu bitten. Jesus lehrte uns, beharrlich zu beten. Zweitens: Gott ist souverän und entscheidet nach seiner Weisheit, wann und wie er eingreift. Seine Entscheidungen sind nicht willkürlich, sondern basieren auf seiner vollkommenen Weisheit und Liebe, auch wenn wir seine Gründe oft nicht verstehen. Drittens: Gottes oberstes Ziel ist nicht unser zeitliches Wohlbefinden, sondern seine Verherrlichung und unsere Christusähnlichkeit und ewige Erlösung. Viertens: Leid ist real und oft schmerzhaft, aber es ist nicht sinnlos. Gott kann und wird es für seine Zwecke nutzen. Fünftens: Die ultimative Bewahrung, die uns verheißen ist, ist die Bewahrung unserer Seele zur ewigen Errettung, und diese Bewahrung ist absolut sicher für alle, die in Christus sind.
Mit diesem ausgewogenen Verständnis können wir die Extreme vermeiden. Auf der einen Seite steht das Wohlstandsevangelium, das lehrt, dass Gott alle Gläubigen vor allem Leid bewahrt, wenn sie nur genug Glauben haben. Dies führt zu falscher Schuld, zu Enttäuschung mit Gott und oft zum Abfall vom Glauben, wenn die versprochene Bewahrung nicht eintritt. Auf der anderen Seite steht eine Art Fatalismus, der sagt, dass unser Gebet nichts bewirkt und dass wir einfach passiv alles akzeptieren müssen, was geschieht. Doch die Bibel lehrt uns, beharrlich zu beten, Gott um Heilung und Bewahrung zu bitten, während wir gleichzeitig wie Jesus beten: “Nicht mein, sondern dein Wille geschehe” (Lukas 22,42).
Die Frage nach Gottes Bewahrung führt uns letztlich zu den tiefsten Fragen unseres Glaubens: Vertrauen wir Gott, auch wenn wir nicht verstehen? Glauben wir, dass er gut ist, auch wenn das Leben hart ist? Ist unsere Hoffnung in dieser Welt oder in der kommenden? Ist unser Gott groß genug, um über unsere Umstände zu stehen, oder haben wir ihn auf einen himmlischen Wunscherfüller reduziert? Die Antworten auf diese Fragen werden unseren Glauben entweder vertiefen oder entlarven.
Am Ende müssen wir akzeptieren, dass wir in diesem Leben nicht alle Antworten haben werden. Wir sehen jetzt stückweise, wie Paulus sagt, aber dann von Angesicht zu Angesicht (1. Korinther 13,12). Es wird Zeiten geben, in denen Gottes Wege uns rätselhaft erscheinen, in denen wir uns fragen, warum er nicht eingreift, warum er nicht heilt, warum er nicht bewahrt. In diesen Zeiten sind wir aufgerufen, im Glauben zu wandeln, nicht im Schauen (2. Korinther 5,7), uns an das zu klammern, was wir wissen von Gottes Charakter, selbst wenn wir seine Handlungen nicht verstehen.
Die ultimative Bewahrung, die uns versprochen ist, wartet auf uns in der Ewigkeit. Offenbarung 21,4 malt das herrliche Bild: “und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.” Dies ist die absolute Bewahrung, die jedem Gläubigen garantiert ist: ein Zustand, in dem es kein Leid mehr gibt, keine Krankheit, keinen Tod. Bis dahin leben wir in der Spannung zwischen dem Schon und dem Noch-Nicht, zwischen der Realität, dass Christus bereits gesiegt hat, und der Realität, dass wir noch nicht die Fülle dieses Sieges erleben.
In dieser Zwischenzeit sind wir aufgerufen, einander zu tragen, für einander zu beten, einander zu trösten und einander auf die Verheißungen Gottes hinzuweisen. Wir sind aufgerufen, ehrlich über unser Leid zu sein, ohne unseren Glauben zu verlieren. Wir sind aufgerufen, Gott zu vertrauen, auch wenn der Weg dunkel ist. Und wir sind aufgerufen, unsere Hoffnung nicht auf die Bewahrung in diesem Leben zu setzen, sondern auf die ewige Bewahrung, die uns in Christus geschenkt ist. Möge Gott uns die Weisheit geben, ihn richtig zu verstehen, den Mut, ihm zu vertrauen, und die Hoffnung, die über alle Umstände dieses Lebens hinausreicht.
