Liebe Leserinnen und Leser, in den vergangenen Jahren hat sich eine bemerkenswerte Entwicklung in der Art und Weise vollzogen, wie junge Christen die Fastenzeit verstehen und praktizieren. Was einst eine stille und persönliche Zeit der Buße, des Gebets und der Selbstprüfung war, ist für viele heute zu einer öffentlichen Zurschaustellung geworden, die mehr mit weltlichen Wettkämpfen und dem Streben nach Anerkennung zu tun hat als mit echter geistlicher Disziplin. Besonders in den sozialen Medien beobachten wir, wie junge Christen die Fastenzeit als eine Art sportlichen Wettbewerb verstehen, bei dem sie mit Muslimen und anderen religiösen Gruppen konkurrieren, wer die frömmste und beeindruckendste Fastenpraxis vorweisen kann. Sie filmen sich dabei, wie sie fasten und beten, teilen ihre Fortschritte online und sammeln Kommentare und Likes, als wäre die Fastenzeit eine unterhaltsame Aufgabe, die es zu meistern gilt. Doch diese Herangehensweise hat nichts mit dem zu tun, worüber die Bibel spricht, wenn sie von Fasten und Buße redet.
Die Fastenzeit, wie sie in der christlichen Tradition verstanden wird, ist eine Zeit der inneren Einkehr, der Besinnung auf die eigene Beziehung zu Gott und der Vorbereitung auf das Osterfest, das die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus feiert. Es ist eine Zeit, in der wir uns bewusst von weltlichen Ablenkungen und Genüssen zurückziehen, um Raum für Gott zu schaffen und unsere Abhängigkeit von ihm zu vertiefen. Das biblische Fasten ist niemals ein Mittel zur Selbstdarstellung oder ein Werkzeug, um vor anderen gut dazustehen. Im Gegenteil, Jesus selbst warnt uns eindringlich davor, unsere geistlichen Übungen öffentlich zur Schau zu stellen. In der Bergpredigt sagt er klar und deutlich: “Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler, denn sie verstellen ihr Gesicht, damit die Leute merken, dass sie fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir es vergelten” (Matthäus 6,16–18).
Diese Worte Jesu könnten nicht deutlicher sein. Das Fasten ist eine Sache zwischen uns und Gott, nicht zwischen uns und der Öffentlichkeit. Es ist keine Gelegenheit, um unsere Frömmigkeit zu beweisen oder um Bewunderung von anderen zu erhalten. Wenn wir fasten, um gesehen zu werden, wenn wir unsere geistlichen Übungen aufnehmen und online teilen, um Anerkennung zu bekommen, dann verfehlen wir den eigentlichen Zweck des Fastens vollständig. Wir machen aus einer heiligen Handlung eine Show, aus einer geistlichen Disziplin einen Wettbewerb. Und genau das ist es, was wir heute so häufig sehen. Junge Christen verwandeln die Fastenzeit in eine Art sportliche Herausforderung, bei der es darum geht, wer am längsten fasten kann, wer am häufigsten betet, wer die strengste Disziplin an den Tag legt. Sie dokumentieren jeden Schritt ihres Fastens, teilen ihre Erfahrungen in den sozialen Medien und vergleichen ihre Leistungen mit denen anderer, insbesondere mit Muslimen, die während des Ramadan fasten.
Nun ist es nicht falsch, von anderen Religionen zu lernen oder von ihrer Hingabe inspiriert zu werden. Es ist auch nicht verkehrt, sich gegenseitig zu ermutigen und Gemeinschaft in geistlichen Disziplinen zu finden. Doch wenn das Fasten zu einem Wettkampf wird, wenn es darum geht, besser zu sein als andere oder um vor der Welt zu beweisen, wie fromm man ist, dann haben wir den Kern dessen verloren, was Fasten eigentlich bedeutet. Das biblische Fasten ist eine Übung der Demut, nicht des Stolzes. Es ist ein Ausdruck unserer Abhängigkeit von Gott, nicht unserer eigenen Stärke. Es ist ein Weg, um unsere Herzen zu reinigen und unseren Geist zu schärfen, nicht um unsere Leistungen zur Schau zu stellen.
Die Bibel gibt uns viele Beispiele von Menschen, die gefastet haben, und in jedem Fall war das Fasten eine persönliche und ernsthafte Angelegenheit. Als Mose auf dem Berg Sinai war, fastete er vierzig Tage und vierzig Nächte, während er in der Gegenwart Gottes war und das Gesetz empfing. Es wird uns nicht berichtet, dass er dies öffentlich zur Schau stellte oder dass er damit prahlte. Als Daniel in Babylon lebte und für sein Volk betete, fastete er und demütigte sich vor Gott. Auch hier sehen wir keine öffentliche Zurschaustellung, sondern eine stille und aufrichtige Hingabe. Als Jesus selbst in der Wüste war und vom Teufel versucht wurde, fastete er vierzig Tage lang. Dies war keine öffentliche Veranstaltung, sondern eine Zeit der intensiven geistlichen Auseinandersetzung und Vorbereitung auf seinen Dienst.
In all diesen Beispielen sehen wir, dass das Fasten eine intime und persönliche Handlung ist, die zwischen dem Gläubigen und Gott stattfindet. Es ist keine Performance für andere, keine Gelegenheit, um zu zeigen, wie geistlich man ist. Wenn wir die Fastenzeit zu einer öffentlichen Show machen, dann verkehren wir ihren Sinn ins Gegenteil. Wir machen aus einer Übung der Demut eine Übung des Stolzes, aus einer Zeit der Selbstverleugnung eine Zeit der Selbsterhöhung. Und genau davor warnt uns Jesus in seinen Worten über das Fasten. Er sagt uns, dass diejenigen, die fasten, um von anderen gesehen zu werden, bereits ihren Lohn erhalten haben. Mit anderen Worten, wenn unsere Belohnung die Anerkennung und Bewunderung der Menschen ist, dann haben wir nichts mehr von Gott zu erwarten.
Die sozialen Medien haben die Art und Weise, wie wir unser Leben teilen und präsentieren, grundlegend verändert. Sie bieten uns eine Plattform, um mit anderen in Kontakt zu treten, unsere Gedanken und Erfahrungen zu teilen und Gemeinschaft zu finden. Doch sie haben auch eine Schattenseite. Sie fördern eine Kultur der Selbstdarstellung, in der es darum geht, das perfekte Bild von uns selbst zu zeigen, in der wir ständig nach Bestätigung und Anerkennung suchen. Diese Kultur der Selbstdarstellung steht im direkten Widerspruch zu den Werten des Evangeliums, das uns zur Demut, zur Selbstverleugnung und zur Hinwendung zu Gott aufruft. Wenn wir unsere geistlichen Übungen in den sozialen Medien dokumentieren und teilen, dann laufen wir Gefahr, dass wir mehr um unsere eigene Ehre besorgt sind als um die Ehre Gottes.
Dabei entsteht ein weiteres Problem, das oft übersehen wird: Wenn andere Menschen diese öffentliche “Show des Fastens” sehen, geraten sie leicht in Zweifel und inneren Druck. Viele können aus gesundheitlichen, körperlichen oder psychischen Gründen nicht so fasten, wie es manche online präsentieren. Sie fühlen sich minderwertig, ungenügend oder geistlich schwach, weil sie nicht mithalten können. Statt Ermutigung entsteht Vergleich; statt Freiheit entsteht Leistungsdruck. Doch Fasten ist kein Wettbewerb und keine Bühne. Gott sieht das Verborgene, nicht das, was im Internet glänzt. Und er verlangt von niemandem etwas, was seine Kräfte übersteigt.
Geistliche Übungen sollen uns zu Gott führen; nicht in Selbstzweifel, nicht in Scham und nicht in einen ungesunden Vergleich mit anderen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Fastenzeit keine Herausforderung ist, die wir meistern müssen, kein Wettbewerb, den wir gewinnen können. Sie ist eine Gelegenheit, um unsere Herzen vor Gott zu demütigen, um unsere Sünden zu bekennen und um unsere Abhängigkeit von seiner Gnade zu erkennen. Der Prophet Joel ruft das Volk Israel zur Buße auf und sagt: “Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es reut ihn bald die Strafe” (Joel 2,13). Diese Worte machen deutlich, dass es Gott nicht um äußere Formen geht, sondern um die Haltung unseres Herzens.
Er will nicht, dass wir uns äußerlich fromm geben, sondern dass wir innerlich umkehren und uns ihm zuwenden.
Wenn wir die Fastenzeit als eine sportliche Herausforderung verstehen, dann verpassen wir die eigentliche Botschaft. Wir konzentrieren uns auf das Äußere, auf das, was andere sehen können, anstatt auf das Innere, auf das, was nur Gott sieht. Wir messen unseren Erfolg an der Länge unseres Fastens, an der Zahl unserer Gebete, an der Härte unserer Disziplin. Doch Gott misst unseren Erfolg an der Aufrichtigkeit unseres Herzens, an der Echtheit unserer Buße, an der Tiefe unserer Hingabe. Der Psalmist betet: “Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.” (Psalm 51,19). Gott sucht nicht nach perfekten Leistungen, sondern nach zerbrochenen und demütigen Herzen.
Die Konkurrenz mit Muslimen oder anderen religiösen Gruppen, die in den sozialen Medien oft zu beobachten ist, zeugt von einem grundlegenden Missverständnis dessen, was Glauben und geistliche Praxis bedeuten. Der christliche Glaube ist kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, besser zu sein als andere. Es geht nicht darum, zu beweisen, dass wir frömmer, disziplinierter oder hingebungsvoller sind als Menschen anderer Religionen. Es geht darum, Christus nachzufolgen, ihm zu gehorchen und ihn zu ehren. Der Apostel Paulus schreibt: “Denn wir wagen es nicht, uns denen zuzurechnen oder uns zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber sie sind unverständig, die sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen” (2. Korinther 10,12). Wir sollen uns nicht mit anderen vergleichen, sondern uns an Christus orientieren.
Die wahre Fastenzeit ist eine Zeit der Stille, der Besinnung und des Gebets. Es ist eine Zeit, in der wir bewusst auf Dinge verzichten, die uns von Gott ablenken, sei es Essen, Unterhaltung oder andere Annehmlichkeiten. Dieser Verzicht ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um unsere Herzen für Gott zu öffnen und um ihm Raum in unserem Leben zu geben. Wenn wir fasten, dann sollen wir dies in der Verborgenheit tun, nicht um gesehen zu werden, sondern um Gott zu begegnen.
Unser Vater im Himmel sieht, was im Verborgenen geschieht, und er wird uns belohnen, nicht mit dem Applaus der Menschen, sondern mit seiner Gegenwart und seiner Gnade.
Thomas von Kempen, der Autor des geistlichen Klassikers “Die Nachfolge Christi”, schrieb: “Was nützt es dir, über die Dreieinigkeit gelehrt zu disputieren, wenn du die Demut entbehrst, durch die du der Dreieinigkeit missfällst? Wahrlich, hohe Worte machen nicht heilig und gerecht, sondern ein tugendhaftes Leben macht Gott lieb.” Diese Worte erinnern uns daran, dass es nicht um äußere Zurschaustellung geht, nicht um beeindruckende Leistungen oder um gelehrte Reden, sondern um ein Leben in Demut und Hingabe an Gott.
Lasst uns die Fastenzeit wieder zu dem machen, was sie sein soll: eine Zeit der stillen Buße, der inneren Einkehr und der Erneuerung unserer Beziehung zu Gott. Lasst uns aufhören, sie als Wettbewerb oder sportliche Herausforderung zu verstehen, und lasst uns stattdessen unsere Herzen vor Gott demütigen. Lasst uns fasten, nicht um gesehen zu werden, sondern um Gott zu suchen. Lasst uns beten, nicht um unsere Frömmigkeit zu beweisen, sondern um mit unserem himmlischen Vater zu sprechen. Und lasst uns die sozialen Medien nicht als Bühne für unsere geistlichen Übungen nutzen, sondern als ein Werkzeug, um das Evangelium zu verkünden und andere zu ermutigen.
Die Nachfolge Christi erfordert von uns, dass wir gegen den Strom schwimmen, dass wir uns nicht den Werten und Praktiken dieser Welt anpassen, sondern dass wir uns von Gottes Wort leiten lassen. Paulus ermahnt uns: “Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene” (Römer 12,2). Wenn wir die Fastenzeit wirklich ernst nehmen wollen, dann müssen wir bereit sein, uns von den Trends und Erwartungen der Welt zu lösen und uns stattdessen auf das zu konzentrieren, was Gott von uns erwartet.
Möge diese Fastenzeit eine Zeit der echten Begegnung mit Gott sein, eine Zeit, in der wir uns nicht von äußeren Einflüssen ablenken lassen, sondern in der wir uns ganz auf ihn ausrichten. Möge sie uns helfen, demütiger, gehorsamer und liebevoller zu werden, nicht um vor anderen gut dazustehen, sondern um Christus ähnlicher zu werden.
