Wer starb am Kreuz? Diese Frage klingt zunächst schlicht, fast wie eine Nachfrage aus dem Religionsunterricht, und doch berührt sie den innersten Kern des christlichen Glaubens. Denn im Zentrum des Evangeliums steht nicht nur die Tatsache, dass ein Mensch namens Jesus von Nazareth hingerichtet wurde, sondern dass in diesem Tod das Heil Gottes selbst sichtbar und wirksam wird. Genau an dieser Stelle entsteht die Spannung, die viele spüren: Gott kann nicht sterben, und doch bekennt die Kirche seit ihren Anfängen, dass am Kreuz der Sohn Gottes gestorben ist. Wie kann beides zugleich wahr sein?
Um darauf zu antworten, muss man langsam und sauber denken, und man muss sich trauen, die Tiefe der christlichen Aussage auszuhalten. Das Christentum sagt nicht einfach: Jesus war ein besonders guter Mensch, der tragisch endete. Und es sagt auch nicht: Gott hat nur so getan, als wäre er Mensch und habe gelitten. Sondern es bekennt, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Nicht als Mischung, nicht als halbe-und-halbe Lösung, sondern als eine Person in zwei Naturen. Das ist das Herzstück dessen, was die alte Kirche später die hypostatische Union genannt hat. Ein Wort, das sperrig klingt, aber eine erstaunlich konkrete Absicht hat:
Es soll schützen, dass wir nicht auseinanderreißen, was in Christus zusammengehört, und zugleich nicht vermischen, was unterschieden bleiben muss.
Wenn die Evangelien von Jesu Leiden erzählen, dann erzählen sie ohne Umschweife von echter menschlicher Erfahrung. Jesus wird müde, er weint, er hat Angst, er leidet, er blutet, und er stirbt. Im Garten Getsemani ringt er mit dem bevorstehenden Tod und spricht Worte, die gerade deshalb so erschüttern, weil sie nicht wie ein Theaterstück klingen, sondern wie ein Gebet aus der Tiefe einer gequälten Seele: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lukas 22,42). Hier steht einer, der wirklich sterben kann, nicht nur scheinbar, sondern wirklich. Der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus am Kreuz sagt: „Mich dürstet!“ (Johannes 19,28). Das ist keine Symbolik; das ist Körperlichkeit und Endlichkeit. Und schließlich heißt es: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“ (Johannes 19,30). Es ist ein tatsächlicher Tod.
Gleichzeitig sprechen dieselben Schriften von Jesus in einer Weise, die weit über einen bloßen Propheten oder religiösen Lehrer hinausgeht. Johannes beginnt sein Evangelium mit einem Satz, der wie eine Tür in eine andere Wirklichkeit wirkt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Johannes 1,1). Und wenige Verse später folgt die unerhörte Zuspitzung: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ (Johannes 1,14). Nicht Gott neben dem Menschen, nicht Gott über dem Menschen, sondern Gott in der menschlichen Wirklichkeit angekommen. Paulus spricht ähnlich radikal, wenn er in Kolosser 2,9 schreibt: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“. Das Neue Testament kennt also keine Scheu, die Göttlichkeit Christi zu bekennen und zugleich die Realität seines Leidens und Sterbens festzuhalten.
An diesem Punkt wird die eigentliche Frage scharf: Wer starb am Kreuz? War es Jesus, der Mensch, oder Gott, der Sohn? Wenn man nur eine Seite betont, gerät man sofort in Schwierigkeiten. Sagt man nur: „Der Mensch Jesus starb“, dann klingt es so, als sei am Ende ein frommer Märtyrer gestorben und Gott selbst sei unberührt geblieben. Dann wäre das Kreuz zwar tragisch, vielleicht vorbildlich, aber nicht rettend in einem ewigen Sinn. Sagt man dagegen: „Gott starb einfach so“, als wäre Gott eine sterbliche Kreatur, dann zerstört man das biblische Gottesverständnis. Gott ist ewig, unveränderlich, der Quell des Lebens. Er ist nicht ein Wesen unter vielen, das sterben könnte, sondern derjenige, der das Sein trägt.
Die klassische christliche Antwort lautet deshalb: Gott kann seiner göttlichen Natur nach nicht sterben; aber der Sohn Gottes ist Mensch geworden und hat in seiner menschlichen Natur wirklich den Tod erlitten. Was bedeutet das, ohne dass es nach Wortakrobatik klingt? Es bedeutet: Nicht eine menschliche Person existiert neben einer göttlichen Person. Sondern die eine Person des Sohnes, die ewige göttliche Person, ist wirklich Mensch. Das heißt: Diejenige Person, die von Ewigkeit her Gott ist, hat eine echte menschliche Natur angenommen, mit allem, was dazu gehört: Leib, Seele, Wille, Gefühle, Leidensfähigkeit, Sterblichkeit. Nicht als Maske, sondern als Wirklichkeit. Darum kann man sagen: Am Kreuz starb nicht bloß irgendein Mensch, sondern der Sohn Gottes starb, nämlich als Mensch. Das Subjekt des Sterbens ist die Person des Sohnes, und diese Person ist göttlich. So bewahrt der Glaube beides: dass Gott als Gott nicht sterben kann, und dass der Tod Jesu kein Tod irgendeines Menschen ist, sondern der Tod dessen, der wahrhaft Gottes Sohn ist.
Was heißt das nun alles zusammengefasst? Es starb Jesus Christus, die eine Person des Sohnes, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Nicht die Gottheit starb, aber der Gottessohn starb wirklich, weil er wirklich Mensch geworden ist.
Das Entscheidende ist: Das „Wer“ des Sterbens ist göttlich, das „Wie“ des Sterbens ist menschlich.
- Das „Wer“: Der, der am Kreuz hängt, ist nicht ein anonymer Mensch, nicht ein bloßer Prophet, nicht ein moralisches Vorbild.
- Es ist der Sohn, die ewige Person Gottes.
- Das „Wie“: Er stirbt nicht als Gott: denn Gott ist unsterblich
- sondern in der angenommenen Menschheit, mit echtem Leib, echter Seele, echtem Schmerz, echtem Tod.
Darum können wir bekennen: Der Sohn Gottes starb am Kreuz; nicht seiner Gottheit nach, sondern in seiner Menschheit. Und genau das macht seinen Tod einzigartig und heilswirksam:
- Ein bloßer Mensch könnte die Welt nicht erlösen.
- Ein bloßer Gott könnte nicht sterben.
- Nur der Gott-Mensch kann beides: sterben und erlösen.
So bleibt die Wahrheit unverkürzt: Gott bleibt Gott und doch hat Gott in Christus den Tod geschmeckt. Nicht als göttliche Natur, sondern als der Gottessohn, der Mensch geworden ist.
Die Bibel selbst spricht auf eine Weise, die genau diese Tiefe andeutet. Paulus sagt in Römer 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Beachte die Bewegung: Gott erweist seine Liebe, und diese Liebe geschieht im Sterben Christi. Der Tod Christi ist die Weise, wie Gott handelt und sich gibt. In Galater 2,20 wird es noch persönlicher: „… der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Derjenige, der sich hingibt, ist der Sohn Gottes; nicht nur ein von Gott beauftragter Mensch.
Auch in der Apostelgeschichte findet man Formulierungen, die theologisch aufhorchen lassen. In Apostelgeschichte 20,28 spricht Paulus von der „So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“. Damit ist nicht gemeint, dass Gott als Gott Blut hat, sondern dass derjenige, der Gott ist, wirklich Mensch geworden ist und darum Blut hat, und dass dieses Blut „Gottes Blut“ ist, weil es das Blut der göttlichen Person ist, die Mensch ist. Genau so funktioniert die christliche Redeweise seit den frühen Jahrhunderten:
Sie hält fest, Gott hat kein Blut nach seiner göttlichen Natur; und doch ist das Blut Christi Gottes Blut, weil Christus Gott ist.
Warum ist das so entscheidend für das Heil? Weil das Kreuz nicht nur ein moralisches Zeichen ist, sondern ein rettendes Geschehen. Wenn Jesus nur Mensch wäre, dann könnte sein Tod zwar ein mächtiges Zeugnis sein, aber er bliebe innerhalb der Grenzen des Menschlichen. Ein endlicher Mensch kann nicht die Last der Sünde der Welt tragen und nicht in die Tiefe der Gottverlassenheit hinabsteigen, um sie von innen her zu überwinden. Wenn Jesus nur Gott wäre, ohne echte Menschlichkeit, dann wäre das Kreuz eine Inszenierung ohne wirkliche Teilnahme. Dann wäre der Trost der christlichen Botschaft hohl. Denn wir bräuchten nicht nur einen Gott, der von oben erklärt, dass er uns liebt, sondern einen Retter, der unser Menschsein wirklich annimmt und in unserer Geschichte wirklich durch Leid und Tod geht.
Genau das fasst der Hebräerbrief mit großer seelsorgerlicher Kraft zusammen: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebräer 4,15). Und etwas später heißt es: „Da nun die Kinder Fleisch und Blut haben, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil gehabt, damit er durch den Tod den zunichte mache, der die Macht des Todes hat…“ (Hebräer 2,14). Der Sohn nimmt Fleisch und Blut an, gerade um durch den Tod zu gehen. Der Tod ist hier nicht Unfall, sondern Weg. Es ist Gottesplan! Und er ist zugleich der Ort der Befreiung.
Wenn man die Passion liest, merkt man außerdem, dass Jesu Sterben nicht einfach nur das biologische Ende ist, sondern eine tiefere Dimension hat. Jesus schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34; vgl. Psalm 22,2). Dieses Wort steht nicht nur für Schmerz, sondern für eine Erfahrung der Gottferne, die viele Menschen kennen, und die christlich gedeutet wird als die Tiefe, in die Christus hinabsteigt. Nicht weil der Vater den Sohn aufhört zu lieben, sondern weil der Sohn als Mensch die volle Wirklichkeit dessen durchleidet, was Sünde und Tod an Gottferne bedeuten. Damit wird nichts beschönigt. Gerade darin liegt die Hoffnung: dass Christus nicht an der Oberfläche unserer Not bleibt, sondern sie bis in den Grund hinein teilt.
Und hier zeigt sich auch, warum der Tod Christi „unendlich wirksam“ genannt wird. Nicht, weil der Schmerz körperlich unendlich gewesen wäre, sondern weil die Person, die leidet, unendlich ist. Der Wert, das Gewicht, die heilsgeschichtliche Tragweite dieses Todes hängt nicht zuerst an der Intensität der Folter, sondern an der Identität dessen, der sich hingibt. Wenn die Person, die stirbt, der ewige Sohn Gottes ist, dann hat sein Selbstopfer eine Reichweite, die alle Zeiten und alle Menschen umfasst. Daher spricht das Neue Testament in einer Weise, die keine Grenzen kennt: „Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.…“ (Römer 6,10). Und Johannes bekennt Christus als „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“ (Johannes 1,29).
Das bedeutet nicht, dass Gott in seinem Wesen zerbricht oder dass die Dreieinigkeit am Kreuz auseinanderfällt. Der Vater bleibt der Vater, der Sohn bleibt der Sohn, der Geist bleibt der Geist. Aber der Sohn erlebt den Tod real in seiner menschlichen Natur, und diese menschliche Natur gehört ihm wirklich. Darum ist der Tod Christi nicht ein Geschehen an einem fremden Menschenkörper, sondern am menschgewordenen Sohn selbst. Und deshalb kann das Kreuz Ort der Offenbarung Gottes sein. „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“, sagt Jesus (Johannes 14,9). Das gilt nicht nur für seine Worte und Wunder, sondern gerade auch für seinen Weg der Erniedrigung. Denn die göttliche Herrlichkeit zeigt sich hier als Liebe, die sich hingibt, nicht als Macht, die sich schützt.
Paulus bringt diese Logik in Philipper 2,6–8 mit großer Dichte zum Ausdruck: Christus Jesus „… der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst… und wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.“ Hier wird nicht erzählt, dass ein Mensch besonders fromm war, sondern dass derjenige, der göttlich ist, sich erniedrigt und bis zum Kreuz geht. Der Tod am Kreuz ist der Tiefpunkt dieser Selbsthingabe und zugleich ihre Wahrheit.
Vielleicht kann man es so sagen: Wer starb am Kreuz? Es starb Jesus Christus. Und Jesus Christus ist eine Person, der Sohn Gottes. Diese Person starb wirklich, und zwar in seiner menschlichen Natur. Gott an sich stirbt nicht; aber Gott der Sohn hat den Tod erlitten, weil er wirklich Mensch wurde. Das ist kein scholastischer Trick, sondern die einzige Weise, beides zu bewahren: dass Gott wahrhaft Gott bleibt, und dass Gott uns in Christus wahrhaft bis in den Tod nahekommt.
Für den Glauben und für das Herz ist das nicht bloß eine Lehrformel. Es bedeutet, dass im Kreuz nicht nur ein Mensch leidet, der von Gott verlassen scheint, sondern dass Gott selbst in Christus die Gottverlassenheit betritt. Damit wird keine menschliche Nacht mehr „gottlos“ im Sinn von gottfern, ohne dass Gott dort gewesen wäre. Christen beten deshalb nicht zu einem Gott, der den Schmerz nur beobachtet, sondern zu einem Gott, der ihn kennt, von innen. Der Auferstandene trägt Wundmale. Das ist eine der eindringlichsten Aussagen der Evangelien, denn es zeigt: Die Auferstehung radiert das Kreuz nicht aus, sondern verwandelt es. Der Gekreuzigte ist der Auferstandene, und der Auferstandene ist der Gekreuzigte.
So führt die Frage „Wer starb am Kreuz?“ letztlich zu einer noch größeren Frage: Wer ist dieser Jesus? Wenn er nur Mensch ist, bleibt das Kreuz tragisch. Wenn er nur Gott ist, bleibt es unwirklich. Wenn er aber der Gott-Mensch ist, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person, dann wird das Kreuz zum Ort, an dem Gottes Liebe nicht nur behauptet, sondern gelebt wird, nicht nur erklärt, sondern getan. Gott beweist seine Liebe nicht durch Distanz, sondern durch Nähe, nicht durch Macht, sondern durch Hingabe. Und deshalb kann der christliche Glaube sagen, ohne sich zu widersprechen: Am Kreuz starb der Sohn Gottes. Gott kann nicht sterben, und doch starb der Gottessohn, als Mensch. Damit ist das Geheimnis des Heils nicht gelöst wie ein Rätsel, aber es ist eröffnet wie eine Tür, durch die man hindurchgehen kann: in Anbetung, in Dankbarkeit, in Hoffnung und in Gottesfurcht.
Das heißt:
Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott zu gleich!
Das Christentum meint damit nicht, dass Jesus ein bisschen Gott und ein bisschen Mensch gewesen wäre, sondern ganz Mensch und ganz Gott. Diese beiden Wirklichkeiten sind in ihm nicht vermischt und nicht getrennt, sondern in einer einzigen Person vereint. Darum konnte Jesus als Mensch wirklich leiden, hungern, müde werden und sterben. Und zugleich ist derselbe Jesus als Gott ewig, heilig und der Ursprung des Lebens.
So kann man es präzise formulieren: Am Kreuz starb nicht einfach nur ein Mensch, sondern Jesus Christus, die Person des Sohnes. Er starb wirklich nach seiner menschlichen Natur. Nach seiner göttlichen Natur kann Gott nicht sterben. Trotzdem darf die Kirche sagen: Der Sohn Gottes ist für uns gestorben, weil der Sterbende niemand anderes ist als der göttliche Sohn, der Mensch geworden ist.
