Wenn in der Adventszeit in vielen Kirchen gesagt wird, Jesus stehe für Frieden, dann ist das nicht einfach falsch, aber es ist oft verkürzt, weil dabei leicht ein Frieden gemeint ist, den die Bibel so nicht verspricht. Die biblischen Texte sprechen tatsächlich stark vom Frieden, den Jesus gibt, nur ist dieser Friede zuerst Gottes Friede und nicht die schnelle Beruhigung der Weltlage. Jesus sagt zu seinen Jüngern: “Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht” (Johannes 14,27). Damit zieht er selbst eine Grenze. Es gibt den Frieden der Welt. Und es gibt den Frieden Christi. Der Frieden der Welt ist oft ein Zustand, in dem es gerade nicht knallt, ein Waffenstillstand, ein ruhiger Alltag, ein politisches Gleichgewicht, manchmal auch nur die Fähigkeit, unangenehme Themen zu überdecken. Jesu Frieden ist anders, weil er aus der Versöhnung mit Gott kommt. Paulus bringt das sehr klar auf den Punkt: “Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus” (Römer 5,1). Dieser Satz ist nicht weich, sondern hart und präzise. Ohne Frieden mit Gott gibt es keinen Frieden, der wirklich trägt, weil das Herz des Menschen dann weiter gegen Gott steht oder vor Gott flieht, selbst wenn äußerlich alles geordnet wirkt.
Warum aber klingt es in Predigten oft so, als sei mit Jesus automatisch ein harmonisches Leben gemeint, eine Kirche ohne Streit, eine Gesellschaft ohne Reibung, ein Advent ohne dunkle Nachrichten. Ein Grund liegt darin, dass viele Menschen erschöpft in die Kirche kommen. Sie bringen den Streit aus ihren Familien mit, den Druck aus ihrem Beruf, die Angst vor dem, was kommt. Sie tragen Schuldgefühle, Enttäuschungen über sich selbst und über andere. Und gerade in dieser Müdigkeit hören sie die Weihnachtsbotschaft oft falsch. Wenn Menschen in dieser Müdigkeit das Wort „Frieden“ hören, erwacht in ihnen die Sehnsucht nach Entlastung. Predigende spüren diese Sehnsucht. Doch manchmal greifen sie sie so auf, dass am Ende fast nur Trost bleibt – und kaum noch Wahrheit. Aber Trost ohne Wahrheit ist nicht der Trost Jesu. Er tröstet nicht, indem er das Schwere kleinredet, sondern indem er es ans Licht bringt und es trägt. Er sagt auch: “In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden” (Johannes 16,33). Frieden und Angst stehen in diesem Vers nebeneinander. Jesus verspricht nicht, dass Angst und Druck verschwinden, sondern dass in ihm Frieden möglich ist, während die Welt weiter unruhig bleibt.
Ein weiterer Grund liegt darin, dass Kirchen in der Öffentlichkeit oft als Orte des Zusammenhalts wahrgenommen werden sollen. Viele erwarten von ihnen eine beruhigende Stimme: eine Stimme, die verbindet, die nicht polarisiert, die Konflikte nicht verschärft. Dieses Bedürfnis ist verständlich. Denn Christen sollen den Frieden suchen und ihm nachjagen, wie der Psalm sagt, und sie sollen – soweit es an ihnen liegt – mit allen Menschen Frieden halten, wie Paulus schreibt (Psalm 34,15; Römer 12,18). Doch diese biblischen Aufforderungen sind nie als Einladung gemeint, die Wahrheit zu verwässern oder Unrecht zu übersehen. Frieden im biblischen Sinn entsteht nicht dadurch, dass man schwierige Themen meidet oder alles glattstreicht. Wenn Predigt vor allem darauf achtet, niemanden zu stören, wird sie am Ende so allgemein, dass sie zwar freundlich klingt, aber niemanden mehr führt. Der Friede Jesu ist etwas anderes. Er ist nicht die Stille, die entsteht, wenn man Konflikten ausweicht, sondern die Ruhe, die wächst, wenn Gott Ordnung schafft im Innern des Menschen – und wenn ein Mensch lernt, Gott mehr zu vertrauen als den Stimmen der Angst. Dieser Friede ist nicht billig, aber er trägt.
Hinzu kommt, dass die Weihnachtsgeschichte selbst leicht missverstanden wird. Die Engel singen: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens” (Lukas 2,14). Manche hören daraus eine allgemeine Zusage, dass mit Jesu Geburt nun automatisch Frieden auf der ganzen Erde einzieht. Doch der Text ist genauer. Friede wird denen zugesagt, auf denen Gottes Wohlgefallen ruht. Das sind Menschen, die Gott annimmt und in seine Gemeinschaft ruft. Es sind jene Menschen, die an Gott glauben, vertrauen und ihn nachfolgen. Es geht zuerst um die Wiederherstellung der Beziehung zwischen Gott und Mensch, und daraus wächst ein neues Leben, das Frieden stiftet. Die Engel singen nicht, dass ab jetzt keine Gewalt mehr geschieht, sondern sie verkünden, dass Gott selbst handelt, dass sein Reich anbricht, und dass Menschen in diese neue Wirklichkeit hineingerufen werden. Wer die Evangelien weiterliest, sieht sofort, wie schnell Widerstand entsteht. Herodes will das Kind töten. Die Familie muss fliehen. Schon am Anfang liegt Schatten über der Szene. Die Bibel beschönigt nichts, und genau deshalb ist ihre Friedensbotschaft glaubwürdig.
Dann kommt der Satz Jesu, der viele erschreckt: “Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” (Matthäus 10,34). Dieser Satz wird oft übergangen, weil er nicht in das Bild passt, das man in der Adventszeit gern zeichnet. Doch er ist entscheidend, wenn man verstehen will, was Jesus unter Frieden versteht. Das Schwert meint hier nicht, dass Jesus zu Gewalt aufruft. Im gleichen Evangelium wird Jesus später Petrus zurechtweisen, als er zum Schwert greift, und er wird sagen, dass, wer zum Schwert greift, durch das Schwert umkommen wird: “Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen” (Matthäus 26,52). Jesus bringt also keinen Frieden, indem er Gewalt heiligt. Das Schwert meint vielmehr Trennung, Entscheidung, Scheidung der Wege. Wenn Menschen Jesus folgen, verändert sich ihr Maßstab. Sie können dann nicht mehr so tun, als seien alle Wege gleich gut, als seien Wahrheit und Lüge nur Geschmackssache, als sei Schuld nur ein Wort, das man vermeidet. Diese Veränderung schafft Konflikt. Manchmal entsteht er im Innern, weil das Gewissen wach wird. Manchmal entsteht er in Beziehungen, weil jemand nicht mehr bei Ungerechtigkeit mitmacht. Manchmal entsteht er in einem religiösen System, weil fromme Gewohnheit durch lebendigen Glauben herausgefordert wird. Jesus ist der Friedensbringer, aber sein Frieden ist so wahr, dass er den falschen Frieden aufdeckt, der nur Fassade ist.
Darum kann man nicht ehrlich über den Frieden Jesu sprechen, ohne auch über Umkehr zu sprechen. Der Friede Gottes ist kein warmer Mantel, den man über ein ungeordnetes Leben legt. Er ist eine neue Ordnung. Im Neuen Testament wird das ganz eng mit Vergebung verbunden. Jesus vergibt Sünden, und er tut das nicht billig, sondern durch sein Opfer am Kreuz. Paulus schreibt: “Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm” (Epheser 2,14); “Und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz” (Kolosser 1,20) Diese Verse zeigen, dass der Friede Gottes einen Preis hat. Wer das Kreuz aus der Friedenspredigt herausnimmt, macht aus dem Frieden eine Stimmung. Das Kreuz aber sagt, dass Gott die Schuld ernst nimmt und sie zugleich selbst trägt. Darum kann ein Mensch Frieden haben, ohne sich selbst zu rechtfertigen. Er muss sich nicht mehr herausreden. Er darf bekennen. Er darf sich ändern lassen. Und weil er nicht mehr auf Selbstschutz angewiesen ist, kann er auch mit anderen anders umgehen.
Warum also predigen manche Kirchen das undifferenziert? Manchmal aus dem Wunsch, Menschen nicht zu überfordern. Manchmal aus Angst, als hart zu gelten. Manchmal, weil man selbst Frieden mit Gott nicht mehr klar benennt und stattdessen Frieden vor allem als gutes Lebensgefühl beschreibt. Manchmal auch, weil man in einer Zeit lebt, in der viele Begriffe ihren Inhalt verlieren und nur noch freundlich klingen sollen. Frieden wird dann zu einem Wort, das alle unterschreiben können, egal ob sie Versöhnung mit Gott meinen oder nur eine angenehme Atmosphäre. Doch das Neue Testament lässt diese Unschärfe nicht zu. Jesus sagt nicht nur, dass er Frieden gibt, er sagt auch, dass seine Jünger Frieden stiften sollen, und Friedensstiften ist Arbeit. Es verlangt Wahrheit, Geduld, Mut, Vergebung und manchmal auch das Aushalten von Spannungen. “Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen” (Matthäus 5,9). Friedenstiften heißt nicht, alles glattzubügeln. Es heißt, Wege zu suchen, wie Menschen mit Gott und miteinander in Ordnung kommen, und das beginnt oft damit, dass man ehrlich wird.
Wenn man in der Adventszeit von Frieden spricht, sollte man darum nicht zuerst an ein idealisiertes Bild denken, sondern an den König, der kommt, um zu retten. Advent bedeutet, dass Gott in die Wirklichkeit kommt, nicht in eine Kulisse. Er kommt in eine Welt voller Machtspiele, voller religiöser Selbsttäuschung, voller Angst und Schuld. Er kommt auch in unser Inneres, das oft zugleich nach Frieden ruft und doch am Alten festhält. Sein Friede ist nicht klein. Er ist stark genug, um Konflikte zu durchstehen, ohne selbst zerstört zu werden. Er ist stark genug, um Feinde zu lieben, ohne Unrecht gutzuheißen. Er ist stark genug, um dem Tod ins Gesicht zu sehen, weil er aus der Auferstehung lebt. Darum kann Jesus seinen Jüngern Frieden zusprechen, kurz bevor er verraten wird. Das ist keine naive Hoffnung, sondern eine Ruhe, die aus Vertrauen auf den Vater kommt.
Eine Predigt, die diesen Frieden klar verkündigt, wird nicht nur beruhigen, sondern auch führen. Sie wird sagen, dass Gott Frieden schenken will, auch heute, und dass dieser Friede oft mit einem Schritt beginnt, den man nicht kontrollieren kann, nämlich mit dem Eingeständnis, dass man Gott braucht. Sie wird sagen, dass Jesus Menschen nicht zuerst in eine konfliktfreie Zone bringt, sondern in eine neue Beziehung, in der man gehalten ist. Und sie wird nicht verschweigen, dass Nachfolge Spannungen mit sich bringen kann, weil Licht und Dunkel nicht einfach nebeneinander wohnen. Wer das alles ausspricht, predigt den Advent nicht kleiner, sondern größer. Denn dann ist die Hoffnung nicht daran gebunden, dass die Welt endlich ruhig und friedlich wird, sondern daran, dass Gott treu ist und sein Reich kommt. Am Ende der Bibel sieht Johannes eine neue Welt, in der Gott bei den Menschen wohnt und der Tod nicht mehr sein wird:
“Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen” (Offenbarung 21,3–4).
Dort, und nur dort, wird der Friede vollendet. Bis dahin ist der Friede Jesu real, aber er ist wie ein Samen, der wächst, wie ein Anfang, der auf die Vollendung zielt. Wer diesen Frieden empfängt, wird nicht automatisch konfliktfrei leben, aber er wird anders durch Konflikte gehen, weil er weiß, wem er gehört. Das ist biblisch, das ist tragfähig, und das ist der Friede, den die Kirche nicht verwässern sollte, gerade nicht im Advent.
