Bibelblogger

"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

Bewahrt Gott wirklich alle Menschen?

Beckblogger (10)

Bewahrt Gott alle Men­schen? Eine kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit Bewahrung, Leid und einem bib­lisch fundierten Gottes­bild: Eine bib­lis­che Klarstel­lung!

Liebe Leserin­nen und Leser, es gibt wenige Fra­gen, die so schmerzhaft und zugle­ich so zen­tral für unseren Glauben sind wie die Frage nach Gottes Bewahrung. Wenn wir von Bewahrung sprechen, meinen wir damit Gottes schützende Hand, seine Für­sorge, sein Ein­greifen, um uns vor Unheil zu bewahren. In vie­len christlichen Kreisen wird die Bewahrung Gottes als selb­stver­ständliche Ver­heißung verkün­det: Wenn du nur genug glaub­st, wenn du Gott ver­traust, wenn du ihm dienst, dann wird er dich bewahren vor Krankheit, vor Unfall, vor Leid. Doch die Real­ität, die wir um uns herum und oft genug auch in unserem eige­nen Leben beobacht­en, erzählt eine andere Geschichte. Gläu­bige Chris­ten erkranken an Krebs. Mis­sion­are ster­ben bei Unfällen. Kinder from­mer Eltern wer­den krank. Ganze Gemein­den erleben Ver­fol­gung und Mar­tyri­um. Und wenn wir ehrlich sind, führt dies oft zu ein­er tiefen Ver­wirrung, zu Zweifeln und zu der quälen­den Frage: Bewahrt Gott wirk­lich, und wenn ja, wen, wann und warum?

Die kurze und vielle­icht unbe­queme Antwort auf die Frage, ob Gott alle Men­schen bewahrt, lautet: Nein, zumin­d­est nicht in dem Sinne, wie wir uns Bewahrung oft vorstellen. Die Vorstel­lung, dass Gott alle Men­schen vor allem Leid, vor Krankheit und vor dem Tod bewahrt, find­et in der Bibel keine Grund­lage. Im Gegen­teil, die Schrift ist voll von Beispie­len treuer Gottes­män­ner und Gottes­frauen, die gelit­ten haben, krank wur­den und eines oft gewalt­samen Todes star­ben. Die Propheten wur­den ver­fol­gt und getötet. Johannes der Täufer wurde enthauptet. Die Apos­tel erlit­ten Ver­fol­gung, Gefan­gen­schaft und Mar­tyri­um. Paulus selb­st, ein­er der größten Glauben­szeu­gen, schrieb von seinen unzäh­li­gen Lei­den: Schläge, Steini­gun­gen, Schiff­brüche, Gefahren aller Art, und er erwäh­nt seinen berühmten “Pfahl im Fleisch”, eine nicht näher beze­ich­nete kör­per­liche Beschw­erde, um die er Gott dreimal bat, sie zu ent­fer­nen, doch Gott antwortete: “Lass dir an mein­er Gnade genü­gen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9).

Dieses Beispiel von Paulus ist beson­ders auf­schlussre­ich, weil es uns zeigt, dass Gott manch­mal bewusst entschei­det, nicht zu bewahren, nicht zu heilen, nicht einzu­greifen, obwohl er es kön­nte. Paulus war ein treuer Diener, ein Mann von großem Glauben, und den­noch wurde seine Bitte um Heilung nicht erhört. Stattdessen erhielt er eine andere Antwort: Gottes Gnade ist aus­re­ichend, und seine Kraft kommt in der Schwach­heit zur Vol­len­dung. Dies deutet auf eine völ­lig andere Per­spek­tive hin als die, die in vie­len Wohl­stand­se­van­geli­ums-Kreisen verkün­det wird.

Gottes Ziel ist nicht primär unser kör­per­lich­es Woh­lerge­hen oder unsere Abwe­sen­heit von Leid, son­dern unsere geistliche Rei­fung, die Ver­her­rlichung seines Namens und let­ztlich unsere ewige Erret­tung.

Wenn wir die Frage stellen, ob Gott auch jene bewahrt, die ihn ablehnen, müssen wir zunächst klären, was wir mit Bewahrung meinen. Wenn wir damit meinen, dass Gott ungläu­bige Men­schen vor allem Leid bewahrt, dann sehen wir in der Real­ität, dass dies offen­sichtlich nicht der Fall ist. Ungläu­bige Men­schen erlei­den genau­so Krankheit, Unfälle und Tod wie Gläu­bige. In gewiss­er Weise ist dies sog­ar bib­lisch zu erwarten, denn wir leben in ein­er gefal­l­enen Welt, die unter dem Fluch der Sünde ste­ht. Römer 8,20–22 sagt uns: “Die Schöp­fung ist ja unter­wor­fen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, son­dern durch den, der sie unter­wor­fen hat –, doch auf Hoff­nung; denn auch die Schöp­fung wird frei wer­den von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der her­rlichen Frei­heit der Kinder Gottes. Denn wir wis­sen, dass die ganze Schöp­fung bis zu diesem Augen­blick seufzt und in Wehen liegt.” Wir alle, Gläu­bige und Ungläu­bige, leben in dieser seufzen­den Schöp­fung und sind ihren Auswirkun­gen aus­ge­set­zt.

Allerd­ings gibt es einen Sinn, in dem Gott tat­säch­lich alle Men­schen bewahrt und erhält, zumin­d­est zeitweise. In sein­er all­ge­meinen Gnade oder Für­sorge erhält Gott die gesamte Schöp­fung. Hebräer 1,3 sagt von Chris­tus, dass er “alle Dinge trägt mit seinem kräfti­gen Wort”. Koloss­er 1,17 fügt hinzu: “und er ist vor allem, und es beste­ht alles in ihm.” Ohne Gottes beständi­ges Wirken würde die gesamte Schöp­fung augen­blick­lich aufhören zu existieren. In diesem Sinne bewahrt Gott tat­säch­lich alle Men­schen jeden Moment ihres Lebens, indem er ihnen über­haupt Exis­tenz gewährt. Matthäus 5,45 lehrt uns, dass Gott “seine Sonne aufge­hen lässt über Böse und Gute und lässt reg­nen über Gerechte und Ungerechte.” Dies spricht von Gottes all­ge­mein­er Güte gegenüber allen Men­schen, unab­hängig von ihrem Glauben oder ihrer moralis­chen Ver­fas­sung.

Doch es gibt einen fun­da­men­tal­en Unter­schied zwis­chen dieser all­ge­meinen Bewahrung oder Erhal­tung und der beson­deren Bewahrung, die Gott seinen Kindern ver­heißt. Die beson­dere Bewahrung Gottes für die Gläu­bi­gen bezieht sich primär nicht auf den Schutz vor physis­chem Leid oder Tod, son­dern auf die Bewahrung ihres Glaubens und ihrer ewigen Erret­tung. Dies ist eine äußerst wichtige Unter­schei­dung, die viel Ver­wirrung beseit­i­gen kann. Jesus betete in Johannes 17,15 für seine Jünger: “Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, son­dern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.” Der Fokus liegt hier auf der Bewahrung vor dem Bösen, vor der Macht der Sünde und des Satans, nicht notwendi­ger­weise vor physis­chem Leid.

Der Apos­tel Petrus schreibt in 1. Petrus 1,3–5: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Her­rn Jesus Chris­tus, der uns nach sein­er großen Barmherzigkeit wiederge­boren hat zu ein­er lebendi­gen Hoff­nung durch die Aufer­ste­hung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbe­fleck­ten und unver­welk­lichen Erbe, das auf­be­wahrt wird im Him­mel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bere­it­et ist, dass sie offen­bar werde zu der let­zten Zeit.” Beacht­en Sie, wofür wir bewahrt wer­den: zur Seligkeit, zur ewigen Erret­tung. Und was wird für uns auf­be­wahrt: ein unvergänglich­es Erbe im Him­mel. Diese Bewahrung ist abso­lut sich­er. Kein wahrer Gläu­biger wird jemals ver­loren gehen. Jesus selb­st ver­sichert uns in Johannes 10,28–29: “und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie wer­den nim­mer­mehr umkom­men, und nie­mand wird sie aus mein­er Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und nie­mand kann es aus des Vaters Hand reißen.”

Dies ist die absolute, unver­brüch­liche Bewahrung, die Gott ver­spricht: die Bewahrung unser­er Seele, unseres ewigen Schick­sals. Doch dieselbe Bibel, die uns diese wun­der­bare Ver­heißung gibt, erzählt uns auch von Stephanus, der gesteinigt wurde, von Jakobus, der vom Schw­ert hin­gerichtet wurde, von unzäh­li­gen Mär­tyr­ern im Laufe der Kirchengeschichte. Hebräer 11, das große Kapi­tel über den Glauben, lis­tet die Helden des Glaubens auf und sagt über einige von ihnen: “Sie haben Län­der erobert, Gerechtigkeit geübt, Ver­heißun­gen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schw­erts entron­nen, aus der Schwach­heit zu Kräften gekom­men, sind stark gewor­den im Kampf, haben fremde Heere in die Flucht geschla­gen.Doch dann fährt der Text fort: “Andere aber sind gemartert wor­den und haben die Freilas­sung nicht angenom­men, damit sie die Aufer­ste­hung, die bess­er ist, erlangten. Andere haben Spott und Geißelung erlit­ten, dazu Fes­seln und Gefäng­nis. Sie sind gesteinigt, zer­sägt, ermordet wor­den. Sie sind in Schaf­pelzen und Ziegen­fellen umherge­gan­gen und haben Man­gel, Bedräng­nis, Mis­shand­lung erduldet” (Hebräer 11,33–37).

Diese bei­den Grup­pen von Glauben­shelden wer­den nebeneinan­der gestellt. Die einen wur­den auf wun­der­bare Weise bewahrt und erret­tet, die anderen nicht. Doch bei­de wer­den als Vor­bilder des Glaubens präsen­tiert. Der entschei­dende Punkt ist: Bewahrung vor physis­chem Leid ist keine Ver­heißung, die allen Gläu­bi­gen zu allen Zeit­en gegeben ist. Manch­mal greift Gott ein und bewahrt auf wun­der­bare Weise, wie er es bei Daniel in der Löwen­grube tat oder bei den drei Män­nern im Feuero­fen. Manch­mal tut er es nicht, wie bei Stephanus oder bei den unzäh­li­gen Chris­ten, die in römis­chen Are­nen gestor­ben sind. In bei­den Fällen aber bleibt Gottes Bewahrung ihrer Seele, ihres ewigen Lebens, intakt.

Die Frage, ob Gott jene bewahrt, die ihn ablehnen, muss also dif­feren­ziert beant­wortet wer­den. In Bezug auf die ewige Erret­tung lautet die klare bib­lis­che Antwort:

Nein. Die Bibel lehrt unmissver­ständlich, dass Erret­tung allein durch den Glauben an Jesus Chris­tus kommt.

Johannes 3,36 stellt fest: “Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehor­sam ist, der wird das Leben nicht sehen, son­dern der Zorn Gottes bleibt über ihm.” Apos­telgeschichte 4,12 erk­lärt: “Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andr­er Name unter dem Him­mel den Men­schen gegeben, durch den wir sollen selig wer­den.”

Wer Gott ablehnt, wer Chris­tus ablehnt, ste­ht unter Gottes Gericht und wird nicht bewahrt zur ewigen Erret­tung. Dies mag hart klin­gen, aber es ist die kon­se­quente Lehre der Heili­gen Schrift.

Doch bedeutet dies, dass Gott den Ungläu­bi­gen völ­lig gle­ichgültig gegenüber­ste­ht? Keineswegs. Gottes Herz ist voller Liebe auch für die Ver­lore­nen. 2. Petrus 3,9 sagt: “Der Herr verzögert nicht die Ver­heißung, wie es einige für eine Verzögerung hal­ten; son­dern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand ver­loren werde, son­dern dass jed­er­mann zur Buße finde.” Gott wün­scht nicht den Tod des Got­t­losen, son­dern dass er umkehre und lebe (Hes­ekiel 33,11). In sein­er Lang­mut gibt er den Men­schen Zeit zur Umkehr. Die Tat­sache, dass ungläu­bige Men­schen weit­er­hin leben, atmen und Gottes Seg­nun­gen emp­fan­gen kön­nen, ist ein Aus­druck sein­er geduldigen Liebe und sein­er Ein­ladung zur Umkehr.

Doch diese göt­tliche Geduld bedeutet nicht, dass der Men­sch automa­tisch gerettet wäre. Gottes Gnade ist ein Geschenk, aber der Ungläu­bige muss dieses Geschenk annehmen. Die Liebe Gottes drängt sich nie­man­dem auf; sie lädt ein, sie ruft, sie öffnet den Weg – doch sie respek­tiert den Willen des Men­schen.

Wer die aus­gestreck­te Hand Gottes auss­chlägt, bleibt außer­halb der ret­ten­den Gemein­schaft, die Chris­tus anbi­etet.

Darum ruft das Evan­geli­um jeden Men­schen zur Umkehr, zum Glauben und zur Hingabe an Jesus Chris­tus, damit die ange­botene Gnade nicht verge­blich bleibt.

Wenn wir nun die Frage betra­cht­en, ob Gott alle Kranken und Lei­den­den bewahrt, stoßen wir auf ein ähn­lich­es Prob­lem. Die Antwort ist offen­sichtlich: Nein, zumin­d­est nicht in dem Sinne, dass er alle heilt oder vor Leid bewahrt. Wir sehen tagtäglich, dass sowohl Gläu­bige als auch Ungläu­bige krank wer­den und lei­den. Die Vorstel­lung, dass wahrer Glaube automa­tisch zu kör­per­lich­er Gesund­heit führt, ist ein gefährlich­es Wohl­stand­se­van­geli­um, das nicht nur bib­lisch unhalt­bar ist, son­dern auch uner­messlichen emo­tionalen und spir­ituellen Schaden anrichtet. Men­schen, die dieser The­olo­gie fol­gen, fühlen sich schuldig, wenn sie krank wer­den, denken, dass sie nicht genug Glauben haben, oder wer­den von anderen verurteilt. Dies ist eine grausame Ver­drehung der bib­lis­chen Botschaft.

Jesus selb­st ver­sprach seinen Nach­fol­gern nicht ein Leben ohne Leid, son­dern genau das Gegen­teil. In Johannes 16,33 sagte er: “In der Welt habt ihr Angst; aber seid get­rost, ich habe die Welt über­wun­den.” Er ver­sprach Angst und Bedräng­nis in dieser Welt, aber gle­ichzeit­ig seinen Frieden und seinen Sieg. In der Berg­predigt pries er die Trauern­den, die Ver­fol­gten, die um der Gerechtigkeit willen Lei­den­den selig. Die Apos­tel freuten sich, dass sie würdig befun­den wur­den, um des Namens Jesu willen Schmach zu lei­den (Apos­telgeschichte 5,41). Paulus schrieb, dass wir durch viele Bedräng­nisse ins Reich Gottes einge­hen müssen (Apos­telgeschichte 14,22).

Die Bibel lehrt also nicht, dass Gott alle Kranken heilt. Sie erzählt uns von Heilun­gen, ja, aber sie erzählt uns auch von Krankheit und Leid. Paulus ließ Trophimus krank in Milet zurück (2. Tim­o­theus 4,20). Er riet Tim­o­theus, wegen sein­er häu­fi­gen Krankheit­en etwas Wein zu nehmen (1. Tim­o­theus 5,23). Epa­phrodi­tus war tod­krank, und Gott erbarmte sich sein­er, aber die Tat­sache, dass er über­haupt krank wurde, zeigt, dass Glaube keine Immu­nität gegen Krankheit ver­lei­ht (Philip­per 2,25–27). Hiob, der als gerecht und untadelig beschrieben wird, ver­lor alles und wurde mit schreck­lichen Krankheit­en geschla­gen. Das gesamte Buch Hiob befasst sich mit der Frage nach dem Leid des Gerecht­en, und die Antwort ist kom­plex:

Gottes Wege sind höher als unsere Wege, und er hat Zwecke, die wir oft nicht ver­ste­hen.

Hier kom­men wir zum Kern der Frage nach dem Gottes­bild. Viele Men­schen haben ein Gottes­bild, das im Wesentlichen besagt: Gott ist wie ein kos­mis­ch­er Wun­scher­füller, der dafür da ist, uns glück­lich, gesund und wohlhabend zu machen. Wenn wir nur richtig glauben, richtig beten, richtig leben, wird er uns geben, was wir wollen. Dieses Gottes­bild ist zutief­st selb­stzen­tri­ert und ste­ht im Wider­spruch zum bib­lis­chen Gottes­bild. Der Gott der Bibel ist sou­verän, heilig, liebevoll, aber auch geheimnisvoll in seinen Wegen. Er ist nicht unser Diener, son­dern wir sind seine Geschöpfe. Sein ober­stes Ziel ist nicht unser zeitlich­es Woh­lerge­hen, son­dern seine eigene Ver­her­rlichung und let­ztlich unser ewiges Heil.

Römer 8,28 wird oft zitiert: “Wir wis­sen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.” Doch dieser Vers wird häu­fig missver­standen. Er bedeutet nicht, dass alles, was uns wider­fährt, an sich gut ist oder sich gut anfühlt. Er bedeutet, dass Gott in sein­er Sou­veränität alle Dinge, ein­schließlich Leid und Krankheit, so lenken kann, dass sie let­ztlich zu unserem Besten dienen. Und was ist unser höch­stes Gut? Der näch­ste Vers gibt die Antwort: “Denn die er auserse­hen hat, die hat er auch vorherbes­timmt, dass sie gle­ich sein soll­ten dem Bild seines Sohnes” (Römer 8,29).

Unser höch­stes Gut ist nicht Gesund­heit oder Wohl­stand, son­dern Chris­tusähn­lichkeit. Und oft wer­den wir ger­ade durch Leid Chris­tus ähn­lich­er.

C.S. Lewis schrieb in seinem Buch “The Prob­lem of Pain”: “Gott flüstert in unseren Freuden, spricht in unserem Gewis­sen, aber schre­it in unseren Schmerzen. Schmerz ist sein Megaphon, um eine taube Welt aufzuweck­en.” Leid hat eine Art, uns aus unser­er Selb­stzufrieden­heit zu reißen, uns auf Gott auszuricht­en, uns von falschen Götzen zu befreien und uns nach der ewigen Welt sehnen zu lassen. Dies bedeutet nicht, dass alles Leid direkt von Gott kommt oder dass er sich am Leid erfreut. Die Bibel lehrt, dass viel Leid eine direk­te Folge des Sün­den­falls ist, dass Satan real ist und Zer­störung bringt, und dass wir in ein­er gefal­l­enen Welt leben. Doch die Bibel lehrt auch, dass Gott sou­verän ist und selb­st das, was für Bös­es gedacht war, zum Guten wen­den kann, wie Joseph zu seinen Brüdern sagte: “Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen” (1. Mose 50,20).

Ein falsches Gottes­bild entste­ht, wenn wir denken, dass Gott uns Gesund­heit und Wohl­stand schuldet, dass er verpflichtet ist, uns vor allem Leid zu bewahren, wenn wir nur genug Glauben haben. Dieses Gottes­bild macht Gott zu unserem Diener und uns zu den Her­ren, die durch die richti­gen Glaubens­formeln Gottes Han­deln manip­ulieren kön­nen. Es ist eine Form von Magie, nicht von bib­lis­chem Glauben. Ein bib­lis­ches Gottes­bild erken­nt an, dass Gott sou­verän ist, dass seine Wege höher sind als unsere Wege (Jesa­ja 55,8–9), dass er manch­mal auf Weisen wirkt, die wir nicht ver­ste­hen, und dass sein ober­stes Ziel nicht unser zeitlich­es Vergnü­gen, son­dern seine Ver­her­rlichung und unsere ewige Erlö­sung ist.

Ein falsches Bibelver­ständ­nis entste­ht, wenn wir selek­tiv nur die Verse lesen, die uns gefall­en, die uns Gesund­heit und Wohl­stand ver­sprechen, während wir die zahlre­ichen Pas­sagen ignori­eren, die von Lei­den sprechen, die Ver­fol­gung ankündi­gen und uns auf­fordern, unser Kreuz auf uns zu nehmen. Es entste­ht, wenn wir Verse aus ihrem Kon­text reißen und sie als uni­verselle Ver­heißun­gen behan­deln, obwohl sie in einem spez­i­fis­chen his­torischen und the­ol­o­gis­chen Kon­text ste­hen. Es entste­ht, wenn wir die beschreiben­den Pas­sagen der Bibel (die erzählen, was geschah) als präskrip­tive Pas­sagen behan­deln (die uns sagen, was immer geschehen wird oder sollte).

Zum Beispiel wird Jakobus 5,14–15 oft als Ver­heißung zitiert, dass Gebet immer zur Heilung führt: “Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn sal­ben mit Öl in dem Namen des Her­rn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufricht­en.” Dies ist eine wichtige Anweisung für die Gemeinde, für Kranke zu beten. Doch wenn wir diesen Vers isoliert betra­cht­en, als absolute Garantie, dass jedes Gebet zur Heilung führt, ignori­eren wir die Gesamtheit der bib­lis­chen Lehre. Wir ignori­eren Paulus’ ungeant­wortetes Gebet um Heilung, wir ignori­eren die Real­ität, dass alle Men­schen, selb­st die größten Glauben­shelden, schließlich ster­ben. Eine gesunde Hermeneu­tik liest einzelne Verse im Licht der gesamten Schrift.

Die Wahrheit ist, dass Gottes Bewahrung sich manch­mal in Heilung man­i­festiert, manch­mal in Kraft im Lei­den, manch­mal in Befreiung von Gefahren, manch­mal in Bewahrung durch Gefahren hin­durch. Gott ist sou­verän und han­delt, wie er es für richtig hält. Unsere Auf­gabe ist es nicht, ihm vorzuschreiben, wie er han­deln soll, son­dern ihm zu ver­trauen, dass er gut ist, dass er weise ist, und dass er let­ztlich für uns sorgt, auch wenn seine Für­sorge nicht immer die Form annimmt, die wir uns wün­schen.

Eine reife christliche Per­spek­tive auf Bewahrung anerken­nt mehrere Wahrheit­en gle­ichzeit­ig. Erstens: Gott ist allmächtig und kann in jed­er Sit­u­a­tion ein­greifen, heilen, bewahren. Wir glauben an Wun­der, und es ist richtig, Gott um Heilung und Bewahrung zu bit­ten. Jesus lehrte uns, behar­rlich zu beten. Zweit­ens: Gott ist sou­verän und entschei­det nach sein­er Weisheit, wann und wie er ein­greift. Seine Entschei­dun­gen sind nicht willkür­lich, son­dern basieren auf sein­er vol­lkomme­nen Weisheit und Liebe, auch wenn wir seine Gründe oft nicht ver­ste­hen. Drit­tens: Gottes ober­stes Ziel ist nicht unser zeitlich­es Wohlbefind­en, son­dern seine Ver­her­rlichung und unsere Chris­tusähn­lichkeit und ewige Erlö­sung. Viertens: Leid ist real und oft schmerzhaft, aber es ist nicht sinn­los. Gott kann und wird es für seine Zwecke nutzen. Fün­ftens: Die ulti­ma­tive Bewahrung, die uns ver­heißen ist, ist die Bewahrung unser­er Seele zur ewigen Erret­tung, und diese Bewahrung ist abso­lut sich­er für alle, die in Chris­tus sind.

Mit diesem aus­ge­wo­ge­nen Ver­ständ­nis kön­nen wir die Extreme ver­mei­den. Auf der einen Seite ste­ht das Wohl­stand­se­van­geli­um, das lehrt, dass Gott alle Gläu­bi­gen vor allem Leid bewahrt, wenn sie nur genug Glauben haben. Dies führt zu falsch­er Schuld, zu Ent­täuschung mit Gott und oft zum Abfall vom Glauben, wenn die ver­sproch­ene Bewahrung nicht ein­tritt. Auf der anderen Seite ste­ht eine Art Fatal­is­mus, der sagt, dass unser Gebet nichts bewirkt und dass wir ein­fach pas­siv alles akzep­tieren müssen, was geschieht. Doch die Bibel lehrt uns, behar­rlich zu beten, Gott um Heilung und Bewahrung zu bit­ten, während wir gle­ichzeit­ig wie Jesus beten: “Nicht mein, son­dern dein Wille geschehe” (Lukas 22,42).

Die Frage nach Gottes Bewahrung führt uns let­ztlich zu den tief­sten Fra­gen unseres Glaubens: Ver­trauen wir Gott, auch wenn wir nicht ver­ste­hen? Glauben wir, dass er gut ist, auch wenn das Leben hart ist? Ist unsere Hoff­nung in dieser Welt oder in der kom­menden? Ist unser Gott groß genug, um über unsere Umstände zu ste­hen, oder haben wir ihn auf einen himm­lis­chen Wun­scher­füller reduziert? Die Antworten auf diese Fra­gen wer­den unseren Glauben entwed­er ver­tiefen oder ent­lar­ven.

Am Ende müssen wir akzep­tieren, dass wir in diesem Leben nicht alle Antworten haben wer­den. Wir sehen jet­zt stück­weise, wie Paulus sagt, aber dann von Angesicht zu Angesicht (1. Korinther 13,12). Es wird Zeit­en geben, in denen Gottes Wege uns rät­sel­haft erscheinen, in denen wir uns fra­gen, warum er nicht ein­greift, warum er nicht heilt, warum er nicht bewahrt. In diesen Zeit­en sind wir aufgerufen, im Glauben zu wan­deln, nicht im Schauen (2. Korinther 5,7), uns an das zu klam­mern, was wir wis­sen von Gottes Charak­ter, selb­st wenn wir seine Hand­lun­gen nicht ver­ste­hen.

Die ulti­ma­tive Bewahrung, die uns ver­sprochen ist, wartet auf uns in der Ewigkeit. Offen­barung 21,4 malt das her­rliche Bild: “und Gott wird abwis­chen alle Trä­nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist ver­gan­gen.” Dies ist die absolute Bewahrung, die jedem Gläu­bi­gen garantiert ist: ein Zus­tand, in dem es kein Leid mehr gibt, keine Krankheit, keinen Tod. Bis dahin leben wir in der Span­nung zwis­chen dem Schon und dem Noch-Nicht, zwis­chen der Real­ität, dass Chris­tus bere­its gesiegt hat, und der Real­ität, dass wir noch nicht die Fülle dieses Sieges erleben.

In dieser Zwis­chen­zeit sind wir aufgerufen, einan­der zu tra­gen, für einan­der zu beten, einan­der zu trösten und einan­der auf die Ver­heißun­gen Gottes hinzuweisen. Wir sind aufgerufen, ehrlich über unser Leid zu sein, ohne unseren Glauben zu ver­lieren. Wir sind aufgerufen, Gott zu ver­trauen, auch wenn der Weg dunkel ist. Und wir sind aufgerufen, unsere Hoff­nung nicht auf die Bewahrung in diesem Leben zu set­zen, son­dern auf die ewige Bewahrung, die uns in Chris­tus geschenkt ist. Möge Gott uns die Weisheit geben, ihn richtig zu ver­ste­hen, den Mut, ihm zu ver­trauen, und die Hoff­nung, die über alle Umstände dieses Lebens hin­aus­re­icht.

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