In den christlichen Gemeinden hört man es immer wieder. Jemand steht auf und verkündet mit leuchtenden Augen, dass Gott zu ihm gesprochen habe. Ein anderer erzählt von einem Traum, in dem Jesus ihm persönlich begegnet sei und eine klare Botschaft übermittelt habe. Wieder ein anderer ist fest davon überzeugt, dass der Heilige Geist ihm eine bestimmte Richtung für sein Leben gezeigt habe. Diese Erfahrungen sind für viele Gläubige von großer Bedeutung und können durchaus authentisch und wertvoll sein. Dennoch müssen wir als Christen lernen, dass nicht jede innere Stimme, nicht jeder Gedanke und nicht jedes Gefühl automatisch von Gott stammt. Die Unterscheidung zwischen der eigenen Stimme, der Stimme des Verführers und der wahren Stimme Gottes ist eine der wichtigsten geistlichen Fähigkeiten, die ein Christ entwickeln muss.
Es ist eine ernste Angelegenheit, wenn Menschen in Gottes Namen sprechen, obwohl Er ihnen nichts gesagt hat. Die Bibel warnt uns eindringlich davor. Im Alten Testament lesen wir bei Jeremia: „Ich habe diese Propheten nicht gesandt, und doch sind sie gelaufen. Ich habe nicht zu ihnen geredet, und doch haben sie geweissagt” (Jeremia 23,21). Gott selbst macht deutlich, dass es Menschen gibt, die behaupten, in Seinem Namen zu sprechen, obwohl sie nur ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen weitergeben. Diese Warnung gilt nicht nur für die damalige Zeit, sondern ist heute genauso aktuell und wichtig. Wir leben in einer Zeit, in der das Hören auf Gottes Stimme oft stark betont wird, was grundsätzlich richtig und biblisch ist, aber zugleich auch große Gefahren mit sich bringt, wenn die notwendige Unterscheidung fehlt.
Das menschliche Herz ist trügerisch und kann uns auf vielfältige Weise in die Irre führen. Jeremia schreibt auch: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?” (Jeremia 17,9). Unsere eigenen Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Vorstellungen können sich so stark in unser Denken einmischen, dass wir sie für Gottes Stimme halten. Wir hören, was wir hören wollen, und nennen es dann eine göttliche Führung. Ein junger Mann, der sich in eine Frau verliebt hat, kann leicht den inneren Drang verspüren, sie zu heiraten, und diesen Drang als Gottes Weisung interpretieren, obwohl es vielleicht nur seine eigene Verliebtheit ist. Eine Frau, die unbedingt einen bestimmten Beruf ausüben möchte, kann sich einreden, dass Gott sie genau dorthin berufen habe, obwohl in Wirklichkeit nur ihr eigener Ehrgeiz spricht. Diese Selbsttäuschung ist real und gefährlich.
Die große Gefahr liegt darin: Wer sagt, Gott habe zu ihm gesprochen, tritt mit einer Autorität auf, der kaum jemand zu widersprechen wagt — denn wer möchte schon den Eindruck erwecken, Gott selbst zu widersprechen. Dadurch entsteht ein geistlicher Druck, der andere einschüchtern kann. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass derjenige, der behauptet, Gottes Stimme gehört zu haben, oft selbst fest davon überzeugt ist, dass alles, was er nun sagt, verkündigt oder weitergibt, unfehlbar wahr sei. Er verwechselt seine subjektive Überzeugung mit göttlicher Offenbarung. Doch genau hier braucht es Demut, Prüfung und Unterscheidung.
Nicht jede innere Regung ist Gottes Stimme, und nicht jede persönliche Eingebung trägt göttliche Autorität.
Deshalb ruft uns die Schrift immer wieder dazu auf, alles zu prüfen und das Gute zu behalten; und nicht vorschnell göttliche Worte in den eigenen Mund zu legen.
Hinzu kommt, dass es neben der eigenen Stimme auch noch eine dritte Stimme gibt, die der Feind unserer Seelen. Satan ist ein Meister der Täuschung und Verkleidung. Paulus warnt uns: „Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts” (2. Korinther 11,14). Der Teufel kann sich als Bote Gottes ausgeben und uns Gedanken einflüstern, die auf den ersten Blick fromm und geistlich erscheinen, aber in Wahrheit destruktiv und irreführend sind. Er kann uns in Träumen erscheinen, uns mit religiösen Gefühlen überschwemmen und uns dazu bringen, Entscheidungen zu treffen, die unserem geistlichen Wachstum und unserer Nachfolge schaden. Diese Realität dürfen wir nicht ignorieren.
Obwohl die Bibel uns immer wieder vor dieser Gefahr warnt, fallen viele Christen dennoch auf solche Täuschungen herein. Sie lassen sich verführen, ohne zu prüfen, ob das Gehörte wirklich mit Gottes Wort übereinstimmt. Beeindruckende Erzählungen, fromme Worte, emotionale Berichte oder scheinbar übernatürliche Erfahrungen können Menschen leicht blenden. Doch nicht alles, was geistlich klingt, ist geistlich gesund. Viele lassen sich von starken Gefühlen, eindrucksvollen Zeugnissen oder selbstbewussten “Propheten” mitreißen, ohne die Geister zu prüfen. Genau das macht die Täuschung so gefährlich: Sie kommt oft in einem Gewand daher, das vertrauenswürdig wirkt. Deshalb ruft uns die Schrift immer wieder zur Wachsamkeit, zur Prüfung und zur Nüchternheit; damit wir nicht jedem Eindruck glauben, sondern alles am Wort Gottes messen.
Die Bibel gibt uns klare Richtlinien, wie wir die Stimme Gottes erkennen können. Jesus selbst sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir” (Johannes 10,27). Diese Aussage ist ermutigend, zeigt aber auch, dass das Hören auf Gottes Stimme eine Beziehungssache ist. Wer Jesus wirklich kennt, wer Zeit mit Ihm im Gebet und im Wort Gottes verbringt, der lernt mit der Zeit, Seine Stimme von anderen Stimmen zu unterscheiden. Es ist wie in einer menschlichen Beziehung. Wenn Sie einen Menschen gut kennen, erkennen Sie seine Stimme am Telefon sofort, ohne dass er sich vorstellen muss. Genauso ist es mit Gott. Je enger unsere Gemeinschaft mit Ihm ist, desto klarer können wir Seine Stimme wahrnehmen.
Die erste und wichtigste Prüfinstanz für jede vermeintliche göttliche Botschaft ist das geschriebene Wort Gottes, die Bibel. Gott wird niemals etwas zu uns sagen, was Seinem geschriebenen Wort widerspricht. Wenn jemand behauptet, Gott habe ihm gesagt, er solle seine Ehe verlassen, um eine neue Beziehung einzugehen, dann können wir mit absoluter Sicherheit sagen, dass dies nicht Gottes Stimme war. Die Bibel sagt klar: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden” (Matthäus 19,6). Wenn jemand meint, Gott habe ihm im Traum gezeigt, dass er nicht mehr auf die Gemeinde und ihre Leiter hören müsse, dann steht dies im direkten Widerspruch zu Hebräer 13,17: „Gehorcht euren Führern und ordnet euch ihnen unter. Denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft geben werden, damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn dies wäre nicht nützlich für euch”.
Das geschriebene Wort ist die absolute Autorität, an der alles andere gemessen werden muss.
Die Apostel waren sich dieser Notwendigkeit der Prüfung sehr bewusst. Johannes schreibt: „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. Denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen” (1. Johannes 4,1). Diese Aufforderung zur Prüfung ist keine Option, sondern eine Pflicht für jeden Christen. Wir dürfen nicht naiv sein und alles glauben, was als geistlich oder göttlich präsentiert wird. Stattdessen sind wir aufgerufen, wachsam zu sein und jede Botschaft, jeden Traum, jede innere Eingebung sorgfältig zu prüfen. Die Christen in Beröa werden in der Apostelgeschichte gelobt, weil sie genau das taten: „Diese aber waren edler als die in Thessalonich. Sie nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf und untersuchten täglich die Schriften, ob dies sich so verhielte” (Apostelgeschichte 17,11). Selbst die Predigt des Apostels Paulus wurde von ihnen anhand der Schrift geprüft. Wie viel mehr sollten wir dann die Träume, Visionen und inneren Eindrücke prüfen, die wir selbst oder andere haben.
Hier stellt sich die ernste Frage, warum so viele Christen in diesem Prüfgeist versagen. Der Grund ist bitter und doch offensichtlich: Viele verlassen sich nicht auf das geschriebene Wort Gottes, sondern lassen sich lieber von eindrucksvollen Erzählungen, starken Gefühlen oder fromm klingenden Aussagen leiten. Sie schenken menschlichen Stimmen mehr Glauben als der Heiligen Schrift; und genau das öffnet der Verführung Tür und Tor.
Wer das Wort Gottes vernachlässigt, verliert den Maßstab, an dem alles geprüft werden muss. Und wer diesen Maßstab verliert, wird unweigerlich anfällig für Täuschung.
Die Wahrheit ist unbequem, aber notwendig: Viele lassen sich verführen, weil sie nicht prüfen wollen; oder weil sie das, was sie hören, lieber glauben als das, was Gott sagt.
Es gibt mehrere Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir meinen, Gott habe zu uns gesprochen. Erstens: Steht diese Botschaft im Einklang mit der gesamten Lehre der Bibel? Zweitens: Führt diese Botschaft zu mehr Demut, Liebe und Gehorsam gegenüber Gott, oder führt sie zu Stolz und Eigensinn? Drittens: Bestätigen reife Christen in meinem Umfeld diese Botschaft, oder haben sie Bedenken? Viertens: Bringt diese Botschaft Frieden und Klarheit, oder führt sie zu innerer Unruhe und Verwirrung? Fünftens: Passt diese Botschaft zu dem, was Gott bereits durch Sein Wort und durch Umstände in meinem Leben gezeigt hat? Diese Fragen helfen uns, nüchterner und klarer zu denken.
Paulus ermahnt uns: „Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit offenbart werden, der Sohn des Verderbens” (2. Thessalonicher 2,3). Diese Warnung ist heute besonders wichtig, da wir in einer Zeit leben, in der viele Menschen nach außergewöhnlichen Erfahrungen suchen und dabei die Grundlagen des Glaubens vernachlässigen. Es ist verlockend, Geschichten von spektakulären Träumen und Visionen zu hören und sich danach zu sehnen, selbst solche Erfahrungen zu machen. Doch die Grundlage unseres Glaubens ist nicht das Außergewöhnliche, sondern das Wort Gottes und die tägliche Nachfolge. Jesus sagt: „Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach” (Lukas 9,23). Die Nachfolge ist eine tägliche Entscheidung, ein beständiges Sterben der eigenen Wünsche und ein Leben im Gehorsam gegenüber Gottes Wort.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass Gott zwar zu uns spricht, aber nicht auf Kommando. Wir können Gott nicht zwingen, uns eine bestimmte Antwort zu geben, nur weil wir es gerade für nötig halten. Manchmal schweigt Gott auch, und dieses Schweigen ist ebenfalls eine Form der Kommunikation. Es lehrt uns Geduld, Vertrauen und Abhängigkeit. Manchmal müssen wir lernen, im Ungewissen zu leben und trotzdem im Glauben weiterzugehen. Hiob musste eine lange Zeit der Stille ertragen, bevor Gott zu ihm sprach. David schrie oft in den Psalmen zu Gott und fragte, warum Er sich verborgen habe. Diese Zeiten der Stille sind nicht Zeichen von Gottes Abwesenheit, sondern Teil Seiner Erziehung und Formung unseres Charakters.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir uns vor geistlichem Hochmut hüten müssen. Wenn wir meinen, Gott habe besonders zu uns gesprochen, kann das schnell dazu führen, dass wir uns über andere erheben und denken, wir hätten eine besondere Stellung vor Gott. Doch Jakobus warnt uns: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade” (Jakobus 4,6). Wahre Begegnungen mit Gott führen immer zu Demut, nie zu Stolz. Wenn Jesaja den Herrn sah, rief er aus: „Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann unreiner Lippen” (Jesaja 6,5). Wenn wir wirklich Gott begegnen, erkennen wir unsere eigene Unwürdigkeit und werden kleiner, nicht größer.
Charles Spurgeon, der große Prediger des neunzehnten Jahrhunderts, sagte einmal: “Unterscheidung ist nicht, das Gute vom Bösen zu erkennen, sondern das Gute vom fast Guten.” Diese Aussage trifft den Kern des Problems. Der Feind kommt selten mit offensichtlichem Bösen zu uns. Er kommt mit Dingen, die gut aussehen, die geistlich klingen und die uns in unserem Glauben zu bestätigen scheinen. Doch bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass sie uns von der wahren Nachfolge wegführen. Deswegen ist geistliche Unterscheidung so wichtig und zugleich so schwierig.
Wir sollten uns auch davor hüten, Erfahrungen über die Lehre zu stellen. Unsere Gefühle und Erlebnisse sind oft subjektiv und können trügerisch sein. Die Wahrheit Gottes jedoch ist objektiv und bleibt immer gleich. Gott ändert sich nicht, und Sein Wort bleibt ewig bestehen. Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen” (Matthäus 24,35).
Wenn wir unsere Erfahrungen zur Grundlage unseres Glaubens machen, bauen wir auf Sand. Wenn wir jedoch auf dem festen Fundament des Wortes Gottes bauen, wird unser Glaube auch in Stürmen standhalten.
Abschließend möchte ich Sie ermutigen, ein Leben in engster Gemeinschaft mit Gott zu führen. Verbringen Sie täglich Zeit im Gebet und im Wort. Suchen Sie die Gemeinschaft mit anderen wahren Gläubigen, die reif im Glauben sind und Sie ermahnen und ermutigen können. Seien Sie wachsam und nüchtern. Prüfen Sie alles und behalten Sie das Gute. Lassen Sie sich nicht von jedem Wind der Lehre umhertreiben, sondern bleiben Sie fest gegründet in der Wahrheit. Gott spricht auch heute noch zu Seinem Volk, aber Er spricht vor allem durch Sein Wort. Wenn wir lernen, Seine Stimme richtig zu erkennen und zu unterscheiden, werden wir als Christen reifen und in der Nachfolge gestärkt werden. Möge der Herr uns allen die Weisheit und Unterscheidung geben, die wir so dringend brauchen.
