Bibelblogger

"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

Wie Christen mit Angst vor Diagnose oder Tod umgehen!

Beckblogger (9)

Liebe Leserin­nen und Leser, es gibt Momente im Leben, in denen die Zeit stil­lzuste­hen scheint. Der Moment, wenn der Arzt mit ern­ster Miene in den Raum tritt und Sie bit­tet, sich zu set­zen. Der Moment, wenn Sie auf die Ergeb­nisse ein­er medi­zinis­chen Unter­suchung warten und jede Minute sich wie eine Stunde anfühlt. Der Moment, wenn ein uner­warteter Schmerz im Kör­p­er auf­taucht und die Gedanken sofort in die dunkel­sten Rich­tun­gen wan­dern. In solchen Momenten wird uns bewusst, wie zer­brech­lich das Leben ist und wie wenig Kon­trolle wir tat­säch­lich über unsere Exis­tenz haben. Die Angst vor ein­er lebensverän­dern­den Diag­nose oder gar vor dem Tod selb­st ist eine der tief­greifend­sten Äng­ste, die Men­schen erleben kön­nen, und Chris­ten sind davon nicht ausgenom­men.

Viele glauben fälschlicher­weise, dass wahrer Glaube bedeutet, keine Angst zu haben. Sie denken, dass Furcht vor Krankheit oder Tod ein Zeichen man­gel­nden Glaubens sei und dass ein reifer Christ solche Äng­ste über­wun­den haben sollte. Diese Vorstel­lung führt oft dazu, dass Chris­ten ihre Äng­ste ver­steck­en, sich dafür schä­men und sich zusät­zlich zu ihrer ohne­hin schon vorhan­de­nen Angst auch noch schuldig fühlen. Doch wenn wir ehrlich in die Heilige Schrift schauen und das Leben der größten Glauben­shelden betra­cht­en, ent­deck­en wir eine andere Wahrheit: Angst ist eine zutief­st men­schliche Emo­tion, die selb­st die treuesten Nach­fol­ger Gottes erlebt haben, und der Umgang mit dieser Angst, nicht ihre Abwe­sen­heit, ist es, was bib­lis­chen Glauben ausze­ich­net.

Begin­nen wir mit dem größten Beispiel von allen: Jesus Chris­tus selb­st. Im Garten Geth­se­mane, in der Nacht vor sein­er Kreuzi­gung, sehen wir Jesus in einem Zus­tand inten­siv­er seel­is­ch­er Not. Die Evan­gelien beschreiben seine Ver­fas­sung mit Worten, die uns aufhorchen lassen soll­ten. Matthäus 26,37–38 berichtet: “Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!” Lukas fügt hinzu, dass sein Schweiß wie Blut­stropfen war, die auf die Erde fie­len, ein medi­zinis­ches Phänomen, das unter extremem Stress auftreten kann. Jesus, der Sohn Gottes, erlebte echte Tode­sangst. Er war nicht dis­tanziert oder gefüh­l­los angesichts des bevorste­hen­den Lei­dens. Seine Men­schlichkeit schloss die Erfahrung tiefer Angst mit ein.

Dies ist für uns von unschätzbarem Wert, denn es bedeutet, dass Jesus unsere Äng­ste ver­ste­ht. Der Hebräer­brief sagt uns in Kapi­tel 4,15: “Dieser Hohe Priester hat Mit­ge­fühl mit unseren Schwächen, weil ihm die gle­ichen Ver­suchun­gen begeg­net sind wie uns – aber er blieb ohne Sünde.” Jesus ken­nt die läh­mende Angst vor Schmerz und Tod aus eigen­er Erfahrung. Er verurteilt uns nicht dafür, dass wir Angst haben, son­dern er ver­ste­ht sie und kann uns in ihr beis­te­hen. Seine eigene Reak­tion auf die Angst gibt uns auch ein Mod­ell dafür, wie wir damit umge­hen kön­nen: Er brachte sie ehrlich vor den Vater im Gebet, er suchte die Gemein­schaft ander­er Men­schen, und er unter­warf sich let­ztlich dem Willen Gottes, auch wenn dieser Wille Lei­den ein­schloss.

Die Angst vor Diag­nose oder Tod ist keine Sünde, aber sie kann zu einem Prob­lem wer­den, wenn sie unser Leben bes­timmt und uns von Gott ent­fer­nt, anstatt uns zu ihm hinzuführen. Die Bibel erken­nt die Real­ität der Angst an, fordert uns aber gle­ichzeit­ig auf, nicht in ihr gefan­gen zu bleiben. Eine der häu­fig­sten Auf­forderun­gen in der Schrift ist “Fürchte dich nicht” oder “Habt keine Angst”. Diese Worte find­en sich je nach Zäh­lung zwis­chen 300 und 365 Mal in der Bibel, für jeden Tag des Jahres eine. Doch diese Auf­forderung ist nie eine bloße Verurteilung der Angst oder ein Befehl, ein­fach aufzuhören, Angst zu haben. Sie ist immer mit ein­er Begrün­dung ver­bun­den, mit einem Grund, warum wir uns nicht fürcht­en müssen: weil Gott bei uns ist, weil er uns hält, weil er für uns sorgt, weil er mächtiger ist als alles, was uns bedro­ht.

In Jesa­ja 41,10 lesen wir: “Schau nicht ängstlich nach Hil­fe aus, denn ich, dein Gott, ich ste­he dir bei! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark und ich helfe dir! Ich halte dich mit mein­er recht­en und gerecht­en Hand.” Die Auf­forderung “Fürchte dich nicht” ste­ht hier im Kon­text der Zusicherung von Gottes Gegen­wart und Hil­fe. Es geht nicht darum, die Angst durch Wil­len­skraft zu unter­drück­en, son­dern darum, die Wahrheit von Gottes Gegen­wart größer wer­den zu lassen als die Bedro­hung, die wir fürcht­en. Dies ist ein Prozess, kein ein­ma­liger Akt. Es bedeutet, unsere Gedanken immer wieder auf Gott auszuricht­en, seine Ver­heißun­gen zu medi­tieren und uns bewusst daran zu erin­nern, wer er ist und was er für uns getan hat.

Wenn wir uns mit der Angst vor ein­er Diag­nose auseinan­der­set­zen, müssen wir zunächst ver­ste­hen, woher diese Angst kommt. Oft ist es nicht nur die Angst vor dem Schmerz oder dem Tod selb­st, son­dern eine kom­plexe Mis­chung aus ver­schiede­nen Befürch­tun­gen. Es ist die Angst vor dem Ver­lust der Kon­trolle, die Angst vor dem Unbekan­nten, die Angst vor Lei­den, die Angst, eine Last für andere zu wer­den, die Angst, Träume und Ziele nicht mehr ver­wirk­lichen zu kön­nen, die Angst, geliebte Men­schen zurück­zu­lassen. Es ist auch oft die Angst vor dem Prozess des Ster­bens selb­st, der mit Schmerzen, Würde­v­er­lust und Hil­flosigkeit ver­bun­den sein kann. All diese Äng­ste sind berechtigt und ver­ständlich. Sie spiegeln die Tat­sache wider, dass wir für das Leben geschaf­fen wur­den und dass der Tod ein Ein­drin­gling ist, etwas, das nicht Teil von Gottes ursprünglichem Plan war.

Die Bibel lehrt uns, dass der Tod durch die Sünde in die Welt kam und dass er ein Feind ist. In 1. Korinther 15,26 wird der Tod als “der let­zte Feind” beze­ich­net, der ver­nichtet wer­den wird. Es ist also völ­lig angemessen, den Tod als etwas zu betra­cht­en, das nicht sein sollte, etwas, das sich gegen unsere Natur sträubt. Der Tod ist nicht natür­lich im Sinne von Gottes ursprünglich­er Schöp­fung. Wir wur­den für Gemein­schaft mit Gott und für ewiges Leben geschaf­fen. Deshalb ist die Angst vor dem Tod ein Hin­weis darauf, dass in uns eine tiefe Sehn­sucht nach Ewigkeit wohnt, wie Predi­ger 3,11 sagt: “Er hat alles schön gemacht zu sein­er Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt.”

Doch während wir die Real­ität des Todes als Feind anerken­nen, müssen wir auch die über­wälti­gende Wahrheit des Evan­geli­ums in Betra­cht ziehen: Chris­tus hat den Tod besiegt. Durch seinen Tod und seine Aufer­ste­hung hat Jesus dem Tod seinen Stachel genom­men. In 1. Korinther 15,54–57 tri­um­phiert Paulus: “Der Tod ist ver­schlun­gen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Her­rn Jesus Chris­tus!” Für den Gläu­bi­gen ist der Tod nicht mehr das Ende, son­dern ein Durch­gang zu vol­lkommen­er Gemein­schaft mit Gott. Paulus kon­nte sog­ar sagen, dass Ster­ben Gewinn sei, weil es bedeutet, bei Chris­tus zu sein, was “viel bess­er” ist als das Leben in dieser Welt (Philip­per 1,21–23).

Diese Wahrheit verän­dert alles, aber sie eli­m­iniert nicht automa­tisch alle Angst. Selb­st Paulus, der diese wun­der­baren Worte über den Tod schrieb, sprach auch von äußeren Kämpfen und inneren Äng­sten (2. Korinther 7,5). Der Glaube an die Aufer­ste­hung und das ewige Leben macht uns nicht zu emo­tion­slosen Wesen, die dem Tod gle­ichgültig gegenüber­ste­hen. Was der Glaube tut, ist, unser­er Angst einen Kon­text zu geben, sie zu rah­men in der größeren Geschichte von Gottes Erlö­sungs­plan. Unsere Angst wird rel­a­tiviert durch die Gewis­sheit, dass der Tod nicht das let­zte Wort hat und dass auf der anderen Seite etwas Her­rlich­es wartet.

Prak­tisch gesprochen, wie kön­nen Chris­ten also mit der Angst vor Diag­nose oder Tod umge­hen? Der erste Schritt ist Ehrlichkeit. Wir müssen aufhören, so zu tun, als hät­ten wir keine Angst, wenn wir sie doch haben. Wir müssen unsere Äng­ste vor Gott im Gebet aussprechen. Die Psalmen sind voll von solch ehrlichen Gebeten. David und andere Psalmis­ten scheuten sich nicht, Gott ihre Äng­ste, Zweifel und Verzwei­flung mitzuteilen. Psalm 6 begin­nt mit den Worten: “HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm! HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrock­en, und meine Seele ist sehr erschrock­en.” Dies ist keine ruhige, gefasste Fröm­migkeit, son­dern ein verzweifel­ter Schrei aus tiefer Not. Und doch ist es ein Gebet, ein Schrei zu Gott hin, nicht von ihm weg.

Wenn wir unsere Äng­ste unter­drück­en oder ver­leug­nen, geben wir ihnen para­dox­er­weise oft mehr Macht über uns. Wenn wir sie aber aussprechen, vor Gott und möglicher­weise auch vor ver­traut­en Geschwis­tern, brin­gen wir sie ans Licht, wo sie an Macht ver­lieren kön­nen. Jakobus 5,16 ermutigt uns: “Beken­nt also einan­der eure Sün­den und betet füreinan­der, dass ihr gesund werdet. Des Gerecht­en Gebet ver­mag viel, wenn es ern­stlich ist.” Während dieser Vers sich primär auf Sün­den bezieht, spricht das Prinzip auch für das Teilen unser­er Las­ten und Äng­ste mit anderen. Wir sind nicht geschaf­fen, um unsere Kämpfe allein durchzuste­hen. Die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen soll ein Ort sein, wo wir unsere Masken able­gen und authen­tisch sein kön­nen.

Ein zweit­er wichtiger Aspekt ist das bewusste Medi­tieren über Gottes Ver­heißun­gen und Charak­ter. Unsere Gedanken haben eine enorme Macht über unsere Gefüh­le. Wenn wir ständig die Worst-Case-Szenar­ien in unserem Kopf abspie­len und uns auf unsere Äng­ste konzen­tri­eren, wer­den diese Äng­ste wach­sen. Wenn wir aber unsere Gedanken bewusst auf Gottes Wahrheit aus­richt­en, kann dies unsere Per­spek­tive verän­dern. Philip­per 4,6–8 gibt uns eine klare Anweisung: “Sorgt euch um nichts, son­dern in allen Din­gen lasst eure Bit­ten in Gebet und Fle­hen mit Danksa­gung vor Gott kundw­er­den! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Ver­nun­ft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Chris­tus Jesus. Weit­er, Brüder und Schwest­ern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!”

Beacht­en Sie die Struk­tur dieser Verse. Paulus sagt nicht ein­fach nur “Hört auf euch zu sor­gen”. Er gibt uns eine Alter­na­tive: Bringt eure Anliegen im Gebet vor Gott, mit Danksa­gung. Die Danksa­gung ist hier entschei­dend. Selb­st in unser­er Angst kön­nen wir Gott danken für das, was wir wis­sen: für seine Liebe, seine Treue in der Ver­gan­gen­heit, für die Erlö­sung in Chris­tus, für seine Gegen­wart. Diese Hal­tung der Dankbarkeit ver­schiebt unseren Fokus von dem, was wir fürcht­en, zu dem, wer Gott ist. Und dann, als Ergeb­nis, ver­spricht Paulus, dass der Friede Gottes unsere Herzen und Gedanken bewahren wird. Dieser Friede ist nicht die Abwe­sen­heit von Prob­le­men oder gar von Angst, son­dern eine tiefe innere Ruhe, die aus der Gewis­sheit kommt, dass wir in Gottes Hand sind, egal was geschieht.

Ein drit­ter Aspekt ist das Annehmen unser­er Endlichkeit und das Loslassen der Illu­sion von Kon­trolle. Viel von unser­er Angst kommt daher, dass wir denken, wir müssten alles im Griff haben und kön­nten durch die richti­gen Vorkehrun­gen jede Gefahr abwen­den. Doch die Wahrheit ist, dass wir let­ztlich sehr wenig Kon­trolle haben. Wir kön­nen gesund leben, regelmäßig zum Arzt gehen, alle Vor­sichts­maß­nah­men tre­f­fen, und den­noch krank wer­den. Oder wir kön­nen sor­g­los leben und alt wer­den. Es gibt keine Garantien in diesem Leben. Dies kann zunächst beängsti­gend sein, kann aber auch befreiend wirken, wenn wir erken­nen, dass wir diese Kon­trolle, die wir nie wirk­lich hat­ten, in Gottes Hände leg­en kön­nen.

Psalm 90,12 betet: “Lehre uns bedenken, dass wir ster­ben müssen, auf dass wir klug wer­den.” Es mag selt­sam erscheinen, aber das bewusste Bedenken unser­er Sterblichkeit kann uns tat­säch­lich helfen, klüger und freier zu leben. Wenn wir akzep­tieren, dass unsere Zeit auf dieser Erde begren­zt ist, kön­nen wir aufhören, unser Leben so zu leben, als hät­ten wir unbe­gren­zt Zeit. Wir kön­nen Pri­or­itäten set­zen, uns auf das Wesentliche konzen­tri­eren, Beziehun­gen wertschätzen und jeden Tag als Geschenk betra­cht­en. Die Angst vor dem Tod kann uns läh­men und dazu führen, dass wir unser Leben in Sorge und Furcht ver­schwen­den. Die Akzep­tanz unser­er Sterblichkeit, gepaart mit dem Glauben an die Aufer­ste­hung, kann uns befreien, wirk­lich zu leben.

Ein viert­er wichtiger Punkt ist die Prax­is der Gegen­wart Gottes. Brud­er Lorenz, ein Mönch aus dem 17. Jahrhun­dert, schrieb über die “Übung der Gegen­wart Gottes”, eine Lebensweise, in der wir uns ständig bewusst sind, dass Gott bei uns ist. Dies ist nicht nur eine the­ol­o­gis­che Wahrheit, son­dern kann zu ein­er erlebten Real­ität wer­den, wenn wir sie bewusst kul­tivieren. Den ganzen Tag über kön­nen wir uns in kurzen Momenten wieder bewusst machen: Gott ist hier. Er sieht mich. Er ist mit mir. In Zeit­en der Angst kön­nen wir uns an seine Gegen­wart erin­nern und zu ihm sprechen: “Du bist hier. Ich bin nicht allein. Du hältst mich.”

Die Prax­is der Anbe­tung kann auch ein mächtiges Werkzeug im Umgang mit Angst sein. Wenn wir anbeten, richt­en wir unseren Fokus auf Gott, auf seine Größe, seine Macht, seine Güte. Wir erin­nern uns daran, wer er ist. Viele der Psalmen begin­nen mit Klage und Angst, wen­den sich dann aber zur Anbe­tung und enden mit Ver­trauen und Hoff­nung. Diese Bewe­gung von der Angst zur Anbe­tung ist nicht ober­fläch­lich oder eine Ver­leug­nung der Real­ität. Sie ist vielmehr ein bewusstes Wählen, die größere Real­ität von Gottes Gegen­wart und Macht anzuerken­nen, die über unsere gegen­wär­ti­gen Umstände hin­aus­ge­ht.

Es ist auch wichtig zu erwäh­nen, dass der Umgang mit Angst manch­mal pro­fes­sionelle Hil­fe erfordern kann. Es gibt einen Unter­schied zwis­chen nor­maler, sit­u­a­tions­be­d­ingter Angst und ein­er Angst­störung, die medi­zinis­che oder ther­a­peutis­che Inter­ven­tion benötigt. Gott hat uns Ver­stand und Fähigkeit­en gegeben, um Medi­zin und Psy­cholo­gie zu entwick­eln, und es ist keine Schande, diese Hil­f­s­mit­tel in Anspruch zu nehmen.

Ein treuer Christ zu sein bedeutet nicht, dass wir keine Ther­a­pie oder möglicher­weise Medika­tion brauchen kön­nten.

Gott wirkt durch viele Mit­tel, und weise ist der Men­sch, der die Hil­fe annimmt, die ver­füg­bar ist.

Wenn wir konkret mit der Angst vor ein­er Diag­nose kon­fron­tiert sind, kann es helfen, zwis­chen dem, was wir wis­sen, und dem, was wir nicht wis­sen, zu unter­schei­den. Oft lei­det unsere Vorstel­lungskraft voraus und malt die schlimm­sten Szenar­ien aus, bevor wir über­haupt Fak­ten haben. Jesus sagte in Matthäus 6,34: “Sorgt euch also nicht um das, was mor­gen sein wird! Denn der Tag mor­gen wird für sich selb­st sor­gen. Die Pla­gen von heute sind für heute genug!” Dies ist eine Ein­ladung, im Heute zu bleiben. Wenn wir auf Testergeb­nisse warten, kön­nen wir uns sagen: Heute habe ich noch keine Diag­nose. Heute lebe ich. Heute ist Gott mit mir. Mor­gen wird seine eige­nen Her­aus­forderun­gen brin­gen, aber auch seine eigene Gnade. Gott ver­spricht uns nicht Gnade im Voraus für zukün­ftiges Lei­den, aber er ver­spricht, dass seine Gnade aus­re­ichend sein wird, wenn die Zeit kommt.

Wenn dann tat­säch­lich eine schwere Diag­nose kommt, verän­dert sich die Sit­u­a­tion natür­lich drama­tisch. Der Schock, die Verzwei­flung, die Angst, die Wut, all diese Emo­tio­nen sind nor­mal und berechtigt. Es ist wichtig, sie zu durch­leben und nicht zu ver­suchen, schnell zu ein­er Art spir­itueller Fas­sung zu kom­men, die nicht authen­tisch ist. Auch hier zeigt uns Jesus den Weg. Am Kreuz rief er: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver­lassen?” (Matthäus 27,46). Selb­st Jesus drück­te in seinem tief­sten Lei­den das Gefühl der Gottesver­loren­heit aus. Wir dür­fen ehrlich sein mit unseren dunkel­sten Gefühlen, auch vor Gott. Er kann damit umge­hen. Er verurteilt uns nicht für unsere Verzwei­flung.

Gle­ichzeit­ig kön­nen wir uns nach und nach an die Ver­heißun­gen Gottes klam­mern, selb­st wenn wir sie nicht fühlen. Glaube ist nicht primär ein Gefühl, son­dern eine Entschei­dung des Wil­lens, Gott zu ver­trauen trotz dessen, was wir sehen oder fühlen. In den dunkel­sten Zeit­en kön­nen wir beten: “Ich glaube, hilf meinem Unglauben” (Markus 9,24). Wir kön­nen uns an Römer 8,38–39 erin­nern: “Denn ich bin gewiss, dass wed­er Tod noch Leben, wed­er Engel noch Mächte noch Gewal­ten, wed­er Gegen­wär­tiges noch Zukün­ftiges, wed­er Hohes noch Tiefes noch irgen­deine andere Krea­tur uns schei­den kann von der Liebe Gottes, die in Chris­tus Jesus ist, unserm Her­rn.” Selb­st eine lebens­bedrohliche Krankheit kann uns nicht von Gottes Liebe tren­nen.

Die christliche Hoff­nung angesichts des Todes ist nicht eine naive Ver­leug­nung der Tragödie, son­dern eine tiefe Überzeu­gung, dass der Tod nicht das Ende ist. Für den Chris­ten ist der Tod ein Durch­gang, ein Über­gang von diesem Leben zum näch­sten, von der Gegen­wart Christi im Geist zur Gegen­wart Christi von Angesicht zu Angesicht. Paulus beschreibt dies in 2. Korinther 5,6–8: “Deshalb sind wir voller Zuver­sicht. Dabei ist uns bewusst: solange wir in diesem Kör­p­er wohnen, sind wir noch nicht zu Hause beim Her­rn. Wir leben ja im Glauben und noch nicht im Schauen. Aber wir rech­nen fest damit und ziehen es vor, fern von diesem Leib ganz beim Her­rn zu Hause zu sein.” Diese Per­spek­tive macht den Tod nicht weniger real oder weniger schmer­zlich für diejeni­gen, die zurück­bleiben, aber sie nimmt ihm seinen absoluten Schreck­en.

Für Chris­ten ist die Aufer­ste­hung nicht nur eine schöne Idee, son­dern die zen­trale Hoff­nung unseres Glaubens. Paulus argu­men­tiert in 1. Korinther 15, dass wenn Chris­tus nicht aufer­standen ist, unser Glaube verge­blich ist. Aber weil Chris­tus aufer­standen ist, haben auch wir die Hoff­nung auf Aufer­ste­hung. Dies ist nicht eine bloße Weit­erex­is­tenz als kör­per­los­er Geist, son­dern die Ver­heißung eines neuen, ver­her­rlicht­en Kör­pers, der nicht mehr Krankheit, Schmerz oder Tod unter­wor­fen ist. Diese Hoff­nung verän­dert, wie wir den Tod betra­cht­en. Er ist nicht das Ende der Geschichte, son­dern ein neuer Anfang.

Es ist auch wichtig zu bedenken, dass Angst vor dem Tod oft mit der Frage nach der Ewigkeit ver­bun­den ist. Die Frage “Was kommt danach?” kann tiefe exis­ten­zielle Angst aus­lösen. Hier bietet das Evan­geli­um die klarste und tröstlich­ste Antwort: Durch den Glauben an Jesus Chris­tus haben wir die Gewis­sheit des ewigen Lebens. Johannes 3,16 ist vielle­icht der bekan­nteste Vers der Bibel: “Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einge­bore­nen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht ver­loren wer­den, son­dern das ewige Leben haben.” Diese Gewis­sheit ist nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit oder gute Werke gegrün­det, die immer unzure­ichend wären, son­dern auf dem vol­len­de­ten Werk Christi am Kreuz. Wenn wir unser Ver­trauen auf ihn set­zen, sind wir sich­er in sein­er Hand. Johannes 10,27–28 ver­sichert uns: “Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie fol­gen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie wer­den nim­mer­mehr umkom­men, und nie­mand wird sie aus mein­er Hand reißen.”

Diese Gewis­sheit der Erlö­sung sollte die größte Angst, die Angst vor der ewigen Tren­nung von Gott, beseit­i­gen. Natür­lich bleiben andere Äng­ste beste­hen: die Angst vor dem Prozess des Ster­bens, die Angst vor Schmerz, die Angst, geliebte Men­schen zurück­zu­lassen. Doch die fun­da­men­tale Frage, was nach dem Tod kommt, ist für den Gläu­bi­gen beant­wortet. Dies sollte uns nicht gle­ichgültig gegenüber dem Leben machen, son­dern uns befreien, dieses Leben in Fülle zu leben, ohne von der Tode­sangst gelähmt zu sein.

Abschließend möchte ich beto­nen, dass der Umgang mit der Angst vor Diag­nose oder Tod ein Prozess ist, kein ein­ma­liges Ereig­nis. Es gibt keine ein­fache Formel, keine drei Schritte, die alle Angst beseit­i­gen. Was wir haben, ist eine Beziehung zu dem lebendi­gen Gott, der uns durch jede Her­aus­forderung trägt. Wir haben seine Ver­heißun­gen, auf die wir uns stützen kön­nen. Wir haben die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, die mit uns gehen. Wir haben den Heili­gen Geist, der uns tröstet und stärkt. Und wir haben die Hoff­nung auf eine Zukun­ft, die alles gegen­wär­tige Lei­den aufwiegen wird.

Die Angst ehrt in gewiss­er Weise das Leben, das Gott uns gegeben hat. Sie zeigt, dass wir das Leben wertschätzen und nicht leicht­fer­tig über seine Beendi­gung denken. Doch diese Angst darf uns nicht beherrschen. Sie darf uns nicht davon abhal­ten, wirk­lich zu leben, Gott zu ver­trauen und seine Gegen­wart zu genießen. Möge Gott uns allen die Gnade geben, in unseren Äng­sten ehrlich zu sein, in unserem Glauben stand­haft zu bleiben und in unser­er Hoff­nung fest ver­ankert zu sein, bis wir den Tag sehen, an dem wir ihm von Angesicht zu Angesicht begeg­nen und alle Angst für immer ver­schwun­den sein wird.

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