Wenn Gott nicht heilt: Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Schweigen des Himmels
Liebe Leserinnen und Leser, es gibt Fragen im Leben eines Christen, die so schmerzhaft sind, dass wir sie oft lieber vermeiden, als ihnen wirklich ins Gesicht zu sehen. Eine dieser Fragen lautet: Was tun wir, wenn Gott nicht heilt? Was sagen wir zu der Mutter, die seit Jahren für die Heilung ihres kranken Kindes betet, deren Gebete aber unerhört zu bleiben scheinen? Wie trösten wir den treuen Gläubigen, der im Glauben um Heilung gefleht hat, dessen Krankheit aber fortschreitet? Wie gehen wir damit um, wenn unsere theologischen Überzeugungen auf die harte Realität des Leidens treffen und wir feststellen müssen, dass Gott nicht immer so handelt, wie wir es erwarten oder erhoffen?
Diese Fragen sind nicht neu. Sie haben Gläubige durch alle Jahrhunderte hindurch begleitet und werden es auch weiterhin tun. Doch in unserer heutigen Zeit, in der ein Wohlstandsevangelium und eine “Name it and claim it” Theologie weit verbreitet sind, erscheint die Auseinandersetzung mit diesem Thema umso dringlicher.
„Name it and claim it“ klingt nach mutigem Glauben, ist aber in Wahrheit eine subtile Verschiebung des Evangeliums: Der Mensch rückt ins Zentrum, nicht mehr Gott. Worte werden zu Werkzeugen, mit denen man sich Gesundheit, Erfolg oder Wohlstand „herbeireden“ soll – als ließe sich der Himmel durch die richtige Formel öffnen. Doch biblischer Glaube funktioniert anders. Er beugt sich nicht über ein geistliches Gesetz, sondern unter den lebendigen Gott. Er vertraut, auch wenn er nicht versteht. Er bittet, ohne zu befehlen. Er hofft, ohne zu manipulieren. Die Bibel kennt die Kraft des Gebets, aber sie kennt keinen Glauben, der Gott verpflichtet. Wahre Nachfolge sagt nicht: „Ich spreche – und es geschieht“, sondern: „Herr, dein Wille geschehe.“ Genau dort beginnt die Freiheit, die nicht von unseren Worten abhängt, sondern von seiner Gnade.
Zu viele Christen werden mit einfachen Antworten abgespeist, die ihrem Leid nicht gerecht werden. Zu viele werden mit Schuldgefühlen beladen, weil man ihnen suggeriert, ihre mangelnde Heilung sei ein Zeichen fehlenden Glaubens. Es ist Zeit für eine ehrliche, biblisch fundierte Betrachtung dieser schwierigen Frage.
Beginnen wir mit einer grundlegenden Wahrheit: Gott kann heilen, und er tut es auch. Die Bibel ist voll von Berichten über göttliche Heilungen. Im Alten Testament lesen wir in 2.Mose 15,26: “Ich bin der HERR, dein Arzt.” Der Psalmist bezeugt in Psalm 103,2–3: “Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen.” Das Neue Testament berichtet uns von zahllosen Heilungen durch Jesus. Er heilte Blinde, Lahme, Aussätzige und Besessene. Er erweckte sogar Tote zum Leben. Die Apostel setzten diesen Dienst fort, und auch heute erleben wir Berichte von Heilungen, die medizinisch nicht erklärbar sind. Gott ist allmächtig, und es liegt in seiner Macht, jede Krankheit zu heilen. Daran besteht kein Zweifel.
Doch die ebenso unbestreitbare Wahrheit ist, dass Gott nicht immer heilt. Diese Aussage mag für manche schockierend klingen, besonders für diejenigen, die in Gemeinden groß geworden sind, in denen gelehrt wird, dass Heilung immer Gottes Wille ist und dass mangelnde Heilung immer auf mangelnden Glauben zurückzuführen sei. Doch wenn wir ehrlich sind und sowohl die Schrift als auch unsere Erfahrung betrachten, müssen wir anerkennen, dass viele treue, glaubensstarke Christen mit Krankheit und körperlichen Einschränkungen leben und schließlich daran sterben. Der Apostel Paulus selbst, einer der größten Glaubenshelden der Kirchengeschichte, litt an einem körperlichen Leiden, das er seinen “Pfahl im Fleisch” nannte. Dreimal bat er den Herrn inständig, dieses Leiden von ihm zu nehmen, doch Gottes Antwort war nicht Heilung, sondern: “Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig” (2. Korinther 12,9).
Diese Passage ist von unschätzbarem Wert für unser Verständnis von Krankheit und Heilung. Sie zeigt uns, dass selbst ein Mann von Paulus’ geistlicher Reife und Glaubensstärke nicht immer die gewünschte Heilung erhielt. Sie lehrt uns auch, dass Gott manchmal ein höheres Ziel verfolgt als unsere unmittelbare körperliche Gesundheit. Paulus lernte durch sein Leiden eine tiefere Abhängigkeit von Gottes Gnade und erfuhr Gottes Kraft gerade in seiner Schwachheit. Dies widerspricht fundamental der Vorstellung, dass Gott immer heilen will und dass ausbleibende Heilung ein Zeichen von Sünde oder mangelndem Glauben ist.
Wir sehen auch im Leben anderer biblischer Personen, dass Krankheit und Leiden zum Leben eines Gläubigen gehören können. Timotheus, der treue Mitarbeiter des Paulus, hatte offenbar anhaltende Magenprobleme, weshalb Paulus ihm riet, ein wenig Wein zu trinken (1. Timotheus 5,23). Trophimus, ein weiterer Mitarbeiter, musste Paulus in Milet zurücklassen, weil er krank war (2. Timotheus 4,20). Epaphroditus war so schwer krank, dass er dem Tod nahe war, und obwohl er schließlich wieder zu Kräften kam, geschah dies offenbar nicht durch eine sofortige, wundersame Heilung, sondern durch Gottes Erbarmen über einen längeren Prozess (Philipper 2,25–27). Diese Beispiele zeigen uns, dass selbst in der apostolischen Zeit, einer Zeit besonderer göttlicher Zeichen und Wunder, Krankheit eine Realität im Leben treuer Christen war.
Die Frage, die sich uns stellt, ist also nicht, ob Gott heilen kann, sondern warum er manchmal nicht heilt, selbst wenn wir im Glauben darum bitten. Diese Frage führt uns in eines der tiefsten Geheimnisse des christlichen Glaubens: die Souveränität Gottes. Gott ist der allmächtige Schöpfer des Universums, und er steht nicht unter der Verpflichtung, unsere Gebete so zu beantworten, wie wir es uns wünschen. Jesaja 55,8–9 erinnert uns daran: “Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.” Gott sieht das große Bild, das wir nicht sehen können. Er wirkt in Dimensionen der Ewigkeit, während wir auf die Gegenwart fixiert sind.
Diese Wahrheit ist gleichzeitig tröstlich und herausfordernd. Tröstlich, weil sie uns versichert, dass selbst wenn wir Gottes Handeln nicht verstehen, er einen Plan hat, der gut ist. Herausfordernd, weil sie von uns verlangt, Gott zu vertrauen, auch wenn wir seine Wege nicht nachvollziehen können. Hiob, der möglicherweise mehr als jeder andere biblische Charakter unter unerklärlichem Leid gelitten hat, kam schließlich zu dieser Erkenntnis. Nachdem er all seine Kinder, seinen Besitz und seine Gesundheit verloren hatte und verzweifelt nach Antworten suchte, begegnete ihm Gott nicht mit Erklärungen, sondern mit einer Demonstration seiner Majestät und Weisheit. Hiobs Antwort zeigt wahre geistliche Reife: “Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. Darum habe ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe” (Hiob 42,2–3).
Ein weiterer wichtiger Aspekt, den wir berücksichtigen müssen, ist die Tatsache, dass wir in einer gefallenen Welt leben. Seit dem Sündenfall in Eden ist die gesamte Schöpfung dem Verfall und dem Leiden unterworfen. Paulus beschreibt dies in Römer 8,20–22: “Denn alles Geschaffene ist der Vergänglichkeit ausgeliefert – unfreiwillig. Gott hat es so verfügt. Es gibt allerdings Hoffnung: Auch die Schöpfung wird einmal von dieser Versklavung an die Vergänglichkeit zur Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis heute unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen.”
Krankheit, Schmerz und Tod sind Teil dieser gefallenen Welt. Sie sind nicht Gottes ursprüngliches Design, sondern Konsequenzen der Sünde, die in die Welt gekommen ist.
Das bedeutet, dass wir bis zur endgültigen Erlösung, wenn Christus wiederkommt und alle Dinge neu macht, mit den Auswirkungen des Sündenfalls leben müssen. In Offenbarung 21,4 wird uns die herrliche Zukunft verheißen: “Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.” Doch diese Verheißung liegt noch in der Zukunft. Bis dahin leben wir in der Spannung zwischen dem “Schon” und dem “Noch nicht” des Reiches Gottes. Christus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung die Sünde und den Tod grundsätzlich besiegt, aber die vollständige Manifestation dieses Sieges steht noch aus.
Dies hilft uns zu verstehen, warum Heilung in diesem Leben nicht garantiert ist, während ewige Erlösung es ist.
Durch den Glauben an Jesus Christus haben wir die Gewissheit des ewigen Lebens, aber die völlige Befreiung von allen körperlichen Leiden kommt erst mit der Auferstehung unserer Leiber.
In diesem Licht betrachtet ist selbst die wunderbarste körperliche Heilung in diesem Leben nur vorübergehend, denn jeder geheilte Leib wird letztendlich sterben. Die ultimative Heilung, auf die wir hoffen, ist die Auferstehung zu ewigem Leben in einem verherrlichten Körper, der nicht mehr der Krankheit und dem Tod unterworfen ist.
Nun müssen wir uns auch mit der schwierigen Frage auseinandersetzen, die viele Leidende quält: Liegt es an meinem Glauben? Habe ich nicht genug geglaubt, nicht richtig gebetet, nicht genug Sünden bekannt? Diese Fragen können zu einer enormen zusätzlichen Last werden, die zum ohnehin schon vorhandenen körperlichen Leiden hinzukommt. Es ist wahr, dass Jesus manchmal den Glauben als Bedingung oder Kontext für Heilung erwähnte. Zu dem Mann mit dem aussätzigen Sohn sagte er: “Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt” (Markus 9,23). Zur blutflüssigen Frau sagte er: “Meine Tochter“, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du bist gesund!” (Markus 5,34). Doch es wäre ein fataler Fehler, daraus eine mathematische Formel zu machen: Genug Glaube plus richtiges Gebet gleich garantierte Heilung.
Erstens ignoriert diese Formel die biblischen Beispiele von glaubensstarken Menschen, die nicht geheilt wurden, wie wir bereits gesehen haben. Zweitens macht sie Gott zu einer Art Automat, der auf unseren Glauben mechanisch reagieren muss, anstatt ihn als den souveränen Herrn anzuerkennen, der er ist. Drittens führt sie zu einem quälenden Kreislauf von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen bei denjenigen, die nicht geheilt werden. Sie müssen sich dann nicht nur mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, sondern auch mit dem Gefühl, spirituell versagt zu haben. Dies ist eine grausame und unbiblische Last, die Menschen auferlegt wird.
Jesus selbst gibt uns ein anderes Verständnis von Glauben. Im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Kreuzigung, betete er: “Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst” (Matthäus 26,39). Jesus, der Sohn Gottes, der absolut sündlos und im perfekten Glauben lebte, betete um eine Alternative zum bevorstehenden Leiden, unterwarf sich aber letztlich dem Willen des Vaters. Sein Gebet wurde nicht in der Weise erhört, wie er es sich zunächst wünschte. Er musste den Weg des Leidens gehen. Doch durch dieses scheinbar unerhörte Gebet wurde die Erlösung der ganzen Menschheit bewirkt.
Dies zeigt uns, dass wahrer Glaube nicht darin besteht, von Gott zu fordern, was wir wollen, sondern darin, uns seinem Willen zu unterwerfen, auch wenn dieser Wille Leiden einschließt.
Es ist auch wichtig zu erkennen, dass Gott manchmal Leiden zulässt oder sogar herbeiführt, um uns zu formen und zu läutern. Dieser Gedanken scheint für viele Christen fremd zu sein. In Hebräer 12,5–11 wird uns gesagt, dass Gott diejenigen züchtigt, die er liebt, und dass diese Züchtigung, so schmerzhaft sie auch sein mag, zu unserem Besten dient. “Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Schmerz zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit” (Hebräer 12,11). Gott ist mehr an unserem Charakter interessiert als an unserem Komfort, mehr an unserer Heiligkeit als an unserer Gesundheit. Manchmal benutzt er Leiden als Werkzeug, um uns Jesus ähnlicher zu machen, um unsere Abhängigkeit von ihm zu vertiefen oder um uns für einen besonderen Dienst vorzubereiten.
Der große Theologe C.S. Lewis schrieb einmal, dass Schmerz Gottes Megafon sei, um eine taube Welt aufzuwecken. In unserem Leiden werden wir aus unserer Selbstgefälligkeit gerissen und gezwungen, uns den großen Fragen des Lebens zu stellen. Leiden kann uns demütigen, uns lehren zu beten, unseren Glauben vertiefen und uns mit anderen Leidenden verbinden, denen wir dann tröstend zur Seite stehen können. Paulus spricht davon in 2. Korinther 1,3–4: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.”
Wenn wir über das Thema sprechen, dass Gott nicht immer heilt, müssen wir auch die Frage nach dem Gebet stellen. Sollten wir überhaupt noch um Heilung beten, wenn Gott sie möglicherweise nicht gewähren wird? Die Antwort ist ein klares Ja. Jakobus 5,13–16 ermutigt uns ausdrücklich, im Krankheitsfall zu beten und die Ältesten der Gemeinde zu rufen, damit sie für den Kranken beten und ihn mit Öl salben. “Das vertrauensvolle Gebet wird den Kranken retten. Der Herr wird ihn aufrichten und ihm vergeben, wenn er Sünden begangen hat” (Jakobus 5,15). Wir sind aufgerufen zu beten, zu glauben und auf Gott zu hoffen. Gleichzeitig müssen wir unsere Gebete mit der demütigen Anerkennung verbinden, dass Gottes Wille höher ist als unserer.
Das Gebet um Heilung ist ein Akt des Glaubens und der Abhängigkeit von Gott. Es drückt aus, dass wir an seine Macht glauben und dass wir ihn als unsere einzige wahre Hoffnung betrachten. Es bedeutet auch, dass wir die Situation nicht einfach fatalistisch akzeptieren, sondern sie im Vertrauen vor Gott bringen. Doch unser Gebet sollte immer den Zusatz enthalten, den Jesus selbst betete: “Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.” Diese Haltung bewahrt uns vor Enttäuschung und Verbitterung, wenn die Heilung ausbleibt, denn wir haben bereits im Voraus akzeptiert, dass Gottes Wille über unserem steht.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rolle der Gemeinschaft in Zeiten, in denen Heilung ausbleibt. Zu oft isolieren sich Menschen in ihrem Leiden, entweder weil sie sich schämen, dass ihre Gebete nicht erhört wurden, oder weil sie von ihrer Gemeinde mit gut gemeinten, aber verletzenden Ratschlägen bombardiert werden. Die Gemeinde Jesu Christi sollte ein Ort sein, an dem Menschen mit chronischen Krankheiten und unerklärlichem Leiden willkommen sind, ohne dass man ihnen die Schuld dafür gibt. Paulus lehrt in Römer 12,15: “Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.” Manchmal besteht der größte Dienst, den wir einander erweisen können, nicht darin, Antworten zu geben oder Lösungen anzubieten, sondern einfach da zu sein, zuzuhören und mitzutragen.
Die Geschichte von Hiobs Freunden ist hier lehrreich, sowohl in ihrem positiven als auch in ihrem negativen Beispiel. Als Hiobs Freunde von seinem Unglück hörten, kamen sie zu ihm und “saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war” (Hiob 2,13). Diese stille Gegenwart war tröstlich und angemessen. Doch dann begannen sie zu reden und Hiob die Schuld für sein Leiden zu geben, was sein Leid nur noch vergrößerte. Am Ende musste Gott selbst eingreifen und Hiobs Freunde zurechtweisen. Die Lektion für uns ist klar:
In der Gegenwart von Leid ist mitfühlendes Schweigen oft besser als theologische Erklärungen, die das Leid des anderen letztlich abwerten oder ihm die Schuld dafür geben.
Wir müssen auch über die Hoffnung sprechen, die wir haben, selbst wenn irdische Heilung ausbleibt. Das Christentum ist eine Religion der Hoffnung, aber diese Hoffnung ist nicht primär auf dieses Leben gerichtet, sondern auf das kommende. Paulus schreibt in Römer 8,18: “Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.” Und in 2. Korinther 4,16–18 sagt er: “Deshalb verlieren wir nicht den Mut. Denn wenn wir auch äußerlich aufgerieben werden, so werden wir doch innerlich jeden Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns ein unermessliches ewiges Gewicht an Herrlichkeit – uns, die nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren Ausschau halten. Denn alles Sichtbare vergeht nach kurzer Zeit, das Unsichtbare aber ist ewig.”
Diese ewige Perspektive verändert alles. Sie bedeutet nicht, dass unser gegenwärtiges Leiden unwichtig oder nicht real ist. Sie bedeutet aber, dass es nicht das letzte Wort ist. Die endgültige Heilung wird kommen, wenn Christus wiederkommt und die neue Schöpfung anbricht. Dann wird es keinen Tod mehr geben, kein Leid, kein Geschrei und keinen Schmerz. Bis dahin leben wir in der Gewissheit, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann, wie Paulus triumphierend in Römer 8,38–39 verkündet: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.”
Abschließend möchte ich betonen, dass das Thema “Wenn Gott nicht heilt” kein theoretisches Problem ist, sondern eine zutiefst persönliche und oft schmerzhafte Realität für viele Menschen. Es gibt keine einfachen Antworten, keine Formeln, die das Geheimnis lösen würden. Was wir haben, ist die Zusicherung von Gottes Liebe, die Gewissheit seiner Souveränität, die Hoffnung auf ewige Erlösung und die Gemeinschaft der Gläubigen, die einander tragen. Wir dürfen ehrlich sein mit unseren Fragen, Zweifeln und Kämpfen. Gott ist groß genug, um damit umzugehen. Gleichzeitig sind wir aufgerufen, im Glauben zu leben, auch wenn wir nicht verstehen, zu vertrauen, auch wenn wir nicht sehen, und zu hoffen, auch wenn die Umstände hoffnungslos erscheinen.
Wenn Gott nicht heilt, heißt das nicht, dass er nicht gut ist, nicht mächtig ist oder uns nicht liebt.
Es bedeutet, dass er einen Plan verfolgt, der größer ist als unser gegenwärtiges Verständnis, und dass seine Wege höher sind als unsere Wege.
Unsere Aufgabe ist es nicht, alles zu verstehen, sondern dem zu vertrauen, der alles in seinen Händen hält. Und in diesem Vertrauen finden wir Frieden, nicht weil alle unsere Fragen beantwortet sind, sondern weil wir wissen, in wessen Händen wir sind.
Möge Gott uns allen die Gnade geben, in unserem Leiden treu zu bleiben, in unserer Hoffnung standhaft und in unserer Liebe beständig, bis wir den Tag sehen, an dem er alle Tränen abwischen wird und alle Dinge neu macht.
