Narzissmus auch unter Christen weit verbreitet: Eine biblische Perspektive auf die zwei Gesichter der Selbstliebe
Liebe Leserinnen und Leser, heute möchte ich mit Ihnen über ein Thema sprechen, das in unserer modernen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt und auch vor den Türen unserer Gemeinden nicht haltmacht: Narzissmus. Es ist ein Phänomen, das uns alle betrifft, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Ja, auch unter Christen ist Narzissmus weit verbreitet, und es ist an der Zeit, dass wir uns dieser Realität stellen und sie im Licht der Heiligen Schrift betrachten.
Die universelle Präsenz des Narzissmus
Zunächst müssen wir verstehen, dass Narzissmus in jedem Menschen vorhanden ist. Das ist keine Anklage, sondern eine nüchterne Feststellung der menschlichen Natur. Wir alle tragen narzisstische Züge in uns, denn wir alle haben ein Selbst, das wahrgenommen, geschätzt, geliebt und gepflegt werden möchte. Die Frage ist nicht, ob wir narzisstische Tendenzen haben, sondern wie wir mit ihnen umgehen und ob sie uns beherrschen oder ob wir sie unter die Herrschaft Christi stellen.
Die Bibel lehrt uns, dass der Mensch von Geburt an eine Neigung zur Sünde hat. Im Römerbrief lesen wir: “Denn alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes” (Römer 3,23). Diese Sündhaftigkeit manifestiert sich auf vielfältige Weise, und eine davon ist die übermäßige Selbstbezogenheit, die wir als krankhaften Narzissmus bezeichnen können. Doch bevor wir vorschnell urteilen, müssen wir differenzieren.
Der gute Narzissmus: Eine gesunde Selbstwahrnehmung
Es gibt tatsächlich einen guten und einen schlechten Narzissmus, und diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung für unser geistliches Wachstum. Der gute Narzissmus könnte man als gesunde Selbstliebe oder besser als gottgegebenes Selbstwertgefühl bezeichnen. Gott hat uns nach seinem Bild geschaffen, wie es in Genesis 1,27 heißt: “Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.” Diese Ebenbildlichkeit verleiht uns einen eigenen, unverlierbaren Wert, unabhängig von unseren Leistungen oder unserem gesellschaftlichen Status.
Jesus selbst gibt uns das größte Gebot, das diese gesunde Selbstliebe einschließt: “Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” (Matthäus 22,37–39). Beachten Sie die letzten drei Worte: “wie dich selbst”. Jesus setzt voraus, dass wir uns selbst lieben, und er macht diese Selbstliebe zum Maßstab für die Nächstenliebe. Das ist kein Freibrief für Egoismus, sondern die Anerkennung, dass wir nur geben können, was wir selbst besitzen, uns annehmen und lieben.
Ein gesunder Narzissmus bedeutet, dass wir unseren Wert in Christus erkennen und annehmen. Der Apostel Paulus schreibt in Epheser 2,10: “In Christus Jesus sind wir Gottes Meisterstück. Er hat uns geschaffen, dass wir tun, was wirklich gut ist, gute Werke, die er für uns vorbereitet hat. Damit sollen wir unser Leben gestalten.” Wir dürfen uns als Gottes Meisterwerk sehen, nicht aus eigener Kraft, sondern weil er uns dazu gemacht hat. Diese Perspektive ermöglicht es uns, selbstbewusst und mit Würde durchs Leben zu gehen, ohne dabei in Hochmut zu verfallen.
Der schlechte Narzissmus: Wenn das Selbst zum Götzen wird
Im Gegensatz dazu steht der schlechte oder krankhafte Narzissmus, der sich durch eine übermäßige Selbstbezogenheit, mangelnde Empathie und ein unstillbares Bedürfnis nach Bewunderung auszeichnet. Hier wird das Selbst zum Götzen, der angebetet werden muss. Diese Form des Narzissmus ist das Gegenteil von dem, was Gott für uns vorgesehen hat.
Bei vielen Christen – und besonders im Umfeld großer Pastoren, geistlicher Leiter und christlicher Influencer – lässt sich genau diese Dynamik beobachten. Ein beeindruckendes, oft zur Schau gestelltes Bibelwissen ersetzt nicht automatisch ein demütiges Herz. Manchmal dient es sogar als Bühne, auf der das eigene Ego glänzen soll. Worte über Gott werden dann zu Werkzeugen der Selbstinszenierung, nicht zu Zeugnissen der Hingabe. Die Gefahr besteht darin, dass geistliche Autorität mit persönlicher Bedeutung verwechselt wird und das Evangelium zur Kulisse für ein religiöses Selbstbild wird. Doch wahre Nachfolge zeigt sich nicht in der Größe der Plattform, sondern in der Tiefe der Demut, im Dienst am Nächsten und in der Bereitschaft, Christus – und nicht sich selbst – in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Bibel warnt uns eindringlich vor dieser Art der Selbsterhöhung. In Sprüche 16,18 lesen wir: “Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.” Der Prophet Jeremia verkündet Gottes Worte: “Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen von dem HERRN” (Jeremia 17,5). Wenn wir uns selbst zum Zentrum unserer Welt machen, wenden wir uns von Gott ab und verfallen dem Fluch der Selbstanbetung.
Der schlechte Narzissmus zeigt sich in verschiedenen Formen im christlichen Kontext. Da gibt es den Leiter, der seine Gemeinde als sein persönliches Königreich betrachtet und keine Kritik duldet. Da gibt es den Gläubigen, der sein geistliches Leben zur Schau stellt, um Bewunderung zu ernten, anstatt Gott die Ehre zu geben. Da gibt es den Christen, der nur dann dient, wenn es seinem Image zuträglich ist. All dies sind Manifestationen eines krankhaften Narzissmus, der das Evangelium Jesu Christi pervertiert.
Narzissmus in der christlichen Gemeinschaft
Es ist eine schmerzliche Wahrheit, dass Narzissmus auch unter Christen weit verbreitet ist. Die Kirche ist nicht immun gegen diese Versuchung, denn sie besteht aus Menschen, die alle unter der Erbsünde leiden. In manchen Fällen kann der christliche Kontext sogar einen fruchtbaren Boden für narzisstisches Verhalten bieten. Geistliche Autorität, öffentliche Anerkennung und die Möglichkeit, sich als moralisch überlegen zu präsentieren, können für Menschen mit narzisstischen Tendenzen besonders verlockend sein.
Jesus selbst konfrontierte die religiösen Führer seiner Zeit mit ihrem Narzissmus. In Matthäus 23,5–7 sagt er über die Schriftgelehrten und Pharisäer: “Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden.” Diese Worte sind eine scharfe Anklage gegen religiösen Narzissmus, der mehr am äußeren Schein als an der inneren Wirklichkeit interessiert ist.
Auch der Apostel Paulus warnt vor solchen Menschen in der Gemeinde. In 2. Timotheus 3,2–5 beschreibt er die Menschen der letzten Tage: “Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten feind, Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie.” Diese Beschreibung passt erschreckend gut auf viele Formen des modernen christlichen Narzissmus.
Die Wurzeln des schlechten Narzissmus
Um Narzissmus zu überwinden, müssen wir seine Wurzeln verstehen. Psychologisch gesehen entsteht krankhafter Narzissmus oft aus einer tiefen inneren Unsicherheit und einem Mangel an echter Liebe und Wertschätzung in der Kindheit. Menschen bauen dann eine grandiose Fassade auf, um ihre innere Leere zu verbergen. Theologisch betrachtet liegt die Wurzel des schlechten Narzissmus in der Erbsünde und der menschlichen Neigung, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen.
Der Sündenfall in Genesis 3 ist im Grunde die Geschichte eines narzisstischen Aktes. Die Schlange verführt Eva mit den Worten: “Ihr werdet sein wie Gott” (Genesis 3,5). Der Wunsch, wie Gott zu sein, Gott gleichzukommen, ist die Ursünde, aus der alle anderen Sünden entspringen. Adam und Eva wollten autonom sein, ihre eigenen Götter sein, und diese Versuchung begleitet die Menschheit bis heute.
Der Weg zur Heilung: Demut und Christusnachfolge
Die Heilung vom krankhaften Narzissmus beginnt mit der Erkenntnis unserer Geschöpflichkeit und Sündhaftigkeit. Wir müssen anerkennen, dass wir nicht Gott sind und es auch niemals sein werden. Diese Demut ist keine Selbsterniedrigung, sondern eine realistische Einschätzung unserer Position vor Gott. In Jakobus 4,6 heißt es: “Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.” Nur in der Demut können wir Gottes Gnade empfangen, die uns verwandelt und heilt.
Jesus Christus ist unser perfektes Vorbild für diese Demut. Obwohl er Gott war, erniedrigte er sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Paulus beschreibt dies eindrucksvoll in Philipper 2,5–8: “Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.”
Diese Haltung Christi sollen wir nachahmen. Anstatt uns selbst zu erhöhen, sollen wir anderen dienen. Anstatt Bewunderung zu suchen, sollen wir Gott die Ehre geben. Anstatt uns selbst zu verwirklichen, sollen wir uns selbst verleugnen und unser Kreuz auf uns nehmen (Matthäus 16,24).
Praktische Schritte zur Überwindung des schlechten Narzissmus
Die Überwindung narzisstischer Tendenzen ist ein lebenslanger Prozess der Heiligung. Hier sind einige biblische Prinzipien, die uns dabei helfen können:
Erstens, die regelmäßige Selbstprüfung im Licht von Gottes Wort. Der Psalmist betet: “Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege” (Psalm 139,23–24). Wir müssen bereit sein, uns ehrlich mit unseren Motiven auseinanderzusetzen und Gott zu bitten, uns unsere blinden Flecken zu zeigen.
Zweitens, die Kultivierung echter Gemeinschaft. Narzissmus gedeiht in der Isolation, aber in echter christlicher Gemeinschaft werden wir konfrontiert, korrigiert und ermutigt. Sprüche 27,17 sagt: “Eisen schärft Eisen, und ein Mensch den andern.” Wir brauchen Menschen in unserem Leben, die uns liebevoll die Wahrheit sagen und uns helfen, unsere narzisstischen Muster zu erkennen.
Wir brauchen keine Menschen, die uns ständig bestätigen und uns genau dort stehen lassen, wo wir sind. Solche Stimmen mögen angenehm klingen, aber sie nähren letztlich nur unser altes Ich. Geistliches Wachstum entsteht nicht durch Schmeichelei, sondern durch Wahrheit in Liebe. Deshalb brauchen wir Menschen, die den Mut haben, uns aus unserer Sünde herauszuhelfen, die uns aufrichten, aber auch herausfordern. Meide jene, die immer nur „Ja“ sagen und dich bewundern wollen – sie stärken nicht deine Seele, sondern dein Ego. Wahre Freunde führen dich näher zu Christus, nicht näher zu dir selbst.
Drittens, die Praxis des Dienens. Jesus sagte: “Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht” (Matthäus 20,26–27). Wenn wir anderen selbstlos dienen, ohne Anerkennung oder Belohnung zu erwarten, brechen wir die Macht des Narzissmus in unserem Leben.
Viertens, die ständige Erinnerung an die Gnade. Wir sind gerettet allein durch Gnade, nicht durch unsere Werke oder Verdienste. Epheser 2,8–9 macht dies deutlich: “Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.” Wenn wir wirklich verstehen, dass alles, was wir haben und sind, ein Geschenk Gottes ist, können wir nicht mehr hochmütig sein.
Die Rolle der Vergebung und Heilung
Ein wichtiger Aspekt in der Überwindung von Narzissmus ist die Vergebung, sowohl das Empfangen als auch das Gewähren von Vergebung. Viele Menschen mit narzisstischen Tendenzen tragen tiefe Wunden aus ihrer Vergangenheit, die geheilt werden müssen. Gott bietet uns diese Heilung an durch Jesus Christus. In Jesaja 53,5 lesen wir: “Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.”
Gleichzeitig müssen wir lernen, anderen zu vergeben, die uns verletzt haben, besonders wenn diese Verletzungen zu unseren narzisstischen Abwehrmechanismen beigetragen haben. Jesus lehrt uns: “Doch wenn ihr dasteht und betet, müsst ihr vergeben, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit euer Vater im Himmel auch euch eure Verfehlungen vergibt.” (Markus 11,25–26). Vergebung befreit uns von der Last der Bitterkeit und öffnet den Weg für Gottes heilende Gnade.
Schlussgedanken
Liebe Geschwister, Narzissmus ist eine Realität in unserer gefallenen Welt, und niemand von uns ist völlig frei davon. Doch die gute Nachricht des Evangeliums ist, dass Gott uns nicht in diesem Zustand lassen möchte. Er ruft uns zu einer tiefgreifenden Transformation, die nur durch die Kraft des Heiligen Geistes möglich ist.
Lassen Sie uns den gesunden Narzissmus pflegen, der unseren Wert in Christus anerkennt, während wir gleichzeitig den krankhaften Narzissmus ablehnen, der uns von Gott und anderen entfremdet. Lassen Sie uns dem Beispiel Christi folgen, der sich selbst erniedrigte, um uns zu erhöhen. Und lassen Sie uns täglich beten: “Nicht ich, sondern Christus lebe in mir” (Galater 2,20). In der Demut vor Gott und im Dienst an anderen finden wir unsere wahre Identität und Bestimmung. Möge Gott uns die Gnade geben, diese Wahrheit nicht nur zu erkennen, sondern auch zu leben.
