Bibelblogger

"HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit." (2.Samuel 7,28)

Advent und das Missverständnis vom Frieden!

Beckblogger

Wenn in der Adventszeit in vie­len Kirchen gesagt wird, Jesus ste­he für Frieden, dann ist das nicht ein­fach falsch, aber es ist oft verkürzt, weil dabei leicht ein Frieden gemeint ist, den die Bibel so nicht ver­spricht. Die bib­lis­chen Texte sprechen tat­säch­lich stark vom Frieden, den Jesus gibt, nur ist dieser Friede zuerst Gottes Friede und nicht die schnelle Beruhi­gung der Welt­lage. Jesus sagt zu seinen Jüngern: “Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht” (Johannes 14,27). Damit zieht er selb­st eine Gren­ze. Es gibt den Frieden der Welt. Und es gibt den Frieden Christi. Der Frieden der Welt ist oft ein Zus­tand, in dem es ger­ade nicht knallt, ein Waf­fen­still­stand, ein ruhiger All­t­ag, ein poli­tis­ches Gle­ichgewicht, manch­mal auch nur die Fähigkeit, unan­genehme The­men zu überdeck­en. Jesu Frieden ist anders, weil er aus der Ver­söh­nung mit Gott kommt. Paulus bringt das sehr klar auf den Punkt: “Da wir nun gerecht gewor­den sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Her­rn Jesus Chris­tus” (Römer 5,1). Dieser Satz ist nicht weich, son­dern hart und präzise. Ohne Frieden mit Gott gibt es keinen Frieden, der wirk­lich trägt, weil das Herz des Men­schen dann weit­er gegen Gott ste­ht oder vor Gott flieht, selb­st wenn äußer­lich alles geord­net wirkt.

Warum aber klingt es in Predigten oft so, als sei mit Jesus automa­tisch ein har­monis­ches Leben gemeint, eine Kirche ohne Stre­it, eine Gesellschaft ohne Rei­bung, ein Advent ohne dun­kle Nachricht­en. Ein Grund liegt darin, dass viele Men­schen erschöpft in die Kirche kom­men. Sie brin­gen den Stre­it aus ihren Fam­i­lien mit, den Druck aus ihrem Beruf, die Angst vor dem, was kommt. Sie tra­gen Schuldge­füh­le, Ent­täuschun­gen über sich selb­st und über andere. Und ger­ade in dieser Müdigkeit hören sie die Wei­h­nachts­botschaft oft falsch. Wenn Men­schen in dieser Müdigkeit das Wort „Frieden“ hören, erwacht in ihnen die Sehn­sucht nach Ent­las­tung. Predi­gende spüren diese Sehn­sucht. Doch manch­mal greifen sie sie so auf, dass am Ende fast nur Trost bleibt – und kaum noch Wahrheit. Aber Trost ohne Wahrheit ist nicht der Trost Jesu. Er tröstet nicht, indem er das Schwere kleinre­det, son­dern indem er es ans Licht bringt und es trägt. Er sagt auch: “In der Welt habt ihr Angst, aber seid get­rost, ich habe die Welt über­wun­den” (Johannes 16,33). Frieden und Angst ste­hen in diesem Vers nebeneinan­der. Jesus ver­spricht nicht, dass Angst und Druck ver­schwinden, son­dern dass in ihm Frieden möglich ist, während die Welt weit­er unruhig bleibt.

Ein weit­er­er Grund liegt darin, dass Kirchen in der Öffentlichkeit oft als Orte des Zusam­men­halts wahrgenom­men wer­den sollen. Viele erwarten von ihnen eine beruhi­gende Stimme: eine Stimme, die verbindet, die nicht polar­isiert, die Kon­flik­te nicht ver­schärft. Dieses Bedürf­nis ist ver­ständlich. Denn Chris­ten sollen den Frieden suchen und ihm nach­ja­gen, wie der Psalm sagt, und sie sollen – soweit es an ihnen liegt – mit allen Men­schen Frieden hal­ten, wie Paulus schreibt (Psalm 34,15; Römer 12,18). Doch diese bib­lis­chen Auf­forderun­gen sind nie als Ein­ladung gemeint, die Wahrheit zu ver­wässern oder Unrecht zu überse­hen. Frieden im bib­lis­chen Sinn entste­ht nicht dadurch, dass man schwierige The­men mei­det oder alles glattstre­icht. Wenn Predigt vor allem darauf achtet, nie­man­den zu stören, wird sie am Ende so all­ge­mein, dass sie zwar fre­undlich klingt, aber nie­man­den mehr führt. Der Friede Jesu ist etwas anderes. Er ist nicht die Stille, die entste­ht, wenn man Kon­flik­ten auswe­icht, son­dern die Ruhe, die wächst, wenn Gott Ord­nung schafft im Innern des Men­schen – und wenn ein Men­sch lernt, Gott mehr zu ver­trauen als den Stim­men der Angst. Dieser Friede ist nicht bil­lig, aber er trägt.

Hinzu kommt, dass die Wei­h­nachts­geschichte selb­st leicht missver­standen wird. Die Engel sin­gen: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Men­schen seines Wohlge­fal­l­ens” (Lukas 2,14). Manche hören daraus eine all­ge­meine Zusage, dass mit Jesu Geburt nun automa­tisch Frieden auf der ganzen Erde einzieht. Doch der Text ist genauer. Friede wird denen zuge­sagt, auf denen Gottes Wohlge­fall­en ruht. Das sind Men­schen, die Gott annimmt und in seine Gemein­schaft ruft. Es sind jene Men­schen, die an Gott glauben, ver­trauen und ihn nach­fol­gen. Es geht zuerst um die Wieder­her­stel­lung der Beziehung zwis­chen Gott und Men­sch, und daraus wächst ein neues Leben, das Frieden stiftet. Die Engel sin­gen nicht, dass ab jet­zt keine Gewalt mehr geschieht, son­dern sie verkün­den, dass Gott selb­st han­delt, dass sein Reich anbricht, und dass Men­schen in diese neue Wirk­lichkeit hineingerufen wer­den. Wer die Evan­gelien weit­er­li­est, sieht sofort, wie schnell Wider­stand entste­ht. Herodes will das Kind töten. Die Fam­i­lie muss fliehen. Schon am Anfang liegt Schat­ten über der Szene. Die Bibel beschönigt nichts, und genau deshalb ist ihre Friedens­botschaft glaub­würdig.

Dann kommt der Satz Jesu, der viele erschreckt: “Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekom­men bin, Frieden auf die Erde zu brin­gen. Ich bin nicht gekom­men, Frieden zu brin­gen, son­dern das Schw­ert” (Matthäus 10,34). Dieser Satz wird oft über­gan­gen, weil er nicht in das Bild passt, das man in der Adventszeit gern zeich­net. Doch er ist entschei­dend, wenn man ver­ste­hen will, was Jesus unter Frieden ver­ste­ht. Das Schw­ert meint hier nicht, dass Jesus zu Gewalt aufruft. Im gle­ichen Evan­geli­um wird Jesus später Petrus zurechtweisen, als er zum Schw­ert greift, und er wird sagen, dass, wer zum Schw­ert greift, durch das Schw­ert umkom­men wird: “Stecke dein Schw­ert an seinen Ort! Denn wer das Schw­ert nimmt, der wird durchs Schw­ert umkom­men” (Matthäus 26,52). Jesus bringt also keinen Frieden, indem er Gewalt heiligt. Das Schw­ert meint vielmehr Tren­nung, Entschei­dung, Schei­dung der Wege. Wenn Men­schen Jesus fol­gen, verän­dert sich ihr Maßstab. Sie kön­nen dann nicht mehr so tun, als seien alle Wege gle­ich gut, als seien Wahrheit und Lüge nur Geschmackssache, als sei Schuld nur ein Wort, das man ver­mei­det. Diese Verän­derung schafft Kon­flikt. Manch­mal entste­ht er im Innern, weil das Gewis­sen wach wird. Manch­mal entste­ht er in Beziehun­gen, weil jemand nicht mehr bei Ungerechtigkeit mit­macht. Manch­mal entste­ht er in einem religiösen Sys­tem, weil fromme Gewohn­heit durch lebendi­gen Glauben her­aus­ge­fordert wird. Jesus ist der Friedens­bringer, aber sein Frieden ist so wahr, dass er den falschen Frieden aufdeckt, der nur Fas­sade ist.

Darum kann man nicht ehrlich über den Frieden Jesu sprechen, ohne auch über Umkehr zu sprechen. Der Friede Gottes ist kein warmer Man­tel, den man über ein unge­ord­netes Leben legt. Er ist eine neue Ord­nung. Im Neuen Tes­ta­ment wird das ganz eng mit Verge­bung ver­bun­den. Jesus vergibt Sün­den, und er tut das nicht bil­lig, son­dern durch sein Opfer am Kreuz. Paulus schreibt: “Denn er ist unser Friede, der aus bei­den eins gemacht hat und hat den Zaun abge­brochen, der dazwis­chen war, indem er durch sein Fleisch die Feind­schaft weg­nahm” (Eph­eser 2,14); “Und durch ihn alles zu ver­söh­nen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Him­mel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz” (Koloss­er 1,20) Diese Verse zeigen, dass der Friede Gottes einen Preis hat. Wer das Kreuz aus der Frieden­spredigt her­aus­nimmt, macht aus dem Frieden eine Stim­mung. Das Kreuz aber sagt, dass Gott die Schuld ernst nimmt und sie zugle­ich selb­st trägt. Darum kann ein Men­sch Frieden haben, ohne sich selb­st zu recht­fer­ti­gen. Er muss sich nicht mehr her­ausre­den. Er darf beken­nen. Er darf sich ändern lassen. Und weil er nicht mehr auf Selb­stschutz angewiesen ist, kann er auch mit anderen anders umge­hen.

Warum also predi­gen manche Kirchen das undif­feren­ziert? Manch­mal aus dem Wun­sch, Men­schen nicht zu über­fordern. Manch­mal aus Angst, als hart zu gel­ten. Manch­mal, weil man selb­st Frieden mit Gott nicht mehr klar benen­nt und stattdessen Frieden vor allem als gutes Lebens­ge­fühl beschreibt. Manch­mal auch, weil man in ein­er Zeit lebt, in der viele Begriffe ihren Inhalt ver­lieren und nur noch fre­undlich klin­gen sollen. Frieden wird dann zu einem Wort, das alle unter­schreiben kön­nen, egal ob sie Ver­söh­nung mit Gott meinen oder nur eine angenehme Atmo­sphäre. Doch das Neue Tes­ta­ment lässt diese Unschärfe nicht zu. Jesus sagt nicht nur, dass er Frieden gibt, er sagt auch, dass seine Jünger Frieden stiften sollen, und Friedenss­tiften ist Arbeit. Es ver­langt Wahrheit, Geduld, Mut, Verge­bung und manch­mal auch das Aushal­ten von Span­nun­gen. “Selig sind, die Frieden stiften, denn sie wer­den Gottes Kinder heißen” (Matthäus 5,9). Frieden­s­tiften heißt nicht, alles glattzubügeln. Es heißt, Wege zu suchen, wie Men­schen mit Gott und miteinan­der in Ord­nung kom­men, und das begin­nt oft damit, dass man ehrlich wird.

Wenn man in der Adventszeit von Frieden spricht, sollte man darum nicht zuerst an ein ide­al­isiertes Bild denken, son­dern an den König, der kommt, um zu ret­ten. Advent bedeutet, dass Gott in die Wirk­lichkeit kommt, nicht in eine Kulisse. Er kommt in eine Welt voller Macht­spiele, voller religiös­er Selb­st­täuschung, voller Angst und Schuld. Er kommt auch in unser Inneres, das oft zugle­ich nach Frieden ruft und doch am Alten fes­thält. Sein Friede ist nicht klein. Er ist stark genug, um Kon­flik­te zu durch­ste­hen, ohne selb­st zer­stört zu wer­den. Er ist stark genug, um Feinde zu lieben, ohne Unrecht gutzuheißen. Er ist stark genug, um dem Tod ins Gesicht zu sehen, weil er aus der Aufer­ste­hung lebt. Darum kann Jesus seinen Jüngern Frieden zus­prechen, kurz bevor er ver­rat­en wird. Das ist keine naive Hoff­nung, son­dern eine Ruhe, die aus Ver­trauen auf den Vater kommt.

Eine Predigt, die diesen Frieden klar verkündigt, wird nicht nur beruhi­gen, son­dern auch führen. Sie wird sagen, dass Gott Frieden schenken will, auch heute, und dass dieser Friede oft mit einem Schritt begin­nt, den man nicht kon­trol­lieren kann, näm­lich mit dem Eingeständ­nis, dass man Gott braucht. Sie wird sagen, dass Jesus Men­schen nicht zuerst in eine kon­flik­t­freie Zone bringt, son­dern in eine neue Beziehung, in der man gehal­ten ist. Und sie wird nicht ver­schweigen, dass Nach­folge Span­nun­gen mit sich brin­gen kann, weil Licht und Dunkel nicht ein­fach nebeneinan­der wohnen. Wer das alles ausspricht, predigt den Advent nicht klein­er, son­dern größer. Denn dann ist die Hoff­nung nicht daran gebun­den, dass die Welt endlich ruhig und friedlich wird, son­dern daran, dass Gott treu ist und sein Reich kommt. Am Ende der Bibel sieht Johannes eine neue Welt, in der Gott bei den Men­schen wohnt und der Tod nicht mehr sein wird:

“Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Men­schen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie wer­den seine Völk­er sein, und er selb­st, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwis­chen alle Trä­nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist ver­gan­gen” (Offen­barung 21,3–4).

Dort, und nur dort, wird der Friede vol­len­det. Bis dahin ist der Friede Jesu real, aber er ist wie ein Samen, der wächst, wie ein Anfang, der auf die Vol­len­dung zielt. Wer diesen Frieden empfängt, wird nicht automa­tisch kon­flik­t­frei leben, aber er wird anders durch Kon­flik­te gehen, weil er weiß, wem er gehört. Das ist bib­lisch, das ist tragfähig, und das ist der Friede, den die Kirche nicht ver­wässern sollte, ger­ade nicht im Advent.

Ähnliche Beiträge