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"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

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Weihnachten neu sehen: Was Joseph uns über Nachfolge lehrt!

Beckblogger (3)

Matthäus 1,18–25

“Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mut­ter, dem Josef ver­traut war, fand es sich, ehe sie zusam­menka­men, dass sie schwanger war von dem Heili­gen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande brin­gen wollte, gedachte, sie heim­lich zu ver­lassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Her­rn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie emp­fan­gen hat, das ist von dem Heili­gen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk ret­ten von ihren Sün­den. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie wer­den ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt über­set­zt: Gott mit uns. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Her­rn befohlen hat­te, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkan­nte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.”

Vers 18: “Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mut­ter, dem Josef ver­traut war, fand es sich, ehe sie zusam­menka­men, dass sie schwanger war von dem Heili­gen Geist.”

Die schlichte Aus­sage des Evan­ge­lis­ten, dass Maria „vom Heili­gen Geist“ schwanger war, ste­ht wie ein Fels in der Über­liefer­ung und wider­spricht jed­er men­schlichen Erwartung. Für einen Judenchris­ten des ersten Jahrhun­derts war ein solch­er Satz nicht nur ungewöhn­lich, son­dern eine Zumu­tung – etwas, das man nicht erfind­et, son­dern nur bezeugt, wenn es sich tat­säch­lich so ereignet hat. Die Vorstel­lung, dass Gott selb­st in das ver­bor­gene Leben ein­er unberührten Frau ein­greift und neues Leben schafft, über­steigt jedes natür­liche Denken und sprengt die Gren­zen dessen, was ein nüchtern erzo­gen­er Jude für möglich hielt. Und doch beken­nt Matthäus dieses Geheim­nis ohne Aus­flucht, weil er darin das sou­veräne Han­deln Gottes erken­nt, der seine Ver­heißun­gen erfüllt und den Mes­sias nicht aus men­schlich­er Kraft, son­dern aus seinem Geist her­vor­bringt. So wird schon in der Geburt Jesu sicht­bar, was Paulus später beschreibt: dass Gottes Weg nicht durch men­schliche Logik erschlossen wird, son­dern durch das wun­der­bare, oft anstößige Wirken seines Geistes. “Die Juden wollen Wun­der sehen, die Nichtju­den suchen Weisheit…” (1.Korinther 1,22).

Matthäus spricht mit großer Sorgfalt: Er nen­nt Maria „seine Mut­ter“, doch Joseph wird an kein­er Stelle als „Vater“ Jesu beze­ich­net. Diese Zurück­hal­tung ist kein Zufall, son­dern Aus­druck des tiefen Respek­ts vor dem Geheim­nis der göt­tlichen Zeu­gung. Wenn der Evan­ge­list schreibt, dass Maria dem Joseph „anver­traut“ war, trifft dieses Wort den jüdis­chen Sachver­halt weit bess­er als unser mod­ernes „ver­lobt“. Denn nach jüdis­chem Recht war mit dieser Anver­trau­ung der bindende Ehev­er­trag bere­its geschlossen; rechtlich waren Mann und Frau einan­der zuge­hörig, auch wenn die Heimhol­ung der Braut in das Haus des Bräutigams – der eigentliche Vol­lzug der Ehe – noch aus­stand. Darum kann Joseph schon jet­zt „ihr Mann“ genan­nt wer­den, obwohl sie noch nicht zusam­men­lebten. In dieser kul­turellen Wirk­lichkeit wird auch deut­lich, wie jung Maria gewe­sen sein dürfte: Ein jüdis­ches Mäd­chen heiratete gewöhn­lich im Alter von etwa vierzehn Jahren. So ste­ht die ganze Erzäh­lung unter dem Zeichen ein­er schlicht­en, aber tiefen Real­ität – und zugle­ich unter dem Staunen über Gottes sou­veränes Han­deln, das inmit­ten men­schlich­er Ord­nun­gen seinen Weg nimmt.

Der Aus­druck „ehe sie zusam­menka­men“ wird oft vorschnell als Hin­weis auf den ehe­lichen Verkehr ver­standen. Doch die Verse 20 und 24 machen deut­lich, dass Matthäus hier nicht den kör­per­lichen Vol­lzug meint, son­dern das Zusam­men­ziehen der bere­its rechtlich ver­bun­de­nen Eheleute. Maria lebte zu diesem Zeit­punkt noch nicht im Haus des Joseph; darum kon­nte für ihn kein­er­lei Zweifel beste­hen, dass er nicht der Vater des Kindes war. Denn die Schrift verurteilt jeden Geschlechtsverkehr unter Ver­lobten als Hur­erei und damit als Ver­stoß gegen Gottes Willen. Matthäus benen­nt die Ursache der Schwanger­schaft ohne Umschweife: „vom Heili­gen Geist“. Wie dieses göt­tliche Wirken geschah, berichtet er jedoch nicht. Anders als Lukas 1, der das Gespräch des Engels mit Maria aus­führlich darstellt, beschränkt sich Matthäus auf das Wesentliche. Er wusste gewiss um die Einzel­heit­en, doch er erzählt sie nicht – nicht aus Unken­nt­nis, son­dern weil sein Anliegen ein anderes ist: Er will bezeu­gen, dass die Geburt Jesu ein sou­veränes Han­deln Gottes ist, das sich men­schlich­er Erk­lärung entzieht und den­noch ver­lässlich bezeugt wer­den kann.

Wir kön­nen kaum ermessen, welche seel­is­che Last auf Maria gele­gen haben muss, als sie „schwanger“ angetrof­fen wurde. Wenn sie – wie vieles nahelegt – aus dem Stamm Levi stammte und damit aus priester­lichem Geschlecht, ver­schärfte dies ihre Lage nur noch. Denn Lukas berichtet, dass Elis­a­beth, die Frau des Priesters Zacharias, ihre „Ver­wandte“ ist (Lukas 1,36), sodass der Stamm­baum in Lukas 3 keines­falls als Marias eigene Lin­ie gele­sen wer­den darf. Nach außen aber stand Maria nun da, als hätte sie – wie einst Thamar – Hur­erei began­gen (1. Mose 38,24). Eine Priester­tochter, und vor dem ehe­lichen Zusam­men­zug schwanger! Die Tora spricht in solchen Fällen mit erschüt­tern­der Strenge: Ein Mäd­chen, das nicht mehr als Jungfrau in die Ehe ging, sollte gesteinigt wer­den (5. Mose 22,20–21), und eine Priester­tochter, die sich verg­ing, sog­ar ver­bran­nt wer­den (3. Mose 21,9). In dieser Atmo­sphäre der dro­hen­den Ent­deck­ung, der hämis­chen Blicke und des unaus­ge­sproch­enen Ver­dachts musste Maria das göt­tliche Geheim­nis tra­gen, das sie nicht erk­lären durfte und das doch ihr ganzes Leben bes­timmte. Dazu kam das Bewusst­sein, Joseph zutief­st zu ent­täuschen. So begin­nt Matthäus die Geschichte Jesu mit einem Moment äußer­ster Span­nung – einem Dunkel, in dem Gottes Licht bere­its ver­bor­gen aufleuchtet.


Vers 19: “Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande brin­gen wollte, gedachte, sie heim­lich zu ver­lassen.”

Matthäus stellt Joseph bewusst in den Mit­telpunkt, während Lukas den Blick stärk­er auf Maria richtet. Dass Joseph nach dem bere­its geschlosse­nen Ehev­er­trag rechtlich „ihr Mann“ war, haben wir gese­hen. Nun beschreibt Matthäus ihn als „gerecht“ und „fromm“ – und er zeigt sofort, wie sich diese Gerechtigkeit im konkreten Han­deln bewährt: Joseph wollte Maria „nicht der Schande preis­geben“. Selb­st wenn Maria nicht getötet wor­den wäre – denn auch zur Zeit Jesu wurde die Todesstrafe bei Ehe­bruch noch prak­tiziert (Johannes 8,3; vgl. 3. Mose 20,10; 3. Mose 21,9) –, so wäre sie doch dem Pranger der öffentlichen Mei­n­ung aus­geliefert gewe­sen und hätte ihr Leben lang als gebrand­mark­te Frau gegolten. Joseph aber sucht nicht die Härte des Geset­zes, son­dern den Weg der Barmherzigkeit. In seinem stillen Entschluss, sich heim­lich von ihr zu tren­nen, zeigt sich ein Mann, dessen Gerechtigkeit nicht im Verurteilen beste­ht, son­dern im Erbar­men – ein Spiegel des Gottes, der in dieser Geschichte selb­st am Werk ist.

Josephs Ver­hal­ten erhält in der Heils­geschichte ein erstaunlich­es Gewicht. Matthäus zeigt ihn nicht als Rand­fig­ur, son­dern als den Mann, durch dessen Gehor­sam und Barmherzigkeit Gottes Weg mit Maria und dem Kind über­haupt erst offen bleibt. Sein Entschluss, Maria nicht bloßzustellen, ist mehr als eine noble Geste – er ist ein Akt gelebter Gerechtigkeit, in der das Gesetz nicht zur Waffe wird, son­dern zum Raum für Erbar­men. Ger­ade darin wird Joseph zu einem Werkzeug Gottes: Er schützt die Mut­ter des Mes­sias vor öffentlich­er Schande und bewahrt das unge­borene Kind vor der Gefahr, die aus men­schlich­er Härte hätte erwach­sen kön­nen. In seinem stillen Rin­gen, in seinem Verzicht auf Anklage und in seinem Entschluss, Maria heim­lich zu ent­lassen, spiegelt sich bere­its das Wesen dessen wider, der durch dieses Kind in die Welt kommt – der Gerechte, der Barmherzige, der die Gebroch­enen nicht zer­bricht. So wird Josephs Hal­tung selb­st Teil der Heils­geschichte: ein ver­bor­genes, aber entschei­den­des Ja zu Gottes Han­deln, das den Weg für die Men­schw­er­dung des Sohnes öffnet.


Verse 20–21: “Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Her­rn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie emp­fan­gen hat, das ist von dem Heili­gen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk ret­ten von ihren Sün­den.”

Die „Engel des Her­rn“ gehören nicht nur in das Alte Tes­ta­ment, son­dern eben­so in das Neue, wie der Hebräer­brief bezeugt, der sie als dien­st­bare Geis­ter beschreibt (Hebräer 1,14). Dreimal wird Joseph durch einen solchen Engel im Traum geleit­et – ein außergewöhn­lich­er Weg, der der Ein­ma­ligkeit der Sit­u­a­tion entspricht. Seit Pfin­g­sten jedoch ist die nor­male Führung der Gläu­bi­gen die Leitung durch den Heili­gen Geist, und darum ist es weise, heuti­gen Bericht­en über Engelser­schei­n­un­gen oder außergewöhn­liche Träume mit großer Zurück­hal­tung zu begeg­nen. Der Engel spricht Joseph mit den Worten „Sohn Davids“ an und erin­nert ihn damit an die Ver­heißun­gen, die dem davidis­chen Haus gegeben wur­den. Zugle­ich deutet er an, dass diese Ver­heißun­gen nun in Erfül­lung treten. Die Art, wie der Engel redet, entspricht dem Wesen göt­tlich­er Befehle: trös­tend – „fürchte dich nicht“ – und zugle­ich anord­nend. Joseph soll Maria in sein Haus aufnehmen; die Heimhol­ung der Braut ist nun aus­drück­lich Gottes Wille. Die Ursache ihrer Schwanger­schaft ist kein Fehltritt, son­dern das Wun­der der Zeu­gung „aus dem Heili­gen Geist“. Wie dieses Wun­der geschah, bleibt unaus­ge­sprochen. Die Schrift schweigt hier bewusst, denn das Geheim­nis der Men­schw­er­dung Gottes entzieht sich jed­er men­schlichen Erk­lärung. Wer dieses Wun­der leug­nen will, müsste kon­se­quenter­weise auch die Schöp­fung aus dem Nichts leug­nen (Römer 4,17) und zulet­zt die Exis­tenz Gottes selb­st. Denn das Wun­der von 1. Mose 1–2 ist nicht geringer als das Wun­der, dass das ewige Wort Gottes Fleisch wurde und unter uns wohnte (Johannes 1,14). So führt Matthäus uns mit­ten hinein in das große Geheim­nis der Inkar­na­tion, das sich nur im Glauben erschließt und in dem Gottes schöpferische Macht erneut sicht­bar wird.

Und nun erhält Joseph ein untrüglich­es Zeichen, an dem er erken­nen kann, dass wirk­lich ein Engel Gottes zu ihm gesprochen hat und dass die Schwanger­schaft Marias tat­säch­lich ein Werk des Heili­gen Geistes ist: „Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk ret­ten von ihren Sün­den.“ Damit greift der Engel das Zeichen aus Jesa­ja 7,14 auf, wo die Geburt eines Sohnes durch eine Jungfrau als göt­tlich­es Wun­der angekündigt wird. Zugle­ich bes­timmt Gott selb­st den Namen des Kindes: „Jesus“. Auch Maria wird nach Lukas 1,31 dieser Name befohlen, sodass bei­de – unab­hängig voneinan­der – zu dem­sel­ben Ziel geführt wer­den. Der Name „Jesus“ (hebräisch Jeschua) ist seit der Perserzeit die verkürzte Form des älteren Jehoschua und hat den Namen Josua teil­weise erset­zt. Bemerkenswert ist, dass der jüdis­che Tal­mud den Namen „Jesus“ mei­det – wohl aus bewusster Abgren­zung gegenüber dem Nazaren­er. In sein­er Bedeu­tung jedoch bleibt der Name ein­deutig: „Jah­we hil­ft.“ Wenn Joseph nun den Auf­trag erhält, das Kind mit diesem Namen zu „nen­nen“, dann bedeutet dies nach bib­lis­chem Recht die rechtliche Anerken­nung der Vater­schaft (vgl. 1. Mose 21,3; Jesa­ja 8,1; Hosea 1,4.6.9). So wird Joseph – ohne biol­o­gis­ch­er Vater zu sein – zum recht­mäßi­gen Vater Jesu und damit zum Träger der davidis­chen Ver­heißung, durch die der Mes­sias in die Welt kom­men sollte.

Der Engel beschreibt bere­its im ersten Wort an Joseph die göt­tliche Auf­gabe Jesu: „Er wird sein Volk von ihren Sün­den ret­ten.“ Damit wird zugle­ich der Name „Jesus – Jah­we hil­ft“ aus­gelegt. Um die Sprengkraft dieser Aus­sage zu erfassen, muss man sie vor dem Hin­ter­grund der dama­li­gen Mes­si­aser­wartung hören. Alle jüdis­chen Grup­pen – Phar­isäer, Sad­duzäer, Zeloten, Essen­er – ver­ban­den mit dem Mes­sias die Hoff­nung, dass er die Römer vertreiben, die Got­t­losen richt­en und Jerusalem zu neuer Her­rlichkeit erheben würde. Kurz: dass er „das Reich für Israel aufrichte“ (Apos­telgeschichte 1,6). Doch der Auf­trag, den der Engel verkün­det, geht in eine völ­lig andere Rich­tung. Er knüpft an Psalm 130,8 an: „Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sün­den.“ Eben­so an Jesa­ja 53,1, wo der lei­dende Gottesknecht als der offen­bare Arm des HERRN beschrieben wird, und an Jere­mia 31,33, wo Gott ver­heißt, sein Gesetz in das Herz seines Volkes zu schreiben und einen neuen Bund zu stiften. Was für Jesu Erden­leben bevorste­ht, ist daher nicht die poli­tis­che Befreiung, son­dern die Lösung der Schuld­frage. Erst nach Kreuzi­gung und Aufer­ste­hung – und endgültig erst bei sein­er Wiederkun­ft – wird Chris­tus auch die Macht­frage lösen. Damit ist der Kon­flikt mit der ver­bre­it­eten Mes­si­aser­wartung Israels unauswe­ich­lich vorgeze­ich­net. Doch wer ist „sein Volk“? Zunächst Israel, das erwählte Volk des Bun­des. Aber Gottes Gnade bleibt nicht auf Israel beschränkt: Sie weit­et sich aus auf „das, was nicht mein Volk war“ (vgl. Römer 9,24) – auf alle Völk­er, wie es der Aufer­standene in seinem Mis­sions­be­fehl bezeugt (Matthäus 28,18–20) und wie es die himm­lis­che Schar aus allen Natio­nen in Offen­barung 7 sicht­bar macht. So wird schon im Namen Jesu das ganze Evan­geli­um zusam­menge­fasst: Gottes Hil­fe kommt nicht zuerst als poli­tis­che Macht, son­dern als Erlö­sung von der Sünde – und sie gilt der ganzen Welt.


Verse 22–23: “Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie wer­den ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt über­set­zt: Gott mit uns.”

Matthäus unter­bricht den Bericht an dieser Stelle, um das Geschehen in den großen Zusam­men­hang der Heili­gen Schrift zu stellen. Was Joseph im Traum vern­immt, ist nicht ein isoliertes Wun­der, son­dern die Erfül­lung dessen, „was der Herr durch den Propheten gesagt hat“. “Darum wird euch der Herr selb­st ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nen­nen Immanuel.” Mit Jesa­ja 7,14 greift Matthäus eine Ver­heißung auf, die im Kon­text des Haus­es David gegeben wurde – ein Zeichen Gottes an ein wank­endes Königshaus, das den­noch nicht aus Gottes Hand fall­en sollte. Die Worte „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären“ erhal­ten nun ihre endgültige, von Gott selb­st bes­timmte Erfül­lung. Matthäus zitiert dabei die Sep­tu­ag­in­ta, die das hebräis­che almah ein­deutig mit „Jungfrau“ wiedergibt, und macht damit deut­lich, dass die Geburt Jesu nicht nur ein außergewöhn­lich­es Ereig­nis, son­dern die göt­tlich intendierte Vol­len­dung dieser Ver­heißung ist. Der Name, den Jesa­ja nen­nt – „Immanuel“ –, wird nicht als Ruf­name Jesu einge­führt, son­dern als Deu­tung seines Wesens: „Gott mit uns“. In Jesus tritt Gott selb­st in die Geschichte ein, nicht nur als Helfer, son­dern als der Gegen­wär­tige, der unter seinem Volk wohnt. So zeigt Matthäus, dass die Geburt Jesu nicht nur ein Wun­der an Maria und Joseph ist, son­dern die Erfül­lung des prophetis­chen Wortes und der Beginn jen­er neuen Nähe Gottes, die im ganzen Evan­geli­um sicht­bar wird.

Was dort vor langer Zeit geschah, über­steigt unser Begreifen – und ger­ade deshalb ver­bi­etet es sich, die Geburt Jesu auf ein rein men­schlich­es Fest mit Kon­sum, Sen­ti­men­tal­ität und Geschenkritualen zu reduzieren. Die Men­schw­er­dung des Sohnes Gottes ist kein deko­ra­tives Win­ter­mo­tiv, son­dern das tief­ste Ein­greifen Gottes in die Geschichte. In der Krippe begin­nt das Heil, das am Kreuz vol­len­det und in der Aufer­ste­hung bestätigt wird. Wer dieses Geheim­nis ernst nimmt, kann Wei­h­nacht­en nicht auf äußere Bräuche verkürzen. Die Geburt Jesu ruft uns vielmehr in die Anbe­tung, in die Dankbarkeit und in die stille Freude darüber, dass Gott selb­st zu uns gekom­men ist – Immanuel, „Gott mit uns“.


Verse 24–25: “Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Her­rn befohlen hat­te, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkan­nte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.”

Mit äußer­ster Knap­pheit berichtet Matthäus vom Gehor­sam Josephs. Die Schrift schweigt über seine inneren Kämpfe, seine Gefüh­le, seine Fra­gen – und ger­ade dieses Schweigen lässt umso deut­lich­er her­vortreten, was am Ende ste­ht: „Er tat, wie ihm der Engel des Her­rn befohlen hat­te.“ In diesem schlicht­en „tat er“ liegt eine ganze Welt ver­bor­gen: der Entschluss, Gottes Wort höher zu acht­en als die eigene Ehre; die Durch­führung des göt­tlichen Auf­trags; die Heimhol­ung Marias in sein Haus; der Schutz, den er ihr gewährt; die Hil­fe, die er ihr bietet; und das stille Sich­beu­gen unter Gottes Willen, ohne zu disku­tieren, ohne zu kla­gen, ohne Bedin­gun­gen zu stellen. So wird Maria nun Teil des Haus­es Davids, nicht durch men­schliche Abstam­mung, son­dern durch die Auf­nahme in die Fam­i­lie Josephs.

Doch Joseph „berührte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hat­te“. Dieses Ver­hal­ten entspringt nicht Dis­tanz, son­dern Ehrfurcht. Aus Scheu vor dem heili­gen Geheim­nis, das Gott in Marias Leib gewirkt hat­te, enthielt er sich des ehe­lichen Verkehrs. Denn Gott selb­st hat­te den jungfräulichen Leib Marias zu sein­er „Hütte“ gemacht (Johannes 1,14) und – im Bild gesprochen – zu einem Tem­pel seines Geistes (1. Korinther 6,19). Erst nach der Geburt Jesu lebten Joseph und Maria eine nor­male Ehe, und Maria gebar Joseph vier Söhne und min­destens zwei Töchter (Matthäus 12,46; Matthäus 13,55–56).

Doch im Zen­trum ste­ht die Erfül­lung des göt­tlichen Wortes: Der „Sohn“ wird geboren, und Joseph gibt ihm den Namen „Jesus“, wie der Engel es befohlen hat­te. Damit ist alles eingetrof­fen, was Gott angekündigt hat. In diesem Kind, das in der Stille von Beth­le­hem zur Welt kommt, wird Gott selb­st geboren – Immanuel, „Gott mit uns“.

Zum Nachdenken:

Wenn wir dieses Geschehen auf unser eigenes Wei­h­nacht­en über­tra­gen, wird deut­lich, wie weit wir uns oft von seinem eigentlichen Kern ent­fer­nt haben. Die Geburt Jesu ist kein roman­tis­ches Win­ter­bild, kein Fam­i­lien­ritu­al und kein Fest der Selb­st­beschenkung. Sie ist der Ein­bruch Gottes in unsere Welt, der Beginn der Erlö­sung, der Schritt des Ewigen in unsere Zeit. Wer Wei­h­nacht­en im Licht von Matthäus 1 feiert, wird neu ler­nen, sich unter Gottes Wort zu stellen wie Joseph: im Gehor­sam, im Ver­trauen, im stillen Sich­beu­gen unter den Willen des Her­rn. Nach­folge begin­nt dort, wo wir – wie Joseph – nicht zuerst fra­gen, was es uns kostet, son­dern was Gott will. Und Christ­sein bedeutet, dass wir den Immanuel, „Gott mit uns“, nicht nur an einem Fest­tag bedenken, son­dern ihn in unser Haus aufnehmen, in unseren All­t­ag, in unsere Entschei­dun­gen, in unsere Beziehun­gen. Wei­h­nacht­en ruft uns nicht in die Betrieb­samkeit, son­dern in die Anbe­tung; nicht in die Selb­stver­wirk­lichung, son­dern in die Hingabe; nicht in die Ober­fläch­lichkeit, son­dern in die Tiefe des Glaubens. Wer den Namen „Jesus – Jah­we hil­ft“ ernst nimmt, wird erken­nen, dass er gekom­men ist, um uns von unseren Sün­den zu ret­ten – und dass wahres Christ­sein darin beste­ht, sich täglich dieser ret­ten­den Nähe Gottes anzu­ver­trauen. So wird Wei­h­nacht­en nicht ein Fest der Gefüh­le, son­dern ein Fest des Glaubens; nicht ein Tag der Tra­di­tion, son­dern der Beginn erneuert­er Nach­folge; nicht ein Rit­u­al, son­dern die lebendi­ge Begeg­nung mit dem Gott, der zu uns gekom­men ist.

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